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JW 119.

Sonntag, den 25. Mai 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

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Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

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»M- Erstes Blatt. "WG

PW*» Wegen des hl. Pfingstfestes gelangt die nächste Nummer ds. Bl. erst am Diens­tag zur Ausgabe.

„Zurück zum Geiste des Ghristenthums!"

Pfingstbetrachtung.

(*) Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes, gibt in unserer gegenwärtigen Zeitlage Anlaß zu sehr ernsten Erwägungen.

Es ist gewiß nicht zufällig, daß das Fest des hl. Geistes in einer Jahreszeit gefeiert wird, in welcher die Natur zu neuem, frischem Leben erstanden ist. Die eisige Winterszeit, welche alles Leben in Fesseln ge­schlagen, ist überwunden, der Tod ist aus der Natur gewichen und blühend und prangend in der Vollkraft eines neuen Lebens steht die Natur vor dem ent­zückten Auge des Menschen.

Es ist das ein sprechendes Sinnbild jener Umwand­lung und Erneuerung, welche die Welt erfahren hat durch den Geist Gottes: „Emitte Spiritum tuum ... et renovabis faciem terrae.“ — Der Geist des Herrn hat die antike, intellektuell und sittlich verkommene Welt umgestaltet, hat auf den Trümmern der altheidnischen eine neue christliche Kultur und Civilifation errichtet.

Unsere moderne Zeit ist nahe daran, in die be­trübenden Zustände der zerfallenden, antiken Kultur- welt zurückzusinken. Wie im alten, kaiserlichen Rom, so zehret auch jetzt eine seichte, skeptische Aufklärung an dem gesunden, religiösen Sinne des Volkes; wie im alten Rom, so hat sich auch jetzt der Mate­rialismus zu einer weitgreifenden Herrschaft empor­geschwungen; wie im alten Rom, so zeigt sich auch jetzt die Kunst, fast allen idealen Geistes beraubt, als feile Lohndienerin einer zügellosen Sinnlichkeit; wie im alten Rom, so machen sich auch jetzt im sozialen Leben die feindseligen Klassengegensätze immer mehr geltend. Wie damals Herren und Sklaven als zwei, durch eine un­überbrückbare Kluft getrennte Volksklasfen 'einander gegenüberstanden, so steuert auch unsere gesellschaftliche Entwicklung unverkennbar einem stets mehr sich ver- schärsenden Klassengegensätze zu, einem Zustande, in welchem verhältnißmäßig wenige Millionäre einer ver­armten, vom Großkapital gänzlich abhängigen Bevöl­kerungsmasse gegenüberstehen. Der sog. goldene Mittel­stand, der sich in einigen Bruchstücken noch in unsere moderne Zeit herein erhalten hat, ist unbarmherzig ans Messer geliefert. Er kann die Konkurrenz mit dem Großkapital nicht bestehen; darum siecht er dahin und stirbt, zwar langsam, aber sicher und mit eiserner Noth- wendigkeit. Einige Wenige, welche vom Glücke be-

Roman von G. I. (47. Fortsetzung.)

Erst jetzt, wo Leontine ihre Flucht als gelungen betrachten durfte, ließ die Aufregung und Anspannung, unter der sie sich befunden, nach und sie überschaute das Trostlose ihrer Lage. Bon der hinter ihr liegenden furchtbaren Vergangenheit wandten sie ihre Blicke einer Zukunft zu, der sie völlig rathlos gegenüber stand. Der Schaffner hatte das Ziel ihrer Reise bestimmt, sie fuhr nach Berlin, was sollte sie aber, dort angekommen, thun?

Keinen Augenblick kam es ihr in den Sinn, daß sie in das Haus ihres Vaters zurückkehren könne, das war abgethan für sie, davon hatte sie sich durch ihre Flucht geschieden; ihren Standesgenossen, ihren Ver­wandten gehörte sie nicht mehr an, das hatte ihr der Graf mit kaltem, erbarmungslosem Hohne gesagt und fte war viel zu stolz, sich wieder zu zeigen, wo man sie nut Kopsichütteln und Achselzucken empfangen haben wurde. Leontine von Reina mußte todt sein, ihr eifriges Bestreben mußte dahin gehen, sich so zu verbergen, daß aufzufinden vermochte. Dazu war aber am Ende die Großstadt der geeignetste Ort. — Der ^Haffner war sich in seinem dunklen Drange für sie des rechten Weges bewußt gewesen.

