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JV 129.

Sonntag, den 8. Juni 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

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Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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»M- Erstes Blatt. -HW«

Ho Gott will wird die XXXVII. General - Ver­sammlung der Katholiken Deutschlands in diesem Jahre in Koblenz tagen.

Näheres wird das Lokal-Comitö mittheilen. Haid, 4. Juni 1890.

Karl Fürst zu Löwenstein

als Komissär

der Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.

* Herr Erispi und die soziale Lage in Italien.

Während Fürst Bismarck nach seinem Rückzug in den einsamen Sachsenwald in Friedrichsruh fremd­ländischen Zeitungskorrespondenten Unterredungen ge­währt und so diesen Korrespondenten Gelegenheit gibt, eingehende Berichte über die Ansichten des Ex-Kanzlers zu veröffentlichen, wodurch allgemein der Eindruck er­weckt wird, daß Fürst Bismarck seit seinem Rücktritt überaus schlecht gelaunt ist und diese seine schlechte Laune abzulenken sucht, steht sein Freund Crispi in Italien den finanziellen und sozialen Nöthen seines Landes rathlos gegenüber und hat es bereits so weit gebracht, daß er mißliebige, fremdländische Zeitungs­korrespondenten über die Grenze bringen und in der Romagna hungernde Arbeiterinnen welche die Vermittlung des Stadtpräfekten für ihre Lohnforder­ungen nachsuchen, in ebenso brutaler wie sinnloser Weise niedermetzeln läßt. Italien ist eines der von der Natur am meisten begünstigten Länder, voll ur­sprünglicher Fruchtbarkeit; aber gerade in diesem Lande lebt der größte Theil der Bevölkerung unter Verhält­nissen, welche noch um ein gut Theil schlechter sind, als die im übrigen Europa. Hungeraufstände der ge­schundenen ländlichen Arbeiter sind nichts Seltenes, und als vor einigen Jahren das italienische Parlament eine Kommission niedersetzte, welche die Untersuchung der Ursachen der in weiten Kreisen der Bevölkerung herrschenden Noth zur Aufgabe hatte, wurden in dem Bericht dieser Kommission fast unglaubliche Dinge über d^s schreckliche Elend mitgetheilt, welches insbe­sondere unter den Landarbeitern vorhanden ist. Bekannt sind auch die sensationellen „Briefe aus Italien'', welche seiner Zeit der bekannte belgische Volkswirth Prof, de Laveleye über das in Italien in der Neuzeit herrschende soziale Elend geschrieben hat. Der Steuerdruck ist unter dem neuen Regiment ein unerträglicher und die Unzufriedenheit eine allgemeine. Als vor zwei Jahren König Humbert die Romagna besuchte, in welcher die Lage der Bevölkerung eine ge­radezu trostlose ist, schickte er an den Ministerpräsi-

In harter Schule.

Roman von G. I.

(57. Fortsetzung.)

So kam und ging er, ohne daß man einen Anstoß daran nahm. War er da, so bildete er meistens einen Mittelpunkt für die jüngeren Offiziere, die er durch die Erzählung seiner Kriegsabenteuer vortrefflich unterhielt.

Ulrich von Freiberg gehörte dem Kreise der letzteren an. Er war von seinen Reisen fast gleichzeitig mit seinem Onkel und dessen Gemahlin zurückgekehrt. Hortense war der Magnet, der ihn anzog und abstieß, so daß er sich auch während ihres gemeinschaftlichen Aufenthaltes im Auslande mehrmals mit seinen Ver­wandten zusammengefunden und ebenso oft wieder von ihnen getrennt hatte. War er in der Nähe seiner nun­mehrigen Tante, so peinigte ihn das Gefühl, daß jeder Bljck, den er auf sie richtete, jedes Wort, das er mit sprach, ein Unrecht gegen seinen Onkel sei, er riß sich los, floh mit dem Vorsatze, nicht wiederzukehren und konnte es fern von ihr nicht aushalten.

