17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Mittwoch, den 18. Ium 1890
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Deutsches Keich.
Berlin, 16. Juni.
* Die von Windthorst zur Militärvorlage beantragten Resolutionen, von deren Annahme möglicherweise das Schicksal des ganzen Gesetzes abhängt, werden wahrscheinlich eine Mehrheit erhalten, die allerdings nicht dieselbe Mehrheit ist, wie die, welche für das Gefetz stimmt, sondern aus dem Centrum und den Oppositionsparteien bestehen wird. Aus einem Leitartikel der ,Nordd. Allg. Ztg.' geht hervor, daß die Konservativen gegen die zweite und vierte Resolution, welche den Wunsch nach jährlicher Bewilligung und nach der zweijährigen Dienstzeit aussprechen, stimmen werden, und zwar, wie sich das Blatt ausdrückt, in Kenntniß der für die militärischen Dinge maßgebenden Auffassung. Dagegen werden sie, in Uebereinstimmung mit den Auslassungen des Reichskanzlers in der Kommission, für die beiden Refolutionen stimmen, welche die Erwartung aussprechen, daß von der Verfolgung der bekannten Zukunftspläne Abstand genommen und eine thatsächliche Herabsetzung der Präsenzzeit angestrebt werde.
* In der heutigen Reichstagssitzung wurde zunächst der Niederlassungsvertrag mit der Schweiz whne Debatte in dritter Berathung einstimmig und
In harter Schule.
Roman von G. I.
(65. Fortsetzung.)
Damit war aber der Leidenskelch des Barons noch nicht erschöpft, es gesellte sich dazu noch eine Unannehmlichkeit, die ihm um so peinlicher erschien, als sie ihm eben so neu, wie unerklärlich in ihren Ursachen war — seine Ausgaben überstiegen die Einnahmen, und doch ließ sich nirgend eine Schmälerung seiner Einkünfte nachweisen, wie er sich von der andern Seite bewußt war, keinen Luxus zu treiben, der mit seinen Verhältnissen nicht im Einklang stand. Mochte Hortense mehr für Schmuck und Kleider verbrauchen als feine erste Gemahlin, so wurden jetzt keine theuren Gemälde und Kunstsachen gekauft, eben so wenig konnte es ins Gewicht fallen, daß seine Weinkeller von der gegenwärtig in seinem Hause verkehrenden Gesellschaft stärker in Anspruch genommen ward, als von der früheren. Woran lag es also?
Der Baron war ein guter Wirth, seine Finanzen hatte er stets in Ordnung gehalten und jetzt kam es ihm doch vor, als müsse er die Ausgabe dieser und jener Summen zu buchen vergessen haben, denn das Geld war fort und er hatte keinen Nachweis darüber. Ein Diebstahl konnte gar nicht in Frage kommen, er verwahrte sein Geld in einem Schrank, dessen Schloß er allein zu öffnen im Stande war und dessen Schlüssel
definitiv genehmigt, und sodann die zweite Berathung des Gesetzentwurfs betreffend die Gewerbegerichte sort- gefetzt, und zwar bei ZI. Da in der Samstag-Sitzung sich bei der Abstimmung über den zu § 1 gestellten Abänderungsantrag des freisinnigen Abgeordneten Dr. Harmening Beschlußunfähigkeit herausgestellt hatte, so mußte heute zunächst diese Abstimmung wiederholt werden. Bei derselben wurde der Antrag, welcher lautet: „Die Genehmigung des Ortsstatuts darf nur versagt werden, wenn dessen Bestimmungen mit den Gesetzen in Widerspruch stehen", angenommen. Für denselben stimmten außer der Linken auch ein Theil des Centrums. Mit dieser Aenderung wurde sodann § 1, welcher die fakultative Einführung der Gewerbegerichte durch Ortsstatut vorschreibt, angenommen. Bei § 2, welcher den Kreis der unter das Gesetz fallenden Personen begrenzt, hat die Kommission einen Zusatz gemacht, wonach nicht bloß die gewerblichen Arbeiter des Titels VIL der Gewerbeordnung unter das Gesetz fallen sollen, sondern in Anlehnung an die Kranken- und Unfallversicherung auch die Betriebsbeamten, Werkmeister und mit höheren technischen