M 128.
Samstag, den 7. Juni 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Deutsches Keich.
B erlin, 5. Juni.
* Im Abge ordnetenhause wurde heute, wie die .Germania' u. A. berichtet, die alte zerfetzte Kulturkampf-Fahne wieder aufgehißt, und zwar vom Abg. Stöcker, welcher heute bei der Fortsetzung der gestern abgebrochenen Berathung über den § 1 der Sperrfonds -Vorlage als erster Redner das Wort nahm. Er hielt eine „Hetzrede" und versuchte eine richtige Kulturkampf-Temperatur hervorzurufen. Ueber die Vorlage selbst sprach Herr Stöcker fast gar nicht, desto mehr aber über die von der Inquisition s. Z. ausgesprochenen Vermögens-Konfiskationen, über die Thronentsetzung Heinrich VIII. von England und über den angeblich wechselnden Eigenthums- und Konfiskations- Begriff beim Centrum, um dann zu erklären, daß er sich durch die ganze aggressive Haltung des Katholizismus auf's Aeußerste beunruhigt fühle! Herr Stöcker wünscht zwar nicht, daß die Vorlage mit der Stolge- bühren-Frage verknüpft werde, aber er erinnert an die angeblichen Wiedertaufen, die beim Ue6er tritt von Protestanten katholischerseits vorgenommen würden. Wenn die Vorlage scheitern sollte, so trage das Centrum dafür die Verantwortung. Er wisse von katholischen Domherren, die sich in einer schlechten Lage befänden, daß sie es bedauern würden, wenn die Vorlage an dem Widerwillen des Centrums scheitern sollte. Lebhaftes Bravo von der einen und lebhaftes Zischen von der andern Seite folgten der Rede. Abg. Dr. Windt- horstkonstatirte, daß Tonart und Applaus der Stöcker'- schen Rede lebhaft an die Berathung des Sperrgesetzes im Jahre 1875 erinnerten. Stöcker habe die Kriegs- Posaune geblasen und den Kampf der angeblich bedrohten protestantischen Mehrheit gegen die katholische Minderheit proklamirt. Das bringe Klarheit in die Situation. Stöcker's Rede sei wohl weniger an's Haus, als nach Auswärts gerichtet gewesen; er wolle an gewisser Stelle glauben machen, daß man nicht weiter gehen dürfe, denn der Katholizismus sitze dem Protestantismus auf den Fersen. Die Haltung des Lehrertages sei zu verurtheilen, weil er die christliche Schule geradezu verleugnet habe, und zwar in Gegenwart eines Regierungs-Kommissars. Wenn dazu noch der oberste Leiter unseres Schulwesens eine solche Versammlung beglückwünsche, dann höre Alles auf. Er, Windthorst, benutze die Gelegenheit, um gegen die Haltung des Lehrertages zu protestiren. Derselbe Minister, der die katholischen Lehrer - Vereine hindere, würdige Alles, was liberal erscheine. Die Beglückwünschung der Lehrer sei ein Zeugniß, daß wir eine Schul-Verwaltung haben, gegen die protestirt werden.müsse. (Lebhafter Beifall im Centrum, theilweise auch auf der Rechten.)
In harter Schute.
Roman von G. I.
(56. Fortsetzung.)
Nachdem der erste Freudenrausch vorüber war, hieß er die Tante nochmals verbindlich in seinem Hause willkommen und entfernte sich dann; er wollte den Beiden ein Stündchen ungestörten Beisammenseins gönnen.
Madame d'Arcourt reichte dem Baron die Hand zum Kuß, seine Frau hing sich an seinen Hals, flüsterte ihm heiße Dankesworte für die ihr bereitete Ueber- rafchung ins Ohr und sank dann wieder in die ausgebreiteten Arme der Tante. Sie verharrte in dieser Stellung, bis sich die Thür hinter dem Baron ge- k hEe. Dann schnellte sie empor, öffnete die Thur des anstoßenden Zimmers, um sich zu über- zeugen, daß kein Lauscher anwesend sei und sprang alsdann, tote eine Katze auf die Alte zu, die es sich im Divan bequem gemacht hatte, sich als Herrin der Situation zu fühlen und ruhig den Angriff zu erwarten schien.
„Was bedeutet dieser Ueberfall, Claire?" rief sie in einem französischen Jargon, der einem Uneingeweihten nicht leicht verständlich gewesen wäre.
„Ich hatte Sehnsucht nach meiner lieben Nichte," antwortete Madame spöttisch.
