Samstag, den 17. Mai 1890.
JM 112.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Deutsches Keich.
Berlin, 15. Mai.
* Zur Sperrgeld erfrage berichtet die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung': „Wie wir hören, ist die Centrumsfraktion des Abgeordnetenhauses darüber einig geworden, die Sperrgeldervorlage abzulehnen. Da die übrigen einer Regelung dieser Angelegenheit im Sinne der Regierungsvorlage geneigten Parteien ihr Votum von der Zustimmung des Centrums zu dem Gesetz abhängig machen, kann die Vorlage als aus dem Arbeitspensum der Landtagssession ausgeschieden gelten. Das Centrum übernimmt damit die Verantwortlichkeit für das Scheitern der Vorlage im Sinne der vom Kultusminister in der Kommission mitgetheilten Direktive des römischen Stuhles."--Ist das nicht
kühn? fragt die .Germania' und sagt dann weiter: Wenn das Centrum über die Vorlage im jetzigen Stadium einen Beschluß faßt, so ist derselbe sicherlich nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt, und wäre er Das, so würde sicherlich nicht die .Nordd. Allg. Ztg.' aus den Berliner Blättern dafür bestimmt werden, ihn zu publiziren. Was dann aber die „Direktive des römischen Stuhles" für die Vorlage angeht, so weiß die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung' jetzt allmählich, so gut wie wir es von Anfang an wußten, daß eine solche Direktive nicht besteht, sondern daß das Centrum volle Freiheit der Entscheidung hat. Soeben geht uns noch folgende römische Privatdepesche zu:
* Rom, 14. Mai. Aus bester Quelle erfahre ich, daß der Vatikan der Regierung Preußens weder offiziell noch offiziös die Meinung des Papstes über die Sperrgeldergefetz-Borlage mit- getheilt. Der Papst hat stets betont, daß das Centrum volle Freiheit in der Behandlung dieser Frage habe und daß er sich in diese Angelegenheit nicht einmischen werde. Daraus ist gedeutet worden, welche Ansicht der Papst über das Gesetz selber habe.
Auch der ,Mon. de Rome' betonte, daß das Centrum volle Freiheit der Entscheidung habe, und er lobte das Centrum, daß es so beharrlich und fest die Existenz einer päpstlichen Direktive bestreite.- Damit ist dieser Zwischenfall geschlossen, fügte der .Moniteur' seiner letzten Aeußerung in dieser Angelegenheit bei.
* Die Budget-Kommission des Reichstages wählte Herrn v. Huene zu ihrem Vorsitzenden und den Abg. Baumbach zu dessen Stellvertreter.
* Der Reichstag trat heute in 1. Lesung der Militärvorlage ein. Kriegsminister von Verdy du Vernoi begründete die Vorlage kurz und behielt sich weitere Aufklärungen, als für die Oeffentlichkeit nicht geeignet, in der Kommission vor. Abg. Graf Moltke
In harter Schute.
Roman von G. I.
(40. Fortsetzung.)
Am nächsten Tage reiste Leontine in Begleitung ihrer Kammerjungfer und eines älteren Dieners nach Reina ab, ohne daß sie ihren Vater noch einmal wiedergesehen hätte.
Um Mittag erreichte sie die Station, wo ihrer der Wagen wartete, der sie nach dem in geringer Entfernung davon belegenen Herrensitz brachte.
Ostern war in diesem Jahre sehr spät gefallen. Der Mai war bereits eingezogen und machte diesmal seinem Ruf als Wonnemonat Ehre. Die Erde blühte und duftete im Frühlings-Sonnenschein, die wohlbekannte Landschaft, durch welche Leontine fuhr, schien zu ihrem Empfange ihr schönstes Festkleid angelegt zu haben. Es gibt aber Stimmungen, in denen wir die Pracht und Wonne der uns umgebenden Natur wie eine Verschärfung des eigenen Schmerzes empfinden, in denen uns jener Duft, jener Glanz, jener Reichthum wie ein Hohn erscheint auf die Düsterheit und Oede in unserm Herzen, zu der Sturm, Wolken und Regen einen viel passenderen Rahmen gebildet hätten. Wir können eben schwer fassen, daß die Natur lediglich ihre Selbstzwecke hat, die sie erfüllt, ohne dabei auf den Menschen, der sich so gern, als Mittelpunkt der Schöpfung träumt, Rücksicht zu nehmen und schelten sie grausam, wo sie einfach konsequent verfährt.
