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JV 135.

Sonntag, den 15. Juni 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Die ,Fulda er Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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3M5r Zweites Blatt. 'WG

Dem hochnmrd. Herrn Kischof von Fulda.

Gruß aus dem Ohmthal!

uns gegrüßt, erhabener Gast!

Sei uns willkommen! — Rosenbestreut vJO Liegen die Straßen, maienumsäumt, — Reich in der Tanne ewigem Grün Dehnen die Pforten sich, — wogen die Fahnen Stolz in den Lüften, — Blüthenpracht, Sonniger Lenzschmuck grüßet hernieder Von der Fagaden blumigem Rand, — Ragen die Säulen, sinnig umwunden Mit der Guirlanden schwellendem Moos, — Feiern in tief andächtigem Schweigen Heilige Hallen int bräutlichen Schmuck, — Harrt der Kanonen metallener Mund, Laut zu tragen und donnernd die Kunde Weit in das Land, — harren der Glocken Festliche Klänge, — —

Sehnen die Herzen sich All Deiner Kinder verlangender Schaar, Glühen entgegen Dir liebende Seelen, Leuchten die Blicke heiß drängender Herde: Komm guter Hirte! — Hörst Du ihr Rufen, Hörst Du ihr Klagen, daß Du verweilest Lange, zu lange schon? — Komme doch, komme, und Sei uns willkommen! sei uns gegrüßt! Sch.

5 Zeitgemäße Plauderei?)

Wenn in den Mädchenschulen des künftigen Jahr­hunderts die sorgsame Lehrerin den Plappermäulchen einen Vortrag über die traurigen Folgen der Ge­schwätzigkeit halten wird, so wird sie aller Wahrschein­lichkeit nach zum abschreckenden Exempel das traurige Geschick des Fürsten Bismarck erwähnen. Wie er ein so ungeheuer großes Ansehen in der Welt genossen und doch innerhalb etlicher Monate seinen ganzen Nimbus in Grund und Boden geredet habe. Alle Tage einige Zeitungsspalten voll von Interviews-Be­richten, in denen sich Trivialitäten, Taktlosigkeiten, Verbohrtheiten und Selbstberäucherungen mischen, das hält selbst der Ruhm des Fürsten Bismarck nicht aus! Man liest den Quark und fragt sich verwundert: Ist das der Geist, der jahrzehntelang die Welt in tiefem Respekt zu halten wußte? Die Spötter sagen: Seht ihr jetzt, aus welchem ganz gewöhnlichem Holze das Götzenbild geschnitzt war, vor dem ihr so lange euch im Staube gewälzt habt! Die ehemaligen Verehrer aber seufzen: Ach, welch' ein edler Geist ward hier zerstört.

*) Nachdruck nicht gestattet.

Roman von ®. I. (63. Fortfetzung.)

Auch der Maler chatte, in seine Wohnung zurück­gekehrt, noch lange nicht daran gedacht, sein Lager aufzusuchen. Ruhelos ging er auf und ab und ver­längerte sich die Bahn, die er durchmessen wollte, da­durch, daß er die Thür des an sein Wohnzimmer stoßenden Ateliers öffnete und durch beide Räume un­zählige Male hin- und herfchritt. Er war in einer gewaltigen Aufregung und kämpfte schwer und ernst, wie es nur eine so auf sich selbst gestellte Natur ver­mag, eine Natur, welche die größten Opfer bringen kann, ohne dabei nur mit dm Wimpern zu zucken, ohne nur eine Seele ahnen zu lassen, daß sie über­haupt gekämpft und gesiegt habe.

Wollenberg gehörte zu jenen Menschen, die nicht leicht etwas unbewußt thun, und so war ihm denn auch, nachdem er nur einige Male mit Leontine zu­sammen gewesen, klar geworden, daß er hier eine ihm auf's Innigste verwandte Seele gefunden habe und daß sich bei längerem Verkehr eine große tiefe Neigung, wie sie gerade ein scheinbar so eng umpcmzertes Herz wie das {einige zu fassen und dann für alle Zeiten zu bewahren int Stande ist, für das junge Mädchen entwickeln werde.

Ein Vierteljährchen bloß hat der „größte Staats­mann seines Jahrhunderts" und „der größte Deutsche aller Zeiten" gebraucht, um sich schlechthin unmöglich zu machen. Unmöglich nicht bloß beim Kaiser Wil­helm, sondern auch bei denjenigen politischen Parteien, welche früher auf seinen Namen ihre Kandidaten wählen ließen. Wie anders stände Fürst Bismarck jetzt da, wenn er von dem Augenblick seines Rücktritts an den Mund gehalten hätte! Dann würde man ihn immer noch für den Alles überragenden Säcularmen- fchen, für den Hort des Reiches und den Retter in einer etwaigen Noth gehalten haben. Jetzt aber gleicht er dem invaliden Großvater, der von seinem Sessel aus unaufhörlich die Luft mit Schallwellen füllt, ob- fchon Niemand seine Ergüsse beachtet.

