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JV 121.

Donnerstag, den 29. Mai 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckcrei (9t. Dillmann).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Deutsches Keich.

Berlin, 27. Mai.

* Die diesjährigen Pfingst-Betrachtung en der deutschen Presse waren vorwiegend zwei Themas gewidmet, den Vorgängen im Reichstage und der Ver­eitelung des Katholikentages. Allgemein äußert sich das Bestemden über die fortgesetzte Anspannung der Wehr- und Steuerkraft des Reiches durch einen unbe­grenzten Militarismus, dessen Nothwendigkeit durch die politische Lage nicht hinlänglich gerechtfertigt wird. Die Pfingst-Betrachtungen sind in Folge dessen auch nicht gerade optimistisch. Was den Katholikentag anlangt, so bleibt die liberale Presse ihrem bisherigen Systeme der Verhöhnung der katholischen Partei in Bayern ge­treu und entblödet sich nicht, die Vereitelung sogar als einen liberalen „Sieg" zu preisen. Es ist sehr bezeich­nend, daß die Verkümmerung des Vereins- und Ver­sammlungsrechtes als „Sieg" gilt. Die kathol. Presse fährt fort, der Verstimmung des Volkes Ausdruck zu geben und die unerquickliche Situation in Bayern wahrheitsgetreu zu schildern.

* Der preußische Landtag ist hauptsächlich deß- halb, weil die Regierung auf die Durchberathung des Sperrfonds-Gesetzes Werth legt, bis nach Pfingsten zusammen behalten worden. Bisher haben die Kartell­parteien feierlich versichert, daß sie das Gesetz fallen lasten würden, wenn nicht das Centrum zustimme. Letzteres hat aber die Ablehnung beschlossen. Trotzdem verhandeln nun die Kartellparteien unter einander über die Fassung des § 3 (Bestimmung der Verwen­dungszwecke). Hegt man noch die Hoffnung, die kirch­lichen Obern und das Centrum zur Annahme zu be­wegen oder will man den Feldzugsplan ändern und das Gesetz auch ohne Beitritt des Centtums zu Stande kommen lassen, um zu sehen, ob die Bischöfe das Geld annehmen? Jedenfalls zeigt sich auch hierin, daß der Regierung und ihrer Gefolgschaft der „Dorn im Fleische" sehr unbequem ist und sie das Scheitern des Gesetzes nicht so gut vertragen können, als wir.

* Der achte deutsche Lehrertag ist heute in Berlin eröffnet worden. Gleichzeitig damit ist die Feier

In harter Schule.

Roman von G. I.

(49. Fortsetzung.)

„Sie müssen sich in Geduld fassen, der Weg ist weit," sagte Gringmuth, nachdem Leontine einige Male versucht hatte, die Fensterscheiben abzuwischen und prüfend in das Straßengewirr hinauszublicken. „Aengstigen Sie sich nicht," fügte er beinahe weich hinzu, es geschieht Ihnen nichts."

„Ich will mich nicht länger ängstigen," versetzte sie, sich plötzlich aufrichtend.

„Das wäre fehr brav von Ihnen," meinte er lachend; „es hilft nichts und es ist nicht nöthig."

Beide versanken wieder in Schweigen. Sie nahm sich zusammen, daß ihr Begleiter auch an keiner Be­wegung mehr merken solle, daß es mit ihrer Ruhe nicht allzuweit her sei, und er war nicht der Mann, mit vielen Worten zu betheuern, was er einfach versichert hatte Md was sehr bald der Augenschein beweisen mußte.

„Jetzt sind wir in wenigen Minuten an Ort und Stelle," begann Gringmuth nach langer Pause. Er schien sich, trotzdem er im Wagen zurückgelehnt saß, vollständig orientiren zu können.

Wirklich hielt auch die Droschke nach kurzer Zeit, und noch ehe Gringmuth Leonttne herausgeholfen hatte,

des 100. Geburtsjahrs Diesterwegs verbunden. Auf der Tagesordnung stehen folgende Vorttäge: 1) zum Gedächtniß Adolf Diesterwegs (Dr. F. Dittes aus Wien); 2) die Aufgabe der Volksschule gegenüber der sozialen Frage (Lehrer L. Clausnitzer aus Berlin); 3) Fortbildungs- und Haushaltungsschulen für Mädchen (Dr. Kamp aus Frankfurt a. M.); 4) die Schulsynode (Hauptlehrer Greßler aus Barmen). Auf diesem Lehrertag dominirt gewöhnlich jene Pädagogik, welche bestrebt ist, die Schule von dem Einfluß des positiven Christenthums in der Kirche zu emanzipiren. Schon die gestrige Begrüßungsversammlung ließ wiederum diesen Geist der Versammlung zur Geltung kommen.

