an Rickert's Stelle Zelle setzen. Man kann ja in diesem Punkte anderer Meinung sein, als sie, aber man versündigt sich an der Partei, wenn man ihr eine Zweitheiligkeit der politischen Grund-Anschauung unterlegt, von der nicht entfernt die Rede ist. Das giebt uns aber auch die Zuversicht, daß sie über diesen widerwärtigen Zwischenfall gesund hinauskommen wird, und daß die von links und rechts ausgehenden Versuche, unter diesem Vorwande einen Keil in sie zu treiben, vergebliche Arbeit bleiben werden.
* Der deutscheLehrertag, welcher vor einigen Tagen in Berlin versammelt war, hat auch in diesem Jahre die christliche Pädagogik in schroffster Weise verleugnet und bekämpft. Dr. Dittes aus Wien, dessen verderbliche pädagogische Wirksamkeit in Oesterreich allgemein bekannt ist, hielt einen Vortrag über Diesterweg und alles Mögliche, fand dabei Gelegenheit, das volle Programm der christusfeindlichen Pädagogik zu entfalten und dabei auch noch das Gastrecht dadurch zu mißbrauchen, daß er die Stellung des Lehrerstandes in Preußen verächtlich zu machen suchte. Seine Rede war eine fortgesetzte Polemik gegen das positive Christen- thum und gegen die Kirche. Im Einzelnen führt das die .Niederrh. Volksztg.' aus, indem sie schreibt:
Man muß es Herrn Dr. Dittes lassen, daß er sich sehr verständlich und offenherzig ausgedrückt hat. Er will nicht bloß den Einfluß der Kirche auf die Schule vollständig beseitigen, sondern auch dem konfessionellen Religions-Unterricht ein Ende machen. Also „religionsloseSchulen!" — denkt der arglose Lehrer. O nein, Herr Dittes hat eine raffinirtere Idee. Nach ihm soll den Schulkindern eine besondere Sch ul re l ig ion eingetrichtert werden, die er als das „allgemeine Christenthum Christi" bezeichnet. Bon den „konfessionellen Verschiedenheiten" soll in dieser Rcligionslehre nichts enthalten sein; Herr Dittes will sie aus der Bibel und aus der — deutschen Nationalliteratur schöpfen lassen, er will unseren Kindern die Religiosität Luther's, Lessing's, Herder's, Schiller's und Göthe's ancrziehen. Den Konfessionen oder „Separatkirchen" spricht Herr Dittes das Recht ab, über den Glauben und die Religion mitzusprechen. Wer nach seiner Ansicht zur Feststellung der neuen interkonfessionellen Schulreligionslehre die berufene Autorität sein soll, erfahren wir leider nicht. Vielleicht soll der einzelne Lehr er (natürlich nur der „aufgeklärte") das Recht haben, den Kindern nach seiner persönlichen Ansicht vom „allgemeinen Christenthum „Religionsunterricht" zu geben. Und diese herrliche Idee, daß in der staatlichen Zwangsschule den Kindern der gläubigen Evangelischen und Katholiken eine „allgemeine christliche" Aufklä- rungs-Religion beigebracht werden solle, wurde von dieser Delegirten-Bersammlung, welche angeblich 60,000 Lehrer reprä- sentirt, mit demonstrativem Beifall ausgenommen! In gewissem Sinne können wir solche Lehrer auch als „Kampfgenossen" begrüßen. Sie zeigen die Berechtigung des Antrags W i n d t - horst recht drastisch. Zur Zeit nimmt der Staat, d. h. der Kultusminister die Macht in Anspruch, über den schulplanmäßigen Religionsunterricht ganz nach seinem Ermessen zu verfügen. Wer bürgt dafür, daß nicht einmal ein Minister an's Ruder kommt, der nickt bloß die „fachmännische" Schulaufsicht führt, fondern auch die konfessionellen Katechismen über Bord wirft und die Kinder im „allgemeinen Christenthum" des Berliner Lehrertages erziehen lassen will. Wenn der Staat den gläubigen Evangelischen oder Katholiken zwingt, sein Kind der öffentlichen Schule anzuvertrauen, so können und müssen die Eltern von Gottes und Rechts wegen Garantien für eine
Deutsches Deich.
Berlin, 2. Juni.
* Ueber die Militär» orla ge dauert die Diskussion in der Presse fort unter dem Eindrücke der Erklärungen des Kriegsministers, daß die gegenwärtige Vorlage nur den ersten Schritt bedeute auf dem Wege $u einer vollständigen Organisation des Heeres, wonach jeder wehrfähige Mann auch thatfächlich wehrfähig gemacht werden soll und zwar durch eine grundsätzlich auf drei Jahre berechnete Dienstzeit. Angesichts dieser Steigerung der Militärlast gewinnt das Verlangen nach anderweitiger Entlastung, insbesondere durch Einführung der zweijährigen Dienstzeit immer breiteren Boden. Aber woher die großen Mehrlasten für das Militär nehmen? So viel auch diese Frage erörtert wird, es will nicht gelingen, darüber in der Regierungspresse irgendwelchen klaren Aufschluß oder auch nur eine Andeutung zu erfahren. Die Reichstagskommission wird freilich nicht umhin können, bei der demnächstigen Wiederaufnahme ihrer Verhandlungen dieser Finanzfrage ihre besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden und volle Aufklärung über etwaige neue Steuerprojekte zu verlangen. „Das dicke Ende kommt nach" — das ist bei allen bisherigen Militärbewilligungen die Regel gewesen und jetzt ist diese Erwägung eines alten Sprichwortes um so mehr angebracht, als es sich um eine nahezu unabsehbare Mehrbelastung durch eine unabsehbare Erhöhung der Heeresstärke handelt. Oder sollen wir schließlich angesichts dieser unbegrenzten Kriegsrüstungen zu dem Ausrufe der Verzweiflung kommen: „Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende?"
