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* V 141.

Sonntag, den 22. Juni 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (9X. Tillmann).

Fllr die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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z Die deutsch-englischen Vereinbarungen.

Wir haben bereits das Ergebniß der Verhandlungen mitgetheilt, welche in jüngster Zeit zwischen der deutschen und englischen Regierung über die Interessensphäre in Ostafrika geführt worden sind. Der .Reichs­anzeiger' hat in einer Extra-Ausgabe den Inhalt des deutsch - englischen Uebereinkommens bekannt gegeben, und dieser Inhalt hat allgemein überrascht. Die auf Ostafrika bezüglichen Abmachungen waren allerdings im Wesentlichen schon seit einigen Tagen bekannt, dagegen ist die Abtretung der Insel Helgoland an Deutsch­land vollständig überraschend. Das deutsch-englische Uebereinkommen ist für die politische Lage in Europa ein Ereigniß vvngrößterTragweite, weil es einen endgiltigen Ausgleich zwischen Deutschland und Eng­land bedeutet.

Bekanntlich war, so lange Fürst Bismarck für die auswärtige Politik des deutschen Reiches unter Kaiser Wilhelm I. allein maßgebend war, das Verhältniß zwischen Deutschland und England kein besonders freundliches, eine Befferung desselben trat ein, als Kaiser Friedrich HL, der Schwiegersohn der Königin Viktoria, den Thron bestieg. Mit Kaiser Wilhelm II., der gleich in der ersten Zeit nach seinem Regierungs­antritte den englischen Hos besuchte, den Manövern der englischen Flotte beiwohnte, auf das Wohl derselben toastete und von der Königin Viktoria zum Ehren­admiral der englischen Flotte ernannt wurde, trat so­dann ein vollständiger Umschwung in den deutsch­englischen Beziehungen ein. Es wurde nach dem Besuche Kaisers Wilhelm II. in England sogar der Eintritt Englands in den Dreibund in Aussicht gestellt; wenn derselbe auch nicht thatsächlich erfolgt ist, so war doch eine Annäherung Englands an Deutschland und damit an die Friedenspolitik des Dreibundes unverkennbar, j Während England früher mit feinen Sympathien Frank- I reich zuneigte, mußte es naturgemäß seit der Annäyernng ; Frankreichs an Rußland, mit welch' letzterem es wegen | seiner Interessensphären in Asien im steten Gegensätze steht, den französischen Interessen entfremdet werden, und damit war die Annäherung Englands an Deutsch­land von selbst gegeben. Das jetzige deutsch - englische Uebereinkommen ist gewissermassen die Besiegelung der seit zwei Jahren zwischen den beiden Staaten ange­bahnten freundschastlichen Beziehungen. Dieser endgiltige Ausgleich wäre unmöglich, wenn beide Regierungen nicht von dem gleichen Wunsche geleitet wären, auch um den Preis von Opfern ein für allemal unter einander Frieden zu schließen und sich gemeinsam der Wahrung des europäischen Friedens zu widmen.

Wir haben die geographischen Einzelheiten des deutsch-englischen Uebereinkommens bezüglich Ostafrikas bereits auf Grund der Angaben des ,Reichsanzeigers'

In harter Schule.

Roman von G. I. .

(69 Fortsetzung.)

Gringmuth hätte nicht nöthig gehabt, dem Maler das Fortgehen anzuempfehlen; dieser hatte vielmehr, sobald der Wagen davongefahren war, eilig Hut und Ueberrock ergriffen und war mit kurzem Gruß davon- qestürmt. Alwine und Gringmuth tauschten einen ein­zigen Blick des Einverständnisses, das eigene Herz sagte ihnen, wie es in dem Herzen des Malers aussah.

„Losgerissen! Allein!" Das waren die Worte, die in Leontinens Seele nachklangen, während sie in die Ecke des Wagens gedrückt in die Nacht hinausfuhr. Abermals befand sie sich auf der Flucht, und doch, wie verfchieden war der heutige Abend von jenem Morgen, an welchem sie dem Grafen entgegengefahren, von jener Nacht, in der sie wie ein gescheuchtes Reh die Landstraße entlang geeilt war. So unsäglich traurig der Abschied von den ihr theuer gewordenen Menschen auch gewesen, es lag ja doch eine Seligkeit darin, daß sie wieder Menschen hatte, von denen die Trennung ihr schwer ward, und wie anders ging sie selbst aus diesem Hause! Sie hatte sich gefunden, hatte den wahren Menschenwerth, den Adel der Arbeit kennen gelernt, was auch kommen mochte, sie konnte nicht wieder so