Dienstleistungen Angestellten, deren Jahresarbeitsverdienst an Lohn oder Gehalt 2000 M. nicht übersteigt. Die Sozialdemokraten wiederholten durch den Abg. Heine ihren bereits in der Kommission gestellten Antrag, auch das kaufmännische Hilfspersonal der Judieatur der Gewerbegerichte zu unterstellen. Der Antrag wurde indessen nach kurzer Debatte abgelehnt und 8 2 in der Kom- missionsfosfnng angenor'men. Dann wurde über die von dir Kommission beschlossene Erweiterung der Zuständigkeit des Gewerbegerichts verhandelt. Da die Vorlage 76 Paragraphen zählt, so ist das Ende der zweiten Lesung, sagt die,Germania' in ihrem heutigen Sitzungsberichte, gar nicht abzusehen, wenn das bisherige Berathungstempo beibehalten wird. An den Bestimmungen über die Zusammensetzung der Gewerbegerichte hat die Kommission nichts, an denen über die Bedingungen der Wählbarkeit zu Beisitzern nur wenig geändert. So ist in letzterer Beziehung die Altersgrenze beim 30. Jahr belassen, nur die Bedingung des Richtempfanges von Armenunterstützung ist etw»s verändert. In dem ursprünglichen Entwürfe war bestimmt, daß Niemand wählbar sein sollte, der in den letzten drei Jahren Armenunterstützung empfangen hätte. Von der Kommission ist dieser Zeitraum auf das der Wahl vorhergehende Jahr beschränkt, und selbst wenn Jemand innerhalb dieses Jahres Unterstützungen empfangen hat, soll er doch wählbar sein, wenn er dieselben nur zurückerstattet hat. Heute beantragten nun die Sozialdemokraten, statt des 30. das 25. Lebensjahr zu setzen und im Uebrigen von den er immer bei sich trug. Es^war wirklich sehr fatal. Es war erst März und die Summe war verbraucht, die sonst bis zu der Zeit ausgereicht hatte, wo man die Residenz verließ. Zum ersten Male in seinem Leben hatte der Baron sich genöthigt gesehen, Geld zu zu leihen. Sein Bankier wollte ihm die Summe zwar ohne jede Sicherheit geben, er bestand jedoch darauf, daß er einen Wechfel von ihm nahm.
„Der Wechfel bleibt natürlich in unserem Portefeuille", hatte der Bankier gesagt, eigentlich ist er ein werthvolles Autograph.
Trotz dieser Artigkeit war dem Baron bei der Sache gar nicht wohl gewesen; Hortense hatte an diesem Tage mehrmals gefragt, weshalb er fo düster drein fchaue, er war jedoch zu sehr Kavalier, um sie den Grund seiner Verstimmung wissen zu lassen, dagegen sprach er sich seinem Neffen gegenüber, der gerade zu ihm kam, darüber aus.
Ulrich stutzte — sein Onkel in Geldverlegenheit, das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.
„Verzeihe die Frage, lieber Onkel, Du hast doch nicht etwa spekulirt?" sagte der Lieutenant.
„Nein Ulrich, so thöricht bin ich nicht," entgegnete der Baron, „übel nehmen kann ich Dir die Frage aber nicht, es thun es ja heutzutage Edelleute genug."
„Du mußt doch aber eine Ahnung haben, wohin das Geld gekommen ist."
„Nein, die habe ich nicht."
Beisitzern nur zu verlangen, daß sie seit mindestens einem Jahre in dem Bezirke des Gerichts Wohnung oder Beschäftigung haben. Auch der freisinnige Abg. Eberth beantragte, statt des 30. das 25. Lebensjahr zu setzen. Darüber entspann sich eine längere Debatte, die schließlich auf morgen vertagt wurde. Gegen den sozialdemokratisch-freisinnigen Antrag sprachen die Abgg. Dr. Porsch, Ackermann, Miquel und Rösicke, während die sozialdemokratischen Abgeordneten Dreesbach, Grillenberger und Heine in leidenschaftlicher Weise für die Herabsetzung der Altersgrenze eintraten. Grillenberger prophezeite aus der Annahme des Paragraphen in der Kommissionsfassung Unwillen und Erbitterung im Arbeiterstand und erklärte zugleich, daß von der Annahme ihres Antrages die Sozialdemokraten ihr Schlußvotum über die ganze Vorlage abhängig machen müßten. Morgen Fortsetzung.