* Ueber den Streit im deutschfreisinnigen Lager wird dem Alzeyer Beobachter' — im Wahlkreise des Abgeordneten Dr. Bamberger, der sich zuweilen in dem Blatte äußert — aus Berlin geschrieben:
Lassen Sie sich nicht durch falsche Darstellungen des in der Fraktion ausgebrochenen Zwistes zu der Ansicht verleiten, daß es sich dabei um ein Mehr oder Weniger von Opposition gegen die Regierung, speziell gegen die Militär-Borlage handle, oder um eine kindische Anwandlung von Dankbarkeit für höfliche Behandlung. Die alten Fraktions-Mitglieder, welche sich dagegen sträuben, Herrn Richter an der Spitze des geschäftsführenden Ausschusses zu belassen, sind, wenn sie auch nicht auftreten wie er, nicht minder taktfeste Politiker, und selbst wenn sie in einem oder dem andern Punkte nicht sachlich mit ihm einig wären, würden sie darin keinen Grund sehen, eine Veränderung in der Repräsentation der Partei zu verlangen. Die tiefere Be- wandniß des Konfliktes liegt in Richter's Doppel-Stellung als Haupt-Redakteur der freisinnigen Zeitung' und als Vorsitzender des Ausschusses. In der Zeitung ist Richter Autokrat und führt sie nach eigenem Belieben. Aber seine Stellung als Vorsitzender hat zur Folge, daß — allen Protesten zum Trotz — die Zeitung als offizielles Partei-Organ dasteht. Diesem Verhältniß wollten die 6 Herren, welche gegen ihn stimmten, ein Ende machen und der Ausgleichung wegen auch
religiöse Erziehung im Geiste ihres Glaubens verlangen Und diese Garantien zu begründen, das ist eben der Zweck des Antrags Windthorst.
* In der heutigen Vor-Versammlung der Vertreter deutscher Innungs-Handwerker-Verbände, sowie der Innungs-Ausschüsse vereinigter Innungen, die von ca. 350 Delegirten besucht war, wurde eine Jm- mediat-Eingabe an denKaiser, betreff, die gegenwärtige Lage des deutschen Handwerks, einer IbgliedrigenKommission zur Prüfung überwiesen.
* Die Generalversammlung derPräsides. der katholischen Arbeiter-Vereine Deutschlands tagte am Donnerstag zu Köln im dortigen Fränkischen Hof. Sie nahm, wie die .Kölnische Volkszeitung' berichtet, einen sehr erfreulichen Verlauf. Die Zahl der Theilnehmer belief sich auf 130 bis 140. Von den auswärtigen Diözesen hatten Münster und Paderborn die meisten Vertreter gesandt. Herr Domkapitular Sic. Velten eröffnete die Sitzung lO1,^ Uhr. Er bewillkommnete die anwesenden Herren und dankte namentlich dem hochw. Herrn Erzbischof für sein Erscheinen. Dabei hob er besonders hervor, ein wie lebhaftes Interesse derselbe für die Bestrebungen des Klerus auf sozialem Gebiete bekunde. Er verwies sodann auf den Ernst der heutigen Lage und die Schwierigkeiten, welche sich dem Wirken des Klerus entgegen stellten. „Aber", fuhr er fort, „gewaffnet mit christlichen Grundsätzen und mit offenem Auge für die materielle Nothlage der Arbeiterbevölkerung müffen wir unsere soziale Aufgabe um so muthiger und entschiedener verfolgen und uns nicht mit allerlei ängstlichen Bedenken irre machen lassen, wodurch wir dem ungläubigen Sozialismus nur Vorschub leisten." Redner gab dann kurz die Grundsätze an, nach denen die Thätig- keit des Klerus in jugendlichen Arbeiter-Vereinen, in Arbeiterinnen-Vereinen und in Vereinigungen erwachsener Arbeiter sich zu gestalten hat. Darauf ergriff der Herr Erzbischof Dr. Krementz das Wort und führte etwa Folgendes gus: Es besteht ein Riß in der Gesellschaft; das liebel ist nicht partiell; die Gesellschaft krankt in ihren Fundamenten; die verschiedenen Klassen sind einander entfremdet. Das rührt daher, weil auf der einen Seite großes Vermögen sich aufhäuft, auf der anderen Seite bittere Armuth herrscht, auf der einen Seite Luxus und Weltlust, auf der anderen Seite Elend zu finden ist; auf der einen Seite Herrschsucht und Willkür, auf der anderen Seite Unzufriedenheit, Neid und der Sinn der Empörung sich zeigt. Die Lage der Dinge ist derartig, daß eine große Krisis zu befürchten ist, wenn der Klerus den Uebelständen nicht entgegen arbeitet. Um eine Krankheit zu heilen, muß man eine gute Diagnose anstellen und die rechten Mittel anwenden. Nachdem man erkannt, woran die
„Nein Kind, seine Güte zweifelt Niemand an," sagte Frau Meinhold.
