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Freitag, den 30. Mai 1890.

. V 122

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

dir Redaction verantwortlich: Ludwia Deibel in Kulda. -- rTi — Druck u üRprfnn der »nldaer Neeieudr„ckerei ,s«

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (91. Tillmann).

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Em Amerikaner über Kaiser Wilhelm II.

* Der Berliner Vertreter des amerikanischen ,Herald' schildert in einer der letzten Nummern seines Blattes den Lesern jenseits des großen Wassers den deutschen Kaiser. Mit echt amerikanischem Freimuts) zeichnet der Korrespondent die Persönlichkeit unseres Herrschers. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und verschmäht auch die Hereinziehung der schalkhaften Anekdote nicht, wenn es sich darum handelt, einen bezeichnenden Zug für feine „Photographie in Worten" zu finden. Gerade das gibt seiner Darstellung den Werth, denn es bürgt für die Aufrichtigkeit der Schilderung, welche der Be­richterstatter des großen amerikanischen Blattes seinen Lesern gibt. Und mit dieser Schilderung können wir Deutsche wohl zufrieden sein! Sie zeigt uns, daß die Persönlichkeit unseres jungen Herrschers auch auf den Ausländer einen durchaus sympathischen und Vertrauen erweckenden Eindruck macht, den Eindruck eines ernsten, gereiften Mannes von hohem Pflichtgefühl, starker In­telligenz und gewissenhaftem Amtseifer. Der Bericht­erstatter schreibt:

„Es war unter den Linden. Auf dieser Pracht­straße Berlins sah ich dieser Tage am Nachmittag plötzlich die Spaziergänger haufenweise von dem Trot­toir, auf dem ich mich befand, nach dem Reitstege der andern Seite laufen.

Was ist los? rief ich einen älteren Herrn an.

Der Kaiser kommt, sagte er mir aufgeregt und fuhr fort, nach der anderen Seite zu laufen.

So lief ich denn auch hinüber, um den Enkel Wilhelms I. und Sohn Friedrichs III. zu sehen. Ich brauchte nicht lange zu warten. In wenigen Sekunden sah ich fünf Offiziere auf hohen Rosfen 'den Reitsteg vom Brandenburger Thor her kommen. Sie ritten Schritt. Voraus ritt ein untersetzter junger Mann, die vier anderen folgten ihm in geringer Entfernung.

Der junge, untersetzte Reiter war der deutsche Kaiser und König von Preußen. Während ich meine Augen auf ihn heftete, setzte er feinen hohen Fuchs in einen kurzen Galopp und in dieser Schrittart kam er an mir vorüber. Ich konnte ihn sehr gut sehen. Was mir zunächst auffiel, war. seine blasse Gesichts-Farbe. Ich hatte mir nach den Photographien und Bildern eine viel robustere Färbung vorgestellt. Sein Blick war sehr ernst und so war auch der Ausdruck des von einem hübschen blonden Schnurrbart beschatteten Mundes.

Seine Statur ist, wie bemerkt, kurz und untersetzt. Als er an mir vorbei war, faßte ich die untere Partie scharf in's Auge. Die Beine sind merkwürdig stark und muskulös. Das stimmte ganz zu der Bemerkung eines meiner Gewährsmänner, die ich schon neulich mitgetheilt habe: „Der Kaiser hat sich durch eiserne Energie zum Athleten ausgebildet."

In harter Schule.

Roman von G. I.

(50. Fortsetzung.)

„Fräulein Leontine, ich bitte Sie, schlagen Sie sich hier nicht sogleich auf die Seite meiner Feindin," bat Gringmuth in komischer Angst, „sonst bin ich ver­loren. Ich will Sie auch sogleich für mich zu gewinnen suchen, indem ich Ihrem Ortssinn meine volle Aner- kmnung zu Theil werden lasse, Sie befinden sich in der südwestlichen Umgebung von Berlin."

»In der Nähe des Kreuzberges," fügte Frau Mein­hold hinzu, und nun erfuhr Leontine, daß Frau Mein­hold, die Wittwe eines Rechnungsbeamten, nach dessen Tode das kleine Haus nebst Garten erworben hatte “ni) Eit Hilfe ihrer Tochter daselbst eine Kunst- und Handelsgärtnerei, die sich indeß vornehmlich auf Blumenzucht erstreckte, trieb.

o • j; werden hier sehr schöne Vorlagen für Ihre Zeichnungen finden, fügte Gringmuth hinzu, „und außerdem Gelegenheit haben, durch eigene Anschauung rennm zu lernen, daß Frauen sich wohl eine auskömm- I^e und behagliche Existenz durch ihre Arbeit ver- emtenfen nnen' nur iu die geeigneten Bahnen

„Oder dahin gelenkt werden," warf Frau Mein-

Der ruhig ernste Blick des jungen Herrschers gab mir zu denken. Wie er so vom Rosse herabsah, hatte ich den Eindruck, daß er eine auffällige verdächtige Be­wegung eines would ba-Attentäters augenblicklich sehen und sich mit der größten Kaltblütigkeit zur Wehre setzen, ja den Verbrecher mit eigener Hand packen würde.

