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Mittwoch, den 11. Juni 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Deutsches Keich.
Berlin, 9. Juni.
* Der Bundesrath beschloß, das Nationaldenkmal des Kaisers Wilhelm I. auf dem Platze der bisherigen Schloßfreiheit in Gestalt eines Reiterstandbildes zu errichten und über den Denkmalsentwurf einen engeren Wettbewerb auszuschreiben.
* Die Nachricht von der bevorstehenden Ernennung des Lieutenants v. Gravenreuth zum Gouverneur von Kamerun wird dementirt.
* Der Nachtragsetat, betreffend die Gehaltserhöhungen, ist dem Reichstag jetzt zugegangen. Die beigegebene Denkschrift sagt: Das Bedürfniß sei dringend geworden, nachdem in großen Bevölkerungsklassen die Ansprüche an die Lebenshaltung gestiegen und verschiedene Bundesstaaten, insbesondere Sachsen und Württemberg, mit Besoldungs-Verbesserungen vorangegangen seien. Die Aufbesserung der höher als Tarif-Klasse stehenden Beamten bleibe für Mnftig Vorbehalten. Der Nachtrags-Etat entspricht im Uebrigen den bereits bekannt gewordenen Zahlen. Er enthält nicht weniger als 16 zum Theil sehr umfangreiche tabellarische Anlagen; eine Aufzählung der überaus zahlreichen einzelnen Beamten- und Gehalts-Klassen ist daher kaum thunlich. Wir beschränken uns daher auf die größeren, allgemein interessirenden Kategorien. Die Unterbeamten im inneren Dienst bei den Berkehrs- anstakten, jetzt mit dem Durchschnittsgehalt von 1050 Mark, werden künftig durchschnittlich 1200 Mark erhalten ; die Telegraphenleitungs-Aufseher, Packetträger, Stadtpostboten, jetzt durchschnittlich 800, künftig 900 Mark; die Landbriefträger, jetzt 650, künftig 800 M.; die Bureau- und Rechnungsbeamten erster Klasse, Ober- postdirektions - Sekretäre, Oberpostkassen - Buchhalter, ebenso Postkassirer, Telegraphenamts-Kassirer, Ober- post-, Obertelegraphen-Sekretäre, Vorsteher der Postämter 2. Klasse, jetzt durchschnittlich 2850 Mark und weniger, künftig durchschnittlich 3200 Mark; Postsekretäre und Telegraphensekretäre jetzt 1650 bis 3000 Mark, durchschnittlich 2325, künftig 1700 bis 3500, durchschnittlich 2600 Mark; Oberpost-und Telegraphen- Assistenten jetzt durchschnittlich 1950, künftig 2200 Mark; Bureau- und Rechnungsbeamte bei Oberpostdirektionen dasselbe; Postverwalter, jetzt durchschnittlich 1625, künftig 1850 M.; Post- und Telegraphen-Assi- stenten,. jetzt 1350 bis 1500, durchschnittlich 1425, künftig 1500 bis 1700, durchschnittlich 1600 Mark; Telegraphen-Gehilfinnen, in Baden jetzt 1050, künftig 1300 Mark; Rendanten der Oberpostkasfen, jetzt im Durchschnitt 4200, künftig 4600 Mark; Vorsteher der Post- und Telegraphenämter 1. Klasse, jetzt im Durch-
Rornan von G. I. (59. Fortsetzung.)
„Der Tag hat 24 Stunden," Pflegte sie zu sagen, „wenn man davon nicht mehr als nöthig verschläft und die anderen ordentlich ausnutzt, so läßt sich sehr viel leisten."
Leontine lernte die Wahrheit dieses Wortes kennen und trotzdem sie jetzt um mehrere Stunden früher aufstand, als sie feit Jahren gewohnt gewesen war, empfand sie doch weniger Ermüdung olls damals, wo sie die Zeit im geschäftlichen Müßiggänge verbracht hatte.
Wollenberg war anfänglich wöchentlich zweimal in der Dämmerung herausgekommen, um ihr Zeichen- Unterricht zu geben; da aber Gringmuth bald herausgebracht hatte, daß sie für die Weihnachtszeit und die sich daran knüpfende Saison den besten Absatz für bemalte Fächer und kleine Schmuck-Gegenstände aus Elfm- bem uyd Holz erzielen könne, so hatte er sich auch am Tage eingefunden, um sie über Mischung der Farben zu belehren.
Während Frau Meinhold und Alwine in dem Gewächshause thätig waren, Sämereien für den Sommer sortirten, die Blumen pflegten oder sie abschnitten und zu Sträußen und Kränzen wanden, die nach der Stadt wanderten, um Feste und Bälle zu schmücken, beschäf- ttgte Leontine sich ebenfalls mit den Blumen. Sie saß
schnitt 3900, künftig 4300 M.; Post- und Telegraphen- Jnspektoren, jetzt 3150, künftig 3500 M.
