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JW 125.

Dienstag, den 3. Juni 1890.

17. Jahrgang

Fi!r die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckcrei (A. Dillmann).

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Deutsches Keich.

Berlin, 31. Mai.

* Die deutsche Katholiken-Versammlung wird in diesem Jahre in Koblenz tagen, liebet den Zeitpunkt ist noch nichts Genaueres bestimmt, doch dürfte sie, wie gewöhnlich, Ende August oder Ansang September stattsinden, wenn nicht die späte Anberaum­ung einen etwas spätem Termin nöthig machen sollte. Weßhalb der Beschluß über den Ort der Versammlung erst jetzt erfolgt, ist bekannt. Gleich nach dem Münchener Zwischenfall nahm Fürst Löwenstein mehrere rheinische Städte, darunter auch Köln in Aussicht. Wir haben schon vor einigen Tagen mitgetheilt, schreibt die ,Köl. Volksztg.', welche Schwierigkeiten hier die Lokalfrage gemacht haben würde; in der Stadtverordneten-Sitzung von Donnerstag hat Herr Bauin^pektor Schultze auf Anfrage erklärt, die Umbauten im Gürzenich würden keinesfalls vor Ende Oktober beendet fein. Der Kommisfar der General-Versammlung hat die ihm vor­getragenen Bedenken gewürdigt; übrigens war dem­selben ausdrücklich die Bereitwilligkeit der katholischen Bürgerschaft Kölu's ausgesprochen worden, trotzdem die Versammlung gastlich zu empfangen. Mittlerweile hatten zwei andere rheinische Städte sich diese Ehre erbeten, Bonn und Koblenz, und damit war die Befürchtung, die Verfammlung könne vollständig aus­fallen, beseitigt. Man hätte natürlich lieber gesehen, wenn nach dem üblichen Turnus die Versammlung 1890 in Süddeutschland zusammengetreten wäre; wenn das nun ein Mal nicht ging, so war die jetzt getroffene Wahl eine durchaus glückliche. Bonn war schon 1881 Versammlungsort und kann deßhalb nicht umhin, die bessern Ansprüche der Nachbarstadt anzu­erkennen, und zudem stand Koblenz schon vor zwei Jahren ernstlich in Frage. Auf der schönen Freiburger Versammlung von 1888 ist der Präsident derselben, Rechtsanwalt Eduard Müller von Koblenz, nach­drücklich dafür eingetreten, u. a. mit persönlichen Gründen. „Meine Mitbürger", äußerte er, „würden mich nicht mehr in ihre Reihen aufnehmen, wenn ich zurückkäme ohne diesen Beschluß. Ich habe sogar im Ausschuß behauptet, daß ich gesteinigt werden würde. Aber ich habe die Herzen der Männer im Ausschuß damit nicht gerührt: acht von zwölf waren der Meinung das fei kein Unglück." Wir haben nicht gehört, daß das traurige Ereigniß wirklich eingetreten fei, schlimm­sten Falls' wird jetzt die Steinigung wieder aufgehoben werden; denn nur mit herzlichem Dank kann man das Anerbieten begrüßen, binnen drei Monaten die wahr­lich nicht kleinen Vorbereitungen zu treffen. Diesen Dank bringt man am besten dadurch zum Ausdruck, daß man das Lokal-Comits nach Kräften unterstützt.

In harter Schule.

Roman von G. I.

(53. Fortsetzung.)

Hätte man ihr in ihren früheren Verhältnissen so entschieden widersprochen und ihr das Unhaltbare und Oberflächliche ihrer Meinung so scharf gekennzeichnet, wie es der Maler bei aller Höflichkeit und Milde feines Wefens that, fo würde sie sich gewiß dadurch tief verletzt gefühlt haben.

Bei Wollenberg fand sie es ganz selbstverständlich und fühlte eine ihr bis dahin unbekannte Befriedigung, wenn eine Aeußerung von ihr seinen Beifall fand, wenn ihre Urtheile übereinstimmten oder er etwas aus­sprach, was sie ebenso gedacht und nur nicht in eine 1° präzise Form zu bringen verstanden hatte.