Redner geht dann näher auf die Vorlage und die gestellten Anträge ein, betonte nochmals, daß es sich hier lediglich um eine vermögensrechtliche Frage handele. Er empfiehlt seinen Antrag, unter Ablehnung des § 1 zunächst Verhandlungen mit den Bischöfen eintreten zu lassen. Abg. v. Cuny (natl.) bestreitet Windthorst das Recht, im Namen der Katholiken Preußens zu sprechen und führt aus, daß der Staat gar nicht zum Erlaß des vorliegenden Gesetzes verpflichtet sei. Nicht um privatrechtliche Ansprüche handle es sich, denn als 1872 dem Bischof von Ermeland die Temporalien gesperrt worden seien und der Bischof vor dem Berliner Stadtgericht gegen den Fiskus geklagt habe, hätten das Stadtgericht, Kammergericht und Obertribunal den Bischof abgewiesen, weil es sich nicht um privatrechtliche Verpflichtungen des Staates, sondern um Verhältnisse öffentlich-rechtlicher Natur handele. Jm Uebrigen will Redner für die Vorlage des lieben Friedens halber stimmen, aber nur unter der Voraussetzung, daß auch das Centrum dafür stimmen werde. Nach einer vortrefflichen Rede des Abg. Dr. P o r s ch , die besonders die rechtliche Seite der Frage beleuchtete, erklärte Kultusminister v. G o ß l e r sein Glückwunschtelegramm an den Lehrertag, das doch eine so pointirte Fassung hatte, als einen bloßen Akt der Kourtoisie. Die Entsendung eines Regierungsvertreters zu derartigen Versammlungen sei gebräuchlich. Eine Billigung der in diesen Versammlungen ausgesprochenen Grundsätze werde damit nicht ausgesprochen. Die Temperatur im Sitzungssaale war nachgerade eine so schwüle geworden, daß der letzte Theil der Verhandlungen unter ziemlicher Unaufmerksamkeit und unter dem Geplauder der vielfach in einzelnen Gruppen zusammenstehenden Abgeordneten geführt wurde. Das Resultat der Abstimmung über den Art. 1 war, daß unter Ablehnung der Anträge Windthorst und Brüel Art. 1 in der Fassung der Regierungsvorlage von den Kartellparteien angenommen wurde. Art. 2 (Festsetzung der Sunimen für die einzelnen Diözesen) wurde natürlich ohne Schwierigkeit angenommen, § 3 in der Fassung Hobrecht, für welche vorläufig auch das Centrum stimmte, nachdem seine Anträge sämmtlich abgelehnt worden waren. Es stimmten aber für dieselben nicht nur stets einstimmig Centrum und polnische Fraktion, sondern gerade für wichtige Punkte einmal die freisinnige Fraktion und wiederholt einige Mitglieder von rechts, darunter die Konservativen Sack und v. d. Reck, welche zu denjenigen wenigen Konservativen gehören, denen in der Bismarck'schen Aera nicht die Rechtsgrundsätze verloren gegangen sind. Am Freitag sollen neue protestantische Geldforderungen (die Resolution der Sperrgelderkommission über die Stolgebühren) berathen werden.
Hortense stampfte mit dem Fuße. „Laß die Posten, was willst Du hier?"
„Die Früchte meiner Arbeit genießen. Meinst Du, ich wolle in dem langweiligen Reina sitzen bleiben, während Du hier die Baronin spielst?"
. „Ich spiele sie nicht, ich bin die Baronin von Reina," entgegnete Hortense trotzig.
„So lange es mir gefällt, ha ha ha," lachte die alte Französin.
„Du brauchst ja nicht in Reina zu bleiben, geh' doch nach Frankreich."
„Das glaube ich, das gefiele Dir, man hätte Dich hier weich gebettet und zöge nun ab; nein, so einfältig bin ich nicht."
„Du hast mir versprochen, nach Frankreich zurückzukehren!"
„Kind, ich glaube, der Umgang mit dem schwach- köpfigen Baron wirkt ansteckend auf dich," spottete Madame. „Man gibt doch Versprechen nicht, um sie zu halten."
„Ich habe Dir doch die große Geldsumme gezahlt." „Die große Geldsumme! Bist du vielleicht auch schon eine gute Wirthin geworden? Sie war klein genug, besonders da Vincent den Löwenantheil davon nahm."