Was sie in Berlin treiben, wie sie dort leben

günstigt sind, schwingen sich empor, die weitaus über­wiegende Mehrzahl aber sinkt herab zur Klasse der unselbstständigen Lohnarbeiter, welche im Frohndienste des Großkapitals stehend jede gesicherte Existenz ver­loren haben. Ganz zutreffend ist es, was Bischof Ketteler schon im Jahre 1864 über die Lage des Arbeiterstandes geschrieben hat: „Es ist keine Täusch­ung darüber mehr möglich, daß die ganze materielle Existenz des Arbeiterstandes, also des weitaus größten Theiles der Menschen in den modernen Staaten, die Existenz ihrer Familien, die tägliche Frage um das nothwendige Brod für Mann, Frau und Kinder allen Schwankungen des Marktes und des Waarenpreises ausgefetzt ist. Ich kenne nichts Beklagenswertheres als diese Thatsache." (Ketteler, Die Arbeiterfrage und das Christenthum.)

Die großartigen, technischen Fortschritte der Pro­duktionsweise, rücksichtslos zum Vortheile Weniger aus­gebeutet und dazu die Emanzipation der Gesellschaft von dem Geiste und den Grundsätzen des Christen- thums haben solche Mißstände herbeigeführt. Nach diesen beiden Seiten hin muß die Reformirung der Gesellschaft allen Ernstes in Angriff genommen werden, wenn nicht die civilisirte Menschheit furchtbaren Kata­strophen überantwortet werden soll.

Der hl. Geist, wirkend in den Aposteln und in der ganzen Kirche Jesu Christi, hat die schweren eiternden Wunden, an denen die antike Welt krankte, nicht etwa blos durch äußere Palliativmitttzl gelindert, sondern er hat diese Wunden von innen heraus geheilt, indem er dem ganzen Organismus neues Leben ein­hauchte. Ein anderer Weg zur Rettung ist auch in der gegenwärtigen, schwierigen Lage nicht möglich; und derselbe Geist, der vom Saale in Jerusalem ausgehend die Welt erneuert hat, derselbe Geist, der ja nie altert, muß auch die gegenwärtige, in ihrem Denken und Thun heidnisch gewordene Welt von Grund aus refor- miren.

Man hat in maßgebenden Kreisen die Nothwendig- keit einer Abhilfe erkannt. Beweis sind die Ar­beiten der jüngsten internationalen Sozialkonferenz in Berlin, sowie die Vorlagen, welche in Betreff des Ar­beiterschutzes 2C. dem deutschen Reichstage zugegangen sind. Ob man aber auch die unausweichliche Noth- wendigkeit einer durchgreifenden Reform er­kannt hat? Ob man den Muth besitzt, an die Inan­griffnahme einer folchen ernstlich auch nur zu denken.

Die bereits bestehenden Arbeiterversicherungsgesetze sowie die in Aussicht stehenden Arbeiterschutzgesetze, so sehr sie auch dazu geeignet sein mögen, einige Linder­ung zu bringen, greifen doch keineswegs das Uebel selbst an der Wurzel an.

Es sind Palliativmittel, wodurch die schlimmen

Folgen des herrschenden wirthschaftlichen Systems we­niger fühlbar gemacht, keineswegs aber beseitigt wer­den können. Es sind äußerlich aufgelegte Pflästerchen auf die Geschwüre eines Leibes, in dessen Adern ver­dorbenes Blut kreist. Es sind Morphiumein­spritzungen, welche das Gefühl des Schmerzes lin­dern, desfen Ursache aber nicht beseitigen.

Wenn man aber die Sache tiefer angreifen und von einer Neu or gan ifation des wirthschaftlichen Systems reden will, von Mitteln und Wegen, um dem Arbeiterstande eine gesicherte Existenz zu ver­schaffen, dann erhebt sich die geldherrliche Plutokratie, um solche „revolutionäre Umsturzpläne“ als etwas Schreckliches zu brandmarken und mit aller Macht zu verhindern. Freilich sind wir bei Erforschung dieser Mittel und Wege über die ersten Anfangsgründe noch nicht hinausgekommen. Aber nach diesen Mitteln und Wegen muß gesucht und muß mit eiserner Aus­dauer geforscht worden, wenn die Geschicke der Mensch­heit sich gedeihlich entwickeln sollen. Es ist zweifellos richtig, wenn man die menschliche Gesellschaft mit einem Organismus vergleicht. Es ist ebenso zweifellos rich­tig, wenn man das Geld das Blut in diesem Organis­mus heißt; denn das Geld oder das Kapital ist ja doch der metallisirte Nahrungsstoff der Menschheit. Wenn aber in einem Leibe die einen Glieder mit Blut überfüllt, die anderen hingegen blutleer sind, oder wenigstens blutarm, dann kann eine richtige Heilme­thode nur jene sein, welche eine richtige Blutzirkulation herzustellen vermag. Und diese Heilmethode für den kranken Organismus der heutigen Menschheit muß ge­funden werden und wenn sie gefunden ist, muß sie durchgeführt werden, mag auch das Großkapital feinen ungesunden Besitzstand noch so krampfhaft vertheidigen.

