17. Jahrgang
Donnerstag, den 12. Ium 1890.
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Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. n ELLZ? * Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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* Das Papstthum und seine Gegner.
Wer vor zwei oder drei Jahren die Dinge prophezeit hätte, welche sich gegenwärtig mit dem Fürsten Bismarck abspielen, der würde allseitig verlacht worden sein. Er galt für Deutschlands Macht und Größe so unentbehrlich, daß man versucht war, sich bange zu fragen, was werden solle, wenn sich seine Augen einmal schließen würden. Und jetzt? Von seiner Höhe gestürzt — er selbst verkündet es so — muß er die Meinung von seiner Unentbehrlichkeit so schwinden sehen. Ein Umstand ist's namentlich, der uns zu denken gibt: Bismarck's Kampf gegen das Papstthum und die katholische Kirche. Das bekannte: „Jetzt oder nie!", welches im Jahre 1870 von ihm nach Sedan dem italienischen Kabinet zugerufen, den letzten Anstoß zur Entthronung Pius IX. gegeben; seine „Papstwahl- Depesche" vom 14. Mai 1872, welche das seiner weltlichen Macht bereits beraubte Papstthum auch seiner geistlichen Gewalt verlustig und zu einer Kreatur der Regierungen Europa's machen sollte; der „Kulturkampf", den er gegen die katholifche Kirche in Preußen und Deutschland geführt: das lebt noch unvergeffen in Aller Erinnerung fort. Fürst Bismarck trägt die meiste Verantwortung für das Unheil, welches dieser Streit über Deutschland gebracht.
Alexander II. von Rußland, dessen Gesandter einstens Pius IX. erklärt hatte, in Polen seien Katholizismus und Revolution ein und dasselbe und der die Stirne hatte, feierlich zu erklären, in Rußland herrsche Gewissensfreiheit, starb zerrisfen von der Bombe nihilistischer Verschwörer. Napoleon III., der seinem Wohlthäter Pius so undankbar vergolten und wesentlich mit zur Entthronung dieses Papstes beigetragen, starb selbst entthront an schmerzvoller Krankheit im Exil; sein einziger Sohn und Erbe aber fiel den Speeren der Wilden Afrika's zum Opfer; das Haus Napo- leon's III. ist erloschen. Viktor Emanuel, der Sieger an der römischen Porta Pia (20. September 1870), starb in der Vollkraft feiner Jahre nach kaum fünftägiger Krankheit, gequält von den schwersten Gewisfensbissen, in dem von ihm annektirten Palaste der Päpste in Rom. Oesterreich, damals durch Beust und seine liberalen Genossen gelähmt und am thatkräftigen Eintreten für die weltliche Herrschaft des Papstes gehindert, mußte seinen Kronprinzen durch Selbstmord endigen und damit den Stamm seines schwergeprüften Kaisers zum Erlöschen verurtheilt sehen. Bayern, dessen Minister den Kampf gegen die Unfehlbarkeit des Papstes und das vatikanische Konzil auf seine Fahne geschrieben, mußte es erleben, daß sein hochbegabter König nachkommenlos in ttüber Geistesnacht den Tod in den Wassern des Starnberger See's suchte. Und die Staatsmänner, welche an dem Kampfe gegen
Roman von G. I. (60. Fortsetzung.)
„Vermißest Du das in der Unterhaltung mit ihnen?"
„Nein, es fällt mir aber auf, sobald ich allein bin und mich in Gedanken mit ihnen beschäftige. Sie sind in ihren Gesprächen immer unpersönlich."
„Ich dächte, Du könntest Vertranen zu Gringmuth und denen haben, die er uns zuführt," mahnte Frau Meinhold ernst.
„Vertrauen habe ich, aber ich wüßte doch gern etwas mehr über sie," entgegnete Alwine mit echter Frauenlogik und faßte den Vorfatz, Gringmuth doch nächstens auszuforschen.
Die Gelegenheit fand sich noch an demselben Abende. Wider Erwarten kam Gringmuth mit dem Maler und während der Letztere zu Leontine hinaufging, um ihr den Unterricht zu ertheilen, blieb Ersterer mit Alwine im Wohnzimmer allein, da Frau Meinhold noch einen Blumenttansport zu expediren hatte.
„Wie kommt es, daß Fräulein Leontine um diese Zeit allein in ihrem Zimmer ist?" fragte Gringmuth verwundert. „Sie pflegt doch sonst unser Kommen zu erwarten."
