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139.

Freitag, den 20. Juni 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

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Druck u. Berlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in

Fulda.

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X Die Cholera in Europa?

Das Fragezeichen hinter der Ueberschrift wird wohl kaum noch gerechtfertigt sein, wenn dieses Blatt dem Leser vorliegt. Der unheimliche Gast meldet sich aus dem Südwesten an, gerade wie bei seinem letzten Be­suche. In einigen Ortschaften der Provinz Valencia in Spanien sind „choleraartige Erkrankungen" vorge­kommen. Natürlich klammert man sich möglichst lange an die Hoffnung, daß es nicht die mörderische asi­atische Cholera, sondern eine weniger gefährlche Spiel­art, ein sog. Cholerine sei. Aber wenn die Ziffern richtig sind, welche der Telegraph am 17. Juni mel­dete: auf 154 Erkrankungen 70 Todesfälle, — dann sieht die Seuche verzweifelt asiatisch aus. Der Sach­verständige von Barcelona soll sie auch bereits für die asiatische Cholera erklärt habe.

Zur Beruhigung Europas hat die spanische Re­gierung „vollständige Jsolirung" der verseuchten Ort­schaften in Aussicht gestellt. Das ist leicht gesagt, aber sehr schwer gethan. Ein „Truppenkordon" soll die Jsolirung besorgen. Und wenn es auch die aller­besten Truppen der deutschen Musterarmee wären, die dort Posten ständen, so würden sie doch die Jsolirung nicht „vollständig" machen. Es wird immer ein ge­wisser Verkehr stattfinden, sowohl auf dem erlaubten Wege durch die üblichen Räucherkammern, als auch ohne Erlaubniß und Kontrole. Die Räucherei bietet erfahrungsgemäß keine Sicherheit und die vereinzelte Durchbrechung des Bannes ist gar nicht zu hindern. Es braucht bloß ein Angesteckter oder auch nur ein mit den Cholerabacillen behafteter Gegenstand durch- zuschlüpfen, so ist die ganze Jsolirung vereitelt. Oder von den einschließenden Soldaten brauchen nur einzelne den Krankheitskeim aufzufangen; dann läßt sich die Cholera auf den Schultern ihrer Bekämpfer weiter­tragen.

Ob es gescheidter wäre, statt die unmögliche „Jsolirung" die Bekämpfung, des Nebels an der Wurzel aus allen Kräften anzustreben. Aerzte, Heil­gehilfen, Krankenpfleger, Köche, Barackenbauer rc. müßten nebst den nöthig Heil-, Bau- und Nahrungs­material in die verseuchten Ortschaften gesandt werden und die Bevölkerung mit Zwang von ihren vergifteten Wasserläufen und aus ihren ungesunden Wohnungen fortreißen, die noch Gesunden vor ansteckenden Speisen und Getränken hüten, die Ausscheidungen der Kranken und die Leichen der Todten unschädlich machen; eine Gesundheits-Dictatur müßte über die Gegend verhängt werden. Das würde viel Geld kosten. Aber in diesem Punkt darf es auf die Millionen noch weniger an­kommen, als auf dem Heeresgebiet. Wenn unter den europäischen Nationen ein vernünftiges Familienleben bestände, so würde man solche Ausgaben mit gemein­samen Kräften bestreiten.

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In harter Schule.

'Roman von G. I.

(67. Fortsetzung.)

„Vorgestern war Ball beim englischen Gesandten, ich tanzte die Polonaise mit der Comtesse Brakenberg. Sie hatte einen Strauß von weißen und rothen Aza­leen in der Hand und einen Fächer, auf dem dieselben Blumen gemalt waren. Ich bewunderte diese Ueber- einstimmung und sie sagte:

„Ja, es ist reizend und das Reizendste dabei ist, daß Strauß und Federn aus derselben Hand stammen wie ich durch Zufall erfahren habe", erwiderte sie.

„Ist der Mann Gärtner und die Frau Fächer­malerin?" fragte ich.

„Nein, die Fächer sollen von einer Frau gemalt werden, die in einem Gärtnerhäuschen im Verborgenen lebt", plauderte die Comtesse weiter.

„Wie haben Sie denn das erfahren, wenn ich fragen darf?" forschte ich vorsichtig, denn nun ward ich aufmerksam.

„Ei, auf sehr einfache Weise. Ich hatte den Fächer gekauft und bestellt mir danach einen Strauß bei unserer Blumenlieferantin. Zufällig war das Mädchen da,ßwelches jeden Tag die Sträuße aus der

Wie die Dinge zur Zeit liegen, darf man sich auf die „Sanitätsmaßregeln" der guten Spanier ebenso­wenig verlassen, wie auf ihre Jsolirnngs-Kordons. Aber trotzdem brauchen wir noch nicht im Mindesten zu zittern. Bei ihrem letzten Anlauf war die Cholera uns schon bedeutend näher gekommen. Sie hauste in Südfrankreich, in dem Schmutz der dichtbevölkerten Hafenstädte, wo sie sicher einen eben so guten Nähr­boden fand, als er in den spanischen Ortschaften vorhanden ist. Und doch ist kein Cholerakeim über die deutsche Grenze gekommen, abgesehen von denjenigen, welche Dr. Koch in wohlverwahrten Flaschen in sein Berliner Laboratorium brachte.

