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Samstag, den 24. Mai 1890.
17. Jahrgang
sich daher das Land aus der furchtbaren Krisis, welcheheute über «Spanien hereingeb rochen ist, wieder herausarbeiten, so wird als Opfer derselben das heutige Regierungs-System mit seiner egoistischen Sonderpolitik der parlamentarischen Cliquen fallen müssen." Es ist bekannt, daß die Regentin Christine nach dem Tode ihres Gemahles, des Königs Alfonso, konservativ regieren wollte, aber hiervon durch die Drohungen der liberalen Parteien Spaniens abgehalten wurde. Diese erklärten, einer konservativen Regierung offenen Widerstand selbst bis zur Empörung leisten zu wollen und das einzige Mittel, das Land zu retten bestand darin, daß die Königin die Liberalen in's Ministerium rief. Während die Konservativen die Monarchie aus Loyalität stützen, mußte die Unterstützung der Liberalen durch obige Mittel erkauft werden.
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* Ueber die Zustände in Spanien
bringt die ,Kreuz-Ztg.' eine Schilderung, welche die Lage dieses Landes in einem sehr bedenklichen Licht erscheinen lassen. In Bareelona, Valencia, Alcoy und Malaga sind die A n a r ch i st e n die Herren der Situation. Die Regierung vermochte nichts zu bessern, und so haben denn die ausständigen Arbeiter in großem Umfange den achtstündigen Arbeitstag durchgesetzt. „Dies ist jedenfalls ein Erfolg der Arbeiter von außerordentlicher Tragweite; errungen wurde derselbe durch das rücksichtslose Vorgehen und den Terrorismus der anarchistischen Comites, während sie in den westlichen Städten, in Madrid, Valladolid und Bilbao, wo die Sozialdemokraten die Oberhand haben und hier auch Zehntausende von Arbeitern für ihre Kundgebungen zusammenbringen konnten, einen praktischen Erfolg nicht erreicht haben. Die Anarchisten erklärten von Anfang an, daß mit der Absendung von Deputationen und Petitionen an die Regierung und an das Parlament in Spanien nichts zu erreichen sei, die Arbeiter müßten deßhalb zu der ihnen einzig möglichen Selbsthilfe, zur Erklärung des allgemeinen Strikes, greifen, um dadurch die Bourgeoisie zur Kapitulation zu zwingen. Die Sozialisten dagegen wollten den Weg der gesetzgeberischen Reform eingehalten wissen; sie werden jedoch an Bedeutung verlieren, je mehr die Anarchisten in den östlichen Küstenstädten ihren Willen durchsetzen. Im Allgemeinen hat bis jetzt der Gegensatz dieser beiden Richtungen noch keineswegs hemmend auf die Arbeiterbewegung, sondern im Gegentheil fördernd gewirkt, da sich beide Parteien durch eine um so rührigere Agitation zu überbieten suchten. Was aber soll nun werden, wenn nach der nunmehr erfolgten eudgiltigen Annahme des allgemeinen Stimmrechts die Kammern aufgelöst werden und Neuwahlen zu erfolgen haben? — Wenn sich die Arbeiterbewegung in dem Maße weiter entwickelt, wie sie sich in den letzten Wochen gezeigt hat, wird ein Viertel oder gar ein Drittel des nächsten Kongresses aus anarchistischen und sozialistischen Deputirten bestehen. Das allgemeine Stimmrecht, welches dem Liberalismus des Kabinets Sa^asta neues Leben und neue Kräfte zuführen sollte, wird deßhalb aller Wahrscheinlichkeit nach den Liberalismus Spaniens, wie er seit Jahren in der Vergeudung des Staatseigenthums, in der Korruption aller Verwaltungszweige, in der Demora- lisirung des öffentlichen Lebens sein Wesen gezeigt hat, zu Grabe tragen. Die Erstarkung des Proletariats verlangt mit zwingender Nothwendigkeit als Gegengewicht die Erstarkung der traditionellen staatserhaltenden Faktoren, der Monarchie, der Kirche und des sozialreformatorischen Staatsgedankens. Will
In harter Schule.
Roman von G. I.
(46. Fortsetzung.)
Leontine verbrachte qualvolle Stunden. Der Boden brannte unter ihren Füßen, jede Minute, die sie noch unter diesem Dache weilte, erschien ihr eine Schmach und eine namenlose Gefahr, und dennoch mußte sie bleiben, mußte sich zur Ruhe zwingen, mußte sich vor den Augen ihrer Hauswirthin ihren gewohnten Beschäftigungen überlassen. Der Gedanke kam ihr, ob sie nicht die Abwesenheit des Mannes und die große Geschäftigkeit der Frau benutzen solle, um sogleich die Flucht zu ergreifen, aber sie gab ihn wieder auf. Nein, sie durfte sich nicht der Gefahr aussetzen, daß lhre Abwesenheit sogleich entdeckt werden könne, sie sich womöglich einen Vorsprung von einigen Stunden sichern und deshalb hieß es warten.
o at» ?rt?1 immer warten, das scheint mein
:> sbftfzte sie „Was habe ich in den Monaten, Die ich hier zubrachte, schon gewartet, wie hat mich I^rich wahrend der Zeit, wo er sich von mir jener ®trene juwenbete, warten lassen. Hätte ich Höllen- strasen zu ichildem, ich würde „Warten müssen" als eine der schwersten hinstellen. „Warten müssen!" wie- derholte sie mit einem Blick zum Himmel, an dem die letzten Sonnenstrahlen, langsam verglühten, unthä-
Deutsches Keich.
