Freitag, den 13. Juni 1890.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Für den neuen Reichskanzler war der vorgestrige
ein entschiedenes Vertrauensvotum entgegengebracht
Roman von G. I. (61. Fortsetzung.)
Der Unterschied zwischen einst und jetzt ist gar zu drastisch. Und so ist man denn auch im Reichstage augenscheinlich geneigt, dem neuen Reichskanzler seine Stellung, auch dem Auslande gegenüber, nicht unnöthiq zu erschweren. Daß seine Geschäftsführung nach einem so gearteten Vorgänger, der auch jetzt noch durch >;ournallsten-^nterviews in die auswärtige Politik hin- elnzuregieren versucht, keine leichte ist, wird Jeder verstehen. Herr v. Caprivi besitzt heute schon das Ber- Uauen der deutschen Volksvertretung in weit höherem Maße, als Fürst Bismarck. Das will viel heißen in einem Moment, da weite Volkskreise in Uebereinstim- wung mit ihren parlamentarischen Führern von den thatsachlichen Forderungen der Regierung auf's Peinlichste berührt sind, und die oppositionelle Stimmung eher zu- als abnimmt. Die Politik des Hasses hat einer Politik der Verständigung und gegenseitigen Achtung Platz gemacht.
Die wichtigste Tagesfrage bilden augenblicklich die Berathungen der Militärkommission des Reichstages. ' Der Eindruck, den die Erklärungen des Schatzsekretärs, des Kriegsministers und des Generals Vogel von Falckenstein sowohl bei den Mitgliedern der Kommission als auch in der Oeffentlichkeit gemacht haben, kann nur als em überraschender, ja verblüffender bezeichnet werden. Es ist deßhalb von nicht zu unterschätzender Bedeutung, daß in der Montags-Sitzung der Reichskanzler von Caprivi selbst erschien und die Militärvorlage ver- theidlgte. Der Reichskanzler hat es zwar nicht ausge- sprachen, aber es lag doch gewissermaßen in der Luft, daß er erschienen war, nicht bloß, um den irrigen Anschauungen in der Presse und in der öffentlichen Mein-
gab, daß sie zuweilen gleichzeitig mit denselben Worten einen Gedanken aussprachen. Wohl war es ihr vorgekommen, als werde sein Gesicht um einen Schatten bleicher, wenn er zu ihr eintrat, um gleich darauf von tiefer Gluth übergossen zn werden; wohl hatte sie ein Beben seiner Hand verspürt, wenn er die lhrige zufällig berührte. Das waren aber nur sehr flüchtige Symptome, die eben so gut in ihrer Einbildung als in der Wirklichkeit begründet sein oder anders von ihr gedeutet werden konnten. Und gerade, wenn sie dergleichen bemerkt zu haben glaubte, war Wollenberg gewiß gleich darauf gemessener, kühler, in sich verschlossener, als vorher. Hatte er an einem Tage besonders harmlos mit ihr geplaudert, sie einen flüchtigen Einblick in sein verschlossenes Wesen thun lassen, so konnte sie darauf rechnen, daß er das nächste Mal wieder so recht sch gepanzert erschien und schwerer als lonst aufzuthauen war. Ihr ganzer Stolz bäumte sich auf gegen den Gedanken, sie liebte einen Mann, der sie nicht wieder liebe, der dieser Liebe nicht begehre, und sie habe ihr Geheimniß sogar schon verrathen.
Aber selbst, wenn Wollenberg sie liebte oder auf dem Wege war, sie zu lieben, mußte sie alles thun, um ihn von sich zu weisen und die Neigung zu ihm
Art und Weise, wie Herr v. Caprivi mit dem Reichstage, auch mit den Gegnern der Regierung, verkehrt
* Zu den Zerathungen der Militär- KommMon des Reichstages.
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Alwine's Worte hatten diese Trugbilder zerstört. Sie ward sich plötzlich bewußt, daß sie Wollenberg zu- gethan sei mit einer Tiefe und Ausschließlichkeit, wie sie sich dessen nicht fähig gehalten, daß er ihr ganzes Sein erfüllte, der Mittelpunkt ihres Denkens und Fühlens geworden war. Was war das Gefühl für Ulrich, diese ruhige, gleichmäßige Zuneigung, der sie den Namen Liebe gegeben hatte, gegen das, was sie für Wollenberg empfand, was sie wie mit magischer Gewalt zu ihm zog. Ja sie liebte ihn in einer Weise, die allem diesen Namen verdient. Einen Augenblick
-e e§. *n Hr auf in namenloser Seligkeit, aber ar?? nächsten legte sich über das lachende, sonnige cn <. öor ihren trunkenen Blicken emporstieg, ein Nebelschleier, der sich schnell zum schwarzen Gewölk verdichtete. Sie durfte sich dieser Siebe nicht hingeben; diese Seligkeit war für sie nicht vorhanden. Zuvörderst wußte sie ja nicht, ob der Maler sie liebe. Wohl hatte es zuweilen in seinen Augen aufgeleuchtet, wenn sich, was immer mehr und mehr zu Tage trat, in ihren -------- ,« ._,tu «... Vlt vlciquuq ,u [t)m
Ansichten und Urthellen eine Uebereinstimmung kund zu ersticken. Sie stand gleichzeittg für ihn zu hoch
Deutsches Keich.