Nach Berlin war er in der Absicht gekommen, seinen Abschied zu nehmen, um Hortense's gefährliche Nabe auf immer 31t meiden — vergebens. Kaum war

denten Crispi ein längeres Telegramm mit der drin­genden Aufforderung, Hand an die sozialen Schäden zu legen. Crispi antwortete, daß er seit geraumer Zeit die soziale Frage studire. Eine besondere Prüfung werde er den Verhältnissen der Romagna angedeihen lassen und das Ministerium werde Maßnahmen Vor­schlägen, die zum Heile jener Bevölkerung nothwendig seien. Hat aber etwa Herr Crispi sein Versprechen eingelöst? Die Antwort geben die neuerlichen Unruhen in der Romagna, die in Conselice zum Einschreiten des Mili­tärs gegen strikende Reis-Arbeiterinnen geführt haben. Die Arbeiterinnen auf den Reisfeldern der neugeadelten Großgrundbesitzer der Romagna erhalten bei 13 bis 14stündiger Arbeitszeit einen Tagelohn von 60—65 Centimes, und verlangten eine geringe Lohn-Erhöhung. Die Antwort waren blaue Bohnen. Kann man sich da wundern, wenn in Italien die sozial-revolutionäre Bewegung immer größere Fortschritte macht? Es ist lediglich das soziale Elend, welches die Bevölkerung in der Romagna veranlaßt hat, sozialistisch und anarchi­stisch gesinnte Personen wie Cipriani und Costa in's Parlament zu wählen. Die Wahl dieser Männer ist lediglich ein Protest gegen Crispi's Willkür-Herrschaft und gegen das soziale Elend Neu-Italiens. Die s 0 z i a - listisch-anarchistische Agitation nimmt in ganz Italien einen .immer größeren Umfang an, und bereits war die Betheiligung an der sozialistischen Mai-Feier am l.Mai d. I. eine bedeutend größere als beispiels­weise in Deutschland. Im Parlament hat sich Herr Crispi damit heraiiszuredpn gesucht, daß er meinte, hie. strikenden Reis - Arbeiterinnen hätten die „Grundlagen der staatlichen Ordnung" angegriffen. Die Regierung dürfe sich nicht vergewaltigen lassen. Eine schöne Ver­gewaltigung, die darin besteht, daß die Soldaten auf Weiber, welche allerdings vorher mit Steinen geworfen, mit dem Bajonnett eindringen und auf die fliehenden Weiber Feuer geben! Es zeigt dieser Fall wieder einmal recht deutlich, mit wie wenig Verstand oft die Welt regiert wird, und wenn die ,Kreuzztg? aus den neuesten Vorgängen in Italien die Lehre zieht, daß in neuerer Zeit der Glaube an die Unübertrefflich­keit des Regiments einzelner Staatsmänner immer mehr erschüttert werde, so kann man ihr dies kaum verargen. Crispi ist ebenso ein Gegner des Arbeiterschutzes, wie gewisse andere Staatsmänner; er arbeitet ebenso wie gewisse andere Staatsmänner vornehmlich mit poli­zeilichen Mitteln und wird voraussichtlich bald das Schicksal seines nordischen Freundes theilen.

Deutsches Keich.

Berlin, 6. Juni.

* Nach zweitägiger, theilweise sehr erregter Debatte, welche lebhaft an die Kulturkampfdebatten erinnerte, hat die Kartellmehrheit des Abgeordnetenhauses, wie er wieder in ihrem. Zauberkreise, so fühlte er sich mehr als je verstrickt und redete sich ein, er müsse bleiben, weil es seine Pflicht sei, sie zu überwachen, da er ihrer Tante gelobt hatte, sie vor dem Grafen Falkenburg zu schützen, der zu seiner grenzenlosen Ver­wunderung das Haus seines Onkels wieder besuchte und nicht nur mit Hortense, die allerdings von seiner Bosheit nichts wußte, sondern auch mit Madame d'Arcourt ganz freundschaftlich verkehrte. Als er darüber der würdigen Dame seine Verwunderung zu erkennen gab, lächelte sie mild und sagte in ihrer salbungs­vollen Weise:

„Er hat sein Unrecht eingesehen und mich um Ver­zeihung gebeten."

„Und Sie glauben, daß es ihm damit Ernst sefi?" hatte Ulrich verwundert gefragt.

„Ich hoffe es; sollte es aber anders sein, so straft man ihn jetzt weit mehr, indem man ihn hier duldet, als indem man ihn verjagt.

