JV 123.
Samstag, den 31. Mai 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Krieg oder Frieden?
* In Berlin ist kürzlich eine Schrift erschienen, welche unter dem Titel „Videant Consules“ (Mögen die Staatsmänner Acht haben) die Friedenspolitik des Fürsten Bismarck lebhaft tadelte. Der abgetretene Reichskanzler hatte sich bekanntlich mit einer Rücksicht und Liebenswürdigkeit, die man in seiner inneren Politik vergeblich suchte, bemüht mit Rußland und Frankreich auf dem besten Fuße zu bleiben, daneben freilich aber auch das Deutsche Reich sowohl an Waffenrüstung wie durch Bündnisse zu stärken, um so den Frieden zu erhalten. Sein Entgegenkommen und seine Nachsicht gegen Rußland waren so auffallend, daß selbst eine Anbeterin des Fürsten Bismarck, die ,Köln. Ztg/, etwa vor Jahresfrist von einem Wettkriechen zu sprechen wagte, das Deutschland und Frankreich um die Gunst Rußlands abhielten. Jene Schrift „Videant Consules“ klagte nun Bismarck's auswärtige Politik an, daß sie den richtigen Moment zu dem doch unvermeidlichen Kriege versäumt habe. 1887 sei Deutschlands Rüstung den Franzosen überlegen gewesen, jetzt nicht mehr. Es seien die Männer der „militärischen Unter- und Nebenströmung", die 1887 im Vollbewußtsein des Sieges einen Krieg gegen Frankreich betrieben hätten, wahre Patrioten gewesen, während die offizielle Friedenspolitik einen großen Augenblick verpaßt und das Vaterland in eine gefährliche Lage gebracht habe. Wir haben das Erscheinen dieser Broschüre bedauert, denn sie schädigt die jetzige deutsche Politik und ruft das Mißtrauen des Auslandes wach, weil dieses glauben könnte, daß nach des Fürsten Bismarck Ausscheiden die deutschen Friedensbestrebungen geschwächt oder gar gefährdet seien.
Auf diese Broschüre antwortet jetzt eine Gegenbroschüre unter dem Titel: „Cedant arma togae!“ (Die Waffen mögen dem Friedenskleide weichen) (bei Richard Wilhelmi in Berlin erschienen). Sie stellt den Dreibund als schwankend hin, sucht England zurückzustoßen und eine Wiederannäherung der deutschen und russischen Politik zu fördern. Der Verfasser wendet sich mit aller Entschiedenheit gegen den Vorwurf einer „marklosen Politik"/ der gegen die Politik des eisernen Kanzlers erhoben worden ist. Er sagt:
„Sind wir denn Räuber? Haben wir ein Recht, Europa in Brand zu stecken, weil ein anderer Stqat möglicherweise uns einmal gefährlich werden könnte? Wäre eine solche Politik nicht die Verewigung des Krieges, wenn ein jedes Volk sich nur für sicher hielte, solange die andern ringsum gelähmt am Boden liegen? Ist der Krieg denn nicht ein so großes nationales und internationales Unglück, daß er immer nur die äußerste Noth- wendigkeit gebieterischen Zwangs der Verhältnisse, niemals aber das Ziel der Politik eines großen Reiches sein darf? Jeder
In harter Schule.
Roman von G. I.
(51. Fortsetzung.)
„Welche neue Phase meines bewegten Lebens!" seufzte Leontine. „Bin ich denn wirklich noch dieselbe, die ich gestern war? Bin ich noch die, die ich vor Monaten, die ich vor Jahren gewesest? Beinahe überwiegt jetzt alle anderen Empfindungen die Neugier, wer ich morgen sein werde, welche Menschen in mein Dasein treten und ihm die Richtung geben!"
Unter diesen Betrachtungen entkleidete sie sich, suchte ihr Lager auf und löschte das Licht. Bald empfing sie der Schlaf so süß und fest, wie wir nur zu schlafen pflegen, wenn uns aus dem Wachen in das Reich der Träume instinktiv die Empfindung begleitet, daß wir wohl geborgen sind.
an ^Egmuths erster Weg am nächsten Tage ging zu Wollenberg. Es war ihm gar nicht leicht, den Maler xc Unterricht zu gewinnen. Die beiden Zimmernachbarn hatten sich als solche kennen gelernt, sich, wenn sie einander begegneten, gegrüßt und auch wohl gelegentlich eine Bemnckung ausgetauscht, weiter waren sie aber nicht gekommen, denn Beide gehörten nicht zu den Menschen, die leicht und schnell Bekanntschaft knüpften.