Neulich habe ich Bismarck gesehen, den Mann, der die deutsche Geschichte der letzten Dezennien gemacht hat. Nun aber den jungen Mann, welcher die der nächsten Jahrzehnte machen wird. Ich sah ihm nach, bis er am Palais seines Großvaters und dem Reiter­denkmal des alten Fritz vorbei war. Wird er so ster­ben wie der Großvater, reich beladen mit Siegen und Erfolgen aller Art, geliebt und gesegnet von seinem Volke? Oder aber wie Joseph II., der an die Mensch­heit zu sehr geglaubt hatte und mit gebrochenem Herzen zur Ruhe ging? Ich werde es nicht erleben."

* * *

„Populär ist er sehr, der junge Kaiser. Ich mache mir manchmal den Spaß, alte Damen zu fragen, was sie von ihm denken."

„Ah, er ist zu reizend," sagte mir gestern eine mit vielen Enkeln gesegnete Großmutter."

„Reizend ist zwar ein dummes Wort," fügte sie hinzu, „aber er ist doch zu nett."

Die jungen Damen schwärmen nicht weniger für Seine Majestät. Und wer sich unter den Linden am meisten drängt, um einen Blick des „Arbeiter-Kaisers" zu erhaschen, das sind die Amerikanerinnen. Man er­zählt mir vielfach, daß sie Stunden lang warten, um ihn vorüberreiten oder fahren zu sehen.

Das kommt von der republikanischen Erziehung, see ?

* * ♦

„Der Hauptzug des Kaisers ist Vorliebe für das Soldatenthum", sagte mir kürzlich somebody who knows.

Der Lieblingssport Sr. Majestät ist das Alarmiren. Der Kaiser reitet bei einer Kaserne vor, läßt AlaAn blasen und dann geht's wie der Wind zu einer zweiten Kaserne; dasselbe Signal und in ^wenigen Minuten beginnt das Gefecht. Im Publikum schätzt man es sehr, daß der Kaiser in militärischen Dingen wirklich Fach­mann ist und daß er die Zeit, während welcher er sich amüsiren könnte, der perfekten Ausbildung der Armee widmet. Doch der Berliner Witz rastet nie und so circuliren denn über den militärischen Eifer des Kaisers allerlei schnurrige Anekdoten und Bonmonts."

* ♦ ♦

Jetzt führe ich wieder meinen Gewährsmann redend ein: „Der Kaiser hat viel von seiner Mutter geerbt, den freieren Jdeenhorizont, die moderne Anschauung, sogar einen gewissen demokratischen Zug. Geistig ist er sicherlich bedeutender als sein Vater, obwohl man das in gewissen Kreisen heute noch nicht sagen darf. Per­hold mit einem Blicke inniger Dankbarkeit auf ihren Gast dazwischen.

„Sie wissen wohl, meine liebe Freundin, daß man den Leuten nur den Weg zeigen und ihnen vielleicht die ersten Schritte darauf erleichtern kann; das Weiter­gehen ist ihre Sache," versetzte Gringmuth ernst.

„Ohne Sie wäre es uns doch nicht möglich ge­worden, das Grundstück zu erwerben und die Gärtnerei darauf einzurichten!" rief Alwine.

„Was wollen Sie, das Geldverleihen ist ja ein­mal mein Geschäft," entgegnete Gringmuth ablehnend.

„Bitte, bitte, „mein verehrter Herr, das Gewand des Wucherers lassen Sie in der Stadt, das bringen Sie nicht mit nach dem Kreuzberge hinaus," sagte Alwine, mit dem Finger drohend, „das deckt Sie bei uns doch nicht."

„Da wird es wohl am Besten sein, ich suche es schnell wieder auf," entgegnete er. „Fräulein Leontine wird der Ruhe bedürfen."

Frau Meinhold hob die Mahlzeit auf und Gring­muth empfahl sich.

„Haben Sie Dank," sagte Leontine, ihm warm die Hand drückend. Es war ihr, als habe sie dem Manne ein großes Unrecht abzubitten und doch vermochte sie. kein Wort weiter zu finden.

