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Freitag, den 23. Mai 1890.

. V 117.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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* Der Prozeß des Verschwörers Panitza.

lieber den bulgarischen Major Panitza ist während dieser Zeit sehr viel fabulirt worden. Wir bemerken nur, daß kurz nach der Entdeckung der Verschwörung ein Blatt den Major mit 50 mitschuldigen Offizieren erschießen ließ. Die Verschwörung richtete sich bekannt­lich zunächst gegen die Person des Prinzen Ferdinand von Coburg, des von den Mächten bisher nicht aner­kannten Fürsten von Bulgarien. Daß russische Hinter­männer in dieser Angelegenheit die Hände im Spiel hatten, steht, wie wir schon mitgetheilt, unumstößlich fest. Dieser Prozeß hat eine große politische Be­deutung, da durch denselben einerseits nachgewiesen werden soll, daß amtliche Vertreter Rußlands noch immer in derselben Weise wie zur Zeit des Fürsten Alexander gegen Bulgarien wühlen, andererseits aber Jedermann klar gemacht wird, daß das kleine Bul­garien sickb schon stark genug fühlt, offen dem großen Rußland entgegenzutreten. Der Anklage-Act befindet sich gegenwärtig in den Händen der Angeklagten. Nach dem Militärgesetze stehen ihnen drei Tage zur Vor­bereitung der Vertheidigung und Wahl der Advo­katen frei.

Aus der Begründung der Anklageschrift ist folgen­des hervorzuheben:

Auf Verfügung des Kriegsministers und mit Zustimmung des Fürsten wurde das ständige Mitglied des Kriegsgerichts Major Panitza in der Nacht des 21. Januar verhaftet und gleichzeitig wurde in seiner Wohnung eine Durchsuchung vor­genommen. Sowohl die Aussagen Panitzas als auch die bei ihm gefundenen kompromittirenden Papiere gaben Veranlassung zur Einleitung einer Untersuchung, sowohl gegen ihn als auch gegen seine Genossen, und zwar wegen einer Verschwörung zum Zwecke eines Staatsstreiches in Bulgarien und wegen der Ab­sicht, den Fürsten Ferdinand des Thrones zu entsetzen und die Regierung zu stürzen. Die Untersuchungskommission hat nach einer zweimonatlichen Arbeit folgende Thatsachen festgestellt. Im Jahre 1887 trat Panitza in Verhandlungen mit der russischen Gesandtschaft in Bukarest ein, und zwar zu dem Zwecke der Vorbereitung eines Staatsstreiches in Bulgarien. Dieser Um­stand wird durch einen Brief des bei derselben Gesandtschaft fungirenden Dragomans Jacobson an Kolubkow vom 23. Juni 1889 bestätigt, Dieser Brief liegt den Akten bei. Es wird darin unter Anderem gesagt, daß Kolubkow an ,jJ. A." einen ausführlichen Bericht über das feit der Begegnung in Giurgewo Borgenommene gerichtet habe. Unter den Initialen „I. A" verstand man Ivan Amaktchievitsch Zinowiew, Vorstand des asiatischen Departements im russischen Ministerium des Aeußeren. Seit November 1888 begann Kolubkow, wie das aus den den Akten beigeschlossenen Dokumenten hervorgeht, in der Verhandlung wegen der Verschwörung zwischen Panitza und der russischen Gesandtschaft in Bukarest die Rolle eines Bevollmächtigten und Agitators zu spielen. Damit ihre Beziehungen nicht entdeckt wurden, wurden für die stets chiffrirte Korrespondenz Vermittler bestimmt. So diente im Jahre 1888 Boni Georgien», ein Ver­trauensmann Panitzas, welcher bei letzterem wohnte, als Ver­mittler in den Jahren 1889—1890 diente als Vermittler Feo­dor Arnaudow, ein in Sofia ansässiger Besitzer des Hotel Vitosch. Daneben gab eine direkte Korrespondenz zwischen Panitza und Kolubkow unter Anwendung symbolischer Worte und Ziffern,

In harter Schule.

Roman von G. I.

(45. Fortsetzung.)

„Erlauben Sie, meine Gnädigste, in vielen Fällen ist, wie Talleyrand bemerkt hat, die Sprache da, um unsere Gedanken zu verbergen. Ich glaubte, wir Beide verstünden uns sehr gut. Wären Sie aber wirklich naiv genug gewesen, zu glauben, Sie warteten hier lediglich auf eine Stelle als Hofdame, so mußten meine Andeutungen vor meiner Abreise Sie doch darüber be­lehren, worauf es abgesehen war. Ihr Briefwechsel mit dem Prinzen gab den besten Beweis, daß meine Andeutungen verstanden und daß mein gnädigster Herr erhört war."

»Ich leugne es auch nicht, daß ich dem Prinzen Alexander meine Hand reichen will, wenn er sie begehrt."

gnädig," sagte der Baron mit einer ironi- scheft Verbeugung.

„Aber nicht hier ist der Ort, um um mich zu werben."

„Und Sie bilden sich wirklich ein, der Prinz wolle Sie zu ferner Gemahlin erheben?"

