V 120.
Mittwoch, den 28. Mai 1890.
17. Jahrgang
uldaer Zeitung
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Gegen die Verkürzung der Dienstzeit hat sich, Oberst von F a l k e n st e i n in der Militär- Kommission des Reichstags ausgesprochen. Die Rede liegt nunmehr im authentischen Wortlaute vor und lautet im Wesentlichen:
Die Frage der gesetzlichen Verkürzung der Dienstzeit sei eine alte und habe bei dem Versuche, sie zu lösen, schon eindringliche Lehren gegeben. Preußen habe mit der gesetzlichen Verkürzung der Dienstzeit üble Erfahrungen gemacht. Andere deutsche Staaten, die längere Verkürzung der Dienstzeit, größere Rekrutenvakanz und ausgedehntere Beurlaubungen hatten, machten 1866 dieselbe Erfahrung, wie Preußen, da es an Soldaten mit dreijähriger Dienstzeit in Süddeutschland im Jahre 1866 fehlte. Bei Schaffung des deutschen Reichs wurde deshalb die dreijährige Dienstzeit verlangt. Erscheint der Friede jetzt gesicherter, sind die Ansprüche an die milnärische Ausbildung etwa herabgesetzt und die Vorkenntnisse für den Heeresdienst? Der Nachweis für diefe drei Punkte fehlt. Ein Redner wünschte, zur Kompensation die vollen drei Jahrgänge in zwei Jahrgängen zusammenzuschmelzen, auch eine dritthalbjährige Dienstzeit auf Grund einer sechsmonatlichen Rekrutenvakanz.
Bei der Infanterie dienten im Jahre 1882, abgesehen von der einmonatlichen Rekrutenvakanz und Abwesenheit der Dispositionsurlauber, 35 Prozent zwei Jahre, fernere Abgänge steigern das Verhäftniß auf 41 Prozent, sodaß die Eingestellten durchschnittlich 28*/2 Monate dienen. Die zweijährige Dienstzeit schafft eine Ungleichheit in der Dienstpflicht und die Beseitigung der Dispositionsurlauber. Je nachdem ein Heeres- pflichtiger der Infanterie oder einer anderen Waffengattung zugetheilt würde, würde er ein Privileg auf die zweijährige Dienstzeit haben oder nicht. Durch die zweijährige Dienstzeit würde auch eine Ersparniß nicht herbeigeführt; die Rekrutenzahl vermehrt sich um 50 Proz., der Etat der Offiziere und Unteroffiziere steigt, das unzureichende Lehrpersonal wird noch verkürzt. Durch Beseitigung des dritten Jahrgangs wird der Ersatz an Unteroffizieren erschwert. Die Truppen des niedrigen Etats würden bei mäßigen Ansprüchen bei
In harter Schule.
Roman von G. I.
(48 Fortsetzung.)
XVII.
Gringmuth fuhr mit Leontine nach dem Ostbahnhofe, nahm dort Eisenbahn - Billets bis Küstrin, von wo aus er nach Frankfurt a. d. O. hinüberfuhr, um vermittelst der Niederschlesisch - Märkifchen Eisenbahn Abends nach Berlin zurückzukehren. Er hatte diese Kreuzfahrt für nöthig gehalten, um etwaige Verfolger von der Spur seiner Schutzbefohlenen abzubringen; Leontine fand aber in diesem Hin- und Herreisen so viel Aehnlichkeit mit jener Fahrt, die sie in der Begleitung des Grafen Falkenburg gemacht hatte, daß ihr die Besorgniß aufstieg, sie könne abermals in eine Falle gegangen sein.