Pius IX. und das Papstthum sich betheiligt? Graf Arnim, der Todfeind Pius IX., der während des Konzils gegen das Papstthum und die kathol. Kirche ständig intriguirt hatte, der den Piemontesen den Weg nach Rom hatte bahnen helfen, der sich im „Kulturkämpfe" noch über Bismarck erhaben düntte, er starb, zu schwerer Strafe verurtheilt, als heimathloser Flüchtling eines qualvollen Todes. Garibaldi, der alte Revolutionär und Freischaaren-Häuptling, schied ehr- und rühmlos, ein Krüppel an Geist und Körper, aus diesem Leben. Gambetta, der wüthende Kirchen- feind, endete fast plötzlich, als Gegenstand des Abfcheus für alle redlich denkenden Menschen. Ueber seinen Tod schwebt heute noch geheimnißvolles Dunkel. Graf Beust, der Todtengräber Oesterreichs und Konkordatsbrecher, schloß gestürzt und vergessen seine irdische Laufbahn. Herr v. Lutz mußte sich, von einem schweren und gefährlichen Leiden heimgesucht, mitten aus dem Kampfe, den er noch vor zwei Jahren neu begonnen hatte, zurückziehen, nachdem ihm die Vorsehung in den erhobenen Arm gefallen ist. Das Papstthum aber, das sie alle bekämpften, steht heute noch ungeschwächt da.
Deutsches Keich.
Berlin, 10. Juni.
* Der Schluß des preußischen Landtages soll am nächsten Freitag erfolgen.
* Heute hielten alle drei Parlamente Sitzungen ab. Das Abgeordnetenhaus tagte von 11 Uhr, das Herrenhaus von 1 Uhr und der Reichstag von 2 Uhr ab. — Die ,Germania' berichtet darüber u. A. Folgendes: Im Abgeordnetenhause gedachte zunächst Präsident v. Köller mit warmen, tiefempfundenen Worten des plötzlichen Todes des konservativen Abg. v. Wedell- Malchow, dessen Andenken von den Mitgliedern des Hauses in üblicher Weise durch Erheben von den Sitzen geehrt wurde. Sodann befaßte sich das Haus mit Petitionen, von denen die meisten kein weitergehendes Interesse boten. — Das Herrenh aus beschäftigte sich mit der Vorlage, betreffend Bestimmungen über das Notariat. Es stimmte der Abänderung zu, welche seine Justizkommission an der Vorlage vorgenommen, so daß letztere nochmals an das Abgeordnetenhaus zurückgehen muß. Die neuberufenen Herren v. Levetzow und v. Helldorff sind in das Haus eingetreten. — Der Reichst« g ehrte heute vor Eintritt in die Tagesordnung das Andenken des gestern plötzlich am Schlagflusse verstorbenen konservativen Abg. v. Wedell-Malchow, Vertreter von Prenzlau-Angermünde, in üblicher Weise und wählte sodann sein Präsidium, das nach der Geschäftsordnung bei Beginn einer Legislaturperiode zunächst auf vier Wochen gewählt wird, auf Antrag des Avg. Windthorst per Akklamation
„Ach, ich bin ungeschickt gewesen," sagte Alwine mit ihrer gewöhnlichen Offenheit.
„Mit den Händen pflegen Sie das nicht zu sein, also waren Sie es mit dem Munde," neckte Gringmuth."
„Sie sind boshaft, leider haben Sie aber Recht; ich werde wohl beichten müssen." Sie erzählte ihre Unterredung mit Leontine und verschwieg auch nicht das Gespräch mit der Mutter, das sich daran geknüpft hatte. Ganz gegen seine Gewohnheit hatte Gringmuth darauf nicht sogleich eine Antwort. Er schwieg mehrere Minuten und seine Züge nahmen dabei einen Ausdruck der Weichheit und Rührung an, der sie mit dem Schimmer der Jugendlichkeit übergoß.
„Alwine," sagte er endlich, „können Sie sich nicht damit begnügen, den Menschen zu nehmen wie er ist, müssen Sie wirklich wissen, wie er gewesen, und wie und weßhalb er so geworden ist?
Sie blickte verwirtt zu Boden; der Ton war ihr an Gringmuth zwar nicht ganz neu, er schlug ihn aber nur in ganz seltenen Fällen an.
