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JW 136.

Dienstag, den 17. Juni 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

. ... - cp-av-, Ä m u Rt»i"saa der Rufbaer Actiendruckerei lN. DiümannV

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Fiir dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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* Gesterreichs auswärtige Politik

wurde, wie üblich, als Einleitung zu den Berathungen der in Pest versammelten Delegationen beleuchtet. Der Minister des Aeußern, Graf K alno ky, gab wie all­jährlich, die nöthigen Aufklärungen über die Lage. Dabei stellte er zunächst fest, daß die allgemeine Richt­ung wie die Grundlagen der österreichisch-ungarischen Politik unverändert geblieben. Die Beziehungen zu Deutschland seien nie vertrauensvoller, klarer und fester gewesen als jetzt. Nicht wenig trage hierzu der hoch- begabte, thatkräftige Monarch des Nachbarstaates bei, dessen scharf ausgeprägte Individualität jeden Zweifel und jede Unklarheit von vorn herein ausschließe. Graf Kalnoky konstatirte ferner das allgemeine Bedürfniß nach Frieden, und zeigte wie die Trippelallianz, welche ausschließlich diesem Friedens-Bedürfnisse entsprungen ist, unerschütterlich feststeht, um ihre Aufgabe zu er­füllen. Dabei wird es im Deutschen Reiche sympathi­schen Widerhall finden, daß Kalnoky die feste Begrün­dung des deutsch-österreichischen Bündnisses so warm betont und dieses als völlig unberührt auch vom Rück­tritt des Fürsten Bismarck darstellte. Es ist das ganz selbstverständlich, denn das deutsch-österreichische Büud- niß ist der Ausdruck der Gemeinsamkeit der Interessen der beiden verbündeten Reiche. Kaiser Wilhelm II. sagte deshalb, als er am 25. Juni 1888 den ersten Reichstag nach dem Thronwechsel eröffnete: „Unser Bündniß mit Oesterreich-Ungarn ist öffentlich bekannt. Ich halte an demselben in deutscher Treue fest, nicht bloß, weil es geschlossen ist, sondern weil ich in diesem definitiven Bunde eine Grundlage des europäischen Gleichgewichts erblicke, sowie ein Vermächtniß der deut­schen Geschichte, dessen Inhalt heut von der gesammten öffentlichen Meinung des gesammten deutschen Volkes getragen wird und dem herkömmlichen Völkerrecht ent­spricht, wie es bis 1866 in unbestrittener Geltung war." Wenn wir voll Vertrauen auf die Haltung Oesterreichs blicken, so können wir indeß hinsichtlich Italiens nur hoffen, es möge so sein und bleiben, wie Gras Kalnoky es darstellt. Wir glauben, daß gegen­wärtig Italien fest zu Oesterreich und Deutschland steht, aber die Garantie der Dauer fehlt. Italien be­findet sich in einer finanziellen, wirthschaftlichen und sozialen Krisis, deren Ausgang sich nicht vorhersehen läßt, die aber jedenfalls es mit der Zeit erforderlich macht, die militärischen Rüstungen in Italien einzu­schränken. Außerdem besteht in Italien eine immer stärker auftretende Volksströmung, welche sich Frank­reich zuwendet und die Nichterneuerung des Bündnisses zwischen Oesterreich und Italien im Jahre 1892 wünscht. Crispis Stellung ist durch das Zusammen­wirken dieser Faktoren sehr prekär geworden, und Nie-

In Hatter Schule. -

Roman von G. I.

t (64. Fortsetzung.)

„Fräulein Leontine," unterbrach er sie abwehrend.

„Sie haben Recht," verbesserte sie sich, „nicht Ihr Genius, sondern ein Abglanz desselben; ich weiß es, was ich Ihnen zu danken habe."

„Sagen Sie das nicht," bat er. „Sw beschämen mich. Ist es aber wirklich der Fall, hätte ich Ihnen etwas genützt, so haben Sie mir das reichlich vergolten."

Die Reihe des Staunens war jetzt an Leontine.

„Was hätte ich Ihnen sein können!" fragte sie beinahe schüchtern. „Sie stehen so fest auf Ihren eigenen Füßen, Ihr Sein und Wesen ist so vollkommen in sich beruhend, so aus einem Gusse, daß es fast unmöglich erscheint, darauf eine Einwirkung zu üben."

„Und dennoch ist dem so," entgegnete der Maler. „Vieles, wonach ich bisher in meinem Wissen und Können vergeblich rang, ist mir in der Unterhaltung mit Ihnen klar geworden; während ich Sie belehrte, belehrten Sie mich. Es mag stolz und vermessen klingen, aber der Demant kann sich nur am Demanten, der echte Mensch nur am echten Menschen schleifen."