Berlin, 11. Juni.
* Der ,Reichsanzeiger' äußert sich, wie schon erwähnt, in einem längeren Artikel über die A b l e h n u n g
.^perrgeldervorlage. Die Staatsregierung, ! führt er aus, sei „mit sicherer Erwartung auf ein glückliches Gelingen wohl kaum je an irgend eine Angelegenheit herangetreten." Auf den Widerstand des i Centrums habe man gar nicht gerechnet. Dieser lasse sich wohl nur auf ein bedauerlichesMißverständniß der friedfertigen Absichten der Regierung und auf ein Verkennen der Grenzen der Möglichkeit, innerhalb deren sich diese Absichten verwirklichen lassen, zurückführen. Ganz im Sinne der Goßler'schen Reden wird dann weiter darzuthun versucht, daß ein Recht auf Entschädigung nie bestanden habe, daß die Ausführung der Restitution an die sogen. Empfangsberechtigten politisch, juristisch und Physisch unmöglich sei, daß den Gefühlen der protestantischen Bevötterung Rechnung getragen werden müsse, der Papst und der Bischof sowie Generalvikariat und Domkapitel von Paderborn die Vorlage für tolerabel erklärt hätten „und soweit bekannt", auch Mitglieder der Centrumspartei schließlich für die Annahme der Vorlage eingetreten seien. Die Ablehnung der Kartellparteien wegen der Stellungnahme des Centrums wird als „begreiflich" bezeichnet und zum Schluß gesagt: „Die Staatsregierung ist sich nach wie vor bewußt, das Gute auf dem einzig möglichen Wege gewollt zu haben. Wenn sie an der Erreichung dieses Zieles verhindert wurde, so darf man die Ursache hiervon in dem Nachhall der (Stimmung erblicken, welche die früher zwischen dem Staate und der katholischen Kirche vorhandenen Differenzen auf kathol. Seite hervorgerufen hatten und welche bei der Partei noch nicht gänzlich beseitigt zu sein scheint.
und zu niedrig. War sie auch aus dem Hause ihres Vaters entflohen, war sie der Welt, in der sie lebte, die arme, namenlose Arbeiterin, so blieb sie trotzdem das Fräulein von Reina, die Enkelin der Grafen von Wildenfels, die wohl in Armuth und Dunkelheit leben, aber keine Verbindung schlichen durfte, durch welche sie sich dieser Familie verlustig erklärte. Bonder anderen Seite hätte sie aber nur dem Manne ihrer Wahl unter ihrem wahren Namen ihre Hand gereicht. Nicht die Ausgestoßene, die mit einem Makel behaftet, durfte Wollenberg heimführen. Leontine v. Reina stand für ihn zu hoch, Leonttne Schmidt durfte ihr Auge nicht zu ihm erheben.
So weit war Leontine soeben in ihrem Raisonne- ment gelangt, als der Maler kam. Es war ihm schon peinlich gewesen, daß sie ihn nicht wie sonst im Wohnzimmer empfangen hatte und mit ihm gemeinschaftlich nach ihrem Zimmer gegangen war — Frau Meinhold hatte das so besttmrnt, weil sie eine Art Ueberwachunq des Lehrers und der Schülerin für Beide unwürdig h'elt — und noch peinlicher war es ihm, als er fein leises Klopfen an der Thür stärker wiederholen mußte. Es ertönte darauf ein förmliches „Herein", mcht wie sonst wurde die Thür geöffnet und ihm der ©intritt erleichtert.