„Die habe ich auch kennen gelernt," stimmte Leontine zu.
„Es ist abscheulich von ihm, daß er sich immer das Ansehen des Bösewichtes und Wucherers gibt, wie haben wir uns vor ihm gefürchtet!“ rief Alwine.
„Ja," fuhr Frau Meinhold fort, „das ist nun eine wunderliche Seite von ihm; er muß sehr schwere Lebensschicksale gehabt haben."
„Spricht er nie darüber?" fragte Leontine.
„Nein, er spricht nie über seine Vergangenheit und ich hüte mich wohl zu fragen und zu forschen. Was mir ein Freund nicht aus eigenem Antriebe über sich mittheilen will, das suche ich weder durch Fragen von ihm zu erpressen, noch mag ich es auf andere Weise erfahren. Da Sie mich aber nach dieser Aeußerung natürlich auch nicht fragen werden, wie ich Gringmuth kennen gelernt habe und wie er in unser Leben eingegriffen hat, so will ich es Ihnen erzählen, fügte sie lächelnd hinzu.
„Vor vier Jahren verlor ich meinen Mann nach langer Krankheit. Er war Beamter gewesen. Sein Gehalt war nicht groß, die Erziehung unserer Kinder, namentlich unseres Sohnes hatte Opfer gekostet, dann war die Krankheit gekommen. Ich hatte ein kleines Vermögen gehabt, wir hatten das zugesetzt, das wußte
Roman von G. I.
(54. Fortsetzung.)
Frau Meinhold erschrak, nicht wegen der Offenheit ihres Kindes, sie freute sich vielmehr, daß Alwine so rein war, um ihre innersten Empfindungen nicht zu verbergen, aber diese Empfindungen selbst erschreckten sie. Was sollte diese Liebe des jungen Mädchens zu dem alten wunderlichen Mann, der sie nicht erwidern konnte und selbst wenn er sie erwidert hätte, gewiß ehrenhaft genug gewesen wäre, sie zu verbergen, der sich gescheut hätte, das aufblühende Leben an fein welkendes zu knüpfen. Aber vielleicht nahm sie in ihrer Muttersorge für die Liebe des Weibes zum Manne, was nur kindliche Liebe und Dankbarkeit war.
„Alwine sieht in Gringmuth einen zweiten Vater" sagte sie zu Leontine.
,»Einen Vater?" lachte Alwine, „nein so ist er mir noch gar nicht vorgekommen."
„@r ist doch schon alt genug dazu," bemerkte Leontine arglos.
„Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Mir scheint er noch gar nicht alt genug und häßlich."
Frau Meinhold und Leontine mußten lachen.
„Warum lacht Ihr, giebt es einen besseren Menschen als Gringmuth?" fragte Alwine förmlich verletzt.
ich; ich wußte aber nicht, daß mein Mann noch einige hundert Thaler Schulden hatte. Auf dem Todtenbette vertraute er es mir. Er hatte eine kleine Summe geliehen, sie hatte sich durch aufgelaufene Zinsen vergrößert, der Wechsel war aus einer Hand in die andere gegangen, er wußte selbst nicht, wer ihn beim nächsten Termine präsentiren werde.
„Mit schweren Sorgen für unsere Zukunst starb er. Für uns gesellte sich zu dem Schmerz um den Verlust des Gatten und Vaters die Sorge um die Existenz, die Angst, den Namen des Theuren noch im Grabe beschimpft zu sehen. Ich erkundigte mich in wessen Händen der Wechsel sein möge. Ich erfuhr der Gläubiger sei gegenwärtig ein gewisser Gringmuth, ein übel beleumundeter Wucherer, von dem ich kein Erbarmen erwarten könne.
„Der gefürchtete Verfalltag des Wechsels kam. Pünktlich auf die Minute stellte sich Gringmuth ein und präfentirte den Wechsel. Ich erklärte ihm mein gänzliches Unvermögen und schilderte ihm meine Lage."
„Sie können also wirklich nicht zahlen?" fragte er wiederholt. „Wie soll ich denn da zu meinem Gelde kommen?"
Ich versprach zu zahlen, sobald ich es im Stande sei, worauf er die sehr wichtige Bemerkung machte, wie ich das denn anstellen wolle und wovon ich überhaupt mit meinen Kindern zu leben gedenke, da meine
Mittwoch, den 4. Juni 1890.
17. Jahrgang
.A£ 126.
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. « ffijc» _ Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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