113.
Sonntag, den 18. Mai 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
o-.i. iu. • «„hmin Tioihof in ihn - m Druck u. Bcrlaa der Fuldaer Actiendruckcrei (31. Tillmann').
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Deutsches Keich.
Berlin, 16. Mai.
* Das Gesetz über die Aufhebung des Priest er- ausweisungs-Gefetzes wird im ,Reichsanzeiger' publizirt. Die Aufhebung dieses Ausnahmegesetzes wurde bekanntlich vom Reichstage wiederholt verlangt und fast nur die Nationalliberalen waren es, welche noch für Beibehaltung desselben waren. Hat ja einer ihrer Führer, der ehemalige preußische Minister Hobrecht, dieses Gesetz, als das Centrum seine Aushebung beantragte, ein „humanes" Gesetz genannt! Das Gesetz gab den Regierungen die Macht, jeden katholischen Priester in Fällen des Widerstandes gegen kirchenfeindliche Staatsgesetze unter Aberkennung des Staatsbürgerrechts zu interniren und sogar aus deni Lande zu jagen! Endlich hatte man doch fast allgemein die Ungerechtigkeit eines solchen Gesetzes erkannt, und viele ehemalige „Kültur- kämpfer" begannen sogar, sich desselben zu schämen. Nur Fürst Bismarck blieb eigensinnig und rechthaberisch auf seiner Gewaltpolitik bestehen. Auf fein Verlangen hin hat der Bundesrath jedesmal ohne weitere Begründung die wiederholten Beschlüsse des Reichstages, das Gesetz aufzuheben, abgelehnt. Der Grund dieser Haltung war zweifach. Einmal schien es mit den Jahren bei dem Fürsten Bismarck zum Prinzip geworden zu sein, der Welt zu zeigen, daß der deutsche Reichstag in der Initiative, sofern sie nicht von der Regierung bestellte Arbeit sei, nur die Ohnmacht darstelle und daß der Bundesrath sich um den Willen der Reichsvertretung ebenso wenig kümmere, wie um die Eingabe eines Hinz oder Kunz; dem Reichstag sollte damit die Meinung, als sei er ein Machtfaktor, mit dem eine Regierung rechnen müsse, gründlich ausgetrieben werden, was ja auch in einem gewißen Grade, wie die Geschichte der Kartellmehrheit zeigt, Erfolg hatte. Dann aber fah der frühere Reichskanzler in dem Expatriirungsgesetz einen Handelsartikel, den man auf Lager halten müsse, um zu gelegener Zeit einmal einen guten Preis dafür Seitens Roms herausschlagen zu können. Mit dieser Praxis hat man jetzt gebrochen, so daß also die Initiative der Parlamente nicht mehr von vornherein zur Unfruchtbarkeit verur- theilt scheint. Erfreulich ist die Beseitigung des Aerger- nisses, das in dem Bestehen des Expatriirungsgesetzes der Welt geboten war.
* In der 7. Plenar-Sitzung vom 16. Mai überwies der Reichstag zunächst eine Reihe von Etats- Rechnungen und die Denkschrift der (Rechnungs-Kom- mifsion) Staatsschulden-Kommifsion an die Rechnungs- Kommission. Sodann wird die erste Berathung der Militär-Vorlage fortgesetzt. Abg. Liebknecht (Soz.) hielt eine Rede über den „Moloch des Militarismus", dem er neben dem Sozialisten-Gesetze die starke Aus-
In harter Schule.
Roman von G. I.
(41. Fortfctzung.)
„Ja, das weiß ich!" sagte der Kutscher, „und es soll ja ein sauberes Früchtchen sein, was er sich ausgelesen hat, wie die Sophie erzählt. Da ists dem Fräulein am Ende nicht zu verdenken."
„Und die gnädige Tante oder was sie sonst ist, die morgen schon ankommt!" seufzte der Diener, „redet kein Wort deutsch. Sollst sie ja morgen früh abholen".
„Die Rappen nehme ich aber nicht für die, da sind die alten Schimmel noch lange zu gut, und eigentlich könnte die auch der Johann fahren, das brauchte justement nicht der alte Kirchner zu fein, der schon den seligen Herrn Baron kutschirt und den jetzigen Herrn eingeholt hat, als er die gnädige Gräfin heimbrachte, da war doch noch Ehre dabei."