* Der Köln. Volksztg.' wird durch den Prokurator der algerischen Missionsgesellschaft in Sansibar telegraphisch gemeldet, daß der König von Uganda, M w a n a a endgültig die Araber besiegt hat, welche bekanntlich dem christen- und europäerfeindlichen Karema zur Herrschaft verhelfen wollten. Auch bestätigen jene Telegramme, daß Bischof Livinhac, bisher apostolischer Vikar von Uganda und im September 1889 vom Generalkapitel der algerischen Missionsgesellschaft zum Generalobern erwählt, mit Dr. Peters auf dem Wege zur Küste sich befindet, nachdem er noch seinen Nachfolger für Uganda, P. Johannes Hirth aus Speckbach im Elsaß zum Bischof geweiht hatte. Aus brieflichen Mittheilnngen, die dem genannten Blatte zugegangen sind, ersieht man, daß Mwanga, nachdem er im Oktober vor. Jrs. schon seinen Gegner aus Uganda vertrieben hatte, unter'm 4. November an Kardinal Lavigerie einen Brief gerichtet hat, in welchem er seine Rückkehr in sein Königreich anzeigt, von den vorangegangenen fünfmonatlichen Kämpfen berichtet, um Neger, die zu Missionaren und zu Aerzten ausgebildet sind, bittet und sich bereit erklärt, die Weißen in ihren Bestrebungen, den Sklavenhandel zu unterdrücken, zu unterstützen. Bald darauf wurde er aber von Karema, der an der Grenze von Unyoro durch die Araber Verstärkung erhalten hatte, wieder vertrieben, so daß Bischof Livinhac Uganda nicht erreichen konnte. Noch am 5. Februar d. I. war die Wendung zu Gunsten Mwangas noch nicht eingetreten, wie aus einem von diesem Tage datirten Briefe des Bischofs hervorgeht, der sich damals im Südwesten der Jnjel Sesfe, nur 3 Kilometer von der Küste Uganda's entfernt, aufhielt. Seitdem sind natürlich die Missionare nach Uganda zurückgekehrt.
* Aus Glatz schreibt man der ,Schles. Volksztg.': Die Abhaltung der diesjährigen Katholiken-Ver-
„Deiner Leute bist Du sicher?"
„Wenn sie auch stehlen wollten, sie können es nicht mein Schrank ist nicht zu öffnen. Sieh selbst."
Er schloß den Schrank auf, Ulrich überzeugte sich, daß er durch Gewalt nicht zu öffnen fei und auch ein Nachschlüssel konnte hier kaum Dienste leisten. Während er sich in den Schrank hineinbeugte, wehte ihm ein feiner Duft entgegen — der Duft eines Parfüms das ihn zu berauschen pflegte, denn er kannte es nur an einer Frau, und diese Frau war Hortense.
Erschrocken fuhr er zusammen, um sich sogleich auszulachen und auszuschelten. Wie leicht konnte sein Onkel ein Blatt, ein Kouvert in diesem Schranke verwahren, das seine Frau in Händen gehabt hatte. Die Sache war so einfach. Dennoch wollte ihm der Gedanke daran nicht aus dem Kopfe.
Es war einige Tage nach diesem Vorfall, Hortense faß gegen Abend in ihrem Boudoir, und las einen Roman; der Baron, welcher jetzt dann und wann das Bedürfniß nach einer anderen Unterhaltung als der ihm in seinem Hause zu Gebote stehenden empfand, war auf eine Stunde in seinen Klub gegangen. Geräuschlos öffnete sich die Thür, Madame d'Arcourt trat ein.
„Bist Du allein Hortense?" fragte sie.
„Ja, und ich wünfche es zu bleiben," war die Antwort.