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17. Jahrgang

Sonntag, den 15. Ium 1890.

Fuldaer Zeitung

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Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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ew Blatt. K

M Die AnlisKlaverei- Konferenz.

Das edle, von dem Kardinal Lavigerie angeregte Liebeswerk der Sklavenbefreiung, welches auf dem zu Brüssel tagenden Kongresse seinen vollen Ausdruck in der Vereinbarung gemeinsamer Regierungsmaßnahmen auf internationaler Basis zur wirksamen Bekämpfung der Greuel des Sklavenhandels, jenes Hohnes auf die Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts, finden sollte, scheint, wie so vieles Edle und Gute, an nichtigen Sonderinteressen, nationalen Eifersüchteleien und niedriger Habsucht scheitern zu sollen. Anstatt dem hehren Rufe des greisen Kardinals, dem nur ideale Nächstenliebe, ein imperatives Gebot der Menschlichkeit, vorschwebt, in uneigennütziger Weise Folge zu leisten, benutzen die meisten Regierungen die Unterdrückung der Sklaverei nur als Aushängeschild zur Bemäntelung ihrer, lediglich materiellen, kolonialpolitischen Bestrebungen, und ver­schanzen sich bei den Berathungen der Antisklaverei- Konferenz hinter solchen von merkantilen Rücksichten diktirten Klauseln, daß sich der ausgesprochenste San­guiniker keine praktischen Erfolge des Kongresses ver­sprechen kann.

Das einzige Gute, welches die Konferenz, aller Schwierigkeiten und Verwickelungen ungeachtet, bewirken mag, ist die Lenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit auf Institutionen, deren Fortbestand eine Schmach für unser Jahrhundert ist, und zu deren Hebung sie die Mittel angibt. Wird es auch nicht gelingen, den Maß­nahmen, welche allein einen Umschwung zum Bessern Hervorrufen können, gesetzliche Kraft zu verleihen, so wird Europa dennoch über deren Zweckmäßigkeit und Dringlichkeit aufgeklärt, und wenn ein gemeinsames Vorgehen aller Mächte nicht zu erzielen ist, so wird hoffentlich die öffentliche Meinung in jedem einzelnen Staate, der Besitzungen in Afrika hat, die gesetzgebenden Körper des Landes bestimmen, diesbezügliche Verord­nungen zu erlassen.

Die gefährlichsten Klippen für die Konferenzbeschlüsse waren und sind: das Verbot der Waffeneinfuhr, dasjenige des Spirituosenverkaufs und das Schiffsdurchsuchungsrecht.

Für jedm Afrikakenner ist das Verbot der Waffen­einfuhr eine conditio sine qua non für die erfolgreiche Bekämpfung des Sklavenhandels, da drei Viertel aller nach Afrika exportirten Waffen, besonders der Birming­hamer Steinschloßgewehre, von notorischen, arabischen Sklavenjägern erstanden werden zur Ausrüstung ihrer Karawanen. Es ist daher Menschenpflicht, den heim­lichen Verkauf von europäischen Waffen an Araber oder eingeborne Volksstämme streng zu untersagen, welche Sklavenraub als vortheilhafte Mittel zur Bereicherung oder territorialen Vergrößerung betrachten. Leider würde ein solches Verbot den Birminghamer Großindustriellen schlecht behagen, weßhalb sie durch ihren Vertreter Chamberlain auf das Kabinet Salisbury dahin ein­wirkten, daß die von der Konferenz gefaßten Vestim- mungen eine solche dehnbare Fassung erhielten, daß ihre Wirkung vom internationalen Standpunkte illusorisch ist.

Gegen das Spirituosen - Einfuhrverbot treten die Hamburger Exporteure und deutschen Großgrundbesitzer mit dem Bemerken in die Schranken, daß eine gänzliche Untersagung des Handels mit alkoholischen Getränken eine nutzlose Schädigung der Händler und Brenner sei, indem dort, wo sich der Hang nach Branntweingenuß schon eingebürgert habe, derselbe auch nicht durch eine drakonische Gesetzgebung ausgerottet werden könne. Könne der Eingeborene seinen Durst nicht mehr von deutschem Produkte stillen, so würden in den Schutz­gebieten schon Destillerien errichtet werden, denen Zucker­rohr, Banama und ähnliches herrliche Ersatzmittel für Getreide und Kartoffel bieten. Auch in diesem Punkte siegte der in plausible Form gekleidete Eigennutz über die Bedenken der philantropischen Diplomaten, und es wurde nur eine Strafe vereinbart für die Einschleppung berauschender Getränke in solche Gegenden, die durch das Laster der Trunksucht noch nicht verseucht sind, und das Verbot der Einfuhr gefälschter Spirituosen wurde nur als Wunsch in das Protokoll ausgenommen.