War Gringmuth ein im Grunde offen, mittheilsam und anschließend angelegter Char after, der nur durch
Krieg ist und bleibt ein Würfelspiel, in dessen Becher Gewinn und Verlust ruht, — wenn aber der Verlust die Existenz bedeutet, so darf selbst der höchste Gewinn nicht die Spielerlust zu verblendeter That verlocken. Ein solcher Gewinn lag aber 1887 gar nicht als Möglichkeit vor. Deutschland verlangt nichts als Frieden, es hat den Frieden geschützt und erhalten durch seine eigene Macht und die Wucht seiner Allianzen, — was es im Jahre 1887 hätte gewinnen wollen und können, ist vollkommen unerfindlich. Aber freilich, für andere nicht deutsche Interessen wäre damals ein Krieg Deutschlands mit Frankreich, noch mehr mit Rußland sehr erwünscht gewesen. England hatte durch seine Jntriguen in Bulgarien die von den europäischen Mächten auf dem Berliner Kongreß sanktionirte Stellung Rußlands untergraben und sah sich von Rußland in Asien bedroht; bangend vor den Folgen ihrer versteckten Minengänge, wollte die .englische Politik Deutschland, wie es das ja in frühern Zeitläufen gewohnt war, zum Handlanger englischer Interessen machen. Selbst ohne unmittelbare, sogleich eintretende Betheiligung Rußlands mußte ein Krieg zwischen Frankreich und Deutsch- iand jede russische Aktion in Asien und am Balkan lähmen und die russische Macht nach der Weichsel hin festlegen. Das war also der Gewinn eines Krieges, in den uns die „entschlossenen Männer" durch einen tapfern Entschluß drängen wollten. Das Blut der deutschen Jugend, die Früchte deutscher Arbeit sollten eingesetzt werden, um England freie Bahn zu machen, um die englischen Jntriguen mit der deutschen Wehrkraft zum Ziele zu führen." Und welche Rolle würde der Dreibund gespielt haben, wenn die Schrift Videant Consules recht gehabt hätte? Da sagt die Schrift: „Weder die Völker Oesterreichs noch die italienische Nation Iverdcn jemals geneigt sein, den Abenteuern einer deutschen Räuberpolitik zu folgen, vor allem aber muß denn doch daran erinnert werden, daß weder die österreichischungarische noch auch die italienische Regierung nach ihren Bündnißverträgen die Verpflichtung haben, in einem deutschen Angriffs- und Eroberungskrieg Heeresfolge zu leisten, den für beide große Staaten nock mehr als für uns wichtigen Frieden Europas zu stören und sich für den Fall einer Niederlage der unerbittlichen Rache auszusetzen, die für Oesterreich sowohl wie für Italien verhängnißvoll werden müßte. Der Gewinn eines solchen Krieges, wenn derselbe siegreich enden sollte, wäre ein utopischer Traum Frankreich gegenüber, — eine unberechtigte und unhaltbare Eroberung Rußland gegenüber. Denn das besiegte Frankreich würde Armeen verlangen, um es niederzuhalten, und die russischen Ostseeprovinzen würden ohne ein polnisches Hinterland niemals gegen den dann unverföhn- lichen Haß Rußlands behauptet werden können. Es ist nicht nöthig, dieses tolle Bild weiter auszumalcn, — ein schaudernder Blick auf dasselbe läßt erkennen, daß der entstehende Zustand ein Chaos wäre, in welchem mit der elementaren Gewalt eines Naturgesetzes ein Krieg den andern gebären müßte. Ein Sieg Frankreichs und Rußlands, den man kaum als aus- geschlofien annehmen kann, wäre aber: Einig Germaniae — Finis Augtriae — Einig Italiae. Der Verfasser hält es demgemäß für einzig richtig, daß die deutschen Staatsmänner alles aufbieten, denFriedensbund noch stärker zumachen; in dieser Hinsicht aber ist er von Einseitigkeit nicht frei zu sprechen. Er meint, einer deutsch-russischen aufrichtigen und wahrhaftigen Freundschaft stehe nichts entgegen, als die Verstimmungen, welche die gekränkte persönliche Eitelkeit des Fürsten Gort- fchakoff herausbeschworen und welche durch französisch-welfische Jntriguen und Fälschungen genährt und verbittert worden sind.