auch nach seiner Ansicht die Erleichterungsfrage ernstlich erwogen werden. 5) Ueber die finanzielle Seite werden sich bte verbündeten Regierungen erst schlüssig machen müssen. Diese Erklärungen des Reichskanzlers, welche durch die authentischen ausführlichen Berichte vielleicht noch in einigen Punkten richtig gestellt werden dürften, sind zwar keineswegs befriedigend, aber für die Situation doch einigermaßen entlastend und zum Mindesten aufklärend. Windthorst hat dieser Auffassung sofort Ausdruck gegeben und durchblicken lassen daß das Centrum, wenn es sich auch seine Entscheidung bis zur dritten Lesung Vorbehalte, durch die ~?orte des Reichskanzlers etwas günstiger gestimmt sei. müdesten hielt Windthorst mit großer Entschiedenheit an der Kompensation fest. Mau müsse erwägen, wie das Volk erleichtert werden könne. Der Wider-
ra—„Nret-, s°„d°m auch. .'iÄ I
£er Regierung vom vergangenen Freitag und Samstag genommen werden. Er werde die i ähr licke das Konzept zu Jorrigiren. Der Reichskanzler faßt die stelung der Präsenzziffer erstreben. Sofort ei Sache denn doch etwas ernster und schwieriger auf, die zweijährige Dienstzeit nicht einzuführen • für die berr®lneraI Falckenstein, der das Übergangszeit seien EAeichtemngmM
Militarleben als das remste Paradies und als eine v akanz und vermehrter Königsurlan b möglich Forderung des allgemeinen leiblichen Wohlstandes be- Die verbündeten Regierungen sollten sich hierüber tradjtet, so daß schließlich das lebenslängliche Soldaten- einigen. Wenn alle Kompensationswünsche rundweg ab= tfjmn .für die ganze Nation der vollkommenste Zustand gelehnt würden, wisse er nicht, was seine politischen auch in volkswirthschaftlicher Beziehung wäre. Man Freunde thäten. Mit Recht hob der Centrumsführer muß anerkennen, daß Herr von Caprivi einen wesent- hervor, daß im Süden bie Mißstimmung über bie ?nbrren 2?n und daß seine Ausführungen gewaltige Steigerung der Militärlasten täglich wachse im Großen und Ganzen einen wohlthuenden Eindruck und daß man hier den Antrag Richter auf Einfübrilna machten. Die Chancen der Vorlage sind in Folge des der zweijährigen Dienstzeit für die Fußtruppen ?^ b"eii uiid geraden Auftretens Caprivi's ge- gewiß fteudig begrüßen werde. Eine andere Fragest stiegen, das wird von allen Setten anerkannt. Seine die, ob man die Bewilligung der heutigen Vorlage Erklärungen lassen sich nach den bisher vorliegenden geradezu von der sofortigen Einführung der i»el ?LrttteLtnÄenbe Punkte kurz zusammenfasien: 1. jährigen Dienstzeit (Richter will sw vom I Oktober brr Preste umlaufenden Gerüchte über weit- 1891 ab) abhängig machen soll. Das Centrum wirb geheube gewaltige Heeresreformplane bestehen vorläufig die Verkürzung der Dienstzeit als eine der Hauvt- SXntnttrfibemi?hanwlte' b^ Verbündeten Regierungen forberungen seines alten Programms unentwegt hoch- haben sich mit benselben noch gar nicht befaßt. 2. Die halten, bis sie bewilligt ist. Die halb entgegenkominenbe jetzt vorliegenden Entwürfe find nicht erst in ber „neuen Aeußerung bes Reichskanzlers erscheint in biefer fiin= Sfera entstauben, sondern haben im Wesentlichsten sicht wie ein erster Hoffnungsschimmer. Jebenfalls wirb schon unter dem Blsmarckschen Regiment vorge- sich bie Abstimmung über die betreffende Resolution SSL“? lnm von Bismarck gebilligt worden; damit zu einer großen Kundgebung für diese populäre ftor= wv“ ?nter hem jetzigen derung gestalten. Der Resolution über die jährliche "h et N?. Müctarfordemngen kern Ende Festsetzung der Friedenspräsenzstärke dürfte gleichfalls nehmen wurden, der Boden entzogen. 3. Die gefor- eine sehr große Mehrheit gesichert sein dertm Heeresverstärkungen sind nothwendig, damit wir Für den neuen Reichskanfler toar' der vorgestrige «Jt konkurriren können. 4) Kompensationen Tag insofern ein Ehrentag, als ihm von allen Seiten
hurch . lahrliche Festsetzung der Friedensprasenzstarke em entschiedenes Vertrauensvotum entgegengebracht
und Einführung der zwei)ahrigen Dienstzeit können zur wurde. Seine Andeutung, daß man vielleicht lieber
Zett nicht gebilligt werden, der Reichskanzler stellt aber Bismarck noch an seiner Stelle sähe, wurde mit einem
?"heim, diese Forderungen m Resolutionen zu stellen, allseitigen lebhaften Protest beantwortet Die aewinneude
m einem spätem Zeitpunkt (vielleicht binnen Jahres- Art und Weise, wie Herr v. Caprivi mit d?m Reichsfrist) werde er sich mit diesen Fragen eher befassen tage, auch mit den Gegnern der Regiemng, verkehrt
können; wenn noch höhere Forderungen kämen, müßte und verhandelt, macht fortgesetzt den besten Eindruck.
_____________ 17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung.
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