Wie im Fluge waren einige Stunden verrauscht. Auf einen Wink ihrer Mutter hatte Alwine leise und geräuschlos den Theetisch besorgt und Frau Meinhold benutzte die erste Pause im Gespräch, um die Herren zu bitten, eine Tasse Thee mit ihr zu trinken.

Erschrocken fuhr der Maler auf. Er hatte von der Unterhaltung fortgerissen den Flug der Zeit ganz ver- gesfen. Jetzt blickte er auf die Uhr, entschuldigte sich und wollte durchaus aufbrechen. Aber Gringmuth legte sich ins Mittel.

„Daraus wird nichts, mein fehr verehtter Herr,"

Das gilt namentlich für die als Redner ausersehenen Herren. Hat man ein halbes Jahr Zeit, so schadet es ja nicht viel, wenn die Redner-Kommission einige Körbe bekommt; dies Mal darf das nur im Nothfall geschehen. Ohne Zweifel wird die Koblenzer Verfamm­lung eine glänzende werden. Das Wort: „Nun aber erst recht!" das man nach den Münchener Vorgängen oft hören konnte, wird zur That werden. Tausende werden zu der herrlich gelegenen Rhein- und Mosel- Stadt pilgern, in deren Mauern die Wiege des großen Görres und der beiden Reichensperger stand; durch einen glücklichen Zufall steht gerade jetzt eine große Halle für die Hauptsitzungen zur Verfügung, und daneben wird der fchöne Görresbau wieder feine An­ziehungskraft bewähren. Für einen Th eil der Bayern, welche diesmal besonders willkommen sein werden, liegt Koblenz zwar schon etwas weit nach Norden, aber nach Köln wäre es noch weiter gewesen.

* Die schon erwähnte, int Auftrage des Verbandes katholischer kaufmännischer Vereine durch den Vorort Dortmund an die Centrumsfraktion des Reichstages gerichtete Petition hat folgenden Wortlaut: Dortmund, den 24. Mai 1890.

An

die verehrliche Centrumsfraktion des deutschen Reichstages, a. in. Herrn Grafen Ballestrem,

Hochwohlgeboren Berlin.

Mit großer Befriedigung sieht die katholische Bevölkerung, daß die seit vielen Jahren vertretenen sozialen Grundsätze der Centrumssraktion immer weitere Kreise ziehen und für den Arbeiterstand demnächst, wenrgstens theilweise, durch die Gesetz­gebung geregelt werden.

i Wir erkennen an, daß zunächst der Arbeiterstand ein Recht । darauf hat, daß er mehr geschützt werde, als es bisher der Fall I war; wir verhehlen uns andererseits auch nicht, daß die Zahl derer, welche unter den sozialen Verhältnissen der Gegenwart nach Staatsschutz rufen, in einer geradezu unheimlichen Weise anwächst, — wir würden aber dennoch unsere Pflicht versäumen, wenn wir nicht int vollen Vertrauen auf die Einsicht und Um­sicht der verehrlichen Centrumsfraktion int gegenwärtigen Augen­blick auch unsere Wünsche und Ansichten bei der bevorstehenden Aenderung der Gewerbeordnung geltend machten. Es kommt für uns nach der Richtung zunächst in Betracht die Bestimmung in dem von der Regierung eingebrachten Gesetzentwurf, nach welcher „im Handelsgewerbe Lehrlinge, Gehilfen rc. nicht länger als 5 Stunden an Sonn- und Festtagen beschäftigt werden dürfen."