Der Müßiggang ist bekanntlich für Leib und Seele gefährlich. Es heißt, daß die Hamburger Verehrer des Fürsten Bismarck ihm ein Haus in Hamburg schenken wollen, damit er dort im Winter wohne. Sie sollten noch einen Schritt weiter gehen und möglichst dafür sorgen, daß der Reichskanzler a. D. irgend einer Beschäftigun g sich zuwendet, die ihn von dem be­denklichen Zeitvertreib der Interviews abbringt. Auch diejenigen Verehrer, welche ihm bei lebendigem Leibe ein Denkmal zusammenkollektiren, sollten diesen Gesichts­punkt in Betracht ziehen. Bei der Entgegennahme von materiellen Huldigungen hat er sich bekanntlich niemals spröde gezeigt; cs käme also nur darauf an, etwas auszuführen, was sein Interesse und seine Zeit dauernd in Anspruch nehmen kann, irgend ein landwirthschaft- liches oder industrielles Unternehmen, welches etwas besonders Fesselndes an sich hat. — Wer hätte vor Jahresfrist gedacht, daß man darauf sinnen müsse, dem Fürsten Bismarck zu einem Zeitvertreib zu verhelfen!

Vorige Woche sah es beinahe so aus, als ob uns das Schauspiel eines berühmten Parlamentariers a. D. neben dem des großen Reichskanzlers a. D. be- scheert werden solle. Eugen Richter drohte mit seinem Rücktritt, wenn nicht das Unrecht gesühnt würde, was ihm die „Wadenstrümpfe" seiner Partei zugefügt. Ich hätte gern mal gesehen, wie sich Eugen im Ruhestände macht. Wahrscheinlich hätte er den Ruhestand mit mehr Selbstbeherrschung und Klugheit ertragen, als Fürst Bismarck. Die Probe ist uns aber vorläufig versagt geblieben. Die freisinnigen Volksvertreter haben eine große Sitzung abgehalten als Schiedsgericht und Eini­gungsamt. Zunächst wurden endlose Reden gehalten, 4 Stunden lang. Dann setzte man vernünftiger Weise die Redner-Tribüne in Ruhestand und steckte die Köpfe zusammen, um einen praktischen Verständigungs-Vor­schlag zu finden. So fand man denn eine Formel für den „Ausgleich", der eigentlich fein Ausgleich, aber doch eine Verkleisterung des Risses ist. Was ich be-

Sein erster Impuls bei dieser Wahrnehmung war, die gefährliche Nähe feiner Schülerin zu fliehen und unter irgend einem Vorwande den Unterricht aufzu­geben, denn daß diese durch Leontine's Gegenliebe sich zu einer beglückenden für ihn gestalten könne, das zu hoffen, hinderte ihn feine grenzenlose Bescheidenheit, um so mehr, als er, obgleich er nicht fragte, sehr gut wußte, von welchem Herkommen sie eigentlich fei. Er verstand vortrefflich zu kombiniren; das räthselhafte Verschwinden des Fräulein Leontine von Reina war auch in Künstlerkreisen, denen der Baron ja immer nahe gestanden hatte, besprochen worden, und dieser Umstand, verbunden mit gelegentlichen Aeußerungen von Gringrnuth und Leontine, ließen ihn nicht zweifeln wen er in ihr eigentlich vor sich habe.

Wenn er nicht floh, wenn er wieder unb wieder kam, um sich den Pfeil tiefer in die Brust zu drücken, so geschah dies nicht, weil sein Wille schwach, sondern weil er von der Stärke desselben überzeugt war. Er sah, daß er Leontine nothwendig war, nicht nur, zur Ausbildung ihres Talents, sondern zum schönen har­monischen Entfalten ihres ganzen Wesens, daß er einen erziehenden Einfluß auf sie ausübte, und je theurer sie ihm ward, desto mehr hielt er sich in seiner Selbst­losigkeit verbunden, zu geben, wo er auf keine Ver­geltung rechnen zu können und rechnen zu dürfen glaubte.