Berlin, 22. Mai.
* Die bereits gestern kurz erwähnte Erklärung, welche Fürst Löwenstein in Betreff der Verhinderung des deutschen Katholikentages veröffentlicht hat, zeichnet sich durch mannhafte, würdige Fassung aus und lautet wörtlich wie folgt:
„Das Schreiben Seiner Königlichen Hoheit des Prinz - Regenten an den Hochwürdigsten Erzbischof, sowie die Deutungen, I welche dasselbe von anderer Seite theils schon gefunden hat, theils I noch finden könnte, verpflichten mich in doppelter Eigenschaft, I eine Erklärung abzugeben.
Als Vorsitzender des vorigjährigenbayerischen Katholikentages und als einer der Veranstalter desselben halte ich mich verpflichtet, Folgendes in Erinnerung I zu bringen und neuerdings zu konstatiren:
I. Bezüglich aller äußeren Formen des Vorgehens und bezüglich der Form der auf dem Katholikentage gehaltenen Reden wurden alle gesetzlichen Bestimmungen auf das Genaueste beobachtet, auch erfolgte keinerlei Ansprache oder Bemerkung von be- I hördlicher Seite.
II. Weder während des Katholikentages, noch in Folge desselben haben Ausschreitungen oder Ruhestörungen stattgefunden.
III. Der Inhalt der Reden auf dem Katholikentage und die vielleicht mit dem Katholikentage als in Konnex stehend betrachteten parlamentarischen Debatten waren zwar gegen das System und Vorgehen des Ministeriums bezüglich der kirchlichen Interessen und Rechte gerichtet, aber durchaus den politischen Rechten und Pflichten der Bürger eines konstitutionellen Staates und den Pflichten treuer Unterthanen und treu der Kirche ergebener Katholiken entsprechend.
Hiernach glaube ich mit Zuversicht annehmen zu dürfen, daß die in dem Schreiben Sr. König!. Hoheit des Prinz-Regenten ausgesprochene Befürchtung „neuer Störungen des Friedens" in keiner Weise dahin gedeutet werden dürfe, als wenn Se. Königl. j Hoheit in der Abhaltung des bayerischen Katholikentages und in dem, was damit zusammenhing, Störungen des Friedens erblickt habe, sondern daß dieser Ausdruck sich auf andere gleichzeitige Verhältnisse oder Vorkommnisse beziehen müfle.
Sollte jedoch wirklich in Folge falscher entstellender Berichte eine so tief verletzende Beurtheilung des Katholikentages und tig, wehrlos einem Geier gegenüberzustehen, der uns die Brust zerfleifcht, o es ist furchtbar!"
Und doch mußte sie warten, Stunde um Stunde; mit unerbittlicher Regelmäßigkeit rückte der Zeiger der Uhr weiter, von Sekunde zu Sekunde, keine aus- laffend, keine beflügelnd; langsam ging der Tag in Dämmerung, die Dämmerung in Nacht über. Sie machte noch einen Spaziergang in die nächste Umgegend und duldete es schweigend, daß die Frau ihre Arbeit stehen und liegen ließ und ihr folgte. Sie ließ sich später von ihr wie gewöhnlich beim Auskleiden behiilflich fein und vernahm anscheinend mit großer Befriedigung, daß die Depesche pünktlich besorgt sei.
Und auch als die Frau sie verlassen, hatte, saß sie still und regungslos auf ihrem Stuhle, bis sie sicher sein konnte, daß unten Alles still sei und die Hausleute im Schlafe lagen. Leise, auf den Fußspitzen schleichend, kleidete sie sich nun wieder an, packte etwas Wäsche und einige nothwendige Kleidungsstücke in eine Reisetasche, steckte ihr Geld und ihren Schmuck zu sich und war reisefertig. Aber wie fortkommen? Durfte sie es wagen, die Treppe hinunter und ans dem Hause zu gehen? Selbst wenn, was sie nicht annehmen konnte, der Schlüssel in der Hausthüre steckte, war es gefährlich; die Treppe führte am Schlafzimmer ihrer Wächter vorüber. Sie mußte auf einen andern Weg denken.
Das Haus bestand aus einem niedrigen Erdgeschoß
I (einer Vertreter vorliegen, dann müßten;bie Beschuldigten eine nähere Bezeichnung der vorgetragenen Anklagen von Sr. Königl. Hoheit erbitten, um in der Lage zu sein, sich rechtfertigen zu können.