Während die alten Leute auf diese Weise ihr Herz erleichterten, hatte das Dampfroß Leontine schon um ein gutes Stück der Heimath fern gerückt und ihrem ungewißen Schicksal entgegengetragen. Wie verabredet, empfing sie der Graf, der bereits Billets für einen anderen Zug gelöst hatte, mit dem sie in westlicher Richtung weiter fuhr. Er hatte, wie er sagte, einen hübschen Punkt Mitteldeutschlands zu ihrem provisori-
wanderung zuschrieb. Redner sprach mit großer Ge- nugthuung von Bismarck's Sturz. Die praktische Schluß- Erklärung ging dahin, daß die Sozialdemokraten, weil sie prinzipielle Gegner des Militarismus seien, auch gegen die Kommissions - Berathung stimmen werden. Abg. v. Kardorff (Reichsp.) polemisirte gegen den sozialdemokratischen Redner und nahm insbesondere das „System Bismarck" mit großer Leidenschaftlichkeit in Schutz, wobei ihm der Abg. Singer: „Bestellte Arbeit!" zurief; das frühere Kartell aber spendete ihm donnernden Applaus. Abg. Hänel (dfr.) nimmt Bismarck's Verdienste um das deutsche Reich in Schutz, plaidirt für Abrüstung und fordert als Kompensation für die dem Volke durch die Vorlage aufzuerlegenden Lasten die zweijährige Dienstzeit, sowie ein Reichs- Finanzministerium. Die Haltung seiner Partei gegenüber der Vorlage werde abhängen von der Stellung der Regierung gegenüber diesen Forderungen. Reichskanzler v. Caprivi spricht sich ebenfalls günstig über Bismarck's auswärtige Politik aus und sucht zahlenmäßig nachzuweisen, daß die in der Vorlage geforderte Präsenzstärke keine übertrieben hohe sei. Zweijährige Dienstzeit lehnt er ab ist jedoch der Umwandlung des Septennats in eine fünfjährige Periode nicht abgeneigt. Nachdem noch Abg. Frhr. v. Manteuffel für die Vorlage eingetreten, wird dieselbe einer 28er Kommission überwiesen. Sodann wird durch Akklamation die Rechnungs-Kommission erwählt. Nächste Sitzung Samstag; T.-O.: Arbeiterschutz-Gesetz. Schluß 5 Uhr.
* Der preußische Landtag wird, wie nunmehr feststeht, über Pfingsten hinaus tagen. Man glaubt nicht, daß es möglich sein wird, den Nachtragsetat in einer Sitzung zu erledigen. Da vor Pfingsten nicht geschlossen wird, kommt auch das Sperrgelder gesetz zur 2. Berathung im Plenum.
* Im Abgeordnetenhause gab heute vor Eintritt in die Tagesordnung der Abgeordnete Rickert die Erklärung ab, daß seine Behauptung, der Abg. v. Puttkamer (Pl.) habe eine bewußte Unwahrheit gesprochen, gegenstandslos geworden sei durch die von ihm (Rickert) überhörte persönliche Bemerkung des Abg. v. Puttkamer, er bezweifle persönlich nicht, daß der Abg. Rickert die betreffenden Aeußerungen über das Verhältniß der Freisinnigen Partei zu Kaiser Friedrich nicht selbst gethan habe. — Durch diesen Widerruf erledigt sich, wie man Hört, eine bereits ergangene Duellforderung. — Die Errichtung eines Amtsgerichts in Velbert wird in 3. Lesung angenommen, ebenso der Gesetzentwurf, enthaltend Bestimmungen über das Notariat und über die gerichtliche notarielle Beglaubigung von Unterschriften oder Handzeichen. Im Letzteren wird der Stellvertretungsparagraph, der in 2. Lesung abgelehnt worden, wieder ausgenommen, und zwar mit dem Zusatze, daß die Stellvertretung nur
scheu Aufenthalte gewählt, wo er sie, da feine Pflicht ihn wieder in die Nähe des Prinzen Alexander rufe, öfter sehen könne. Als sie ihn etwas betroffen anblickte, beeilte er sich hinzuzufügen: „Ihr Aufenthalt wird übrigens daselbst nur von kurzer Dauer sein, in acht, höchstens vierzehn Tagen hoffe ich Sie der Prinzessin zuführen zu können.
„Wird mein Vater nicht Einspruch gegen meinen Eintritt als Hofdame erheben?" fragte Leontine ängstlich.
„Gegen Ihren Eintritt möglicherweise, wenn der Herr Baron darum wüßte, gegen die vollzogene That- sache aber schwerlich, das hieße ein hohes Fürstenhaus denn doch eclatant beleidigen."
„Wird aber die Prinzessin es nicht für angemessen halten, zuvor bei ihm anzufragen?"
Unter gewöhnlichen Umständen allerdings, gnädigstes Fräulein. Prinzessin Elisabeth ist aber von der Sachlage unterrichtet, sie nimmt sie unter ihren Schutz, und dem Herrn Baron wird nichts übrig bleiben, als sich den Anschein zu geben, als sei die Anstellung mit seinem Vorwissen und seiner Einwilligung erfolgt. Für den Augenblick werden, glaube ich, seine Gedanken sich überhaupt in einer anderen Richtung bewegen."