* Der Reichstag trat heute in die 2. Berath- ung des Nachtragsetats, Forderungen für die Kolonialpolitik und für Neubauten im Auswärtigen Amte ein. Letztere in Höhe von 40,000 Mark wurden debattelos bewilligt. Betreffs der ersten in Höhe von 4,500,000 Mk. erhob sich lebhafte Debatte. Abg. Goldschmidt (dfr.) ist nicht mehr Anhänger der Kolonialpolitik, seitdem dieselbe den früheren Rahmen verlassen, findet die deutsche Ehre in Ostafrika nicht engagirt und wird gegen die Vorlage stimmen. Desgl. Äbg. Dr. Dohrn (dfr.) der nachzuweisen sucht, daß die Kolonialpolitik ohne allen Einfluß auf den deutschen Handel geblieben sei. Abg. Mirbach (kons.) tritt für die Vorlage ein, hält jedoch die Kolonialpolitik, aus der man keine politische Frage machen solle, für verfrüht und hebt die Verdienste Wißmanns hervor. Staatssekretär. ».Marschall behauptet, die Kolonialpolitik erfreue sich im In- und Ausland allgemeiner Anerkennung. Abg. Bamberger (dfr.) bestreitet dies und warnt bezüglich der Kolonialpolitik vor einer Verquickung von Begeisterung und Berechnung. Die Politik sei nur ein Ausfluchtmittel gegenüber den von der Zollpolitik geschaffenen Schranken. Redner bittet, dem deutschen Volke neben den unerschwinglichen Militärlasten nicht noch die unberechenbaren für Kolonialpolitik aufzuerlegen. Abg. Scipio (nl.) spricht als Mitglied ihres Aufsichtsraths für die deutsch-ostafr. Gesellschaft; die 18000 Mitglieder des deutschen Kolonialvereins legten Zeugniß dafür ab, daß sich die Kolonialpolitik großer Beliebtheit in weiten Kreisen erfreue. Nächste Sitzung: Dienstag. Tagesordnung: Fortsetzung rc.
* Das Abgeordnetenhaus beschäftigte sich heute mit der Rentengüter-Vorlage. Ein Antrag des Abg. v. Kardorff, die Vorlage einstweilen abzulehnen und die Regierung aufzufordern, eine neue Vorlage einzubringen, welche die Interessen der kleinen Grundbesitzer mehr berücksichtige, wurde vor Beginn der Berathung wieder zurückgezogen. Aus den Verhandlungen ist hervorzuheben, daß die Abgg. Humann, v. Rauchhaupt und der Minister für die Landwirth- schaft, Dr. Frhr. v. Lucius, für die Wiederherstellung der Regierungsvorlage sich aussprachen, während der sreisinnige Abgeordnete Czwalina die Vorlage bekämpfte.
* In den Tagen vom 2. bis 3. Juli d. I. findet in Schwerin in Mecklenburg der Vierzehnte Deutsche Fleischer-Verbandstag statt. Der „Deutsche Fleischer - Verband", der jetzt eine große Zahl von Fleischer-Innungen in aßen Theilen Deutschlands vereinigt, gehört zu den am weitesten verbreiteten und größten gewerblichen Vereinigungen Deutschlands. Die in ihrem Zimmer und malte die schönsten Exemplare, die man ihr als Vorlage überließ, in zarten Farben auf das Elfenbein.
Bei dieser Beschäftigung kam ihr nun doch wieder zu Statten, daß sie in ihrer Kindheit Gelegenheit gehabt hatte, viel Schönes zu sehen und ihren Geschmack zu bilden. Gringmuch, der es mit ihren Arbeiten wahrscheinlich ebenso gemacht hatte, wie mit den ersten Sträußen von Frau Meinhold, nämlich selbst der Käufer dafür gewesen war, konnte sehr bald allen Ernstes zahlreiche Bestellungen, und da er sich auf's Geschäft verstand, _ auch einen recht anständigen Ertrag dafür bringen, so daß Leontine die Befriedigung hatte, durch eigene Thätigkeit ihre Lebens-Bedürfniffe erwerbm zu können. _ Wollenberg dagegen war überrascht durch die künstlerischen Arbeiten, welche unter ihren Händen entstanden.
Was sie mehr beglückte, der Erfolg ihrer Thätigkeit oder der Beifall des Malers, das hätte sie schwer zu sagen vermocht. Jedenfalls glühte ihre Wange höher, glänzte ihr Auge Heller bei Wollenberg's Lobsprüchen, als wenn ihr Gringmuth Geld und neue Bestellungen überbrachte. Sie arbeitete eigentlich mehr für den Maler, als für ihre Auftraggeber und konnte an den Tagen, an welchen er zu kommen pflegte, eine beinahe fieberhafte Emsigkeit entfalten, um ihm wieder ein gelungenes Stück vorzulegen.
