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JV 119.

Sonntag, den 25. Mai 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckcrei (A. Dillmann).

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Zweites Blatt.

Und

werden.

So hat z. B. der alte Brauch, zu Pfingsten viel­fach Pferde und Kühe zum ersten Male auf die Brach-

„Da kommen sie. die Maienknecht. Sie haben gern ihr Pfingsterecht: Drei Eier und ein Stück Speck, Bon der besten Seite weg, — Eine halbe Maaß Wein In den Kübel 'nein.

Da woll'n die Maienknecht zufrieden sein!"

lichte Blattwerk über dem Kopf eine Art von Krone bildet! Oder wenn gar, wie es an manchen Orten ge­schieht, ein „Pfingstkönig" gewählt wird, ein Knabe, dessen Herrscher-Kleidung aus hoffnungsvollem Maien- Laub (Birkenzweigen) besteht, angemessen der Jahres­zeit, die er als Miniatur-Ausgabe eines Potentaten zu repräsentiren hat, der überall umherzieht, freudig stets begrüßt aus hellen Kehlen, wie nur jemals ein Regent bei seiner feierlichen Einholung. — Ebenfalls einem Triumphzug gleicht in anderen Gegenden die Wanderung der „Pfingstblume", — auch ein liliputanischer Ver­treter der Pfingst- und Rosenzeit des Jahres, über und über bedeckt mit grünen Reisern und mit Ginster, der auf dem Haupt als Attribut der Würde, die er zu verkörpern hat, die Blumenkrone trägt, denn Blumen sind es ja, die jetzt das duftige Regiment zu führen haben!

Auch der sogen. „Pfingstquack" spielt keine üble und jedenfalls eine sehr beliebte Figur, wenn er, stattlich in Goldpapier gekleidet, in seinem glänzenden Gewände, das vom Kopfe bis zu den Füßen ihn umgibt und dessen spitze, hohe Kappe nur die Augen frei läßt, stolz einherschreitet, begleitet von seinen jauchzenden, kleinen Genossen, die sich dicht an seine Fersen heften, denn der Hauptspaß dieses schönen Ganzen besteht ja gerade darin, im rechten Augenblicke dem jugendlichen lieber» muth die Zügel schießen zu lassen, indem der edle „Pfingstquack" die nicht ganz leichte Aufgabe zu lösen hat, seinem Gefolge zu entwischen, wenn ihm das ge­lingt; im anderen Falle aber hat die lustige Schaar das Recht, ihm sein Prunkgewand stückweise abzureißen, was natürlich unter endlosem Jubel vor sich geht.

Anderswo jedoch hüllt der „Pfingstquack" sich in das leichtere Kleid von Laub und Blumen und zieht mit zahlreicher Betheiligung des jungen Völkchens, das bewaffnet ist mit Körben, und mit Fäßchen, von Haus zu Haus, dabei ein Lied zum Besten gebend, das etwa lautet:

ö Das Pfingstfest!

„Noch ist die blühende, goldene Zeit, — O du schöne Welt, wie bist du so weit! Und so weit ist das Herz, und so blau ist der Tag,

Wie die Lüfte, durchjubelt von Lerchenschlag! Ihr Fröhlichen, singt, weil das Leben noch mait:

Jetzt ist die schöne, die blühende Zeit, Jetzt sind die Tage der Rosen!" —

Das liebliche Rosenfest der Freude: „Pfingsten" ist gekommen, — die blühende, goldene Zeit der licht­umflossenen Schöpfung, und — froh aufathmend — lehnt der Mensch sich an die schöne, frisch-verjüngte Gottesnatur, mit dankbarem Blick hinauf zum gütigen Himmel schauend, der so reichen Pfingstgruß nieder- fendet, zur gesegneten Feier von der Kirche Stiftungs­feste, dem hohen Fest des heiligen Geistes. —

Heiter, bunt und zahlreich sind die Sitten und die Bräuche, die seit Jahrhunderten gleich einem duftigen Blumenkranz sich winden um die Feier dieser sonnen­hellen Tage; Manches ist verblaßt, Anderes hat sich geändert, wie ja Alles sich verändert in der Welt, Ein­zelnes verschwindet mehr und mehr, je länger und je schneller das Rad der Zeiten, das rastlose, zermalmende sich dreht, — dennoch aber hat der blumige und maien­grüne Schein, der überall mit seinem Schimmer das rosigste der Feste hold verklärt, siegreich den grauen Nebelschleier doch durchdrungen, der die Vergangenheit und Vergänglichkeit umhüllt, und immer noch feiert man die goldenen Tage der Rosen, wenn auch mit kleinen Zugeständnissen an die Gegenwart, wie es schon geschehen, als da Großvater einst die Großmutter ge­freit! — Noch immer ragt deßhalb der Stolz gar manches schmucken Burschen, der in der maimftischen Rosenzeit des Lebens prangt, der prächtig geschmückte „Pfingstbaum" hoch empor vor der Liebsten Thür am Pfingstmorgen! — Lustig flattern die farbenreichen Bänder in der blauen Luft, und ist die lichte, leichte Birke, — der eigentliche Held des Festes, — oder in Stellvertretung die schlanke tiefgrüne Tanne, recht wohl gerathen, als Prachtstück und zur Augenweide, so legt er ganz besondere Ehre ein beim Schatz; gilt es doch als Ehrensache, zu wetteifern dabei, und den Schönsten seines Stammes aufzupflanzen feiner Schönen, daß die langen Seidenstreifen wie bunte Wimpel ihr den ersten Pfingstgruß zuwehn, wenn sie früh morgens hinaus zum Fenster späht, und weiß nicht, soll sie stolzer sein ans ihren lieben „Er", oder auf ihren schönen Pfingst­baum", denn:

