onnerstag, den 22. Mai 1890.
17. Jahrgang
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
an-
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centrirt auf einen Punkt zu richten und sie vom selbstquälerischen Grübeln energisch abzuziehen.
Leontine las, sie beschäftigte sich mit weiblichen Handarbeiten, sie malte, denn auf eine desfallfige Aeußerung hatte sie der Graf reichlich mit Material zum Zeichnen und Malen versorgt, sie ging spazieren, aber Alles reichte nicht hin, ihre Zeit auszufüllen, ihre Unruhe zu bannen. Das Räthsel, welches ihr der Graf ausgegeben, beschäftigte sie wohl lebhaft, aber es erfüllte sie doch mehr mit Unruhe als mit freudiger Hoffnung. Sollte Prinz Alexander wirklich vorhaben, um ihre Hand zu werben? Dann war es doch eigent- thümlich, daß er sie hier Monate lang so allein und so verlassen leben ließ, ohne ihr auch durch ein Wort durch ein Zeichen seine Theilnahme zu erkennen zu geben. Zuweilen schnürte ihr die Angst die Brust zu, der Graf treibe doch ein falsches Spiel mit ihr. Ul- rich's Aeußerungen über ihn fielen ihr alsdann schwer auf die Seele. Im nächsten Augenblicke wies sie aber einen solchen Verdacht, der sich zudem in gar keine greifbare Gestalt bringen ließ, weit von sich und klagte sich der schnöden Undankbarkeit an gegen den einzigen SlVortlrhorr Sor ___0 3
/gebannt jeder Zerstreuung beraubt ist und keine Thätig- keit hat, die ihn zwingt, seine Gedanken fest und con-
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Wie er ihr versprochen hatte, schrieb ihr der Graf häufig, und da er jetzt täglich und stündlich mit dem
Dunstatmosphäre endlich ein reinigendesGewitter fahren! — Und an einer anderen Stelle schreibt dasselbe Blatt: Wir haben schon auf die Wirkung angespielt, welche das Handschreiben ganz besonders in bayerischen katholischen Kreisen ausüben werde. Als Stimmungsbericht geben wir eine Zuschrift wieder, welche uns von einem bayerischen Parlamentarier zugeht: „So hätten wir denn ein direktes Eintreten des Prinzregenten von Bayern gegen die Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands! Gewiß der erste Fall in der Geschichte der Generalversammlungen. Was in dem protestantischen Preußen nicht geschehen zur Zeit der höchsten Kulturkampf-Glühhitze, was nicht einmal in dem Probirland Baden man erwogen: in dem katholischen Bayern geschieht es. Auch ein Zeichen der Zeit! Während im Reich der „Zugang zum Frieden" gesucht wird, während im Reich erträglichere Zustände geschaffen werden, ist es Bayern, das in seiner Majorität katholische Bayern, welches der katholischen Generalversammlung in München den Stuhl vor die Thüre setzt. Bayerns Prinzregent war nicht gut berathen, als er direkt gegen die General- versammluug in Aktion trat. Die Leute vom Schlage der .Neuesten Nachrichten' und des .Bayer. Vaterland' werden jubeln; jene, die da aufschauen zu dem Herrn v. Lutz und v. Freyenstein, sowie zu dem „kommenden Mann" Polizeis-Präsident Müller, werden eine staatserhaltende That darin erblicken, aber alle treuen katholischen Bayern sind um eine Hoffnung ärmer, und der Schlag trifft sie um so härter im Hinblick auf die Hand, die ihn geführt. Bayerns Katholiken trauern auch um Bayerns willen. Man erlasse uns, diesen Gedanken weiter auszuführen, es genüge, ihn anzudeuten. Ein Gutes erwächst auch aus diesem Ge- schehniß: Klarheit ist geschaffen. Auch den Vertrauensseligsten wird es jetzt klar geworden sein, wohin das stete Rücksichtnehmen führt. Wir hoffen, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen ist für Alle, sich zu schaaren ernst und entschieden und ohne jegliche Rücksicht um das Banner: Für die Kirche und ihre Freiheit, trotz- )em und alledem!"
