J\£ 142.
Dienstag, den 24. Juni 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckcrei (A. Dillmann).
Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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3. Guartal 1890
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Z Die Gegner des deutsch-englischen Abkommens.
Das deutsch-englische Abkommen wird außer von einigen englischen Blättern, welche namentlich die Abtretung Helgoland's nicht verschmerzen können, von dem größten Theile der französischen Presse sehr übel vermerkt. Daß die Franzosen das gute Einvernehmen zwischen England und Deutschland mit scheelen Augen ansehen, ist sehr begreiflich. Der .Ternps' beschuldigt Lord Salisbury der schwächlichen Nachgiebigkeit, aber gleichzeitig ist er auch ungehalten über die Errichtung des englischen Protektorates über Sansibar, in welcher Frage auch die anderen Mächte mitzusprechen hätten. Gerechtigkeit ist eine Eigenschaft, die man in nationalen Dingen von keinem Franzosen verlangen kann, sonst würde man die französische Presse bei dieser Gelegenheit daran erinnern können, daß Deutschland und nachher auch England der französischen Schutzherrschaft in Tunis zugestimmt haben.
Aber auch noch eine dritte Kategorie von Unzu- friedenm gibt es; wir meinen die deutschen Kolo- nial-Schwärmer und Kolonial-Jnteressenten, welche sich durch die von Deutschland vollzogene Preisgabe einzelner Gebiete in Afrika in ihren speziellen Interessen und Liebhabereien verletzt fühlen. Diesen Stimmungen wurde bereits in verschiedenen deutschen, namentlich Berliner und Hamburger Blättern Ausdruck
sti o man von G. I. (70. Fortsetzung.)
„Verzeihen Sie, Madame," begann er und sein Ton wich wesentlich ab von der Art und Weise, mit der er eingetreten war, der ganze Plan, den er sich für sein Benehmen entworfen hatte, drohte dieser Erscheinung gegenüber in die Brüche zu gehen und das machte ihn unsicher. „Verzeihen Sie, wenn ich mich vielleicht in der Thür geirrt habe, ich wollte zu den Besitzern der Kunstgärtnerei.
„Die Kunstgärtnerei wird von mir betrieben, auch bewohne ich mit meiner Tochter und meinen Leuten dieses Haus allein," antwortete Frau Meinhold. „Mit wem habe ich die Ehre?"
Der Baron biß sich auf die Lippen; die in dieser Frage liegende feine Zurechtweisung war ihm sehr em- pstndlich. Er, der Kavalier, war so brüsk bei einer Dame eingetreten. Er beeilte sich jetzt seine Karte zu überreichen, indem er sagte:
„Mein Name mag Ihnen auch gleichzeitig eine Entschuldigung für die Art meiner Einführung sein, Madame, ein Vater, der nach langem vergeblichen Suchen endlich seine Tochter zu finden hofft, nimmt es mit der Form nicht so genau."
gegeben. Jetzt hat man auch bereits eine Afrika-Autorität ausfindig gemacht, welche sich über das deutschenglische Abkommen „schmerzlich überrascht" geäußert haben soll. Der Redakteur der .Augsburger Neuesten Nachrichten', Herr Dr. Tannert, berichtet nämlich über eine Unterredung, die er mit Freiherrn v. Graven- reuth, dem jetzt in Obergriesbach auf Urlaub weilenden zeitweiligen stellvertretenden Reichskommisfar in Ost- astika, gehabt habe.