* Ueber den Nachtrag zum Reichshaushaltsetat, welcher die Beamtengehaltserhöhung betrifft, verlautet, daß die betreffende Vorlage dem Bundesrath in nächster Zeit schon vorliegen würde, so daß sich der Reichstag bald nach den Ferien damit beschäftigen könnte.

* Der Reichskommissar für Ostafrika, Major W iß- m a n n hat am Montag von Bagamoyo aus die Reise nach Deutschland angetreten, zu welcher ihm vom Kaiser ein längerer Urlaub ertheilt worden ist. Die Rückkehr des Majors Wißmann ist vornehmlich auf feinen Gesundheftszustand zurückzuführen. Die Regen­zeit macht ihren Einfluß geltend, alle Welt fühlt sich abgespannt, und Herrn Major Wißmann ist es von ärztlicher Seite nahe gelegt worden, endlich nach Vollen­dung seiner dringendsten Aufgaben um die nach der angestrengten Arbeit nothwendig gewordene Erholung einzukommen.

* Prinz und Prinzessin Heinrich treffen von der Reise nach England voraussichtlich am 1. Juni Vorm. in Berlin ein und werden am hiesigen Hofe einige Tage zum Besuch erwartet.

* Die Nachricht, der Statthalter von Elsaß-Loth- ringen, Fürst Hohenlohe werde sich nach Belfort begeben, um den Präsidenten der französischen Repu­blik, Car not, bei dessen Anwesenheit an der Grenze amtlich zu begrüßen, erfährt mit dem Bemerken Wider­spruch, daß seit der 1877 erfolgten Begrüßung des deutschen Kaisers in Metz durch den derzeitigen fran­zösischen Botschafter Vicomte Gontaud-Biron auf Grund eines Einver ständnifses zwischen Deutschland und Frankreich von derartigen Begrüßungen beiderseits Ab­stand genommen worden ist.

Ausland.

* Brüssel, 26. Mai. Bei den heutigen Provin­zialwahlen (es handelt sich um die Neuwahl der Hälfte der Mitglieder der Provinzialräthe) wurden 186 Liberale, 7 Wilde und 237 Katholiken gewählt. Die Katholiken gewannen 9, die Liberalen 3 Sitze.

* Aus Rußland kommen wieder fehr traurige

ward die Thür des Hauses, vor dem sie angefahren waren, geöffnet. Ein heller Lichtschein fiel aus dem Hausflur auf die Straße, eine weiche Frauenhand er­griff Leontinen's Hand und eine freundliche Stimme sagte:

„Willkommen! Bitte, treten Sie nur schnell ein, Sie sind gewiß recht müde und durchfroren von Ihrer Fahrt."

Willenlos folgte Leontine ihrer Führerin in das Haus und ein im Erdgeschoß gelegenes, freundlich er­helltes Zimmer, aus dem ihr ein süßer Blumenduft wohlig entgegenquoll. Dieselbe Hand, die sie geführt, nahm ihr geschäfttg Hut und Mantel ab und drückte sie in einen am Ofen stehenden Lehnstuhl.

„Hier erholen Sie sich nur erst," hieß es; „Herr Gringmuth fertigt den Kutscher ab und wird sogleich kommen, dann kann er die Vorstellung besorgen."

„Alwine, so laß doch das Fräulein zuAthem kom­men," sagt eine andere wohllautende Stimme. „Seien Sie herzlich willkommen in meinem Hause," fügte sie zu Leontine gewendet hinzu.

Diese kam in der That erst jetzt zu Athem und warf einen Blick auf das Zimmer und dessen Bewoh- nerinnen. Es war, wie sie bei der sehr flüchtigen Um­schau bemerken konnte, ein einfach, aber behaglich ein­gerichtetes, in Sauberkeit glänzendes Gemach. Vor dem

Berichte über Verfolgungen der Katholiken. In jüngster Zeit wurden abermals katholische Pfarrkirchen geschlossen, die Seelsorger verbannt und die Uniten gewaltsam zur russischen Kirche „bekehrt".