„Noch ist die schöne, die blühende Zeit, Noch sind die Tage der Rosen!"

Und vor Allem für die frohe, schöne, frische Jugend­zeit bietet ja das Fest der Rosen eine blühende, reiche Fülle sommerlicher Frühlingsfreuden, denn ist Pfingsten auch das eigentliche Sommerfest, so feiert es zugleich auch die erneute Ausgießung des Naturlebens, weßhalb gar mancher alte Maienbrauch in späterer Zeit auf Pfingsten überging, als auf das Fest der Ausgießung des heiligen Geistes, an dessen Feier die ganze Schöpf­ung liebend sich betheiligt. Frohe Lust und heiterer Sinn, rosige Laune und lachender Humor ziehen deß­halb überall und stets sich durch das Helle, sonnen- goldene Rosenfest der Freude, und tausend Neckereien und neckende Benennungen lugen schalkhaft durch die grünen „Maien", die lichten, duftigen Birkenzweige, die in vielen deutschen Gegenden gar nirgends fehlen x tt,“1?. pfingstlichen Festschmuck der Häuser, und

noch so lenzesfrische Pracht des £ t/11 Eoulgs Sommer, der seine freudenreiche

J an? Pfingstfest bereits aller Welt verkündet! ß. bln lerchenfroher Jubel, wenn die frische Ämbertvelt ihr „Laubmännchen" singend durch das Dorf fuhrt, das heißt einen der muntern Spiel-Kameraden m. pflugstlich-grünes Bnchen-Laub ein- LUT ' fj* vt%ininen Zweige nichts sichtbar bleiben lasten als die Schuhe, während durch kleine Oeffnungen die lustigen Augen wie die Sterne blitzen, und das

Weide zu treiben, eine ganze Zahl von heiteren Pfingst- Namen und Sitten gezeitigt und zum Theil erhalten, besonders bei der frohen Jugend! Wer unter Anderem zuletzt beim Austreiben des Viehes an Ort und Stelle ist, heißt, wenn er dem stärkeren Geschlechte angehört, „Pfingst-Fuchs", während in solchem Falle das Ewig- Weibliche: „Pfingst-Jungser" titufirt wird — das­jenige Rind jedoch, welches als Nachzügler auf dem Schauplätze erscheint, erhält den Spitznamen „Pfingst- Ochse" oder „Pfingst-Kuh", und da es vorkommt, daß diese verschiedenen Kategorien mit Laub und Blumen festlich dekorirt werden, so datirt von diesem Aufzuge die bekannte Redensart bei überladenem, übertriebenem Schmuck zu sagen: „Aufgeputzt wie ein Pfingst-Ochs!" — Zuweilen krönt man auch das Mädchen, das die „Erste" ist, als „Pfingst-Braut" und sieht und feiert in ihr des Festes Königin und Heldin!

Anderswo betitelt man dagegen, minder wohlklin­gend, Denjenigen, welcher als „Letzter" auf dem Dorf­platze sich blicken läßt, wenn Knecht oder Hütbube schon das Peitschen-Signal durch Knallen mit derselben ge­geben haben, den „Pfingst-Lümmel", der das ganze Jahr weidlich geneckt wird, nachdem man am Feste selbst ihn pfingstlich ausgeschmückt mit Blumen und mit Zweigen, auf dem Kopfe eine spitze Laubmütze, das Gesicht bedeckt mit Baumrinde, auch wohl zum größeren Spaße behängt mit Kuh - Glocken und Kuh - Schellen, damit es möglichst viel Spektakel macht, wenn er beim Einsammeln der respektiven obligaten Gaben sich pflicht- schuldigst beständig nach überall verneigt. In einigen Dörfern heißt der Pferde-Junge, der fein Pferd zuletzt hinaustreibt: „Bunter Junge", der zur Strafe nun, gänzlich in ein Gewand von Feldblumen gehüllt, von Hof zu Hof die Pfingst-Steuer erheben muß. eskortirt von zahlreichem Geleite, wobei der „Thauschlevver" der „Erste" auf der Weide, spricht:

„Wir bringen einen bunten Jungen in's Haus, Wer ihn sehen will, der komme hinaus. ' Die Blumen haben wir für uns gepflückt. Da haben wir ihn mit ausgeschmückt.