Wer unseren Kaufmannsstand kennt, wer weiß, wie gerade in unserer Zeit die kaufmännischen Gehilfen und Lehrlinge vielfach ausgenutzt werden müssen, falls das Geschäft prosperiren soll, wer ferner weiß, wie besonders in den großen Städten Religion und Sitte auch int Kaufmannsstande immer mehr schwinden und Tausende junger Kaufleute bereits in die Hände, der Sozial­demokratie gerathen sind, weil sie, glaubens- und sittenlos, von ihr Hilfe in ihrer bedrängten Lage erhoffen, der wird mit uns freudig begrüßen, daß durch Einführung einer größeren Sonn­tagsruhe der erste Schritt gemacht werden soll zur Besserung der Lage des Kaufmannsstandes.

Daß wir demgemäß aus religiösen, hygienischen, sozialen und humanen Gründen die Einführung der Sonntagsruhe an sich

sagte er. „Ich habe Sie mit hierher gebracht, mir liegt daher auch die Pflicht ob, Sie glücklich wieder nach der Stadt zu lootsen. Bis jetzt habe ich nur aus purer Höflichkeit hier gesessen und gewartet, bis es Ihnen genehm sein würde, aufzubrechen. Bei aller geistigen Nahrung, die Sie geboten, ist aber jetzt mein sterblich Theil so unverschämt, auch sein Recht zu verlangen. Kurz und gut, ich bin hungrig, und ehe ich mich nicht mit Speise und Trank gestärkt, bringen Sie mich nicht von bannen."

„Ich kann ja aber allein gehen," protestirte der Maler.

„So oft Sie künftig wollen, heute aber nicht, heute muß ich Sie sicher bei Frau Hart abliefern — basta! Oder fürchten Sie vielleicht, Sie müssen hier einhei­mische Thees trinken? Seien Sie ruhig, Fräulein Alwine wäre dergleichen zuzutrauen, aber wenn ich da bin, wagte sie es nicht."

„Jetzt müssen Sie schon bleiben, um sich zu über­zeugen, wie ich verleumdet werde," sagte Alwine.

Es blieb dem Maler nichts übrig, er mußte der Einladung folgen und im Grunde war er über ein längeres Bleiben nicht unzufrieden. Er empfand in dem kleinen Kreise ein süßes Behagen, und die Aufgabe, welche er ziemlich widerwillig übernommen, begann ihn zu interessiren. Leontine hatte einen Eindruck auf ihn gemacht, von dem er sich noch keine volle Rechenschaft

begrüßen, brauchen wir weiter-nicht auszuführen, nur über ba§ Wie gestatten wir uns einige Bemerkungen.

Es scheint uns absolut unbegründet, eine fünfstündige Arbeits­zeit für den kaufmännischen Gehülfcn und Lehrling an Sonn- und Festtagen zu verlangen.

Wir sind der Ansicht, daß eine 3stündige Arbeitszeit als lieber« gangsstadium zur vollständigen Einführung der absoluten Sonn­tagsruhe, wie sie England hat, gefordert werden muß, und daß diese Zeit genügt, um alle nothwendigen eiligen Geschäfte zu erledigen. Wenn dagegen der Prinzipal den Gehülfen oder Lehr­ling 5 Stunden beschäftigen darf, dann steht zu befürchten, daß viele junge Leute wie jetzt des Sonntags die Kirche nicht be­suchen können.

Um nach der Richtung zu erreichen, daß die kaufmännischen Gehülfen, Lehrlinge rc. ihren religiösen Pflichten ohne Mühe nachkommen können, wäre es zweckmäßig, gesetzlich zu bestimmen, daß durch die Ortspolizeibehörden jeweilig angeordnet wird, daß eine Beschäftigung während der Gottesdienststunden an den Sonntag-Vormittagen überhaupt nicht stattfinden dürfte, daß olso zu dieser Zeit alle Geschäfte ruhen müßten. Nur auf diese Weise wird unseres Erachtens zu erreichen sein, was die Kirche an den Sonn- und Festtagen auch vom Kaufmannsstande wün­schen muß.