mitgetheilt. Von besonderer Wichtigkeit ist die Bestim­mung, daß in den beiderseitigen Interessensphären den Missionen beider Staaten Kultus- und Unterrichts­freiheit gewahrt wird. Ferner sollen die Unterthanen des einen Staates in der Interessensphäre des anderen bezüglich der Niederlassung und des Handels die gleichen Rechte genießen, wie die Unterthanen des Staates, welchem die Interessensphäre angehört. England wird seinen ganzen Einstuß aufbietm, um den Sultan von Zanzibar zur Abtretung des von ihm der deutsch­ostafrikanischen Gesellschaft verpachteten Küstenstriches an Deutschland zu bewegen. Für diesen Fall wird deutscherseits dem Sultan eine billige Entschädigung sür die ihm entgehende Zolleinnahme gewährt werden.

Das Ueberraschendste bei dem Abkommen ist, daß England vorbehaltlich der Ermächtigung des Parlaments an den deutschen Kaiser die Insel H e l g o l an d abtritt. Die Frage der Abtretung der durch zahlreichen Bade­besuch berühmten Insel Helgoland an Deutschland ist bekanntlich schon wiederholt von der deutschen Presse angeregt worden. Das herrliche, auf steilen Felsen aus den Fluthen der Nordsee ragende Eiland liegt noch innerhalb der deutschen Interessensphäre, deutsche Dampfer vermitteln den Verkehr zwischen Hamburg sowie der Nordseeküste und Helgoland, und auch der Besuch des heilkräftigen Seebades rekrutirt sich hauptsächlich aus Deutschen. Für die deutsche Flotte ist Helgoland von großer Wichtigkeit und die Bewohner der Insel werden dem Deutschen Reiche schon insofern nicht zur Unehre gereichen, als seit Jahren auf der meerumströmten Insel kein Verbrechen vorgekommen ist.

Helgoland ist wegen seiner Lage gegenüber den Mündungen der Elbe, Weser und Eider in strategischer Beziehung von nicht unwichtiger Bedeutung und war nur zu geeignet, einer feindlichen Flotte im Falle eines Seekrieges in der Nordsee zum Stützpunkt dienen zu können. Mehr als sonst verstand daher der Deutsche jetzt, wo seine Marine sich immer kräftiger entwickelt hat, und wo die deutsche Flagge *chon auf deutfchem Gebiet in fremden Erdtheilen weht, das beschämende Gefühl, daß gleich beim Ausfluß seiner beiden schiff­barsten Ströme, an welchen seine größten Handels- centren liegen, eine fremde Macht ihm gewissermaßen andeutete, daß die deutsche Herrschast eigentlich schon an der Schwelle des Meeres zu Ende sei. Es hatte sich denn auch in deutschen Civil- wie in militärischen Kreisen schon lange eine Agitation für die Erwerbung der Jnfel bemerkbar gemacht; ebenso ist im englischen Parlament die Frage einer Abtretung schon angeregt worden. Seitdem der Zollanschluß Hamburgs vollzogen ist und die von Helgoland zurückkehrenden Reisenden jedesmal der lästigen Zollkontrole unter­worfen sind, hatte der Wunsch nach der Erwerbung Helgolands wieder neue Nahrung erhalten. Die Nach­

vollständig Schiffbruch leiden, denn sie hatte den Halt in sich selbst, und hatte als unverlierbares Kleinod ein theures Bild in ihrem Herzen.

„Ob ich ihn je Wiedersehen werde?" flüsterte sie, als sie vor dem Bahnhofsgebäude ausstieg und in Be­gleitung eines Gepäckträgers, der sich ihrer Reisetasche bemächtigt hatte, dem Billetschalter zuschritt. Sie wußte nicht, wie nahe ihr in diesem Augenblicke der war, dem dieser Austuf galt.

Wollenberg hatte sich in einen ihm begegnenden Miethswagen geworfen, dem Kutscher doppeltes Trink­geld versprochen, wenn er ihn schleunig nach dem Stettiner Bahnhof fahre, und da Leontinens Wagen auf Wollenbergs Befehl einen Umweg gemacht hatte, so kam er noch zeittg genug, um sie aussteigen zu sehen. Er folgte ihr von fern, sah sie das Billet lösen, sah, wie sie unruhig in der Halle auf und ab schritt, bis die Glocke das Zeichen zum Einsteigen gab. Wie gern hätte er ihr noch einmal Lebewohl gesagt, noch einmal den Ton ihrer Stimme gehört, den Druck ihrer Hand gefühlt — es durfte nicht sein, er durste sich in zwei­facher Weife nicht verrathen.