Ihm die Hand reichend, mit einem leuchtenden Blicke ihrer großen grauen Augen, entgegnete sie: „Haben Sie vielen Dank für dieses Wort; es erhebt mich. “

mand kann von diesem schwankenden Rohre Voraus­sagen, wohin es sich neigen wird. Für jeden Fall aber ist die Stellung Oesterreichs und Deutschlands klar vorgezeichnet. Das Nämliche kann man auch von der österreichischen Balkanpolitik sagen, die ihren Rück­halt an der Trippelallianz findet. In der vorjährigen Delegationssitzung schon ist diese Klärung eingetreten. Damals wurde sowohl durch Kaiser Franz Josef wie durch seinen Minister des Aeußeren, den Grafen Kal­noky, den Bulgaren großes Lob ertheilt. Die öster­reichische Politik hatte mit dem Sturze des Königs Milan den Vorposten in Serbien verloren und stellte sich darum in Bulgarien auf, das nur in Anlehnung an Oesterreich auf seiner jetzigen Bahn fortschreiten kann. Kaiser Franz Josef sagte in seiner Ansprache an die Delegationen am 23. Juni 1889 wörtlich: „In Bulgarien herrscht Ordnung, Ruhe und es ist erfreu­lich, die stetigen Fortschritte zu sehen, welcye dies Land trotz seiner schwierigen Lage macht." Diesen Gedanken führte Graf Kalnoky in den Delegationen des vorigen Jahres noch weiter aus. Die Bulgaren hätten die erforderlichen Eigenschaften zur Begründung eines geordneten, viel versprechenden Staatswesen. Diese Anerkennung möge die Bulgaren aufrecht er­halten, durch Ruhe und Ausdauer aus der vielleicht nicht ganz unverschuldeten, schwierigen Lage herauszu­kommen. Diese Worte stärkten das gegenwärtige bul­garische Regime, gaben den Bulgaren Hoffnung, für die Zukunft und Festigkeit gegenüber Rußland. In­zwischen hat der Panitza-Prozeß stattgefunden, der eine Verschwörung gegen die jetzige Ordnung in Bulgarien bloslegte und zeigte, was Rußland durch seine Agenten angezettelt. Mit fester Hand wurde der Kreis der Verschwörer zersprengt und den Schuldigen der Pro­zeß gemacht. Die österreichische Politik sieht sich des­halb in ihrem vorjährigen Urtheil bestärkt und führt es weiter. Graf Kalnoky konstatirte daher die ruhige Entwicklung Bulgariens, welches mit der Verbesserung seiner Handelsbeziehungen und Eröffnung neuer Ver­kehrswege beschäftigt sei, seinen Wohlstand hebe und seinen Kredit befestige. Man sehe mit Befriedigung, daß Bulgarien politisch in kluger Zurückhaltung ver­harre und seine fortschreitende Entwicklung nicht durch gefährliche Fragen und Abenteuer schädige, vielmehr das Bestreben zeige, mit seinen Nachbarn, insbesondere mit der Pforte gute Beziehungen zu erhalten. Die Zukunft Bulgariens, die in dessen eigenen Händen ruhe scheine gesichert, wenn es fortfahre, ruhig und ohne Abenteuer an der eigenen Festigung zu arbeiten. Dem Delegirten Bilinski gegenüber, welcher die Ver­schwörung des Majors Panitza in Sofia auf die Nicht­anerkennung des Fürsten von Bulgarien zurückführte, wies Graf Kalnoky darauf hin, daß der von den

Es entstand eine Pause. Beide fühlten, daß sie hier an einer Grenze angekommen waren, die sie nicht über­schreiten durften.

„Ich wünschte, ich könnte die Skizze zu Ihrem neuen Bilde sehen, Herr Wollenberg," begann Leontine wieder. „Aber es geht nicht. Frau Meinhold hütet mich wie ihren Augapfel, man sagt mir zwar nichts, aber ich bin überzeugt, mir droht Gefahr."

„Das Haus, in welchen! mein Atelier ist, wäre das letzte, welches Sie besuchen dürften."

Leontine nickte zustimmend. „Welche Last bin ich meinen Freunden!" seufzte sie.

„O, sagen Sie das nicht," bat Wollenberg, „Sie thun sich und uns Unrecht."

„Sie sind Alle sehr gut," fuhr sie fort. Wie man mich schont, keine Klage, keine Anspielung deutet darauf hin, daß man mein Schicksal kennen möchte oder viel­leicht kennt."

„Wir kennen Sie, das ist uns genug!"

„Und welche Opfer bringen mir Frau Meinhold und Alwine," fuhr sie fort. „Ich merke es recht gut, daß sie, um das Geheimniß meines Aufenthalts bei ihnen nicht zu gefährden, auf allen Umgang verzichten."