Gravenreuth hat sich diesem Bericht zufolge über den Vertrag zwar „nicht völlig rückhaltlos" geäußert. „Aber daraus machte er", wie das genannte Blatt meldet, „fein Hehl, daß dieser Vertrag ihn in das schmerzlichste Erstaunen setze, und daß sein Gefühl die Deutschen, mit denen vereint er in Ostafrika gewirkt, Gesundheit und Leben eingesetzt, theilen würden. In die Abtretung von Witu könne man sich am ehesten finden, obwohl der Umstand, daß es für England werthvoller sei als für uns, an seinem Werthe für uns nichts ändere. Immerhin könne man das erhebliche Opfer, das man mit dieser Abtretung bringe, durch die englischerseits gemachten Zugeständnisse kompensirt erachten. Höchst bedauerlich aber sei die Preisgabe Ugan- da's, welches wohl die werthvollste Landschaft Ost- Afrika's und zugleich den Schlüffel zum Herzen Afrika's darstelle, doppelt bedauerlich gerade im gegenwärtigen Moment, wo durch Peter's Erfolge dort für uns eine so außerordentlich günstige Lage geschaffen worden sei und Emin Pascha's Zug eine bedeutungsvolle Ber- werthung dieser Lage versprach. DasAllerschlimmste aber sei die Auslieferung Sansibar's an die Engländer. Herr v. Gravenreuth stand nicht an, zu erklären, daß er gern auf Witu, selbst Uganda und auch noch Einiges verzichte, wenn nur Sansibar unserem Einfluß unterworfen oder doch wenigstens neutral geblieben wäre. Wie Uganda der Schlüssel zu Central-Afrika, so ist Sansibar der Schlüssel zu Ost- Afrika, und beide Schlüssel sind nun in der Hand der Engländer..... Auch was das wirthschaft-
liche Verhältniß heißt, ist leicht zu sehen: W e r S a n - fibar hat, der hat Afrika ..... So ist der Vertrag für unsere Sache in Ost - Afrika ein harter Schlag, der um so schmerzlicher trifft, als er unerwartet kommt." Gravenreuth befürchtet nach dem Berichte auch fernerhin englifche Jntrignen in Ost - Afrika und erwartet keine loyale Ausführung des Vertrages von Seiten Englands.
Wir haben es hier augenscheinlich mit den stark übertriebenen, von persönlicher Voreingenommenheit beeinflußten, vielleicht auch etwas vorschnellen Befürchtungen eines Mannes zu thun, dem eben Ost- Afrika und die Gebiete seiner speziellen Thätigkeit über Alles gehen. Jedenfalls ist es im höchsten Grade unklug, derartige Urtheile eines deutschen Beamten über
„Bleiben wir indeß jetzt bei der Form", entgegnete Frau Meinhold, indem sie auf einen Stuhl deutete und selbst wieder auf dem Sopha Platz nahm. „Ich bin die Wittwe des Kanzleiraths Meinhold."
Der Baron verbeugte sich und nahm Platz.
„Sie fuchen Ihre Tochter bei mir?" fuhr Fran Meinhold fort.
„Allerdings, Frau Rath, ich weiß bestimmt, daß sie bei Ihnen wohnt."
„Eine junge Dame hatte sich meinem Schutze an- vertraut, das leugne ich nicht", antwortete Frau Meinhold ruhig, „sie nannte sich aber nicht Fräulein von Reina."
„So nannte sie sich anders, gleichviel, sie ist meine Tochter, rufen Sie sie und Sie werden sich überzeugen.
„Das kann ich nicht," entgegnete Frau Meinhold.
„Weshalb nicht?" fuhr der Baron auf, besann sich aber sofort und sagte einlenkend: „Was sie Ihnen auch gesagt haben mag, ich bin der Vater, bedenken Sie das."
„Wie käme Ihre Tochter dazu, bei mir Schutz und Zuflucht zu nehmen, Herr Baron? Wie käme sie dazu, hier angestrengt von Morgen bis zum Abend zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu erwerben? Wie käme sie dazu, sich arm, verlassen, hülflos zu nennen,
die auswärtige Politik Deutschlands und insbesondere über einen feierlich abgeschlossenen völkerrechtlichen Vertrag an die große Glocke zu hängen. Das national- liberale Augsburger Statt hat dadurch der deutschen Sache nicht genützt, und auch die fast naiv zu nennende Schluß-Bemerkung, wonach Herr v. Gravenreuth „an diesem traurigen Resultat wesentlich unserer ewig nörgelnden Opposition Schuld gab, welche die Regierung in ihrer Kolonial-Politik auf jede Weife hinderte, diskreditirte und ihr fo die Lust zur Förderung unserer kolonialen Sache benahm" — wird auch in den Augen der Reichsregierung selbst den peinlichen Eindruck dieses voreiligen Urtheils nicht verwischen können. Es gibt gottlob eine Reihe von urtheils- sähigen Kennern der Verhältnisse in Afrika, welche der Ueberzeugung sind, daß der koloniale Friede in Ost- Afrika und die Herstellung geordneter freundschaftlicher Beziehungen zu England durch die deutschen Opfer nicht zu theuer erkauft find. Wollen wir die Miß- vergnügtheit über das Abkommen ruhig den Franzosen und dem deutschfeindlichen Theile der Engländer überlassen.
