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„V 134.

Samstag, den 14. Juni 1890.

17. Jahrgang

Bierteljührlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

15,587 Bergleuten aufgestellte Arbeiter-Kandidat nur relativ geringe Stimmen auf sich vereinigt hatte.

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Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Psg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Die Kammer-Wahlen in Zeigten.

h Brüssel, 11. Juni.

Der gestrige Tag war für die Zukunft der katho­lischen Partei und der Regierung in Belgien ein über­aus wichtiger. Die Hälfte der Kammer, die aus 138 Deputirten besteht, stand gestern zur Neuwahl. Be­kanntlich zählte die katholische, die sogenannte „kleri­kale" Partei bisher 82 Mitglieder, also 13 über die absolute Mehrheit, während die Liberalen 43 und die „Unabhängigen" 13 Sitze einnahmen. Von den aus- scheidendm Deputirten waren 38 Liberale, 31 Katho­liken, von den Liberalen blieben also noch 5 in der Kammer zurück, von den Katholiken dagegen 53, so daß letztere immerhin schon von vorn herein bedeutend im Vortheil waren. Von dm Ausfcheidenden fielen auf die Provinz Ost-Flandem 22 (davon 21 Katho­liken), auf Hennegau 25 (davon 2 Katholiken), auf Lüttich 17 (3 Katholiken), auf Limburg 5 (sämmtlich Katholiken). . «<.«.«•

Seit langer Zeit haben die Liberalen alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Konservativen das Ruder wieder aus der Hand zu windm. Die bekannten Spitzel- Prozesse, die Mondion-Rieter-Affaire und tausend an­dere Dinge hat man benutzt, um mit Lug und Trug gegen die katholische Partei, mit der die Independenten Hand in Hand gehen, zu kämpfen und ihr für die Wahlen den Boden wegzuziehm. Aber selbst der rosigste Optimismus konnte die liberalen Aussichten im Ernste nicht für günstig halten, trotz des großen Geschreies der liberalen Presse. Nicht nur haben die Katholiken bei den unlängst stattgehabten Provinzial - Wahlen an Terrain gewonnen, statt, wie die Liberalen gehofft haben, zu verlieren, sondern bei der letzten Ersatzwahl in Neufchateau haben sie sogar ihren Kandidaten mit 164 Stimmen Majorität durchgebracht, während sie bei der Wahl 1888 nur eine Majorität von 45 Stim­men erreicht hatten.

Immerhin war der gestrige Kampf von eminenter Wichtigkeit, er hat für lange Zeit über die Schicksale Belgiens entschieden. Und die Entscheidung ist, wie wir' zu unserer Freude konstatiren können, für die Katholikm Belgiens fehr günstig ausgefallen. Der Haupt-Kampf drehte sich um Gent. Ein liberales Blatt schrieb vor wenigen Tagen: „In Gent und seinen 8 Deputirten - Sitzen entscheidet sich die Bedeutung des Tages. Der Sieg der Katholiken in Gent heißt die Sicherungder konservativen Herrschaft auf Jahre hinaus, ein liberaler Genter Sieg bedeutet deren nahes Ende, weil Brüffel im Jahre 1892 die Macht-Entfcheidung in Händen hat."

Die Liberalen glaubten in der That, wie aus ihren Organen hervorgeht, an die Möglichkeit des Sieges in Gent. Nun, die Bedeutung des Tages hat sich in

Po man von G. I. (62. Fortsetzung.)

Meinen Sie, daß auch ich beobachtet werde?"

'^Jch habe allen Grund, dies zu vermuthen. Um zu verhüten, daß Sie den direkten Weg nach dem Kreuzberg einschlagen, bin ich heute mitgegangen.

„Wäre es da nicht besser, wir stellten unsere Be­suche dort lieber ganz ein?" fragte Wollenberg.

„Meinen Sie denn, daß Leontine Ihren Unterricht schon entbehren kann?" fragte Gringmuth dagegen.

„Für die Arbeiten, welche sie des Absatzes halber vorzugsweise anfertigen muß, reicht ihre Technik aus," versetzte der Maler.

„Die Technik, das mag sein; wird sie aber ohne die Anregung, die sie durch Sie empfängt, so frisch weiter schaffen können, wie bisher? Ich bezweifle das."

„Welche Anregung könnte die junge Dame wohl von mir bekommen?" fragte der Maler mit einer ab- weifenben Geberde.

„Hören Sie, Freundchen, zu weit getriebene Tugenden können zu Lastern werben; auch die Bescheidenheit," sagte Gringmuth nachdrücklich, „das ist indeß ein Kapitel, das wir ein anderes Mal abhandeln können. Zunächst möchte ich Ihren Vorschlag erwägen."

