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Dienstag, den 10. Juni 1890.

17. Jahrgang

Druck u. »erlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

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Fuldaer Zeitunq

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. — ®—■* -- ~ ~ - - • — —

* Die Gntscheidung über die Sperrfonds- Dorlage

ist erfolgt. Sie ist in der heutigen Sitzung des Abge­ordnetenhauses ab gelehnt worden. Nachdem beim § 1 die Anträge der Abgg. Windthorst-Brüel abge­lehnt worden waren, erhoben sich für den ß 1 in der Fassung der Regierungsvorlage nur ein Theil der Frei­sinnigen und der konservative Abg. v. Meyer-Arns- walde. Ohne weitere Debatte wurden dann auch die übrigen Artikel abgelehnt, schließlich unter der Heiter­keit des Hauses auch noch Einleitung und Ueberschrift der Vorlage, und zwar Alles auf dem Wege der ge­wöhnlichen Abstimmung, da eine namentliche Abstim­mung bei der klaren Stellung der Parteien nirgends erforderlich war. Für die Anträge Windthorst-Brüel war die Stellung der Parteien dieselbe wie bei der zweiten Lesung: Centrum und Polen einmüthig dafür, die konservativen Abgg. Sack und Knoch meistens dafür, bei einem Brüel'schen Anträge auch die Freisinnigen dafür.

Herr v. Goßler hat eine schwere Niederlage erlitten, in vielen Einzelheiten der Vorgänge, die sich um die Vorlage abspielten, und in dem definitiven Scheitern der Vorlage. Der „Pfahl im Fleische" ist, sagt die .Germania', welcher wir diesen Sitzungsbericht entnehmen, nicht herausgezogen, sondern nur recht empfindlich gemacht worden, und wir Katholiken werden nicht ruhen, bis uns unser Recht wird. Darauf mag man sich verlassen! Einen bloßen neuen Etats­posten, für den man auch nur eine besondere rechtliche Verpflichtung anzuerkennen sich weigerte, den man durch einfaches Gesetz wieder beseitigen konnte, oder dem entsprechend man den Protestanten ebenfalls etats­mäßige Bewilligungen machen konnte, dafür uns zu- muthen, die Konfiskation des Kapitals jetzt aus­zusprechen, nachdem das nicht einmal die Kulturkämpfer von 1875 gewagt hatten, das war allerdings eine zu arge Zumuthung. Und die drei Mehrheitsparteien, allerdings prote st antische Parteien, wollten unsere Vertreter zu dieser Handlung zwingen, indem sie erklärten, ohne das Centrum auch nicht thun zu wollen, was sie doch für richtig zu halten erklärten — ein sehr sittlicher und konstitutioneller Standpunkt, den sie aber auch nur deßhalb einnahmen, weil sie wußten, daß das Gesetz an sich dem katholischen Klerus und Volk nicht gefalle und daher der Deckung durch das Centrum bedurfte!

Die General-Debatte wurde von dem Abg. Dr. Peter Reichensperger eingeleitet. Mit jugendlichem Feuer wies der verehrte Veteran des Centrums, dem man beim Sprechen nicht anmerkt, daß er jüngst seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert, die Verunglimpfungen der katholischen Kirche bei der zweiten Lesung zurück,

In harter Schule.

Roman von (8. I.

(58. Fortsetzung.)

Hatte es aber schon seine großen Schwierigkeiten, Leontine aufzufinden, so war es, wenn dies wirklich gelingen sollte, noch ungleich schwieriger für den Grafen, sie zurückzubringen. Auf welche Weise sollte er sich ihrer bemächtigen? Offenbare Gewalt konnte und durfte er nicht gebrauchen, einer List fiel sie schwerlich wieder zum Opfer, da erschien es ihm am Gerathensten, sich der Mitwirkung seiner Genossinnen zu bedienen. Madame d'Arcourt erhielt ihr Stichwort; die wenige Wochen später mit dem Baron in Reina anlangende Hortense mußte die Untröstliche über Leon­tine s Verschwinden spielen und dem Baron keine Ruhe lassen, daß er alle Hebel ansetzte, der verschwundenen Tochter wieder habhaft zu werden.

Sö erschien jener Auftuf in der Zeitung, der die arme Leontine mit zu ihrem verzweifelten Schritte meb. Der Graf setzte sich mit Polizeiagenten in Ver- oindung, von denen ihn endlich einer benachrichtigte, die Beschreibung der von ihm gesuchten jungen Dame und ihr Vorname passe auf ein bei einer Frau Hart m dn Alexandrinenstraße wohnendes junges Mädchen.