„Lassen Sie ab davon, Kind," bat er. „Es ist besser, über Leontine's Schicksal wird nicht gesprochen, ihre Sicherheit hängt davon ab," sagte Gringmuth ernst, „wer weiß, wie lange sie hier noch geborgen ist."
definitiv für den Rest der Session. Dann folgte die Interpellation des Abg. Richter, betreffend die Paßpflicht in den Reichslanden. Reichskanzler von Caprivi erklärt sich zur sofortigen Beantwortung der Interpellation bereit. Nachdem der Interpellant den Paßzwang als eine schädliche und überflüssige Maßregel bekämpft, gibt er dem Reichstag anheim, die baldige Aufhebung derselben in Erwägung zu ziehen. Reichskanzler v. Caprivi erwidert, daß er nicht in der Lage sei, die Aufhebung des Paßzwanges zu befürworten, nur für vie Beseitigung großer Härten könne er eintreten. Es nahmen hierauf vier Abgeordnete aus den Reichslanden das Wort, die sich sämmtlich für rasche Beseitigung des Paßzwanges aussprachen. Derselbe laufe auf eine Grenzsperre, eine Art chinesischer Mauer hinaus und errege nur Zorn, Grimm und Erbitterung im Herzen der Bevölkerung, die man durch solche Maßnahmen wahrlich nicht für Deutschland einnehme. Abg. Richter betont, daß der Paßzwang sich mit der modernen Verkehrsentwicklung nicht vertrage, während Abg. Dr. Windthorst ausführt, daß man mit der Maßregel das Gegentheil von dem erreiche, was man erstrebe. Vielfach sei auch die Handhabung des Paßzwanges eine zu harte gewesen. Ausschreitungen könne man zur Genüge auf dem gerichtlichen Wege treffen. Damit ist die Interpellation erledigt. Das Haus vertagt sich auf morgen 12 Uhr.
* In der Sitzung der Militär-Kommission des Reichstages vom 7. d. Mts. schätzte der Schatz- Sekretär v. Maltzahn die Steigerung der Reichs-Ausgaben durch die vorliegenden Nachttags-Etats und durch die Zinsen der neubewilligten Anleihen pro 1891/92 und die weiteren Jahre auf 60 Millionen Mark jährlich; ungerechnet die noch ungenannten Zahlen der Zukunfts-Heerespläne. Deshalb führte der Schatz- Sekretär aus, sei eine Herabsetzung der Zölle unmöglich, vielmehr sei eine Vermehrung der Steuern im Reiche und in den Einzelstaaten, auch eine Erhöhung der direkten Steuern nothwendig. Ein Vergleich mit anderen Staaten lasse die Steuer-Vermehrung noch zulässig erscheinen. Die nächste Session werde mit neuen Steuer-Vorlagen vollauf beschäftigt sein. Wer die Militär-Vorlage annehme, müsse an Deckung denken. Er sei auch dankbar für die Namhaftmachung der Quittungs- und Streichholz - ©teuer. Er erklärt sich gegen die Konvertirung der 4prozentigen Reichs - Anleihe. Die Forderung für strategische Bahnen übersteige nicht 20 Millionen. Darauf ertoieberte Windthorst (Centrum), er sei über dieses Bild erschreckt, er erklärt, nichts bewilligen zu können, ehe er die neuen Steuern kenne. Payer (Volkspartei) bewundert den Fatalismus Maltzahn's; ohne die feste Zusage der zweijährigen Dienstzeit bewillige er nichts. Darnach setzte General Vogel v. Falkenstein in längerer
„O, was sagen Sie da!" fuhr Alwine auf. „Droht ihr Gefahr? Was kann ich für sie thun?"
„Schweigen, weiter nichts. Sie ruhig gewähren lassen, nicht forschen, durch keinerlei Anspielungen sie aus ihrem Gleichgewicht bringen. — Können Sie das?"
„Ich verspreche es Ihnen."
„Dafür will ich Sie auch in Betreff des Malers beruhigen. Der hat in der That nichts zu verbergen, denn daß er der Sohn kleiner Ackerbürgersleute in einer kleinen Stadt ist und sich durch Talent, eisernen Fleiß und unglaubliche Zähigkeit zu dem gemacht hat, was er jetzt ist, das ist ihm keine Schande, sondern eine Ehre. Ein Anderer würde tüchtig damit renom- miren, er schweigt darüber, nicht aus falschem Stolz, sondern aus Bescheidenheit!"
Er schwieg. Alwine sah ihn erwartungsvoll an, als er aber nicht Miene machte, seine Erklärung fortzusetzen, sagte sie:
„Ueber den Maler und Leontine bin ich nun orien- tirt, aber —" sie stockte, dem sonst so redefertigen Mädchen versagte die Stimme.
Gringmuth ergriff ihre Hand. „Sie möchten mehr über mich wissen, Alwine. „Wer erfreute sich des Lebens, der in seine Tiefen blickt?"
„Und ich gestehe Ihnen, daß ich mich nicht nur