Der Grundgedanke der neuen Broschüre bildet den Gegensatz zu der Broschüre „Videant consules“. Die die gemachten Erfahrungen in sich zurückgedrängt, aber sehr geneigt war, bei gegebenen Anlässen in seine angeborenen Eigenthümlichkeiten zurückzuschnellen, so war Wollenberg eine von Haus aus tief verschlossene Natur, welche eifersüchtig die reichen Schätze des Geistes und Herzens hütete und nur wenig Eingeweihten, und auch diesen nur selten uud verstohlen, einen Blick in sein warmes, inniges Gemüthsleben verstattete. Eine herbe Kindheit und Jugend, ein auf sich allein gestelltes Leben voll Entbehrungen, Kämpfen und Täuschungen hatte noch dazu beigetragen, die vorhandenen Anlagen zu verschärfen und auszubilden. Er war ein tüchtiger Maler, seine Kunst war ihm die Welt, in ihr fand er den Brunnen, aus dem ihm allein wahre Befriedigung und Beseligung quoll, da er aber in der Ausübung derselben mehr dem eigenen künstlerischen Drange als den Anforderungen der herrschenden Richtung Rechnung trug, mehr für sich als für das Publikum und Kunsthändler malte und sich überdies von allem Cliquenwesen beinahe ängstlich fern hielt, so hatte er noch nicht die Anerkennung gefunden, die seinen schön kom- ponirten und korreft gezeichneten Bildern gebührt hätte. Vielleicht lag es auch mit daran, daß er sich nicht entschließen konnte, jene Farbenkunstslücke zu machen, mit benen einige seiner Kollegen die sogen. Kunstverständigen in Aufregung versetzten. Unter seinen Kunstgenossen galt Wollenberg für einen liebenswürdigen, durchaus verständigen Menschen, von dem man stets
letztere betrachtet Rußland als den Feind, England als den Freund und sieht mit der Erhaltung Oesterreichs und der Entwicklung auf der Balkanhalbinsel ein Lebensinteresse Deutschlands verknüpft, während die Broschüre „Cedant arma togae“ die „thurmhohe Freundschaft" mit Rußland als das Ziel einer gesunden auswärtigen Politik hinstellt, die sich weder umEngland noch um Oesterreich zu kümmern hat. Fürst Bismarck hat den jetzigen Dreibund begründet, die Gründung eines festen Dreikaiserverhältnisses ist ihm mißlungen. Und doch soll die russisch-deutsche Freundschaft die Unterlage des europäischen Friedens werden? Der Verfasser meint, lediglich Gortschakoff'sche Eitelkeit habe das Dreikaiserbündniß untergraben. In dieser trügerischen Auffassung liegt die Erklärung des ganzen Fehlschusses, der von keiner allzu tiefen Kenntniß des Werbeprozesses der politischen Dinge zeugt. Rußland hat sich von Preußen und Deutschland abgewandt, weil es dessen Unterstützung bei der Ausführung der russischen Eroberungspläne auf der Balkanhalbinsel nicht gefunden hat und nicht findet. Deutschland hat ein Lebensinteresse daran, daß Rußland seine letzten Pläne nicht verwirklicht, da Rußlands Politik die Vereinigung aller Slaven erstrebt. Wenn das gelänge, dann wäre nach der Vernichtung Oesterreichs Deutschland eingekeilt zwischen kompakten romanischen und slavischen Staaten und müßte einen Kampf um die Existenz führen, dessen Ausgang sehr zweifelhaft sein würde. Bei solchen Gegensätzen ist eine wirlliche russisch-deutsche Freundschaft ebenso wenig auf die Dauer möglich, wie ein Drei-Kaifer- Bündniß, da Rußland von feinen Plänen nicht abstehen wird. Die gegenwärtige deutsche Politik ist deshalb ganz auf dem richtigen Wege; sie wird sich hoffentlich stark genug erweisen, sich weder von rechts nach links von ihrem geraden Ziele abdrängen zu lassen. Deutschland hat ein Interesse daran, in schlechten Verhältnissen mit Rußland zu stehen. Aber Deutschland hat vor allem das lebhafteste Interesse daran, den Frieden in Europa erhalten zu sehen und damit den Friedensbund der drei europäischen Mittelmächte, die untereinander einig sind und sich gegenseitig stützen und ergänzen, mit allem Nachdruck zu kräftigen und zu stärken. Alle drei Mächte wollen den Frieden und werden ihn zu erhalten wissen. Rußlands Ländergier wird aber Unheil stiften, so lange sie nach Westen schaut. So lange also ist auch für die deutsche Politik maßgebend neben der Pflege des Friedensbundes die Stärkung der eigenen Wehrftaft. DasstarkeSchwert ist die Bürgschaft des Friedens.
sich einer milden Beurtheilung versehen konnte, der, wo es galt, einem Kollegen einen Dienst zu leisten, stets dazu bereit war, ohne je durch bett Anspruch auf einen Gegenbimst lästig zu werben, ber, wenn man ihn einmal packm konnte, ein guter Gesellschafter und von einer harmlosen kindlichen Heiterkeit, im Ganzen aber ein absonderlicher Geselle voller Schrullm sei, dm man ruhig seines Weges gehen lassen mußte.
Eine dieser Schrullen des Malers war seine Schm vor neuen Bekanntschaften, ganz besonders, wenn eine solche Bekanntschaft dem weiblichm Geschlechte angehörte. Man kann sich daher seinen Schreck denken, als Gringmuth zu ihm kam und ihm ohne alle Umstände das Ansinnen stellte, einer jungen Dame Unterricht int Malm zu geben.
„Ich bin Historien- und Gmre-Maler, also kein geeigneter Lehrer für eine junge Dame," antwortete er ablehnend.
„Sie sind ein tüchtiger Zeichner und das ist, was sie am meisten braucht," versetzte Gringmuth.
„Ich befasse mich nicht mifr dem Unterrichten."
„Deshalb eben bin ich zu Jhnm gekommen, einen Lehrer von Profession kann ich für sie nicht gebrauchen."
„MeineZeit ist kostbar, Sie würdm mir den Preis, den ich für eine Stunde fordern müßte, nicht zahlen," sagte Wollenberg, der sich auf diese Weise des Zudring- lichm zu erwehren glaubte.
„Deshalb sollen Sie auch gar keinen Preis dafür