Deutsches Deich.
Berlin, 21. Juni.
* Der Kaiser wurde gelegentlich seines Besuchs der Krupp'schen Werke in der Ortschaft Kronenberg vor einer gewaltigen Arbeitermenge von Geheimrath Krupp mit einer Ansprache empfangen, die in einem freudig aufgenommenen Hoch gipfelte. Der Kaiser wandte sich dann mit folgender Ansprache selbst an die Arbeiter:
„Ich spreche Euch meinen herzlichsten Dank aus, deutsche Arbeiter! Ihr wißt, daß unser Herrscherhaus von jeher für die arbeitenden Klassen gesorgt hat. Ich habe der Welt erklärt, welchen Weg ich gehen will und Ich sage heute wieder, daß Ich denselben Weg, den Ich bisher gegangen bin, auch weitergehen werde. Es hat Mich besonders gefreut, aus Eurem Wohlverhalten ersehen zu können, daß Ihr Mich verstanden habt und daß Wir auf dem richtigen Wege sind. Bor allen Dingen aber freut es Mich, daß ich Gelegenheit habe, die Fabrik wiederzusehen, deren Herr und deren Arbeiter für unser Vaterland von ungeheurer Bedeutung sind. Die Krupp'sche Fabrik hat dem deutschen Arbeiter, der deutschen Industrie einen Weltruf verschafft, wie keine andere Firma dies gethan hat. Und so danke ich dem Herrn Krupp und den Arbeitern und fordere Euch auf, mit Mir auf das Wohl des Herrn Krupp und der Firma Krupp ein kräftiges Hoch auszubringen. Die Firma Krupp lebe hoch, hoch, hoch!"
* Zn Ehren des Reichskommissars Major Wiß- mann bei dessen Rückkehr ans Ost-Afrika veranstaltet die Abtheilnng Berlin der deutschen Kolonial-Gesellschaft einen Kommers.
* Die allgemeine deutsche Ps erde-Ausstellung in Berlin wird morgen geschlossen. Die Ausstellung hat den Beweis geliefert, daß Deutschland auch Hin
wenn sie Fräulein von Reina wäre?" fragte Frau Meinhold.
„Sie hat das Vaterhaus in kindischem Trotz und Ungehorsam verlassen," antwortete der Baroy, „es wird Zeit, daß sie zur Vernunft gebracht, ihr Ueber- muth gebrochen werde."
„Wenn das Bild, welches Sie von Ihrem Fräulein Tochter da entwerfen, wirklich ähnlich ist, Herr Baron, fo kann diese nicht dieselbe Person sein mit dem jungen Mädchen, das Monate lang unter meinem Dache lebte und mir sehr theuer geworden ist. Die war nicht trotzig, nicht übermüthig, sondern nur zuweilen tief traurig. Ein schweres Geschick schien auf ihr zu lasten, wir haben nie geforscht, welcher Natur es war, sondern uns nur bemüht, es ihr tragen zu helfen."
Der Baron saß in einer sehr peinlichen Situation. Er war hierher gekommen, um mit dem ganzen Gewicht seines Namens und seiner Stellung die Gärtnersleute zu Boden zu schmettern, hatte sich auch darauf gefaßt gemacht, nöthigenfalls die Sache mit einem Stück Geld abzumachen und nun saß er wie ein Schulbube vor der alten Dame und mußte sich scharfe Wahrheiten in fünfter Form sagen lassen.
„Es freut mich, wenn Ihnen meine Tochter so erschienen ist," sagte er nach einer Pause, „vielleicht