„Vincent!" schrie Hortense, „ist der auch wieder da?" Natürlich, die Saison in den Bädern ist ja vor-
* In den polnisch en Bezirken der östlichen Provinzen finden, der ,Danz. Ztg.' zufolge, gegenwärtig auf Anordnung des Kultusministeriums Erhebungen statt, die demnächst amtlich veröffentlicht werden sollen. Es hat sich nämlich die Thatsache herausgestellt, daß einzelne früher vollständig evangelische Dörfer jetzt eine starke polnisch — katholische Einwohnerschaft durch zugewanderte polnische Arbeiter erhalten haben, welche nun mit Nachdruck katholische Schulen u. s. ro. verlangen. — Das ist ja ganz schrecklich für protestantische Gemächer. Sogar eigene Schulen wollen die Katholiken des Ostens haben.
* Daß Graf Herbert Bismarck während seiner jüngsten Reise keinerlei journalistische Interviews gehabt habe, wird jetzt auch der ,N. A. Ztg.' von unterrichteter Seite bestätigt.
* Nach den Erklärungen des Kriegsministers Verdy du Vernois in der Militärkommission über die neue Heeresreorgcmisation ergibt sich bezüglich der Friedens- Präsenzstärke unseres Heeres folgendes Zukunftsbild: Die Erhöhung der Präsenzstärke soll bekanntlich nach und nach in 4 Staffeln durchgeführt werden. Den ersten Schritt auf diesem Wege bildet die gegenwärtig dem Reichstage unterbreitete Militärvorlage, dahin gehend, die Aushebung um jährlich 6000 Mann zu verstärken und die Friedenspräsenzstärke unter Erhöhung der Ausgaben von jährlich 18 Millionen Mark um 18000 Mann zu vermehren. — Die zweite Staffel würde dazu führen, alle überzähligen Tauglichen d. h. die infolge ihrer hohen Loosnummer befreiten und alle nur „bedingt Tauglichen" (jetzige Klasse b der Ersatz- reservisten) in das stehende Heer einzustellen. Mit dieser 2. Staffel würde die Friedenspräsenzstärke bereits um 55,000 Mann emporschnellen. Als weitere 3. Staffel würde sich dann ergeben die Ausbildung auch der Ersatz- Reserveklassen c und d durch Einstellung in das stehende Heer. Das sind diejenigen Klassen, welche jetzt wegen besonderer häuslicher Verhältnisse u. s. w. von der aktiven Dienstpflicht befreit und der Ersatzreserve überwiesen werden. Die Ausbildung der gesammten Ersatzreserve im stehenden Heer würde eine Erhöhung der jetzigen Friedenspräsenzstärke um 50 Prozent gleichkommen. Die 4. Staffel endlich würde bestehen in der Einstellung aller Mannschaften in das stehende Heer, welche jetzt bei dem Aushebungsgeschäfte dem Landsturm 1. Aufgebotes zugetheilt wurden, wodurch sich bei Beibehaltung der dreijährigen Dienstzeit eine Verdoppelung der bisherigen Friedenspräsenzstärke d. h. eine Erhöhung von 468.000 auf 936,000 Mann ergeben würde. Wenn man nun noch in Betracht zieht, daß mit dem Wachs- thum der Bevölkerung auch ein weiteres Wachsthum des jährlichen Einstellungskontingents in derFriedens- präsenzstärke eintreten würde, so würde sich schon nach über. Mein lieber Bruder kann es ohne uns in Frankreich nicht aushalten und ist zurückgekehrt."
„Was fange ich an?" seufzte Hortense mit gerungenen Händen.
„Das Einfachste ist, Du nimmst Deine Verwandten bei Dir auf, es ist ja Raum genug in Deinem Hotel."
„Unmöglich, Vincent kann sich nicht fortdauernd beherrschen."
„So gib uns die Mittel, unseren eigenen Haushalt zu führen."
„Woher soll ich die nehmen?"
„Das ist Deine Sache, Du bist die Gemahlin des Barons von Reina, eines der reichsten Edelleute des Landes."
„Darum habe ich aber kein Geld."
„Bah, Du hast Kredit, Du hast Schmuck und reicht das Alles nicht aus, fo hast Du Freunde; Herr von Freiberg läßt feine schöne Tante nicht im Stich" Sie lachte boshaft." w
„Ich will nichts mit Euch zu thun haben!" schrie Hortense, mit dem Fuße stampfend. „Mein Mann wird mich schützen.
„Meinst Du wirklich, mein Püppchen? Er mag vernarrt in Dich sein, das gebe ich zu, erhält er aber einige Schreiben, die ihn über die Vergangenheit und das Alter seiner Angebeteten aufklären und ihm den