wundere an diesem „Ausgleich", ist die geniale Erfin­dung der Doppel-Präsidentschaft. So etwas hat man sonst noch nie und nirgends in der Welt ge­sehen. Keine Partei und kein Verein dürste so reich mit „Präsidenten" gesegnet sein, wie die freisinnige Reichstags-Fraktion. Sie hat nämlich zur Leitung der Geschäfte zwei Ausschüsse, einen Dreizehner- und einen Siebener-Ausschuß, und jeder Ausschuß hat zwei Präsi­denten die thatsächlich gleichberechtigt sind und sich bloß durch die Nummern 1 und 2 unterscheiden. Mit dem alten System eines Vize- oder Stellvertretungs- Präsidenten ist hier gebrochen; die beiden Vorsitzenden herrschen umschichtig. Wenn der Wasserstiefel in der einen Sitzung den Vorsitz geführt hat, so setzt der Lack- stiefel sich in der nächsten Sitzung auf den Präsiden- teustuhl. Abwechselung hält den Frieden. Wenn diese neue Erfindung in Frankreich Anklang finden sollte, so erleben wir es vielleicht noch, daß die Republik zwei Präsidenten bekommt: das eine Staatsoberhaupt herrscht an den ungeraden, das andere an den geraden Tagen. Wäre das nicht der denkbar beste Ausgleich zwischen den radikalen und den gemäßigten Republikanern! Es lebe die Erfindung der umschichtigen Eintracht! —

Um nun endlich aus dem Irrgarten der Politik herauszukommen, möchte ich der begonnenen Reise- Periode gedenken. Aber da stoßen wir gleich auf die verunglückte Spritzfahrt der Ungarn nach Berlin, welche wieder mit einem politischen Anstrich versehen ist. Es sollte nämlich damit eine Hochpoütische-Bum- melei und „Nassauerei", wie die Berliner sagen, in Gang gebracht werden. Ein schlauer Inhaber eines Reise-Komptoirs sammelte einen Haufen zahlungsfähiger Menschen, kündigt sie am Reiseziel als „Vertreter der befreundeten Nation" an, um einen offiziellen Empfang, glänzende Begleitung und üppige Bewirthung für seine Klienten herauszuschlagen und lacht sich dann in's Fäustchen über den Aufschwung seines Geschäftes. Es war nahe daran, daß der ungarische Schaumschläger Berlin über den Löffel barbierte. Zum Glück schlugen zwei Zeitungen, welche sonst wie Wasser und Feuer unterschieden sind, mit vereinten Kräften rechtzeitig Alarm, so daß die Blamage der feierlichen Einholung von einigen Dutzend ganz gewöhnlicher magyarischer Reise-Onkels noch vermieden wurde.

Trotzdem soll aber in nächster Zeit in Berlin die Verbrüderung der Stämme und Völker mächtig beredet, begossen und beknallt werden, nämlich auf dem X. deutschen Bundesschießen. Die ganze Fest­schießerei und Schützenfeierei kommt mir etwas alt­modisch und unmotitiirt vor. Es ist noch ein Nach­klang aus der „guten alten Zeit", als es für die edelste Beschäftigung eines Mannes galt, lebende Wesen tobt zu machen, im Kriege ober auf ber Jagb. Die

Leontine's Benehmen gegen ihn hätte einen eitleren ober nur einen weniger bescheibenen Menschen boch zuweilen auf bie Vermuthung gebracht, seine Gefühle würben ertoibert, unb Wollenberg hätte nicht ber feine Beobachter fein müssen, ber er war, wenn ihm alle bie kleinen barauf beutenben Symtome entgangen wären. Ueberließ er sich aber zuweilen bem Glücke dieses Be­wußtseins, so wies er es in der nächsten Stunde wie­der weit von sich und auf jeden Fall verpflichteten ihn Ehre und Gewissen, auf feiner Hut zu sein. Er, der arme, unbedeutende Maler, war nicht der Mann, den ein Fräulein von Reina gewählt haben würde, wenn sie im elterlichen Hause gelebt hätte, er wollte aus ihrer schutzlosen Stellung, aus ihrer Loslösung von dem Boden, dem sie durch die Geburt angehörte, keinen Vortheil für sich ziehen.

Und trotz aller Vorsicht mußte er sich verrathen geben, anders war Leontine's heutiges Betragen nicht zu deuten. Dieser Gedanke war es, der ihn beun­ruhigte, die sich für ihn daraus ergebende Konsequenz des Handels die Erwägung, mit welcher er sich in den stillen Stunden ber Nacht beschäftigte. War es nicht vielleicht am besten, er schrieb morgen an Leontine, baß eigene bringenbe Arbeiten ihn verhinderten, den Unterricht fortzusetzen?

Er hätte damit nicht einmal eine Unwahrheit ge­sagt. Seit er Leontine zum ersten Male gesehen, trug