Ulrich hatte diese ungeheure Verblendung nicht be­greifen können und war so weit gegangen, dem Baron eine Andeutung zu machen, der hatte aber lachend ge­antwortet, er kenne den Patron und werde ihn zu überwachen wissen, jetzt bedürfe er aber seiner, denn er sei ihm beim Aufsuchen seiner Tochter behilflich.

schon mitgetheilt, den Gesetzentwurf über die Verwen­dung der Sperrgelder mit einer von den drei Kartellparteien vorgeschlagenen und von der Regierung gebilligten Aenderung des Artikels 3 über die Ver­wendungszwecke und die Vereinbarung darüber zwischen den Bischöfen und dem Kultusminister angenommen. Vergeblich versuchte das Centrum noch einmal eine Verständigung herbeizuführen, und zwar durch den Antrag Windthorst, die Regierung aufzufordern, vor­her noch mit den Bischöfen über die Sperrgelder in Verhandlung zu treten und auf Grundlage dieser Ver­handlungen demnächst einen neuen Gesetzentwurf vor­zulegen, vergeblich wies Abg. Dr. Windthorst in der Begründung dieses Antrages darauf hin, daß dies der richtige Weg zu einer friedlichen Erledigung der ganzen Angelegenheit fei, den man betreten muffe, wenn man wirklich den Frieden wolle, wie allseitig versichert wird. Das Centrum hatte bei dieser Debatte einen festen Boden unter den Füßen: den Boden des Rechts und der Billigkeit, und es befindet sich damit auch in Übereinstimmung mit dem gesammten preußischen Epis­kopat, welcher in seiner Fuldaer Eingabe an den Kultusminister auf der Grundlage der Restitution die Rückgabe des ganzen Kapitals verlangt hatte. Daß es sich hier um privatrechtliche Ansprüche der katho­lischen Kirche und der durch das Sperrgesetz Geschädigten handelt, sagt schon das einfache Rechtsgefühl, und die Abgg. Dr. Windthorst, Rintelen, Dr. Mosler, Dr. Brüel und Dr. Porsch haben das juristisch unwider­legbar vachgewieien. Aber was kümmerte das die Mehrheit? Die Regierung und die hinter ihr stehende Kartellmehrheit haben eben eine andere „Rechtsauf­fassung", sie behaupteten, daß es sich nicht um privat­rechtliche Ansprüche, sondern um „öffentlich- rechtliche Leistungen" handelt, sie beanspruchen die 16 Millionen Sperrgelder voll und ganz als frei verfügbares Eigenthum des Staates und wollen nur des „Friedens" halber der katholischen Kirche eine „Dotation" in Gestalt einer Rente vom Sperrfonds­kapital zukommen lassen. Zeugt ein solches „Geschenk" nicht von ungeheurem „Wohlwollen" der Kartellparteien gegen die katholische Kirche?! Das Kartell will das Gesetz in der von ihm beliebten Form dem Centrum aufoctroyiren oder aber (diese Erklärung wurde wieder­holt abgegeben) fallen lassen. Nun, wir wollen ruhig abwarten, was die dritte Lesung bringt. Bemerkens­werth bleibt jedenfalls für jetzt und künftige Zeiten, daß in der zweitägigen Diskussion gerade der Hof­prediger Stöcker einen kulturkämpferifchen Ton anschlug, wie er seit 15 Jahren im Abgeordnetenhause nicht mehr gehört wurde.

* Die Gewerbeordnungs-Kommission des Reichstags berieth über den zweiten Abs. d. § 105b betreffs der Sonntagsruhe der im Handelsgewerbe be­schäftigten Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter. Die Kom-

Ulrich bat, ihm doch lieber diese traurige Ange­legenheit anzuvertrauen, damit er dieselbe in die Hand nehmen könne, der Baron entgegnete aber:

„Anzuvertrauen ist gar nichts, ich weiß davon eben so viel wie Du. Zum Spüren und Entdecken ist der Graf aber unstreitig geeigneter als wir Beide, und das ist für uns sicher kein Vorwurf. Uebrigens steht Dir nichts im Wege, auch Deine Maßregeln zur Wieder­auffindung Deiner Cousine zu treffen."

Das versuchte Ulrich, aber ohne allen Erfolg; es fehlte chm eben jeder Fingerzeig, deren Graf Falken­burg doch in gewissem Grade befaß. War auch die Liebe für Leontine in Ulrich durch die Leidenschaft für Hortense erstickt, so hegte er doch noch eine leb­hafte Theilnahme für die Jugendgesährtin. Dazu ge­sellte sich der Vorwurf, daß es seine Treulosigkeit ge­wesen, die sie zu dem verzweifelten Schritte getrieben, und endlich ein Argwohn gegen den Grafen. Er be­schloß, ihn zu beobachten. Es waren also der Gründe mehrere, die ihn an Berlin fesselten und ihn dem Banne von Hortense's Augen rettungslos verfallen ließen.

Gräf Falkenburg war an jenem Tage, an welchem er in der kleinen Villa in Thüringen den heftigen Austritt mit Leontine gehabt hatte, in der Absicht ab-