Ein Ausbruch der Cholera in Rußland wäre viel gefährlicher. Denn int Osten haben wir Grenzpro­vinzen mit niedrigerer Kultur und geringerer Wider­standsfähigkeit. Wenn jetzt die Cholera über die Pyrenäen kommen sollte, so stößt sie nach Norden und Westen zu auf steigende Wohlhabenheit und Ordnung. Ehe sie sich durch ganz Frankreich durchfrißt, wird vermuthlich ihre Kraft erschöpft sein, oder die Jahres­zeit wird ihr Halt gebieten.

Und sollte das Unheil sich doch bis an oder über die deutsche Grenze schleichen, so haben wir den großen Vortheil voraus, daß uns Zeit zur gründlichen Vor­bereitung auf den Widerstand bleibt. So lange die berufenen Gesundheitswächter in Deutschland nicht Alarm schlagen lassen, braucht Niemand sich in seiner gewöhn­lichen Lebensweise stören zu lassen — d. h., soweit die gewöhnliche Lebensweise vernünftig ist. Wer schlechtes Wasser trinkt oder sonst auf die Gesundheit seiner Ver­dauungsorgane lossündigt, der handelt immer thöricht, im heißen Sommer doppelt thöricht und beim Heran­nahen von Seuchen als zehnfacher Thor. Aber wer sich einer kindischen Angst hingibt und dadurch die Frische und Widerstandsfähigkeit seines Körpers ge­fährdet, der handelt ebenfalls unvernünftig.

Auf Grund der Erfahrungen der letzten Jahrzehnte dürfen wir die Hoffnung hegen, daß im zivilisirten Europa kein' genügender Nährboden mehr ist für die mörderischen Seuchen der Vorzeit. Nur eine Seuche steht gerade hier und jetzt in üppigster Blüthe: das perniciöse Rüstungs-Fieber.

Deutsches Keich.

Berlin, 18. Juni.

* Durch Extrablatt des,Reichsanzeigers' wird der Inhalt des zwischen Deutschland und England abgeschlossenen Vertrages mitgetheilt. Der überraschendste Punkt ist der, daß England die Insel Helgoland an Deutschland abtritt. Die Bekannt­machung sagt: Auf Grund der in jüngster Zeit ge­führten Verhandlungen ist zwischen der deutschen und der englischen Regierung über das Folgende ein Ein- verständniß erzielt worden:

Gärtnerei bringt, und das sagte: Die Blumen werde ich ganz genau besorgen können, denn das Fräulein, welches die Fächer malt, wohnt bei uns und malt nach unseren Blumen."

„Die Sache fiel mir auf, durch ein paar geschickte Fragen erfuhr ich, wo der Fächer und wo die Blumen gekauft waren und so konnte ich die Spur nach einem kleinen Gärtnerhause am Kreuzberg verfolgen. Dort legte ich mich auf die Lauer; dort hinein habe ich Gringmuth gehen sehen, dort sah ich vor ein paar Stunden Leontine's Kopf flüchtig am Fenster erscheinen und wieder verschwinden. Jetzt gilt schnelles Handeln, damit sie uns nicht wieder entschwindet."

Noch ehe der Graf mit seiner Erzählung fertig war, hielt die Droschke vor dem Clubhause, so daß er um sie zu beenden, noch einige Augenblicke mit seinem Begleiter auf der Straße stehen blieb.

„Sie wiffen jetzt, was Sie zu erzählen haben," schloß er im Hinaussteigen.

„Ich tanze doch aber nicht mit Comtessen," sagte Vincent kläglich.

„Sie werden mit jedem Tage einfältiger. Die Entdeckung auf dem Balle machte ich, das Uebrige haben Sie herausgebracht, ich mag mich nicht allzu eifrig zeigen."

1) Tie deutsche Jnteressen-Sphcire in Ost-Afrika wird begrenzt: a) im Silben: durch eine Linie, die von der Mün­dung des Rokura im Westen des Nyassa-See's bis zur Mündung des Kilambo im Süden des Tanganyika - See's führt; b) im Norden: durch eine Linie, welche längs dem 1. Grade südlicher Breite vom West-Ufer des Viktoria Nnanza bis zum Kongostaate führt und den Berg Msumbiro südlich umgeht.