* Die Zeugenaussagen im Hochverrathsprozeste Panitza in Sophia sind sehr belastend für die An­geklagten, trotzdem benehmen sich die Letzteren sehr zu­versichtlich und scheinen auf auswärtige Hilfe zu rechnen.

* Paris, 26. Mai. Minister Thevenet, Mit­glied des fast ausschließlich aus Logenbrüdern zusam­mengesetzten französischen Kabinets, wollte bekanntlich durch den berüchtigten Erlaß bei den letzten Kammer­wahlen über den kath. Klerus eine Art Mund sperre verhängen und er hat auch einigen Hunderten pflicht- getreuen Priestern den Gehalt entzogen. Aber nun hat er einen sehr entschiedenen Protest erhalten. Bischof Jsvand von Aury hat nämlich eine Instruktion an den Klerus über die Pflichten der kath. Wähler erlassen, worin ausdrücklich das Eintreten für kath. Kandidaten zur Pflicht gemacht ist. Der Bischof hat auch erklärt, daß die Kenntniß der Pflichten eines kath. Staats­bürgers einen Theil des Religionsunterrichts ausmachen.

* Rom, 24. Mai. In Beantwortung der Inter­pellationen Cavallottis und Jmbrianis wegen der Aus­weisung auswärtiger Korrespondenten er­klärte in der Deputirtenkammer der Minister­präsident Crispi, es handele sich nicht um eine inter­nationale Angelegenheit, sondern um eine Verschwörung, die feit zwei Jahren gegen den öffentlichen Kredit Italiens organisirt worden sei; er habe daher das Gesetz über die öffentliche Sicherheit zur Anwendung gebracht, indem er eine Maßregel ausgeführt, die auf das reiflichste überlegt und erwogen worden sei. Die Regierung habe vergeblich durch Vermittelung des italienischen Botschafters in Paris, Menabrea, bei dem französischen Minister des Auswärtigen gegen die Agence Havas und ebenso durch Vermittelung des Botschafters in Berlin, de Launay, bei der ,Franst. Zeitung' Beschwerde erheben lassen. Die ausgewiesenen Korrespondenten hätten in Rom Beziehungen mit Per­sönlichkeiten unterhalten, welche, wie allgemein bekannt war, dazu engagirt waren, die Finanzen Italiens in Mißkredit zu bringen. Man spreche von Gastfreund­schaft ; aber die erste Pflicht desjenigen, der die Gast­freundschaft genieße, bestehe darin, das Land zu achten, dessen Gast er sei. (Lebhafteste Zustimmung.) Es habe sich um eine Vertheidigungsmaßregel gehandelt, welche nothwendig geworden gegen Angriffe, die nicht länger geduldet werden konnten. Italien sei Allen gegenüber gastfreundlich, könne dies aber nicht den Italien feindlich Gesinnten gegenüber fein. (Lebhafte Zustimmung.) Ca- vallotti und Jmbriani erklärten sich durch diese Ant­wort nicht befriedigt, brachten jedoch keinen Antrag ein.

* In der griechischen Deputirtenkammer

Sopha stand ein gedeckter Theetisch, der allem Anscheine nach schon im Voraus für den erwarteten Gast herge- richtet war. Leontine verweilte indeß nur einen Mo­ment bei der Staffage, ihr Auge blieb an den beiden Frauen-Gestalten hängen, in denen sie sofort Mutter und Tochter erkannte. Die Erscheinung Beider war ihr sogleich sympathisch, die Angst und Unruhe, die sie verzehrt hatte, verschwand — hier schien sie wirklich geborgen zu sein.

Inzwischen war auch Gringmuth eingetreten und die Art und Weise, wie Mutter und Tochter ihn be­grüßten und von ihm begrüßt wurden, bewies, daß er ein Freund des Hauses sein müsse.

„Sie haben mir ja meine Begleiterin im Sturme entführt, Alwine," jagte er lachend; „haben Sie auch die Vorstellung schon besorgt?"

„Nein, die habe ich Ihnen überlassen," antwortete sie mit einem schelmischen Knix, „Ehre, wem Ehre ge­bührt. "

„Nun denn, Fräulein Leontine Schmidt, Frau Rath Meinhold und Fräulein Alwine Meinhold," sagte Gringmuth einfach. Leontine hatte sich erhoben und machte der älteren Dame eine Verbeugung, diese trat auf sie zu, legte ihre Arme um ihre Schulter, sah ihr tief in die Augen und sagte:

„Nochmals willkommen, mein liebes Kind. Sie sind