* In der 11. Plenarsitzung vom 20. Mai setzte der Reichstag die 1. Berathung der Gewerbeordnungs- Novelle (Arbeiterschutz) fort. Staatsminister v. Berlepsch betont die günstige Aufnahme der Vorlage im Hause und legt Protest dagegen ein, daß dieselbe eine Abschwächung des kaiserlichen Willens bezügl. der Sozialreform bedeute. Die Vorlage bahne den Weg zur Besserung der Arbeiterverhältnisse, ohne die Industrie zu erschüttern. Die Frage, welche Behörde zum Erlaß der Genehmigung oder des Verbots der Sonntagsarbeit befugt, sei eine rein technische, deßhalb sei diese Befugniß dem Bundesrath überwiesen worden. Für einen Normalarbeitstag sei die Regierung nicht, es
müsse den Verhältnissen überlassen bleiben, einen solchen herauszubilden, wie in England geschehen. Die Zahl der Fabrikinspektoren werde vermehrt werden Ueber die Zahlung des Lohnes Minderjähriger an die Eltern verspreche man sich in den Kreisen der Arbeitgeber guten Erfolg. Abg. Liebermann von Sonneberg findet den Kernpunkt der Vorlage in der Sonntagsruhe, die gesetzlich geregelt werden müsse und erhofft, daß die Juden ihren Sabbath auf den Sonntaq verlegen. Redner tritt für größere Beschränkung des Postdienstes am Sonntag ein und hofft, daß die Vorlage ein Eckstein werde für das Gebäude des sozialen Frieden. Abg. Dr. Hirsch (dfr.) polemisirt gegen die von soz.-dem. Seite empfohlene Verringerung der Arbeitszeit und ebenso gegen die Forderungen des Abg. v. Sturm bezüglich der Stellung des Arbeiters gegenüber dem Arbeitgeber, die in Leibeigenschaft ausliefen. Das rauhe Auftreten der Arbeiter sei damit zu entschuldigen, daß sich die Arbeiterbewegung im Stadium der Flegeljahre befinde, die Befugniß des Bundesraths Sonntagsarbeit zu gestatten oder zu verbieten, sei zu verwerfen, das Institut der Fabrikinspektoren müsse ein Reichsinstitut werden. Vom Centrum sprach Abg. Hitze. Derselbe beurtheilte die Vorlage im Allgemeinen günstig, während er in Einzelheiten vielfach davon abwich. Für die Arbeiterinnen wünschte er er einen zehnstündigen Maximalarbeitstag, für Wöchnerinnen eine Karenzzeit von 6 Wochen (der Entwurf schlägt drei vor.) Redner empfahl weiter, gestützt auf die in England gemachten Erfahrungen, den zehnstündigen Maximalarbeitstag ; die belgischen kath. Arbeiter hätten nur gegen den achtstündigen Arbeitstag Stellung genommen — und das mit vollem Rechte. Was die Haushaltungsschulen angeht, so könne er dieselben an sich nur sehr empfehlen, nicht aber könne er den Gemeinden das Recht zugestehen, die jugendlichen Arbeiterinnen zum Besuche derselben zu zwingen. Die Lohnauszahlung für iugendliche Arbeiter an die Eltern vertheidigte er mit siegreichen Gründen gegenüber dem sozialdemokratischen Abg. Grillenberger. Dagegen bezweifelte er die Zweckmäßigkeit der Strafbestimmungen wegen Verleitung zu Strikes, die nur wieder wie das Sozialistengesetz „Märtyrer" schaffen und die sozialdemokratische Verbitterung verschärfen werde. Man müsse vielmehr Organisationen der Arbeiter anzubahnen bestrebt sein. Wie in jedem Kriege, so werde auch im Lohnkampfe, wenn er organisirt sei, der Friedensschluß leichter sein, ^in England habe man mit den Gewerkvereinen den richtigen Weg betreten. Die Arbeiterausschüsse könnten nicht obligatorisch sein, weil sie auf Vertrauen basirt seien. Doch könne man dadurch, daß man Bestrafungen . der Arbeiten von der Mitentscheidung der Ausschüsse abhängig mache, für die Arbeitgeber einen stärkeren Antrieb zu ihrer Einricht-
Graf das Gespräch auf den Prinzen lenkte, mit einem so eigenthümlichen Tone gesprochen, daß Leontine unwillkürlich erröthete.
„Ich bin fest überzeugt," fuhr der Graf fort, daß >;hnen die Stellung bei der Prinzessin sicher ist: wäre dies aber nicht der Fall, so könnte ich Ihnen vielleicht etwas Anderes mittheilen, was sich möglicherweise noch befriedigender und beglückender für Sie gestaltete.
„Sie sprechen in Räthseln, Herr Graf."
„Und hat es nicht einen besonderen Reiz, Räthsel- haftes zu errathen? fragte er. „Ich glaube kaum, daß es der klugen Leontine von Reina allzu schwer werden dürste," versetzte er mit feinem Lächeln. „Leider mutz ich Ihnen jetzt längere Zeit dazu lassen," füqte er nut trauriger Miene hinzu. „Prinz Alexander macht eine mehrwöchentliche Reise und ich muß ihn begleiten. Ich werde aber häufig an Sie schreiben und ^ihnen stets genau angeben, wo Ihre Briefe mich treffen können. Wenn wir uns wiedersehen, wird sich Alles günstig entscheiden, bis dahin Muth und Geduld."