In meiner Eigenschaft und in Folge meiner Obliegenheiten als Kommissär der Generalversammlung bin ich zu meinem Bedauern in die Nothwendigkeit versetzt, nunmehr zu erklären, daß die Generalversammlung der Katholiken Deutschlands im heurigen Jahre nicht in München, sondern in einer der rheinischen Städte tagen werde.
Ich war von dem elften Augenblicke an, da mir von dem entgegenstehenden Wunsche Sr. k. Hoheit des Prinz-Regenten eine Andeutung gemacht wurde, sofort entschlossen, auf Abhaltung der Versammlung in München Verzicht zu- leisten, jedoch nur, wenn dieser allerhöchste Wunsch öffentlich ausgesprochen werden dürfe, da ich kej»«!falls gesonnen war, vor der Oeffentlichkeit die Verantwortung für die mir so bedauerlich erscheinende Verlegung auf mich zu nehmen. Sr. k. Hoheit habe ich dieses in einem unterthänigen Schreiben auch seinerzeit ausgesprochen. Ich habe auch nicht verschwiegen wie sehr ich eine solche öffentliche Allerhöchste Willenskundgebung beklagen müßte, da dieselbe als eine indirekte Beeinträchtung des Versammlungsrechtes betrachtet werden würde. Durch die Antwort, welche mir im allerhöchsten Auftrag wurde (und welche ohne mein Vorwissen in Folge eines Mißverständnisses bereits veröffentlicht worden ist), sah ich mich vollständig und formell frei und angewiesen, meine Entschließungen nur nach eigenem Ermessen und nach meinen Pflichten gegen die kirchliche Obrigkeit zu fassen. Daß ich letzteren entsprochen habe, ist an kompetenter Stelle bekannt.
Nur eines habe ich noch zu bemerken: Das Motiv, welches mich zu dem sofortigen Entschluß veranlaßte, einem öffentlich ausgesprochenen Wunsche des Landesoberhauptes Folge zu leisten, ist die Ehrerbietung gegen die Autorität von Gottes Gnaden und thuulichste Rücksichtnahme auf dieselbe in allen erlaubten Dingen; keineswegs aber eine Befürchtung vor etwaigen Regierungsmaßnahmen, welche diejenigen nidjt zu scheuen brauchen, welche, wie die Veranstalter der Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands, sich stets in genauester und sorgfältigster Weise auf dem Boden der Gesetze bewegen.
Haid, den 19. Mai 1890.
Karl Fürst zu Löwenstein.
In dieser Erklärung hat sich Fürst Löwenstein wie immer als ein Ritter ohne Furcht und Tadel erwiefen, der voller Pietät ist gegen jede Autorität, aber auch den Muth der Ueberzeugnng und des Gewissens hat und für die konstitutionellen Rechte und die in feine Hand gegebenen Interessen der katholischen General- Versarnrnlungen mit Entschiedenheit eintritt. Wenn der Fürst eine nähere Bezeichnung der gegen den vorig- jährigen b ayerischen Katholikentag gerichteten Anklagen erbittet, so ist das gewiß eine billige Forderung, deren Berücksichtigung sich der Regent eines Landes noch weniger entschlagen kann, als jeder Unter t h a n^ und deren Erfüllung die Katholiken Bayerns und Deutschlands daher entgegensehen!
* Durch die liberale Presse geht jetzt wieder eine neue Wanderlüge. Der hl. Vater soll an etwa 100 Bischöfe in verschiedenen Ländern die Anfrage gerichtet haben, ob sie die Proklarnirung der weltlichen Herrschaft des Papstthurns als Dogma für und einer oberen Etage, welche demzufolge nicht sehr hoch über dem Fußboden lag. Das von Leontine als Salon benutzte Zimmer hatte einen Balkon, bet auf eine Terrasse des Gartens ging, es schien also nicht zu sehr gewagt, vom Balkon den Sprung auf die Terrasse zu wagen. Befand man sich aber erst dort, fo war es verhältnißrnäßig leicht, durch den Garten, der von einer Berberitzenhecke eingefaßt war, mit einem zweiten Satze in's Freie zu entkommen, vorausgesetzt, daß man die Seite des Hauses vermied, auf welche das Schlafzimmerfenster der Wächter ging.
Leise und vorsichtig trat Leontine auf den Balkon, dessen Thüren ihrer Anordnung gemäß während der Nacht nie fest geschlossen wurden, weil sie die Frische und Kühle der Nacht im Zimmer haben wollte. Es war eine schöne klare Augustnacht, der Mond beleuchtete fast tageshell die Gegend, ein freundlicher Führer für den Wandernden, freilich auch ein Verräther für den Flüchtling. Gern hätte Leontine mit der Prinzessin aus dem Märchen gesprochen:
„Hinter mir Nacht, vor mir Tag, Daß mich Niemand sehen mag."
Aber es gilt heut zu Tage sich auf nas eigene Können, die eigene Kraft zu verlassen, und wenn das Wollen das Vollbringen ist, so gibt es doch ein stärkeres, tteibenderes Agens — das Müssen.
Leontine mußte — sie hatte keine Wahl und so
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. — - Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).