Leontine sah dem Frager mit einem Blicke so gren­zenlosen Staunens an, daß der Graf trotz aller Frech­heit, mit der er sich gewappnet, davor doch einen Mo­ment außer Fassung gerieth.

als ob es sich um eine kommercielle Angelegenheit gehandelt hätte. Einige dieser Chiffern befinden sich in den Akten. Am häufigsten gebraucht war eine Chiffre mit symbolischen, dem Weinbau und dem Handel entnommenen Worten. Die bei Panitza gefundene Chiffre, welche durch Vermittelung Boni Georgiews benutzt wurde, enthält folgende 15 Worte: Wein — Bulgarien, Essenz — Rußland, der 83 - Stambulow, der 84 — Mutkurow, der 85 — Poppa, der 86 — Geld, der 87 — Waffe, Liqueur — Einverständniß, Mentha—Revolution, Rum—Mini­sterium, Iley — Panitza, Gründen — Beginnen, Tukurt — Agi­tation, Taschen — Nationalversammlung. An Panitza gelangten durch Vermittelung Boni Georgiews folgende Telegramme und Briefe: a) Telegraamm: „Das Geld wird gleichzeitig mit der Revolution einlangen, Rußland wird Bulgarien unterstützen. Agitiren Sie unter den Abgeordneten. Trachten Sie, daß Sie sich des Stambulow entledigen. Es scheint daß der Pope sich zurückziehen werde. Antworten Sie, ob Sie einverstanden sind." b) Brief: „Es findet fich ein großer Geldvorrath vor, es ge­nügt, daß es einen Ort gebe, wo dieses Geld verwendet werden könne. Trachten Sie allein die Revolution. Das ist sehr ein­fach und wird sicher sehr gut gelingen. Es genügt, daß die Revolution in vielen Ortschaften hervorgerufen wird. Was Rußland anbelangt, so kann ich Ihnen sagen, daß dasselbe nur mit Reserve genannt werden soll, und daß der Moment gewählt werde, in welchem es in Bulgarien auftreten soll. Rußland wünscht das Wohl Bulgariens, und auf Rußland soll Bulgarien ohne jede Furcht rechnen. Telegramm vom 30. Dezember 1889: „Die Fabrik acceptirt jede Bedingung. Sie können sofort be­ginnen." Die angeführten Telegramme und Briefe liegen den Akten im Original bei.

Im weiteren Verlaufe der Anklagefchrift gegen Panitza wird der.Nachweis zu führen versucht, daß Kolubkow thatfächlich in der Eigenschaft eines Bevoll­mächtigten der rufsischen Gesandtschaft in Bukarest ge­handelt habe, daß der Chef des asiatischen Departe­ments Zinowjew (diesem Departement untersteht auch die Bearbeitung der bulgarischen Angelegenheiten) und andere hochgestellte Persönlichkeiten um das Komplott gewußt hätten, sowie auch Zankow dabei eine Rolle gespielt habe. Rußland hätte versprochen, bis zur erfolgten Wahl eines neuen Fürsten von Bulgarien zur Leitung der Angelegenheiten den General Domonto- witsch zu schicken, und habe drei Kandidaten für den Thron bezeichnet. Ferner schildert die Anklageschrift, auf welche Weife der Fürst nach seiner Rückkehr von der Reise nach dem Westen habe verhaftet werden sollen, und an welchen Umständen die Ausführung des Planes gescheitert sei.

Deutsches Deich.

B erlin, 21. Mai.

* Fürst Löwenstein veröffentlicht eine Erklär­ung, worin er das gesetzmäßige Verhalten und die behördliche Nichtbeanstandung der bisherigen Katho­likentage konstatirt. Er nehme an, daß des Prinz­regenten Aeußerung von Friedensstörung auf andere gleichzeitige Berhältnisse sich beziehen müsse, widrigenfalls in Folge falscher entstellender Berichte nähere Bezeichnung der vorgetragenen Klagen von

„Was — was sollte er denn sonst beabsichtigen?" brachte sie endlich mühsam, fast keuchend hervor.

„Der Prinz muß, wenn er einen Ehebund schließt, sich ebenbürtig vermählen, dazu steht er dem Throne zu nahe," _ antwortete der Graf, der jetzt wieder seine ganze Fassung gewonnen hatte. Seine Hand kann er Ihnen nicht reichen, aber sein Herz."

„Genug, Herr Graf, genug!" unterbrach ihn Leon­tine, „kein Wort weiter. O, diese Schmach, diese Schmach. Verlassen Sie mich augenblicklich."

„Bitte, mein Fräulein, ich stehe als Bevollmäch­tigter des Prinzen in seinem Hause, nur er hat das Recht, mich zu rufen und zu entlassen."

„So werde ich gehen," versetzte Leontine und wandte sich der Thür zu.