Als der Schaffner die Thür des Waggons, in dem sie Platz genommen hatte, zuwarf, war es ihm, als wälze er eine Zentnerlast auf sein Herz, der schrille Pfiff der sich in Bewegung setzenden Lokomotive dünkte

richt, daß der lange gehegte Wunsch nunmehr in Er­füllung geht, ohne daß Deutschland schwere pekuniäre Opfer zu bringen hat, wird deshalb zweifellos allent­halben mit großer Befriedigung ausgenommen werden.

Deutsches Keich.

Berlin, 20. Juni.

* Von den Berathungen des nunmehr geschlossenen preußischen Landtags klingt diejenige über die Sp err- gelder-Vorlage immer noch nach. Die Katho­liken haben, wie vorauszusehen war, überall gezeigt, daß sie dem C e n t r u m für die Ablehnung dieser Vorlage dankbar sind. Auch die katholischen Zeitungen in Rom, in Oesterreich, in Frankreich u. s. w. billigen, worauf das Berliner .Schwarze Blatt' hinweist, durch­aus die Haltung des Centrums, darunter solche, welche zum h. Stuhle in nahen Beziehungen stehen und die Meinung des h. Vaters wiederzugeben pflegen. Das ist der beste Beweis dafür, wie unglücklich der Kultus­minister, Herr v. Goßler mit seiner Hineinziehung des Papstes in die Debatte gewesen ist. Ganz traurig ist es ihm aber mit seiner Behauptung ergangen, der Papst hätte der Vorlage sein „tolerari posse'1 („sie kann geduldet werden") gegeben. Windthorst hat dies auf das Bestimmteste bestritten. Es steht auch fest, daß der Papst die Vorlage gar nicht ge­kannt hat, sondern nur die „Grundzüge", aber auch von diesen nicht die so bedeutsamen, die dem Artikel 3 des Entwurfs zu Grunde lagen! Der h. Vater hat geglaubt, die Rente follte an die Diözesen einfach ver- theilt werden, ohne zu ahnens daß der Kultusmi­nister sogar über die Verwendung jedes einzelnen Postens mitzuentscheidm haben wollte. Jenes, was er glaubte, hat er „geduldet", aber auch nur für seine Person, ohne daß er auf die Bifchöfe und das Cen­trum irgend welchen Einfluß ausübte, noch ausüben wollte; die Bischöfe und das Centrum sollten nachdem Willen des Papstes entscheiden, wie sie es für gut befänden. Die Kartellparteien aber hielten fest, daß der Papst die Vorlage oder doch alle „Grundzüge" derselben kenne und billige ihre Ablehnung bedauern und das Centrum dafür verantwortlich machen werde; diefe eigenthümliche Methode des Herrn v. Goßler hat den h. Vater aufs Tiefste verstimmt, wie sich deutlich in den römischen Blättern kundgiebt. Es ist nur gut, daß sich das Centrum durch die Drohung des Mini­sters nicht hat einschüchtern lassen, sondern fest auf dem Rechte der katholischen Kirche und der geschädigten Geistlichen bestanden hat.

* Die Militärvorlage ist bekanntlich in der Militärkommission des Reichstags mit 16 gegen 12 Stimmen angenommen worden. Die Mehrheit bestand aus den Vertretern der Nationalliberalen und der bei- ihm die Glocke zu sein, welche dem Verurtheilten zum Hochgericht läutet.

„Sie ist fort!" sagte er dumpf. „Werde ich sie Wiedersehen?" fragte er sich, „und ist es nicht besser, ich sehe sie nicht wieder? Was darf sie mir, was kann ich ihr sein? Jetzt hast du mich ganz und voll wieder, meine Kunst, räche dich nicht für die Untreue, die ich an dir begangen, indem du dich von mir wendest! Ich habe dich, meinen Willen und meine Erinnerung, damit fort in die Einsamkeit meines Zimmers."

Von diesem Tage an ward Wollenberg unsichtbar. Seine Bekannten erzählten sich lachend, er habe die Arbeitsstaupe und lasse Niemand ein. Nur Gringmuth ließ sich nicht abweisen, aber das Bild, welches den Maler so eifrig befchäftigte, bekam er nicht zu sehen.

Hätte Frau Meinhold Nachbarn gehabt, fo mürben diese an dem Abend, an welchem Leontine ihr Haus verließ, wahrscheinlich geglaubt haben, die Kunstgärtnerin gebe ganz ihrer Gewohnheit zuwider große Gesellschaft, da ein Wagen nach dem andern vorfuhr.

Das kleine Haus lag aber etwas abseits und so beschränkte sich die Verwunderung über die Vorgänge dieses Abends auf die Magd und den alten Tage­löhner, die denn auch die Augen aufrissen, als etwa eine halbe Stunde, nachdem das Fräulein so plötzlich abgereist war, die Hausglocke ertönte und ein fremder