2) Zwischen dem Nyassa-See und dem Kongostaate, zwischen dem Nvassa-See und dem Tanganyika-See, auf dein Tangaiwika- See und zwischen dem Letzteren und der nördlichen Grenze der beiderseitigen Jnteressen-Sphären wird der Verkehr für die Un- terthanen und die Güter beider Nationen von allen Abgaben frei bleiben. In den beiderseitigen Jnteressen-Sphären wird den Missionen beider Staaten Kultus- und Unterrichts- Freiheit gewährt. Die Unterthanen des einen Staates sollen in der Interessen - Sphäre des anderen bezüglich der Nieder­lassung und des Handels die gleichen Rechte genießen, wie die Unterthanen des Staates, welchem die Jnteressen-Sphäre angehört. England wird seinen ganzen Einfluß ausbieten, nm den Sultan von Sansibar zur Abtretung des von ihm der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft verpachteten Küstenstriches an Deutschland zu bewegen. Für diesen Fall wird deutscherseits dem Sultan eine billige Entschädigung für die ihm entgehende Zoll-Einnahme gewährt werden längs dem 22. Grade südl. Breite nach Osten bis zum 21. Längengrade, von da nach Norden längs diesem Grade bis zum Schneidcpunkte desselben mit dem 18. Grade südl. Breite und von da nach Osten längs dem Tschobi - Flusse bis zu dessen Mündung in den Zambesi.

3) Die Grenze zwischen dem deutschen Togo-Gebiete und der englischen Goldküsten-Ko lo nie soll entsprechend dem deutschen Vorschläge durch eine Linie gebildet werden, welche die streitige Landschaft Krepi in der Weise durchschneidet, daß der nördliche Theil mit Kpandu an Deutschland, der südliche Theil mit Peki an England fällt.

4) Deutschland überträgt England seine Schutzherrschaft über Witu und Somali-Land im Norden der englischen Jnter­essen-Sphäre.

5) Deutschland gibt seine Zustimmung, daß England über das Sultanat Sansibar mit Ausnahme des der deutschen ost- afrikanischen Gesellschaft verpachteten Küstenstriches das Protek­torat übernimmt.

6) England tritt, vorbehaltlich der Ermächti­gung des Parlamentes, an den deutschen Kaiser die Insel Helgoland ab. Für die Einführung der allge­meinen Wehrpflicht und der deutschen Zoll-Gesetzgebung in Helgo­land wird eine Frist vereinbart werden: auch soliden dennaligen Bewohnern während eines bestimmten Zeitraumes dasRecht, für die englische Nationalität zu optiren, gewährt sein.

7) Die übrigen auf koloniale Fragen bezüglichen Diffe­renz-Punkte: Reklamation wegen der Aufbringung des Dampfers „Neera", Abgrenzung der Walfifch-Bai, Reklamation gegen die englische Niger-Gesellschaft re. werden, nachdem festge­stellt ist, daß über dieselben im Prinzip keine ernstlichei" Mei­nungs-Verschiedenheiten bestehen, weiterer freundschaftlicher Ver­ständigung Vorbehalten.

8) Bis zum formellen Abschluß des gegenwärtigen Ueber- einkommens, welcher in kürzester Frist durch Noten-Austausch ge­schehen soll, wird keine Unternehmung in Afrika, welche sich mit den vorstehenden Verabredungen im Widerspruch befindet, von einer der beiden Regierungen sanktionirt werden.

Die ,Germania' findet den Inhalt des Ueberein- kommens erfreulich und betont als werthvoll, daß Helgo­land nun nicht mehr einen Stützpunkt für fremde Operationen bieten, sondern dem deutschen Küstenstrich größere Sicherheit gewähren werde. Die Vortheile, die England in Afrika erlange, würden aufgewogen durch die Kräftigung des Friedensbundes in Europa.

Es hätte dieser genauen Instruktion nicht bedurft, denn als man den Baron in ein kleines leer stehendes Nebenzimmer rufen gelassen und ihm dort mitgetheilt hatte, wo er Leontine finden könne, und daß er sie noch heute reklamiren müsse, war er dadurch so be­stürzt, daß er gar nicht darnach fragte, welchen An- theil der Eine und welchen der Andere an der Ent­deckung habe.

„Und Sie sind wirklich überzeugt davon, daß sie in jenem Hause wohnt?" fragte er zweifelnd, eingedenk seiner vegeblichen Gänge zu Frau Hart.

„Ich habe sie am Fenster stehen sehen", betheuerte Vincent auf einen ihm von dem Grafen zugeworfenen Blick.

„Sie meinen, ich soll noch heute Abend hingehen, um sie zu reklamiren?" fuhr der Baron fort, „wartet man nicht besser bis morgen?"

„Wer steht Ihnen dafür, daß sie morgen noch da ist?" mahnte der Graf. „Hätten Sie sich an dem ersten Abend, an dem Sie in ihrer früheren Wohnung such­ten, nicht abweifen lassen, so wäre sie jetzt schon seit Monaten wieder in Ihrem Hause."

„Damals wußten die Leute, daß sie gesucht ward, das ist jetzt nicht der Fall. Ich muß Ihnen gestehen,