Bei der Debatte über das Schiffsdurchsuchungsrecht war es die Scheelsucht Frankreichs, welche die Verhand­lungen scheitern ließ. Eifersüchtig über die hervor­ragenden Rollen, die England und Deutschland auf dem Kongresse spielen, ergreift Frankreich jede Gelegen­heit, praktische Resultate zu vereiteln, und der fran- zösische Gesandte Bouree schreckte selbst vor Wortbruch und Indiskretion nicht zurück, um durch vorzeitige Mit­theilung der belgischen Vorschläge an den Redakteur des ,Temps' Stimmung gegen jene zu machen. Die politische Gruppirung der europäischen Mächte bedingte, daß Rußland Frankreichs Ablehnung des Schiffsdurch­suchungsrechtes beipflichtete, da beide Staaten darin angeblich eine Behelligung des Seeverkehrs erblickten.

Befremdend ist, daß des wichtigsten Faktors zur Bekämpfung der Sklaverei, des Missionswesens, keine Erwähnung geschieht. Eben dadurch, daß der Missionar, jeder nationalen Fessel ledig, sein ganzes Sein aufopfert für das Wohl der geknechtetm Mensch­heit und sie aus dem verrohten Zustande des Heiden- thums der Glück spendenden christlichen Heilslehre zu­führt; dadurch, daß er den Nomaden auf der Scholle seßhaft macht, ihn durch Anlernling zur freien Arbeit zum nützlichen Gliede der menschlichen Gesellschaft macht, ist sein Wirken für alle Völker so ungemein werthvoll. Es wäre daher sicherlich angezeigt, die Kongoakte auf s ä m m t l i ch e überseeischen Besitzungen auszudehnen und den Missionen die fteieste Entwicklung und allseitige Unterstützung zu sichern. Schließt die Antisklaverei- Konferenz, ohne dieser Bestimmung internationale Kraft verliehen zu haben, so kann man kühn ihre ganze Dhätigkeit als gescheitert betrachten.

Deutsches Keich.

Berlin, 13. Juni.

* Bei der gestrigen Kommissionsberathung der Militärvorlage führte der Abg. D r. Windt- horst, wie wir der .Germania' entnehmen, Folgen­des aus:

Ich binde mich heute in keiner Weise für die schließliche Abstimmung und muß mir Vorbehalten, je nach der Annahme der Resolutionen, die ich Vorschläge, Stellung zu nehmen. Ich werde nie aufhören,'die alljährliche Bewilligung der Präsenzziffer zu verlangen, das entspricht der Verfassung, so wie ich sie auffasse, und dem konstitutionellen Prinzip, wie es sich in England bewährt hat. Vertrauen gegen Vertrauen: Niemand in Deutschland wird je die Aufrechterhaltung einer tüchtigen Armee verweigern; die jährliche Bewilligung bietet nur dem Parlament das legale Mittel, um dem Mißbrauch entgegenzu­treten. Ich theile die Ansicht Ricketts vollständig und hatte ur­sprünglich die Absicht, für seinen Antrag (die jährliche Bewil­ligung des Militäretats in das Gesetz auszunehmen) zu stimmen. Hätte die Regierung den Antrag Rickert acceptirt, so würde die Annahme der Vorlage gesichert gewesen sein; heute ist die Annahme unsicher geworden. Die Regierung sollte noch heute den Antrag Rickert acceptiren; wenn sie es aber nicht thun will, so fragt es sich, ob wir sie beugen können. Wer nach der Erklärung des Reichskanzlers noch für den An­trag Rickert stimmt, möge das Mittel zur Beugung bezeichnen. Ich bin der Ueberzeugung, wir können den Antrag Rickert ohne Gefährdung wesentlicher Interessen nicht durchsetzen. Die Vor­lage in ihrer heutigen Begrenzung konzentrirt sich wesentlich auf die Vermehrung der Artillerie und auf die Ausgestaltung der schon bewilligten 2 Armeekorps; in letzterer Beziehung ist sie nur die Folge srüherer Beschlüffe, die ich bedauere, für die ich nicht verantwortlich bin. Bezüglich der Artillerie ist uns nachgewiesenworden, daßwirhinterFrank- reich wesentlich zurückstehen und ich kann meine Brüder nicht mit einer inferioren Artillerie indenKriegziehenlassen. Steht das fest, daß es sich um eine nothwendige Forderung handelt, so dürfen wir an die Bewilligung dieser Forderung auch keine Bedingung knüpfen, die einer Ablehnung gleichkommt. Ich beklage daher, die Rickett'sche Forderung in diesem Augenblick nicht aufrecht erhalten zu kön­nen ; ich will aber den Rickert'schen Gedanken festhalten und nur den drohenden Konflikt vermeiden. Die Gelegenheit zu einer Kraftprobe liegt heute sehr viel ungünstiger, als beim Septennat im Jahre 1887. Deshalb schlage ich den Weg zur Resolution ein, in welcher das Prinzip jährlicher Bewilligung festgehalten und nach zwei Seiten gesichert ist, einmal nach Seite der ver­bündeten Regierungen, von welchen erwartet wird, daß bei noch­maliger Aenderung der Präfenzziffer die einjährige Bewilligung in das Gesetz ausgenommen werde, sodann gegenüber dem Reichs­tage, welchem Vorbehalten bleibt, schon bei früherer Gelegenheit diesen Grundsatz zur Geltung zu bringen. Wenn also die Re­gierung meint, den Anttag Rickert bekämpfen zu müssen, so ver­tage ich lediglich den Kampf. Die Resolution dient also zur Vorbereitung der Endentscheidung. Auch beim Hebel muß man vor Allem die Unterlage prüfen, ob sie stark genug ist; hier haben wir eine genügende Grundlage zur Zeit nicht, um den

Hebel einsetzen zu können. Aber nochmals: ich verstehe den Widerstand der Regierung gegen den Antrag Rickert nicht, denn mit der Annahme dieses Antrags von Seiten der Regierung werde die Annahme der Vorlage durch den Reichstag gesichert.