Das aber steht fest: Diese Heilmethode wird nur dann glücklich gefunden werden, wenn jener Geist als Führer und Wegweiser vorangeht, der auch die antike Heidenwelt geistig um- und neugeschaffen hat; und diese Heilmethode kann in gedeihlicher Weise nur dann durchgeführt werden, wenn derselbe hl. Geist, der Geist der Gerechtigkeit und der allgemeinen, thätigen Nächstenliebe in den Menschenherzen zur Herrschaft gekommen fein wird.

Darum muß es als die verhängnißvollste Ver­irrung der Gegenwart beklagt werden, daß die Mensch­heit nach oben wie nach unten von diesem Geiste sich so vielfach losgesagt hat. Wenn man auf diesem Irr­wege fortfährt, dann wird die bestehende soziale Krank­heit einer ruhigen, naturgemäßen Heilung unfähig fein. Es wird dann nothwendig ein wüstes Werk der Zer­störung hereinbrechen, in dem vielleicht manche Staaten untergehen. Dann aber wird der Geist des Christen- thums abermals, wie in alten Zeiten, einen Neuaufbau

sollte, das wußte sie freilich nicht, wer aber nie in der Lage gewesen ist, Tag für Tag für die Bedürf- uifse des Lebens zu forgen, zu kämpfen und zu ringen für die Herbeischaffung all' der kleinen Dinge, die an und für sich so geringfügig sind und von denen doch unfer Dafein, unser äußeres Behagen und damit unzertrennlich unser innerer Gleichmuts), unsere Freu­digkeit und Leistungsfähigkeit abhängt, der stellt sich gar nicht vor, wie schwer, wie mühselig, wie unerfüll­bar eine solche Ausgabe sein kann. Verborgen zu bleiben, von keinem ihrer früheren Bekannten und Standesgenossen entdeckt und erkannt zu werden, das lag Leontine zunächst viel mehr am Herzen als die Frage, womit sie denn ihre Existenz bestreiten solle.

Als daher der Zug am Morgen in die Halle des Anhaltischen Bahnhofes einfuhr und sie den Waggon verlassen und nun gewissermaßen den ersten Schritt selbstständig in die fremde Welt thun mußte, war es weit mehr die Rücksicht für die Aufrechterhaltung ihres Jncognito, als für ihre Kaffe, was sie bestimmte, sich nicht zunächst nach einem der ihr bekannten ersten Hotels fahren zu lassen. Sie stärkte sich in der Bahn­hofs-Restauration durch eine Tasse Kaffee und einen kleinen Imbiß und bestieg dann mit ihrer Reisetasche am Arm einen in der Nähe des Bahnhofs haltenden Omnibus, der seine Tour nach einem von der hohen Aristokratie nicht bewohnten Stadttheil nahm. In

einem Omnibus und in einer möblirten Wohnung jenes Stadttheiles suchte man sicher Leontine von Reina nicht.

Bei ihren Fahrten durch die Stadt hatte sie häufig genug die Zettel gesehen, welche möblirte Wohnungen zum Vermiethen anboten; wie solche Wohnung be­schaffen sei, welchen Preis man dafür zahle und welche Schwierigkeiten es einem jungen Mädchen mache, Aufnahme in eine solche zu finden, davon hatte sie keine Ahnung.

Entschlossen, sich nur erst ein Unterkommen zu ver­schaffen und dann ihre weiteren Einrichtungen zu treffen, trat sie, nachdem sie am Oranienplatz den Omnibus verlassen hatte, in das erste Haus, an dem sie einen Zettel erblickte, und klingelte an der bezeich­neten Wohnung. Mit der groben Antwort: „An Damen vermiethen wir nicht" ward ihr die Thür vor der Nase zugeschlagen.

An einer zweiten Stelle lautete der Bescheid sehr lakonisch, aber nicht weniger grob: „Js nich!" und die Thür fiel nicht minder nachdrücklich in's Schloß. In einem dritten Hause veranlaßten der Anblick der schmutzigen Wirthin und ihrer unsauberen Kinder Leontine zur schleunigen Umkehr; wieder an einem anderen Orte war man nicht abgeneigt, sie aufzunehmen stand aber davon ab, als sie keine Legitimationspapiere vorzeigen konnte. So verging Stunde auf Stunde.