Und hätten wir uns noch eher bedacht. So hätten wir ihn noch besser gemacht. Sechs Eier, sechs Dreier, 'n Stück Speck, So geh'n wir gleich wieder weg!"

Feiern so mit vielen bunten Variationen die Hirten und das Gesinde, denen die Pflege für das Vieh ob­liegt, speziell das Pfingstfest, so ist dasselbe auch für sonstige Stadt- und Landbewohner überreich an alt­herkömmlichen und luftigen Gebräuchen, die sich an die Kirchenfeier reihen, denn: Frohsinn! Frohsinn! lautet die Parole ja am Feste der Freude, gleichviel ob „Pfingstspiele", „Pfingstritte", ob Wettrennen zu Fuß und zu Pferde, Pfingstbier oder „Pfingstfchießen", nebst Preisvertheilung und Königstitel, das Fest der Freude krönen. Frohe Lieder tönen überall mit in die Feier, frohe Menschen - Stimmen und jener frohe Zug klopft überall an jedes Herz, der am lieblichsten der Feste die ganze Welt verjüngt — der Zug in Gottes schöne Schöpfung!

So strömt denn Alles — Alt und Jung — hin­aus, hinaus, dem mächtigen Triebe folgend, am Feste der Freude und der ersten Rofen — dorthin, wo die Natur im Ehren-Feierkleide und in heiterer Feierstim- mung all' den Vielen einladend entgegenwinkt und holden Pfingst - Gruß zulächelt, die da zufriedenen Sinnes, warmen, offenen Herzens wallen in ihr frisches, grünes Reich, das der gütige Himmel mit freigebiger Vater­huld und vollen Händen Allen öffnet, die nach müh­seligem Tagewerk sich nach Erquickung sehnen, und dort sich näher fühlen dem hohen, heiligen Gnadengeiste, der es äußerlich und innerlich durchweht: das segens­reiche Pfingsffest, das ja Jedem zürnst mit viertausend Zungen:

„Noch ist die blühende goldene Zeit, O du schöne Welt, wie bist du so weit' Und so weit ist das Herz, und so blau ist der Tag Wie die Lüste, durchjubelt von Lerchenschlag' Ihr Fröhlichen singt, weil das Leben noch mait: <ietzt ist die schöne, die blühende Zeit, Jetzt sind die Tage der Rosen!"

zufriedengestellt pflegen sie wohl überall zu --------- die kleinen Sänger und „Maienknechte", die ihr Pfingstrecht verlangen! Rasch füllt das Fäßlein sich, der Korb wird schwer, und ein fröhliches Schmau­sen stärkt zum Schluß die jungen Darsteller, welche häufig schon der „reiferen Jugend" angehören, indem auch die erwachsenen Burschen oft und gern die äußerst dankbare Pfingstquack - Rolle spielen, die ebenso lustig als einträglich ist, wobei für sie alsdann ein Festessen mit Tanz, Pfingstbamu-Bräuchen und Galanterie gegen das schönere Geschlecht, sofern dasselbe gleichfalls feinen Tribut an Eiern, Butter u. s. w. beiträgt, ein lohnen­des Nachspiel bildet, denn die großen Buben sind dem heiteren Pfinzst-Spiel genau so zugethcm wie die klei­nen ! Darum besitzen auch sie eine Unzahl von Pfingst- Gestalten und Pfingst-Sitten, die im Grunde eine ziem­liche Familien - Aehnlichkeit, bis auf die verschiedenen Benennungen, mit einander haben, denn die lustigen Zeremonien charakterisiren sich doch Alle durch denselben Zweck: Allgemeine Heiterkeit für Groß und Klein, Jung und Alt, Mann und Weib! Ob es nun der Pingstl" oder „Pfingstbutz" ist, der diesen Zweck er­füllt, ob der „wildeMann", der mit vielem Eifer und noch mehr Halloh aus dem Walde geholt, und als Ge­fangener, mit allerlei fidelem Zubehör, auf einem Wa­gen durch's Dorf geführt wird, um überall Geschenke für's gemeinschaftliche Wohl dort zu erbitten — oder ob ein „Mai-, Gras- oder Bottich-König" die lustige Person des Tages ist, um die der heitere Fest-Jubel sich gruppirt von Jahr zu Jahr, mit immer neuem Wohlgefallen, so alt auch die meisten dieser Volks- Bräuche schon sind, meist von früheren Mai-Gewohn- heiten herstammend, die später auf das Pfingstfest sich verpflanzten.