Es war so, wie der Graf fagte, und er hatte die Situation nicht nur mit wahrer Meisterschaft zu be
während der Dauer einer Abwesenheit zulässig sein soll, die durch erhebliche Gründe erforderlich wird. Es folgt 3. Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Unterhaltung der nicht schiffbaren Flüsse in der Provinz Schlesien. Hierzu liegt ein Antrag des Abg. von Lösch vor, wonach die Uebernahme der Unterhaltung und Regulirung der nicht schiffbaren Flüsse, oder einzelner Theile derselben durch die Kreise fakultativ sein soll. Nach längerer Debatte wurde der Antrag des Abg. v. Lösch und schließlich das ganze Gesetz mit folgendem, vom Abg. Frh. v. Zedlitz bean- ttagten Zusatz angenommen: „Vor Feststellung der z. Z. noch nicht endgültig festgestellten Pläne zur Regulirung nicht schiffbarer Flüsse sind die Betheiligten insbesondere die Anlieger der unterhalb gelegenen Flußstrecken zu hören. Die Schlußabstimmung wird ausgesetzt bis zur erfolgten Drucklegung des Entwurfs in seiner jetzigen Fassung. Nächste Sitzung morgen. Nachtragsetat.
* Die,National-Zeitung' geht aus dem bisherigen Verlag in den Besitz einer Anzahl hervorragender Mitglieder der nationalliberalen Partei über, welche zu diesem Zwecke zu einer Aktien-Gesellschaft zu- sammengetreten sind. Der bisherige Chef - Redakteur Friedr. Dernburg scheidet aus seiner Stellung als solcher aus, im Uebrigen bleibt die Redattion unverändert. — H. 'sichtlich der Wiener .Times'- Meldung, daß eine Veränderung in der europäischen Politik Rußlands, eine Annäherung der russischen an die deutsche Politik bevorstehe, erfährt die ,National-Ztg.' zuverlässig, daß es an jedem thatsächlichen Anhalt für derartige Ausstreuungen fehle.
* Ein nationalliberales Blatt meldet, die Staats- regierung hätte sich in der Budget-Kommission „zur gesetzlichen Regelung der Volksschullehrer-Gehälter" wieder Schulunterhaltungsyflicht für die nächste Tagung verpflichtet. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' bezeichnet diese Nachricht als falsch. In der Budget-Kommission waren Bedenken zur Sprache ge- kommen, welche hinsichtlich der im Nachtragsetat vorgesehenen Alterszulagen sür Lehrer obwalten, und diesen Bedenken gegenüber wurde regierungsseitig geltend gemacht, sie seien nicht schwerwiegend, weil Vorlagen betreffs der Schulunterhaltungspflicht und der Volksschullehrer-Gehälter in Vorbereitung seien und gehofft werden dürfe, dieselben dem Landtage in nächster Session unterbreiten zu können. Als eine Verpflichtung konnte die in Rede stehende Aeußerung nicht verstanden werden.
* Premier-Lieutenant Frhr. v. Gravenreuth, Stellvertreter des Reichskommissars in Ostafrika ist mit Urlaub hier eingetroffen.
* Von der Saar, 15. Mai. Dem Vernehmen nach wird die Wahl des Reichstagsabgeordneten Frhrn.
nutzen, sondern sie auch da, wo sie ihm seinen Zwecken nicht ganz zu entsprechen schien, selbstständig und ohne daß seine Hand irgendwo sichtbar war, zu schaffen verstanden.
Um dieselbe Stunde, in welcher seine Tochter das Vaterhaus hinter sich lassend, an der Seite des Grafen einem Geschicke entgegenfuhr, das, hätte man es ihr in einem Spiegel gezeigt, sie mit Grausen und Entsetzen erfüllt haben würde, ward Baron Reina in der Wohnung der Verwandten seiner Braut, in deren und Ulrichs Gegenwart mit Hortense getraut. Fest war der Bund geknüpft; ob er die inneren Bedingungen der Haltbarkeit besaß, das sollte die Zukunft erweisen.
Es waren keine weiteren Zeugen bei der Trauung anwesend gewesen. Ulrich war auch der einzige Gast bei dem darauf stattfindenden Hochzeitsdiner, und ebenso hatte er als Zeuge den Ehekontrakt unterschrieben in welchem der Baron in außerordentlich glänzender Weise für seine Gemahlin gesorgt hatte. Sie selbst war arm und brachte ihm nichts zu, dafür war aber Onkel Vwienne wohlhabend, Madame d'Arcourd reich, und Beide hätten es als eine Beleidigung aufgefaßt, wäre nur die Frage laut geworden, ob ihr Vermögen einstmals Hortense zufallen werde. Es war dies ja so selbstverständlich, wie es war, daß sie jetzt lebten und einmal sterben mußten.