„Warten Sie es nur erst ab, ob Sie mir wirklich

sönlich ist er von großer Einfachheit und dem Prun^ und Luxus abgeneigt, doch ist er der Ansicht, daß er seiner Würde und Stellung, von der er eine außer­ordentlich hohe Meinung hat, ein großartiges, prunk­volles Auftreten schuldig ist. In seinen Anschauungen ist er sehr zäh und festhaltend; er läßt sich nicht über­reden, man muß ihn überzeugen, sonst bleibt er unter allen Umständen bei seiner Ansicht. Unter Achenbach, der damals Oberpräsident von Brandenburg war, hat der damalige junge Prinz Wilhelm die Verwaltung gelernt. Der Prinz war sehr fleißig, machte schnell Fortschritte und zeigte namentlich eine geradezu merk­würdige Fähigkeit, sich in die Materie zu vertiefen und sich darüber einen Ueberblick zu verschaffen. Er galt früher nicht als das, was man einen schnelldenkenden Mann nennt, aber dafür als ein zäh denkender. Er zeigte keine „genialen Sprünge", aber er bohrte sich in die Geschäfte stetig ein wie eine Schraube."

* * ♦

„Was sein Gemüth anbelangt, so wird er als sehr heiter geschildert. Das paßt nun allerdings nicht zu dem ernsten entschlossenen Blick des Reiters unter den Linden, den ich im Beginne des Briefes geschildert habe. Aber — so sagt man mir — im engeren Umgänge zieht er sozusagen den Kaiser aus, ist dann sehr zum Scherzen und zum Lachen geneigt. Dabei bewegt er sich stets in Formen, die Niemand verletzen. Sein Vater hielt das anders. Dem passirte es nicht selten, daß er keine witzige Antwort vertragen konnte, wenn er Jemanden durch einen Scherz herausgefordert hatte. Sein Sohn ist in beiden Hinsichten das Gegentheil. In früheren Jahren hatte der Kaifer, als junger Prinz nämlich, eine Neigung zur Heftigkeit. Dieser Ausdruck bezeichnet die Sache sehr milde; der richtige Ausdruck wäre eigentlich Jähzorn. Doch milderte sich dieser Hang mit der Zeit sehr wesentlich. Das Verdienst an dieser Wandlung wird dem Erzieher des Kaisers zugeschrieben, dem wackeren Hintzpeter, der seinem Schüler darüber ernste Vorstellungen machte. Er sagte ihm, daß das jähe Aufbrausen seiner Würde und seinem Ansehen schaden müsse. Und dann sei es sehr leicht möglich, daß er im Zorn Ungerechtigkeiten begehen könnte. Diese Vorstel­lungen wirkten. Der Sinn des jungen Mannes für die Bedeutung feiner Stellung und sein Gerechtigkeitsgefühl führten einen Umschwung herbei. „Doch herrscht heute noch in Kreisen, die dem Kaiser persönlich nahe stehen, die Ueberzeugung vor, daß mit Sr. Majestät nicht gut Kirschen essen ist." Ich habe hier absichtlich meinen Gewährsmann wörtlich citirt. Ein anderer wesentlicher Charakterzug des Kaisers ist sein Wunsch, absolut selbst­ständig zu sein und als solcher auch vor seinem Volke dazustehen. Er will nicht, daß man glaube, er sei von irgend Jemand beeinflußt. Man hat daher seiner Zeit sehr gut gegen den Grafen Waldersee operirt, indem

zu danken haben," entgegnete er in seiner scherzenden Weise. „Morgen hoffe ich Ihnen den Maler zu bringen."

Von Alwine geleitet, verließ er das Haus.

„Jetzt darf ich Sie doch aber in Ihr Zimmer be­gleiten?" fragte das junge Mädchen, als es mit dem brennenden Lichte in der Hand zurückkam, und sah bittend und fragend auf Leontine und auf ihre Mutter.

„Wenn Sie die Güte haben wollen," sagte die Erstere, ehe Frau Meinhold noch antwotten konnte. Sie war erst wenige Stunden in diesem Hause, aber schon war es als eine Offenbarung über sie gekommen, daß sie sich hier unter Menschen befinde, an die nicht der Maßstab angelegt werden dürfe, den sie sich ge­wöhnt hatte, an Menschen und Dinge zu legen.

„Das Zimmer, das Sie nun bewohnen werden," plauderte Alwine, vermiethen wir während des Som­mers gewöhnlich an einen Sommergast; es ist aber viel hübscher, wenn Sie ständig bei uns bleiben. Mein Bruder, dem sonst das gegenüberliegende Zimmer ge­hörte, ist gegenwärtig in Egland. Er ist Techniker und hält sich dort zu seiner weiteren Ausbildung auf," fügte sie erläuternd hinzu. „Wir werden ihn wohl die nächste Zeit nicht Wiedersehen, denn er hat Lust, von England aus nach Amerika zu gehen, und Herr Gringmuth gibt ihm Recht. Da müssen wir, Mutter