Deutsches Keich.

Berlin, 12. Juni.

* Der deutsche Handwerkertag wurde be­kanntlich in Berlin vom 1. bis 3. d. M. abgehalten. Schärfer als je haben diesmal die Handwerker ihre Forderungen betont; der Kaiser hat eine Deputation der Handwerker empfangen und dieser eine genaue Prüfung ihrer in einer Jmmediat-Eingabe nieder­gelegten Wünsche und Beschwerden zugesagt; die Hand­werker aber sind überzeugt, daß, wenn nicht bald eine wirkliche Organisation des Handwerks in Angriff genommen wird, der Handwerkerstand nicht lange mehr dem doppelten Druck, den die Großindustrie von der einen und die Sozialdemokratie von der andern Seite ausüben, wird aushalten können, und daß schließlich die proletarisirten Handwerker nur die Reihen der Sozialdemokraten verstärken werden. Die dem Kaiser überreichte Jmmediat-Eingabe verlangt die Niedersetzung einer Kommission von sachverständigen Personen zur Untersuchung der gesammten Hand­werkerfragen. Die Einsetzung einer Untersuchungs- Kommission ist bereits 1888 vom zweiten deutschen Jnnungstag beim Reichsamt des Innern beantragt worden, doch wurde dieser Antrag ebenso abschlägig beschieden wie das schon 1885 ausgesprochene Verlangen nach einer Handwerker-Enquete. Es muß sich nun zeigen, ob die Handwerker diesmal mehr Erfolg haben werden. Die Handwerker haben auf ihrem letzten Kongreß ihre Hauptforderungen dahin präzisirt: Obliga­torische Innungen und Befähigungsnachweis. Vorläufig wurden besonders die Jnnungsausschüffe empfohlen, in denen man eine Art Vorstufe für Hand- werkerkammern erblickt. Einige Heißsporne verfochten sogar die alte Idee, die Handwerker sollten sich als politische Partei organisiren, aber sehr unnöthig. Die Akten des Reichstags beweisen es, mit welcher Aus­dauer und Wärme seit Jahren das Centrum und die prot. Konservativen für das Handwerk eingetreten sind. Erst jüngst noch sind die Vertreter des Centrums in der Kommission für die Gewerbegerichtsvorlage gegen jede Beschränkung und für eine Erweiterung der ge­werblichen Schiedsgerichte der Innungen mit Erfolg eingetreten. Die Hauptsache ist eine bessere und ge­schlossenere Organisation des Handwerks und die prak­tische Befähigung der Solidarität aller Handwerker. Alle Sonderinteressen und kleinlichen Zwistigkeiten müssen dem großen Ziel untergeordnet werden. Die Gesetzgebung kann nur den Rahmen liefern, den die Handwerker durch energische Selbsthilfe selbst aus­füllen muffen. Es ist eine Thatsache, daß die Hand- brachte der Maler doch in diesem Augenblick gerade einen Akt der größten Selbstlosigkeit, indem er sich ausschloß von der Nähe desjenigen Wesens, das seinem Herzen Alles, seinem Leben Licht und Sonnenschein geworden war! Indem er sich davon ausschloß und noch den Schein auf sich nahm, als thue er es lediglich um seinetwillen. _

„Wie soll die arme Leontine Ihr Ausbleiben tragen?" fuhr Gringmuth fort.

„Sie wird mich nicht vermissen und es geschieht ja auch ihrer eigenen Sicherheit halber."

„Richtig, das hatte ich ganz vergessen! lachte Gringmuth. „Davon gingen wir ja aus. Es ist aber eine verteufelte Geschichte. Wir dürfen ihr nicht sagen, weßhalb wir fortbleiben, sie soll nicht beunruhigt wer­den, so lange es zu vermeiden ist."

„Nach meiner Ansicht sollte sie über das, was ihr droht, nicht in Unwissenheit gehalten werden."

„Wozu das arme Kind ängstigen?"

„Leontine ist kein Kind, sondern ein selbstbewußtes Weib."

„Die Frauen sind und bleiben Kinder."

„Weil es den Männern bequem ist, sie als solche zu behandeln. Ich halte das für unwürdig und glaube z. B. in dem vorliegenden Falle, die junge Dame hätte ein Recht darauf, Klarheit über ihre Angelegen-

Gent entschieden, aber zu Ungunsten der Liberalen. Denn sie haben nicht nur die Katholiken aus ihren 7 Sitzen nicht zu verdrängen vermocht, sondern auch noch den einzigen Sitz, den sie besaßen, an die Katholiken verloren. Die Katholiken haben inGent mit großer Majorität gesiegt.