„Nennen Sie das wirklich ein Opfer? Mir scheint es Gewinn. Es gibt für den Menschen nichts, was ihn mehr fördern und mehr beftiedigen kann, als wenn es ihm vergönnt ist, in einem harmonisch zusammengesetzten

Mächten anerkannte Fürst Alexander gleichfalls durch eine Militärrevolte gestürzt sei. Derlei Verbrechen pflegten sich leider zu wiederholen, wenn sie einmal begangen worden seien. Die große Masse der Be­völkerung habe dem geplanten Umsturzversuche des Ma­jors Panitza serngestanden. Es beweise dies, daß die Verschwörung durch unzufriedene Elemente außerhalb der bulgarischen Grenze importirt worden sei, ohne im nationalen Gefühle oder im Wunsche des Volkes nach einem Fürstenwechsel Widerhall zu finden. Der Mangel der formellen Anerkennung des Fürsten trete in Bul­garien nicht so fühlbar hervor wie es scheine, da der Fürst im Lande unbedingt anerkannt werde, und weil die ersten Schwierigkeiten der irregulären Lage be­deutend abgeschwächt seien. Eine Legalisirung der bul­garischen Verhältnisse bleibe sehr wünschenswerth. Allein dies hänge nicht ausschließlich von Oesterreich-Ungarn ab. Die Tragweite dieser zuversichtlichen Worte Kalnokys läßt sich klar übersehen. Trotz aller russischen Jntriguen schreitet Bulgarien vorwärts unter dem moralischen Beistände Oesterreich-Ungarns, das in Bulgarien eine Vertheidigungs - Position gegen die russischen Balkan- Pläne findet und wachsam den russischen Jntriguen, wie sie sich ini Panitza-Prozesse gezeigt, gegenübersteht. Von Serbien hat dagegen Oesterreich nichts mehr zu hoffen. In der vorjährigen Delegation glaubte Graf Kalnoky noch sein Urtheil über Serbien dämpfen zu sollen, aber diesmal drückte er sich ganz offen aus. Um zu Serbien ein erwünschtes Verhältniß zu erhalten, sei seitens Oesterreich-Ungarns gewiß Alles geschehen, natürlich unter der Voraussetzung der Gegenseitigkeit. Der serbischen Regierung wie der Regentschaft möge der gute Wille nicht fehlen; allein die gegenwärtige Oesterreich-Ungarn unfreundliche, wenn nicht feindliche Strömung in Serbien sei vielleicht stärker als die Auto­rität der Regentschaft und der Regierung, welche dem Treiben der Presse gegenüber hilflos sei. Eine Preß- Freiheit, wie sie in Serbien herrsche, könnten nur hoch- civilisirle Nationen vertragen. Wo moralisch und poli­tisch unreife oder unwürdige Elemente sich der Feder bemächtigen, vermöge eine solche Preß-Freiheit großen Schaden anzurichten. Aus der bisherigen, stets wohl­wollenden Haltung Oesterreich-Ungarns habe Serbien großen Nutzen gezogen. Es werde nicht die Schuld Oesterreich-Ungarns sein, wenn diese Haltung sich in eine nicht entgegenkommende verwandeln sollte. Gegen­über den fortdauernden freundschaftlichen Versicherungen der Regentschaft und der Regierung müsse die öster­reichisch-ungarische Regierung die Erwartung aussprechen, daß Regentschaft und Regierung auch die erforderliche Autorität besäßen und den Versicherungen thatsächlichen Rückhalt gäben. Die österreichisch-ungarische Regierung habe Serbien zu keinem Zeitpunkte in Zweifel darüber

Kreise das Leben nach seiner Neigung auszugestalten. Das, dächte ich, wäre in diesem Winter in diesem Hause geschehen."

„Das ist geschehen," stimmte Leontine bei. „Es erfaßt mich oft ein Bangen, daß dieses friedliche Zu­sammenleben nur kurze Zeit währen könne."

„Wenn auch die Gegenwart zur Vergangenheit wird und werden muß, versetzte der Maler, so bleibt uns doch die Erinnerung. Sie ist das Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können."

„Finden Sie sich damit so leicht ab?" fragte sie, und es klang wie Bitterkeit durch ihren Ton.

„Leicht oder schwer, es muß eben abgefunden werden," antwortete er, „und ein herber, aber hoher Genuß liegt in der Entsagung."

„Danke recht schön, Herr Wollenberg," ließ sich da eine muntere Stimme vor der Thür vernehmen, „danke für den Genuß. Nein, ich entsage nur, wenn es durch­aus nicht anders geht, dann aber ohne viel Geschrei, das scheint mir die rechte Weisheit."

Es war Alwine, die leise die Thür des Zimmers geöffnet und die letzten Worte gehört hatte.

„Jeder hat seine Weise, das Leben zu betrachten, Fräulein," sagte der Maler, „und jede Anschauungs­weise mag in gewissen Sinne ihre Berechtigung haben."

„Bitte, liebe Leontine, aeeeptire die meinige, Du stehst Dich besser dabei," rief Alwine lachend und trat