Bei dieser Gelegenheit gestatten wir uns, die verehrliche Centrumssraktion aus die Bestrebungen hinzuweisen, welche neuer­dings bezüglich der Errichtung einer obligatorischen Krankenkasse und einer Altersversorgungs-, Wittwen- und Waisenkasse für die Angehörigen des Kaufmannsstandes hier und dort hervorgetreten sind. Wir halten diese Bestrebungen keineswegs für Symptome der Zeit, welche allein durch den allgemeinen Wettlauf der ein­zelnen Berufsklaffen nach Verbesserung ihres Looses hervorgerufen sind, sondern für vollberechtigte und ivohlbegründete Bestrebungen eines an seinem Lebensnerv tiefkranken Standes. — Während für die Arbeiter und Beamten im Alter, bei Invalidität und in Todesfällen gesorgt ist, ist der Handlungsgehilfe in Fällen der Roth sehr oft auf die Mildthätigkeit seiner Mitmenschen ange­wiesen. Nur wenige unseres Standes haben ein solches Ein­kommen, daß sie sich bei der gegenwärtig kheueren Lebensunter­haltung etwas ersparen können, wenige nur sind auch in der Lage, sich durch Privatversicherungen zu schützen.

Es muß nach der Richtung also auch für unseren Stand ge­sorgt werden, und zwar durch obligatorische Bestimmungen, welche alle kaufmännischen Lehrlinge und Gehilfen umfassen bis zu einem bestimmten Jahresgehalt. Wir unterlassen es, konkrete Vorschläge in dieser Beziehung zu machen, weil wir sicher sind, daß die verehrliche Centrumssraktion auch hier das Richtige finden wird.

In der Hoffnung, daß unsere Wünsche und Vorschläge ge­neigte Beachtung finden werden, verbleiben

mit vorzüglicher Hochachtung Der Vorort

des Verbandes kaufmännischer Kongregationen und kath. kaufm. “ Vereine Deutschlands: Kath. kaufm. Verein Dortmund.

(Folgen Unterschriften.)

* Vom Abgeordneten Peter Reichensperger geht der .Germania' Folgendes zur Veröffentlichung zu: „Zu meinem 80. Geburtstage sind mir so viele Erweise freundlicher Erinnerung zugegangen, daß ich zur Vermeidung eines Uebersehens meinen herzlichsten Dank hiermit noch allgemein auszusprechen mir erlaube. Dr. P. Reichensperger."

* Die mehrmals vertagte Verfügung über die Hof - tracht der Civilpersonen ist nunmehr veröffent­licht worden. Es wird darin den bei Hof verkehrenden

geben konnte, der ihn aber gerade um dessentwillen um so lebhafter beschäftigte. Ihre Erfcheinung stand im Widerspruch mit ihrer Kleidung und ihrer Umge­bung, fo anmuthig letztere auch war, und doch wußte Wollenberg, daß sie auch dahin nur erst seit kurzer Zeit und durch die Fürsorge Fremder aus traurigen Ver­hältnissen versetzt worden war. Aus ihrem Gespräch war hervorgegangen, daß sie große Reisen gemacht, in vornehmen Kreisen gelebt hatte, ihr Wesen drängte ihm den Vergleich auf mit einem von Meisterhand ent­worfenen Gemälde, an dem der Stümper allerlei Schnörkel und Zierrathen gemalt, die erst entfernt werden mußten, damit es wieder in feiner edlen Rein­heit und Einfachheit fttahlte. Dazu kam noch, daß Wollenberg kein Maler hätte sein müssen, um nicht für die Schönheit des jungen Mädchens einen empfäng­lichen Sinn zu haben.

„Ich fürchte, Ihnen wird nach nuferer Unterhaltung die Lust vergangen fein, mich zu unterrichten, Herr Wollenberg," bemerkte Leontine über Tische.

„Im Gegentheil, mein Fräulein, ich freue mich jetzt erst dieser Aufgabe," antwortete er.

„Sie haben mich in so viel Jrrthümern und Vor- urtheilen befangen gefunden," sagte sie.

„Ich gebe meine Ansichten nicht für Orakel", ent­gegnete der Maler bescheiden, „und unsere Unterhaltung hat mir bewiesen, daß Sie nicht eigensinnig sind, son-