Im Uebrigen ist der alte Besitzstand im Großen und Ganzen erhalten geblieben. Wenn die Liberalen einen Sitz in Verviers, zwei Sitze in Charleroi, die sie 1886 verloren, diesmal wieder gewonnen haben, so wird dieser Verlust der Katholiken durch den glänzen­den Sieg in Gent vollständig ausgewogen. Ein ge­naues Gesammt-Resultat liegt noch nicht vor. Jn Alod, Andenärde, Maremme, Hasselt wurden die Katholiken wiedergewählt, in Thuin ist ein Fortschritt der Katho­liken zu verzeichnen, indem die beiden bisherigen libe­ralen Abgeordneten mit zwei katholischen Kandidaten in die Stichwahl kommen. In Lüttich, Ath, Tour- nai, Soignies wurden die Liberalen wiedergewählt. Auch liberale Blätter konstatiren, daß im Allgemeinen an dem bisherigen Besitzstand, der den Katholiken in der Kammer einen gewaltigen Vorsprung gibt, nichts geändert wird.

So ist denn die Herrschaft der katholisch-kon- fervativen Partei in Belgien wieder auf lange Zeit hinaus gesichert, denn nach diesem Wahl-Er gebniß können die Liberalen die Hoffnung, daß sie 1892 mit Hilfe der Brüffeler Sitze wieder die Mehrheit in der Kammer erlangen würden, still be­graben. An die konservative Regierung und an die katholische Partei tritt aber, nachdem sie ihren Einfluß auf's Neue befestigt und bestätigt sehen, die gebieterische Pflicht heran, sich der sozialen Reform-Fragen, des Arbeiter-Schutzes endlich mit voller Energie zu widmen, damit sie nicht durch ihre eigene Schuld schließlich einer Bewegung zum Opfer fallen, deren Gewalt und Um­fang gerade in Belgien alle vernünftig urtheilenden Leute mit Bangen erfüllen muß. In den sozialen Auf­gaben liegt de» Schlüssel zum Heile Belgiens und da­mit zugleich zur Befestigung des katholischen Einflusses für eine unabsehbare Zukunft. Die Frage des allge­meinen Wahlrechts, welche die Arbeiter bewegt, tritt vollständig in den Hintergrund vor der eigentlichen Arbeiter-Frage, denn nur die Unzufriedenheit mit der negativen sozialpolitischen Thätigkeit der Regierenden treibt die Arbeiter zu ihren Demonstrationen gegen das bestehende Wahlrecht.

Auch diesmal scheint es nicht ohne die in Belgien schier unvermeidlichen Unruhen und Massen - Demon­strationen abgegangen zu sein. In Gent veranstaltete der liberale Janhagel zur Feier seiner Niederlage blu­tige Schlägereien und tumultuöse Straßen-Aufläufe, in Mons durchzogen große Arbeiter-Massen die Stadt und protestirten gegen das Wahl - System, weil der von

„Sie halten es also auch für das Beste, das Haus der Frau Weinhold zu meiden?" versetzte Wollenberg schnell.

„Die Sache scheint Ihnen ja recht apropos zu kommen! — Sie möchten wohl gern des Unterrichts ledig sein?"

„Ich leugne es nicht, Herr Gringmuth, meine Zeit —"

„Ja, wie man sich doch täuschen kann!" unterbrach ihn Gringmuth. „Ich bildete mir ein, der Verkehr mache Ihnen Freude."

„Das thut er auch," gab Wollenberg zu. „Ich beabsichtige aber, jetzt wieder ein größeres Gemälde anzufangen, die Skizze dazu ist bereits entworfen. Habe ich eine solche Arbeit vor mir, so muß ich mich ganz in sie einspinnen, mit mir und den Gestalten, denen ich Leben und Farbe verleihen will, allein sein, allen störenden Einflüssen die Thür verschließen."

„Und zu den störenden Einflüssen rechnen Sie auch ben Umgang mit befreundeten Personen?"

„Den in erster Linie!" antwortete Wollenberg schnell.

„Ich hätte Sie wirklich nicht für einen solchen Egoisten gehalten, Freunb Wollenberg."

„Der Mnstler muß Egoist sein," war tue kurze Entgegnung.

Was wußte bieser Mann von Egoismus! Voll-

Fuldaer Zeitung

o . . - eg.lfhn „ ,-T, _ Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillinann).

Für btt Redactton verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. *'lue s u