Leontine gehörte bei aller Ruhe und Kälte, die sie als ein Produkt ihrer aristokratischen Erziehung zur Schau trug, doch zu jenen leidenschaftlichen Charakteren, die vom Moment fortgerissen sich sehr schnell zu einer Handlung entschließen können, die aber nachher darüber reflektiren und grübeln und die Kugel, die sie geworfen, während sie noch im Rollen ist, gern in ihrem Lauf aufhalten möchten. Sie hatte während der Fahrt wenig Gelegenheit, mit ihrem Begleiter zu reden, denn Gring-
318 Bataillonen je 4 Sekondelieutenants mehr erfordern und unter Berücksichtigung aller Etatstitel würden hierfür 1,936,450 Mark jährlich mehr ausgegeben werden. Der Mehrbedarf an Unteroffizieren würde 5,639,100 Mark erfordern. In den Offiziersstellen ist eine solche Verstärkung nur allmählich herbeizuführen. Wenn bei zweijähriger Dienstzeit die einmonatliche Rekrutenvakanz fortfiele, so kostete dies 2,251,510 M. Die Patronenzahl müßte alle 2 Jahre verschossen werden. Ein Mehrverbrauch von Uebungsmunition um 50 °/o würde die Ausgaben um 4,036,991 Mk. erhöhen. Die Herbstübungen würden verlängert und theilweise wiederholt werden müssen, wodurch die Kosten jährlich um mindestens 7,750,000 Mk. wachsen würden. Die Mehrbewegung von 26,000 Mann jährlich und von 262,000 (?) bei den Urlauberübungen würde jährlich 3,935,000 Mark betragen. Die laufenden Mehrausgaben betrügen 19,831,057 M., die einmaligen 110 Millionen und könnten auf 150 Millionen steigen. Die Etatssteigerung bedeute zudem eine Schwächung der Wehrkraft. Die dreijährige Ausbildung überwiegt die zweijährige bei Weitem. Wie soll ein deutscher Durchschnittsrekrut in zwei Jahre leisten, was seine Nachbarn erst in drei oder fünf Jahre ^leisten? Ist das Arbeitspensum etwas ermäßigt ? Mit den Vereinfachungen in den militärischen Ausbildungszweigen wollten wir nicht der zweijährigen Dienstzeit vorarbeiten, sondern den Anforderungen an eine gründliche Gefechtsausbildung genügen. Wir drückten dem Heere eine Präzisionswaffe erster Klasse in die Hand. Der Erfolg dieser Opfer für die Bewaffnung wird aber zweifelhaft durch Erschwerung der Ausbildung. Eine oberflächliche Dressur war allzeit das größte Unglück. Zeit wird für die Fachbildung verloren durch Abkommandirungen, welche aus dem dritten Jahrgang gedeckt werden. Bei Beseitigung des dritten Jahrganges müßte der zweite Jahrgang angegriffen werden und die Truppe sich zusammensetzen aus dem Reste des zweiten Jahrganges und aus Rekruten. Die Rückwirkung bezüglich Offizier- und Unteroffizier-Personals träte bei der ersten Rekruten-Ausbildung hervor und vererbte sich von Jahrgang zu Jahrgang. Alte Soldaten werden gebraucht im Frieden behufs Erziehung der jüngeren, im Kriege für beurlaubte. Einer zweijährigen Truppe vier- oder fünfjährige Urlauber anzuschließen, kommt einer völligen Desorganisation gleich. Das Urlaubersystem ist an der zulässigen Grenze angelangt; bei Ueberschreitung dieser Grenze werden die Vortheile dieses Systems vernichtet. Eine dritthalbjährige Dienstzeit würde nur Uebelstände bereiten. Die Ausbildung eines Truppentheils als solchen während eines Halbjahres, ein systematischer Ausbildungsgang vom Leichten ins Schwere müßte ausgegeben werden. Wenn der Soldat am 1. April eingestellt würde und im August ins Manöver rückte, würde er verbildet, muth hatte, um jedes Aufsehen zu vermeiden, kein besonderes Koupee verlangt, sondem mit ihr in einem auch von anderen Passagieren besetzten Koupee zweiter Klasse Platz genommen. Dennoch sah oder empfand er instinktiv sehr genau, was in Leontinens Seele vorging, und er benutzte den ersten Moment des Alleinseins, um in seiner halb spöttischen Weise zu ihr zu sprechen.
„Nun, Fräulein, bei welchem Akte der Tragödie, in welcher Sie die Rolle des Opfers, ich die des Henkers spiele, sind Sie in Ihrer Phantasie jetzt angelangt?"
Sie sah ihn betroffen an.
„Ich wüßte nicht, daß ich Ihnen durch eine Aeuße- rung Veranlassung zu einer derartigen Vermuthung gegeben hätte, Herr Gringmuth."
„Man spricht nicht nur in Worten," versetzte er. „Ich habe mich gewöhnt, eben so viel und oft noch mehr aus dem Schweigen als aus dem Reden der Leute zu entnehmen, selbst wenn ich nicht in den Mienen und Bewegungen einen Kommentar zu meinen Beobachtungen finde."
„Und was haben meine Mienen und Bewegungen Ihnen verrathen?" fragte sie lebhaft.