Wahrscheinlich war es die Erwartung dieser Freude,
Tagesordnung dieses Verbandstages weist Punkte auf, deren Erledigung nicht nur im Interesse der Fleischer Deutschlands, sondern hervorragend im Interesse des Gesammtpublikums ist. Zum ersten Male ist auch mit diesem Verbandstage ein Börsentag für An-und Verkauf von Dauer - Fleischwaaren aller Arten verbunden. Für den Verkäufer sollen neue Absatzgebiete erschlossen, für den Käufer neue Einkaufsquellen geöffnet werden. Unzweifelhaft wird diese Einrichtung große Vortheile auch für das konsumirende Publikum herbeiführen. Mit diesem Verbandstage ist auch eine Ausstellung von Maschinen, Ge- räthen und Werkzeugen für die Fleischerei, Fleisch- und Wurstwaaren-Fabrikation verbunden. Ueber den Werth und Nutzen der Ausstellung haben die vorhergegangenen Ausstellungen in Gotha, Nürnberg, Bremen, Hamburg, Breslau, Köln, Stuttgart, Magdeburg, Görlitz, Crefeld, Braunschweig, Wiesbaden und Danzig keinen Zweifel gelassen; dieselben sind für Produzenten wie Konsumenten von gleichem Werth. Die Geräthe und Werkzeuge der Fleischer finden im kleineren Maßstabe fast in allen Haushaltungen Verwendung und bieten des Neuen und Interessanten viel. — Auskunft ertheilt gern die Expedition der „Deutschen Fleischer-Zeitung" (Amtl. Organ des Deutschen Fleischer - Verbandes), Berlin NO., Große Frankfurterstraße Nr. 73.
* München, 9. Juni. Minister a. D. v. Lutz ist bedenklich erkrankt. Zu seinem früheren Leiden Benenverkalkung ist Herzwasfersucht hinzugetreten. Die Aerzte haben wenig Hoffnung. — Dr. Sigl gibt im ,Vaterland'' zu, daß ihm Strafe und Kosten aller drei Instanzen in dem bekannten groben Unfug-Prozeß erlassen worden sei. Die Anregung zur Einreichung des Gnadengesuchs sei angeblich von einem hohen Beamten des Justizministeriums ausgegangen.
* Aus Franken, 9. Juni. Verschiedene Anzeichen beuten darauf hin, daß die Sedisvakanz des erzbischöflichen Stuhls von Bamberg länger dauern wird. Es steht nämlich heute schon fest, daß Rom nicht ohne weiters den von der Regierung ausersehenen Oberhirten acceptiren wird, und um sich keiner Zurückweisung auszusetzen, ist die Ernennung hinausgeschoben worden. Der neue Kultusminister scheint offenbar allen kritischen Fragen vorläufig auszuweichen.
Ausland.
* Wien, 9. Juni. Die Ernteaussichten sind bis jetzt in Oesterreich-Ungarn sehr günstig und wird auf einen stärkeren Getreide-Export gerechnet. — Die land- wirthschaftliche Ausstellung dahier ist sehr stark besucht. Charakteristisch ist, daß Ungarn am stärksten vertreten
welche sie dem Kommen des Malers stets mit klopfendem Herzen entgegenharren ließ, so daß ihre Finger, die dann gewöhnlich mit einer Handarbeit beschäftigt waren, leise bebten und keine Masch, keinen Stich zurecht brachten. Wollenberg hatte die Gewohnheit, stets ein wenig auf sich warten zu lassen, während Gringmuth die Pünktlichkeit selbst war und sich eher etwas ftüher als später einstellte. Kamen sie zusammen, so brachte er den Maler auf die verabredete Minute mit und beklagte sich zuweilen, Jener sei daran Schuld, daß er sich verspätet habe; erschien dagegen Wollenberg allein, so verspätete er sich regelmäßig.
Kam er dann endlich, so that Leontine einen tiefen Athemzug und ging ihm dann ganz ruhig entgegen. Keine Miene, kein Laut verrieth, daß sie ihn erwartet habe, die Begrüßung war vielmehr llihl und förmlich. Es schien, als müsse Wollenberg an der Thür jedesmal noch eine gewisse Befangenheit Niederkämpfen, als koste es ihn eine Ueberwindung, in das Zimmer zu treten, und fast regelmäßig folgte seiner ersten Begrüßung eine recht alltägliche Bemerkung, die wunderlich abstach von dem geistvollen Gespräch, in das er sich vertiefte, sobald er nur erst aufgethaut war. Noch andere kleine Eigenthümlichkeiten, Schrullen nannte sie Alwine, traten bei dem Maler zu Tage. Kam Gringmuth mit ihm oder folgte er ihm, was auch geschah, so blieb er nach beendetem Unterrichte zum Thee und war heiter und unbefangen. War er dagegen allein,