Nunmehr erschien es dem klugen Grafen geeignet,

um sodann darzulegen, daß es sich hierum eine neue Säkularisation von Kirchengut handele. Sicht­lichen Eindruck machte es, als der Redner aus den Akten des Hauses eine Interpretation des Sperrgesetzes durch den Vater desselben, den Minister Dr. Falk, ver­las, wonach eine Verfassungsänderung nothwendig sein würde, wenn die eingehaltenen Gelder auch zu anderen Zwecken verwendet, geschweige denn, wenn sie konfiszirt würden. —

Der konservativeAbg. v.Meyer-Arnswaldeist sehr unsympathisch von der Art berührt, mit der das Centrum seine Anträge begründe. Sei doch dem ver­storbenen König Wilhelm (?) vorgeworfen worden, daß er eine Uebertretung des siebenten Gebotes gutgeheißen. Er werde für das Gefetz stimmen, da er dasselbe für geeignet halte, beruhigend auf die Katholiken zu wirken. Eine Verpflichtung des Staates zur Herausgabe des Kapitals vermöge er nicht anzuerkennen.

Abg. Graf S t r a ch w i tz (Centrum) bezweifelt, daß Stöcker bei seinen neulichen Ausführungen die ganze evangelisch-konservative Bevölkerung hinter sich habe. Was er, Redner, über die Verletzung des siebenten Gebotes durch diese Vorlage in der ersten Lesung gesagt, halte er aufrecht, Müsse aber dagegen protestiren, daß Stöcker diese seine Aeußerung mit dem verstorbenen König Wilhelm I. in Verbindung gebracht habe. Redner führt aus, daß der Kulturkampf gegen die Denkungs­art des Königs Wilhelm I. gewesen sei, daß letzterer dem Fürsten Bismarck vielfach freie Hand gelassen, wird aber vom Präsidenten v. Köller mit der Be­merkung unterbrochen, daß Ansichten des Monarchen hier nicht erörtert werden dürften. Redner bedauert, daß bei dieser Vorlage so wenig Rücksicht auf die Stimmung des katholischen Volkes genommen worden sei. Er werde die Vorlage ablehnen und die Verant­wortung dafür übernehmm.

Der Abg. Stöcker suchte hierauf das Kulturkampf­feuer von Neuem zu schüren. Er bezeichnete ganz ungenirt Reichensperger's Aeußerung, der ihm Verun­glimpfung der katholischen Kirche vorgeworfen, als eine Unwahrheit. (Unruhe im Centrum.) Er müsse die Herren vom Centrum dringend bitten, nicht allmählig auf den Standpunkt unserer jüdischen Mitbürger zu gerathen, die sich für berechtigt hielten, über Alles im Staats­leben am unverftorensten Aeußerungen zu thun, aber sofort über Intoleranz klagten, wenn ihnen geantwortet werde. Des Weiteren griff Redner auf die frühere Debatte zurück und beschuldigte hierbei den Abg. Dr. Windthorst einer empörenden Anmaßung bei der Be- urtheilung protestantischer Dinge. Wo solle der evan­gelische Volksgeist bleiben, wenn sich die Berliner Fortschrittspresse, besonders das .Berliner Tageblatt', auf Windthorst's Standpunkt stelle? In dieser Tonart spricht Redner weiter. Er wirft dem Centrum sogar den Baron ins Vordertreffen zu schieben und sich zu­rückzuziehen. War sie erst wieder im Vaterhause oder vielmehr unter der Obhut seiner Freundin, der Ma­dame d'Arcourt, so hatte er gewonnenes Spiel. Er nahm also dem Baron gegenüber die Maske des Reu- müthigen an und gab seine Entdeckungen kund.

Daraufhin hatte der Baron jenen ersten Besuch bei den Hart'schen Eheleuten gemacht, bei dem er so wenig ausgerichtet hatte. Ein zweiter und dritter Be­such hatte noch geringere Resultate, man mußte sich überzeugen, daß die Gesuchte entweder niemals da gewesen oder rechtzeitig entflohen war.

Falkenburg war um so wüthender, als sein Ver- hältniß zum Prinzen sich immer ungünstiger gestaltete, je länger die Entdeckung auf sich warten ließ. Ersetzte alles in Bewegung, fluchte, tobte, drohte Madame d'Arcourt und Hortense mit seiner Rache, wenn sie ihm nicht zum Herbeischaffen der Entflohenen behülflich wären; aber weder im Guten, noch mit Gewalt ließ sich etwas erreichen.

Es vergingen Monate, Leontine blieb verschwunden und selbst Vincent, alias Vivienne, der eine Berühmt­heit im Ausspüren von Geheimnissen besaß, mußte eingestehen, daß er hier am Ende seines Witzes sei.

„Und wenn sie sich in das Innere des Erdbodens verkrochen hat, so'muß ich sie doch haben!" trief der

vor, daß es der Sozialdemokratie Vorschub leiste, wenn es diese Vorlage als gegen das siebente Gebot gerichtet bezeichne, und erklärt schließlich, daß er gegen die Vor­lage stimmen werde, wenn das Centrum dagegen stimme.