Ach, es ist recht leicht für denjenigen, der Abschied nimmt, um täglich wechselnden Scenen entgegen zu
Deutsches Keich.
Berlin, 20. Mai.
* Unter der Spitzmarke „nur in Bayern möglich" schreibt die ,Köln. Volksztg.': Das — schreibt uns kurz und bündig ein Parlamentarier — ist der Ausruf, der Einem am häufigsten in parlamentarischen katholischen Kreisen bei Besprechung der jüngsten Vorgänge in München begegnet. Die preußischen Abgeordneten singen mit doppelter Inbrunst: „Ich bin ein Preuße", und die aus Baden und Württemberg meinen: „So etwas hätte doch bei uns nicht passiren können". Dafür ist Bayern aber auch die „Vormacht des Katholizismus in Deutschland!" Die Generalversammlung der deutschen Katholiken hat zwar schon allerhand Schicksale gehabt, z. B. ist diejenige in Breslau nach dem Jahre 1848 freudig von der Regierung begrüßt worden, aber daß man ihr in der größten katholischen Stadt des Deutschen Reiches den Stuhl vor die Thüre gesetzt hat, das gehört doch zu ihren wunderbarsten Erlebnissen. Und zwar fürchtet man, daß sie den Frieden störe in dieser guten Stadt München, dieser friedlichen Oase im Getriebe des deutschen Parteilebens, die im Deutschen Reichstage durch zwei Sozial-Demokraten vertreten ist, darunter den Herrn v. Vollmar, den Manche für den sanftmüthigsten der sozialdemokratischen Führer halten. Was mag das für ein Friede sein, der da durch Behinderung der Kathoüken-Versammlung geschützt werden muß? Wenn Hermann v. Mallinckrodt noch lebte, so würde er vielleicht auf's neue von seinem „Kirchhofsfrieden" reden. Unsere kirchenfeindliche, jüdische und freimaurerische Presse ist entzückt von den Dingen in München, und wer will es ihr verdenken? Die preußischen Katholiken aber werden so recht lebhaft an all' das Angenehme erinnert, was ihnen via Bayern bescheert worden ist. Sie gedenken des bayerischen Minister-Präsidenten, der zu Anfang der 70er Jahre Vorspann im Kulturkampf leistete, an die von Bayern aus geplante Aktion gegen die Freiheit der Papst-Wahl, an die offizielle Förderung des Altkatholizismus, welcher man erst vor. wenig Wochen nothgedrungen zu entsagen sich entschlossen, der lex Lutziana und anderer schönen Pflänzlein, welche an der Isar gewachsen. ! Wie man hier im Einzelnen über die Begründung der gegen die Katholiken-Versammlung gerichteten Maßnahmen urtheilt, läßt sich gar nicht wiedergeben. Freiheit für Alles, nur nicht für eine katholische Kundgebung, welche Herrn v. Lutz unbequem sein könnte, der offenbar wieder ganz gesund ist. Wie werden diese Vorkommnisse in Bayern selbst wirken? Darauf ist man gespannt. Es gibt, so sollte man meinen, doch eine Grenze, wo vielleicht auch die oft erprobte bajuvarische Gutmüthig- keit aufhört. Möge in diese bayerische staatskirchliche
Roman von G. I.
(44. Fortsetzung.)
Statt aller Antwort kam er selbst. Er gab Leontine vollkommen Recht, daß sie ungehalten werde, beklagte bitter, daß Verhältnisse, die mächtiger wären als er, sich der Erfüllung seines Versprechens immer noch hindernd in den Weg stellten und ließ nicht undeutlich merken, daß eine starke Strömung gegen die Anstellung des Fräulein von Reina thätig sei. Als Leontine darob nun merklich ängstlich ward und davon sprach, daß sie für diesen Fall doch auf andere Schritte für ihre Zukunft bedacht sein müsse, sagte er in seiner gewinnendsten Weise:
. "Allste- bitte, mein gnädiges Fräulein, geben Sie ""nm Worten nicht eine solche Deutung."
es für meine Pflicht, Sie ganz klar ltUOtlon versehen 3U lassen, damit Sie es ver- Sie /imge Zeit verstreicht, ohne daß ich
?? °en Hof führen kann. Auch Fürsten sind /^er gänz frei. Die Prinzessin hat Rücksichten
m6 aber. schließlich die Wahl doch auf 6 g-c ®ame fällt als auf Sie, dafür bürgt die ^ DiAbilnahme, die Prinz Alexander für Sie hat."
D se letzten Worte waren, wie immer, wenn der
5AeN' Muth und Geduld zu predigen: schwerer wird Menschen, der sich ihrer Roth und Verzweiflung die Ausübung für den, welcher in einen kleinen Kreis genommen hatte. $ ®
Fuldaer Zeitung
Mr du Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. — .