Er vertrat ihr den Weg. „Wo wollen Sie denn hin?" fragte er höhnisch, dann in einen weichen, über­redenden Ton übergehend, fuhr er fort: „Besinnen Sie sich, Leontine, Sie sind ausgeregt, lassen Sie sich Ihre Lage vor die Seele führen. Sie sind Ihrem Vater­hause entflohen, seit Monaten spricht man in der Residenz von Ihrem Verschwinden, in unseren Kreisen sind Sie unmöglich geworden. Sie haben in einer Villa des Prinzen Monate lang bereits gelebt, sowohl die Dienstleute wie Dörfler kennen Sie als die Dame, welche hier den Prinzen Alexander erwartet. Sie haben

dem Prinzregenten behufs Möglichkeit der Vertheidi­gung erbeten werden müsse. Wie Fürst Löwenstein er­klärt, war er von Anfang an nach Kenntmß des Wunsches des Prinzregenten entschlossen, auf München zu verzichten, wenn der Wunsch öffentlich ausgesprochen werden dürfe, da er vor der Oeffentlichkeit die Verant­wortung nicht tragen wolle. Er habe das dem Prinz­regenten geschrieben, und geglaubt, er sei nach dem antwortlichen Kabinetsschreiben formell frei, seine Ent­schließungen nur nach eigenem Ermessen und nach den Pflichten gegen die geistliche Obrigkeit fassen zu können. Dem öffentlich ausgesprochenen Wunsche des Landes­oberhauptes habe er sofort Folge geleistet, aus Ehr­erbietung gegen die Autorität von Gottes Gnaden in erlaubten Dingen, nicht aus Befürchtung etwaiger Re­gierungs-Maßnahmen. Zugleich erklärt Fürst Löwen­stein, daß die Generalversammlung der Katholiken dieses Jahr in einer rheinischen Stadt tagen werde.

* Der Reichstag nimmt heute zunächst einen Antrag Böckel (Autis.) bezügl. Einstellung schwebenden Strafverfahrens gegen den Abg. Werner (Antis.) auf die Dauer der Session an und tritt dann in Berathung über die Interpellation des Abg. Bamberger (dfr.) bezügl. der Einbringung eines Gesetzes über den Straf­vollzug. Der Antragsteller legt der Begründung seines Antrags die Fälle Boshardt und Harmening zu Grund und wünscht Suspension des Strafvollzugs gegen wegen nicht ehrenrühriger Vergehen inhaftirte Reichstags- Abgeordneten. Staatssekretär Oehlschläger stellt das Einbringen eines betr. Gesetzentwurfs in Aussicht, zweifelt aber, daß daraus Erleichterung für politische Verbrecher refuttiren wird. Da sich der Begriff „polit. Vergehen" nicht so präzisiren lasse, um beim Urtheils- sprnch diesen zu Grunde zu legen, und macht auf die hohen Kosten aufmerksam, welche erwachsen würden, wenn man die Einzelhaft allgemein durchführen wolle. Abg. Klemm-Sachsen (kons.) ist mit dem Staats­sekretär einverstanden: Regelung des Strafvollzuges sei eigentlich Sache der Einzelstaaten, er sei jedoch auch einer allgemeinen gesetzlichen Regelung nicht abgeneigt. Abg. v. Bar (dfr.) weist daraufhin, daß zugleich mit jenem Gesetze eine Revision des Strafgesetzbuchs er­folgen müsse und wünscht gedeihlichen Erfolg für das Gesetz. Abg. Geyer (soz.) bemängelt den Straf­vollzug im Allgemeinen, den bei sog. schweren Ver­brechen aber speziell als inhuman, wodurch dieselben erst recht verdorben würden. Redner sucht speziell die schlechte Behandlung politischer Verbrecher an einer Reihe von Beispielen die Strafe verbüßender Sozial­demokraten nachzuweisen. Wie in Frankreich müsse es auch bei uns gelingen, den Unterschied zwischen politi­schen und gemeinen Vergehen konstruirm zu können. Das heidnische Rom habe seine Verbrecher besser be­handelt wie der christliche Staat. Man solle gegen die Briefe mit dem Prinzen gewechselt, die auf ein be­stehendes Verhältniß schließen lassen, Sie werden Niemand überreden, daß dies Alles aus Unerfahrenheit geschehen ist, Sie können nicht zurück, also müssen Sie vorwärts."

„Teufel! Teufel in Menschengestalt! Das wagst Du mir zu sagen, der mich doch Schritt für Schritt zu Allem verlockt hat, was mir jetzt vorgehalten wird?" rang es sich mit krampfhaftem Schrei von Leontinens Lippen. Sie stand wie erstarrt. Eine erd­fahle Bläffe bedeckte ihr Gesicht, die Augen blickten gläsern, unheimlich aus ihren Höhlen.

„Sie sind mir willig genug gefolgt," sagte er.

„Aber unter ganz anderen Voraussetzungen."

„Das gilt der Welt gleich, die rechnet mit That- achen."

„O, Ulrich hatte doch Recht!" schrie sie auf. „Er mißtraute ihnen von Anfang an."

„Wie scharfblickend der Herr Lieutenant ist," spöt­telte der Graf. „In anderer Hinsicht hat er sich nicht so bewiesen."

„Und wer sagt mir, daß es nicht auch Lug und Trug war, was Sie über meines Vaters Gemahlin aussprengten?“

„Darüber beruhigen Sie sich, das ist die Wahr­heit," versetzte der Graf hart. „Es entsprach meinen