Abg. Dr. W i n d t h o r st hat aus den Ausführungen des Vorredners den Eindruck empfangen, als ob ein Bedürfniß vorliege, die Erregung nach außen zu stärken. Deshalb habe man wohl Stöcker, der sich dazu besonders eigne, vorgeschickt. Wenn hier Maß­nahmen der Regierung und Gesetze angegriffen würden, so richteten sich nach altem konstitutionellen Brauch die Angriffe gegen die verantwortlichen Minister, nicht gegen den Monarchen, der, unberührt von dem Streit der Parteien, den festen Anker bilde, für Staat und Gesellschaft. In eingehender Weise widerlegt Redner die kulturkämpferischen Auslassungen Stöckers, um dann dem Kultusminister gegenüber auszuführen, daß der hl. Stuhl kein Wort gesagt habe, aus dem irgendwie herausgelesen werden könnte, daß ein tolerari posse eintreten werde. Das Stückchen Papier, das der Kul­tusminister gezeigt, sei ohne alle Bedeutung. Es scheine, daß die Spitzel auch gegen den Vatikan benutzt würden; er müsse daher zur Vorsicht mahnen. Er werde ab- warten, ob der Minister es wagen werde zu sagen, daß unsere Bischöfe in Widerspruch mit ihrer offiziellen Eingabe etwas Anderes gesagt haben. Nochmals bittet Redner um Annahme seines Antrages, die Sache zu vertagen und mit den Bischöfen zu unterhandeln. Even- tuell bittet er um Annahme des Antrages Brüel. Das vorliegende Gesetz sei sozialdemokratisch, denn es nehme Eigenthum, um es durch die Gesetz­gebung anderweit zu vertheilen.

Kultusminister v. Goßler macht sich über das Schicksal der Vorlage keine Illusionen und hält eine Versöhnung der Gegensätze in den rechtlichen Anschauungen für sehr schwer. Die Regierung habe nicht nur aus die Stimmung der Katholiken, sondern auch auf die anderer Kreife zu achten. Allerdings habe der Papst den Bischöfen und dem Centrum die Entscheidung über­lassen, _ aber es spiele sich jetzt ein Kamps oder ein Schachspiel um die Verantwortung ab. Windthorst wolle diese den Bischöfen zuschieben. (Ruf: Jm Gegen- theil!) Die Stimmung unter den Bischöfen und dem Klerus fei keineswegs eine geschlossene, wie die Kund­gebung des .Westfälischen Volksblattes' in Paderborn beweise. Windthorst habe sogar beim Minister-Präsi­denten nachgeforscht, ob er, der Minister, mit der Ver­lesung des bekannten Schriftstückes nicht zu weit ge­gangen sei (Hört!) in seinen Erklärungen. Der Mini­ster-Präsident habe gesagt, er, Redner, sei soweit ge­gangen, als er gehen konnte. Namen werde er aber nicht neunen. Wenn Windthorst heute von Spitzeln gegen den Vatikan gesprochen, so möge sich Windthorst mit den Leuten abfinden, die er vermuthe. Der Weg, Graf mit dem Fuße stampfend, als ihm Vincent eines Tages im Zimmer der Madame d'Arcourt wieder einen solchen Bericht von der Vergeblichkeit seiner Be­mühungen ablegte. „Ich lasse es mir nicht nehmen, sie hat in dem Hause Alexandrinenstraße gesteckt."

„Aus den Schneidersleuten ist nichts herauszube- kommen," behauptete Vincent.

„Wenn ich es einmal versuchte?" fragte Madame. „Das wäre nicht übel", stimmte der Graf bei.

In Folge deffen machte Madame d'Arcourt, schlicht gekleidet als französische Sprachlehrerin, die ein möb- lirtes Zimmer miethen wollte, Frau Hart einen Be­such. Durch geschicktes Fragen erfuhr sie von der red­seligen Frau, daß bei ihr ein Fräulein Schmidt gewohnt habe. Die Beschreibung, die sie von ihr machte, paßte auf Leontine, ehenso fiel die Zeit ihrer Ankunft bei ihr mit ihrer Flucht aus der Villa zusammen; wohin sie aber gekommen sei, davon wußte die Frau selbst nichts, die Ueberzeugung gewann Madame d'Arcourt. Während sie noch im Plaudern gewesen waren, hatte der Schneider plötzlich gerufen: „Mutter, Herr Gring- muth kommt", worauf die Frau äug, lich verstummte.

Das war für die Französin g.nug gewefen. Die Beobachtung richtete sich nunmehr auf Herrn Gring- uwth und erstreckte sich bald auch auf Wollenberg, da man beide häufig mit einander verkehren sah.