„Sie haben mir verrathen, daß Sie fürchten, von mir in einen Hinterhalt gelockt zu sein. Ich kann mir ja vielleicht die Belohnung verdienen wollen, die auf den Nachweis Ihres Aufenthaltes ausgeschrieben ist."
seine Ausrückefähigkeit bloßgestellt, die mobile Truppe drei Monate lang ungünstiger zusammengesetzt, der Transport vermehrt und die Mobilmachung verlangsamt. Durch eine militärische Vorbildung auf den Schulen erzielen wir eine Verkürzung der Dienstzeit nicht. Wir achten diese Uebungen; aber wir lassen sie als Ersatz für ein Pensum des Heeres nicht gelten. Bei gewissenhafter Prüfung erachten wir daher zur Zeit die gesetzliche Verkürzung, sowie zweieinhalbjährige Dienstzeit bei der Infanterie für unzulässig. Sollten die Zeiten sich ändern und die Verhältnisse es erlauben, dem Gedanken näher zu treten, wozu freilich das Offizier- und Unteroffizierkorps verstärkt werden müßte, so ist die Initiative der Regierung nicht zu bezweifeln. Aber materielle Opfer für die Verkürzung werden wir fordern müsfen.
So Generallieut. von Falkenstein, der mit seinen Ausführungen den Anschauungen der Militärverwaltung Ausdruck gegeben hat. Es ist allerdings eine traurige Perspektive, die sich da für die Zukunft entrollt. Immer höhere Anforderungen werden an die Steuerkraft des Volkes gestellt und nirgends zeigt sich auch nur die Spur eines Aequivalents. Dieser Zustand kann unmöglich auf die Dauer anhatten. Freiherr v. Huene hat in der Kommission mit Recht betont, daß die Einführung der zweijährigen Dienstzeit doch schließlich nicht umgangen werden kann, wenn sie auch keine allgemeine finanzielle Erleichterung mit sich bringt, so ist sie doch sür den Einzelnen-sehr werthvoll.
Deutsches Deich.
Berlin, 26. Mai.
* Von berufener Seite wird mitgetheilt, daß eine Bestimmung darüber, ob der Reichskanzler v. C a p r i v i den Kaiser nach Rußland begleiten werde, noch nicht getroffen sei. Es war dies von russischen und deutschen Blättern mit Bestimmtheit behauptet worden.
* lieber ungenügende Gehaltsaufbesserung wird der ,Saale-Zeitung' aus Berlin geschrieben: „In Folge der Vorlage über die Gehaltsaufbesserung der Beamten herrscht unter den Beamten fast unterschiedslos ein steigendes Mißvergnügen, mit welchem die Regierung vorkommenden Falls sicherlich zu rechnen haben wird. Vor den Wahlen hatte dieselbe wiederholt ankündigen lassen, die betreffende Vorlage, deren Dringlichkeit sie anerkenne, liege bereits fertig und werde den Wünschen der Beamtenschaft in ausgiebiger Weise gerecht werden. Um so größer ist jetzt die Erbitterung über dies Flickwerk, das den Stempel der Ueber- stürzung und Unfertigkeit offenbar auf der Stirn trägt. Die ganze zusammenhaugslose Fassung verräth zur Genüge, daß sie, um dem einmüthigen Drängen aller Parteien gerecht zu werden, nur in letzter Stunde
„Das wissen Sie?" fuhr Leontine auf.
„Ich habe den Aufruf vor einigen Tagen gelesen, ohne ihn zu beachten," antwortete er ruhig, „nachdem ich Sie gesehen und Einiges von Ihrem Schicksal erfahren habe, fiel es mir wieder ein. Meinen Sie nun, ich brauchte, um Sie in das Haus des Herrn Barons zurückzubringen, einen solchen Umweg mit Ihnen zu machen? Der Weg von der Alexandrinenstraße bis zum Pariser Platz ist näher und würde direkter zum Ziele geführt haben."
Sie schwieg, sein Beweisgrund war überzeugend, beschwichtigte aber ihre Angst nicht.
„Sie fürchten nicht allein die Auslieferung an Ihren Vater, Sie haben noch einen anderen Verfolger," fuhr er fort, als lese er ihre Gedanken.
„Es nützt nichts, Ihnen etwas verbergen zu wollen, Sie wissen Alles!" rief sie, von einer Art abergläubischer Furcht von ihrem seltsamen Begleiter ersaßt.
Ich kann Sie nicht zwingen, Vertrauen zu mir zu haben," sagte er ernst, aller Spott war aus seinem Tone und seinen Mienen geschwunden, aber ich wünsche, Sie könnten das Mißtrauen überwinden um Ihretwillen."
Wie kann ich je wieder glauben und vertrauen, da ich in so unerhörter Weise betrogen und hintergangen worden bin!" rief sie.