Nach Erklärungen anderer Abgeordneter, insbesondere der Abgg. Rickert und Richter, fügte der Abg. Windthorst seinem ersten Vortrag noch bei: Ich habe nichts dagegen zu er­innern, wenn die Fraktionen zunächst noch die Resolution näher prüfen wollen und wenn heute noch keine Abstimmung stattfindet. Die Angelegenheit ist zu ernst, um im Galopp behandelt zu werden. Mit jedem Tag wird die Ruhe und Ueberlegung größer und auch dem Volk draußen niuß mehr Ruhe und Ueberlegung gelassen werden. Der Abg. Richter will wissen, wie das Cen­trum stimmen wird, um sich danach zu richten, wie bei der Sperrgeldervorlage. Das ist wirklich zuviel Ehre für uns, und ich kann die Herren nur bitten, stimmen Sie lediglich nach sach­lichen Gründen und nicht nach der Abstimmung anderer Fraktionen. Richter will überall Gegensätze in den Erklärnngen meiner Freunde herausfinden; möge er sich an meine Erklärungen halten, dann wird er so ziemlich das Centtum vor sich haben. Rickert und Richter betonen, daß ihr Antrag eine populäre For­derung enthalte; es bedarf dieser Betonung nicht, denn ich habe nur die Frage aufgeworfen, ob wir durch Aufstellung einer von der Regierung für inacceptabel erklärten Forderung zum Kon­flikt treiben sollen? Einen Stein, der mir im Wege liegt, und den ich beseitigen muß, hebe ich dann, wann ich genug Kraft habe. Ich meine, daß unsere Kraft jetzt noch nicht ausreicht, daß aber die Gewalt der Umstände in ihrer Entwickelung uns bald in die Lage versetzen wird, Kraft genug zu besitzen. Die Aeußerung des Reichskanzlers, daß er übers Jahr kampfesbereit sein werde, fasse ich nicht so auf, als ob der Kanzler alsdann uns noch weniger entgegenkommen werde, als heute: der Kanzler ist General und zu alt, um nicht zu wissen, daß man Krieg führt nicht um des Krieges willen, sondern um einen leidlichen Frieden zu behalten. Auf dem politischen Gebiet ist es immer von Ge­winn, wenigstens für den Augenblick den Frieden zu erringen. Wenn wir einmüthig die Vorlage und die Resolution acceptiren, haben wir eine Thal gethan, für die uns das Vaterland, wenn -auch nicht gleich, so doch später dankbar sein wird. Ich lege ein großes Gewicht darauf, daß man im Ausland wisse: in Dingen, wo es sich um die Sicherheit des Vaterlandes handelt, da gehen hier die weitesten politischen Gegensätze nicht ausein­ander. Einzelne Mitglieder der Regierung greifen uns aller­dings in der unverantwortlichsten, geradezu unverständigen Weise an ; allein wenn diese unverständige Sachen machen, folgt daraus nicht, daß wir auch unverständig sein müssen: das Interesse des Vaterlandes erfordere Vermehrung der Arttllerie und zwar so bald wie möglich; aus patriotischen Gründen dürfen wir ohne Rücksicht auf andere Dinge jetzt nur an die Vertheidigung des Vaterlandes denken. Bon der verlangten Erhöhung der Offiziers geh älter bewillige ich keinen Pfennig. Wir werden aber schon im Herbst eine bessere Gelegenheit, als die gegenwärtige Vorlage bietet, bekommen, um auf die Sache selbst zurückzukommen. Nach meiner Ueberzeugung würde die Ablehnung der Vorlage eine Gefahr herbeiführen, die wir alle nicht wünschen. Nicht als ob ich die Auflösung des Reichstags fürchtete; die Auflösung würde eine v e r st ä r k t e Opposition zurückbringen. Also die Auflösung schreckt uns nicht; wenn aber eine so verstärkte Opposition wieder kommt, was dann geschieht — erörtere ich nicht.

* Die .Kreuzztg.' schreibt: Die Centrumsfraktion des Reichstags dehnte ihre gestrige Sitzung bis 11'/, Uhr aus. Die Debatten über die Militärvorlage waren sehr lebhaft. Dr. Windthorst machte die Eröffnung, daß die verbündeten Regierungen, falls die Militär- Vorlage abgelehnt werden sollte, auf alle Fälle zur Auflösung des Reichstages schreiten würden; man glaubt, daß ein erheblicher Theil der Fraktion die Militärvorlage ablehnen wird. — Zu der Drohung mit einer Auflösung des Reichstages bemerkt die .Germania': „Täusche man sich darüber nicht: man erhält auf m i l i t ä r i s ch e m Gebiete nicht mehr bewilligt, als der jetzige Reichstag, der für alle begründeten ernsten Forderungen des Vaterlandes eine Mehrheit hat, zu bewilligen bereit ist. Eine Auflösung des Reichstages würde bei der Volksstimmung die links stehenden Parteien noch mehr verstärken, und zwar um so stärker, je weiter sie links stehen. Die Regierung wird daher im Interesse dieser militärischen Forderungen und aller sonstigm Aufgaben handeln, wenn sie diesem Reichstage die An­nahme möglich macht, also mit sich reden läßt bezüglich der — Kompensationen! Bezüglich der Dienstzeit ins­besondere betrachten sich Millionen und Millionen von deutschen Bürgern, diejenigen, die selbst gedient haben, als Sachverständige, und erllären ihrerseits bei In­fanterie und Jägern eine Herabsetzung der Dienstzeit für angänglich!"

* Die Arbeiterschutzkommission des Reichs­tags berieth heute den § 120, welcher über die Fort­bildungsschulen handelt zu deren Besuch die Arbeitgeber den Arbeitern unter 18 Jahren die erforderliche Zeit gewähren müsfen. Nach einer längeren Debatte wurde schließlich der Paragraph mit dem Zusatz angenommen,