widersprach der s. Z. im Hause aufgestellten Behauptung, daß Kriege im Interesse der besitzenden Klassen geführt würden. Zu Kriegen drängten heute Volksleidenschaften und Parteisucht; bräche er aus, so würde er furchtbar werden. Wenn auch alle Regierungen den Wunsch haben, den Frieden zu erhalten, so finden wir die beste Sicherheit doch nur bei uns selbst. Abg. Richter bemängelte die Begründung der Vorlage und erklärte, daß die Freisinnigen ihre Entscheidungen von weiteren Aufklärungen abhängig machten. Heute zeige sich, wie berechtigt der Einspruch gegen das Septennat gewesen sei, die Regierung gebe es selbst auf. Die Vorlage verlange eine Präfenzstärke von mehr als le/0 der Bevölkerung. Die deutsche Armee stehe günstiger da, wie die französische und zwischen der russischen und deutschen Armee sei wegen der dortigen schlechten Verkehrsverhältnisse gar kein Vergleich zu ziehen. Die Vorlage stehe im Widerspruch mit Auslassungen des früheren Kriegsministers. Die Vorlage fei auf einem von den Freisinnigen vertretenen Prinzip aufgebaut. Redner plaidirt für 2jährige Dienstzeit und fragt an, woher man die Mittel für die erneute Ausgabe von 18 Millionen nehmen wolle, da für das Ergebniß aus den Getreidezöllen schlechte Aussichten seien. Kriegsminister Verdy du Vernoi: die Vorlage sei keine Verneinung des auf Kompromiß beruhenden Septennats. In der Kommission könne jede Einzelheit geprüft werden. Hierauf zeichnete der Abg. Dr. Windthorst die abwartende Stellung des Centrums, in Ansehung der Unmöglichkeit, sich zu entscheiden, bevor die Regierung die Nothwendigkeit der Neuforderung und ihre finanzielle Zulässigkeit in der Kommission klar erwiesen habe. Jetzt müsse man sich die ernste Frage vorlegen, ob der vorige Reichstag sparsam genug gewesen sei, um nun solche Ausgaben zu ermöglichen. Dem Abg. Richter erwiderte er auf seine Forderung eines Reichsfinanzministers, jede neue Organisation der Reichsbehörden werde uns keinen Groschen einbringen, sondern im Gegentheil einen Haufen Geld kosten. Die Forderung sei außerdem vom Standpunkte der Reichsverfassung aus absolut verwerflich, weil unitarisch. Einer solchen Entwickelung werde er stets auf's Entschiedenste entgegentreten. Die Vorlage beweise, was der ganze Septennatsschwindel auf sich hatte, und sei beschämend für Diejenigen, welche damals in das Septennat so muthig hineinsprangen. Es müsse gleichzeitig mit der Präsenz-Ziffer auch die Frage sehr ernstlich erwogen werden, inwieweit bei der Erhöhung der Präsenzstärke eine Erleichterung der Dienstzeit eintreten könne. Er glaube aber nicht, daß Jemand im Reiche lebe, der verweigere, was zur Wahrung der Unabhängigkeit und
Leontine war nicht in der Stimmung, derartige Betrachtungen anzustellen. Sie empfand einfach das Lachen und Blühen des Frühlings a(D einen peinlichen Gegensatz zu dem eigenen Leide, empfand es um so mehr, als sie den Lenz ausgegossen sah über eine Landschaft, wo sie ihn sonst mit Entzücken genossen. Wie hatte sie gejauchzt, wenn sie als Kind mit ihrer Mutter aus der Residenz zum Sommer-Aufenthalt nach Reina zurückkehrend, diesen Weg gefahren war und die alten lieben und bekannten Erscheinungen der Heimath im neuen Lenzes - Kleide vor ihr auftauchten! Jetzt fuhr sie denselben Weg, Alles war wie ehemals, aber die geliebte Mutter ruhte in der Gruft ihrer Ahnen, sie hatte den Vater und den Gefährten ihrer Jugend, mit dem sie hier im Garten und Wald herumzustreifen pflegte, verloren, sie war gekommen, nur um zu gehen; eine Flüchtige, die Schwelle ihres Vaterhauses zu meiden — vielleicht auf Nimmerwiederkehr.
Auch die herzliche Freude, mit der die alten Dienstleute in Reina sie begrüßten, that ihr wehe. Es kam ihr wie ein Vertrauensbruch vor, daß sie diese guten Menschen, die zum Theil schon bei ihren Großeltern gewesen waren, für die Reina die Welt, die Herrschaft deren Mittelpunkt bildete, verlassen, sie schutzlos dem neuen Regimente preisgeben sollte! Schutzlos1 Leontine lachte bitter, als sie dieses Wort wiederholte. Gab es etwas Schutzloseres, als sie selbst war? Konnte sie hier irgend einem Menschen einen Schutz, einen Beistand bieten? Sicher nicht. Nur mit in ihr unseliges
Selbständigkeit des Reiches unbedingt nothwendig sei, angesichts auch der umstürzlerischen Bestrebungen im Innern, deren Ausbruch mit starker Hand entgegengetreten werden müßte. Redner beantragte Verweisung der Vorlage an eine besondere Kommission von 28 Mitgliedern. Kriegsminister Verdy du Vernois kündigt Vorschläge in der Kommission an, wonach die Heeresorganisation auf ein Menschenalter hinaus festgelegt werde, man könne diese nicht alle Jahre neu aufstellen. Abg. Payer (Volksp.) ermahnt das Haus zu Vorsicht in seinen Beschlüssen. Die Hinweisungen auf Frankreich und Rußland würden nie aufhören: Mit den Militärlasten, die die unteren Volksklasien besonders drückten, sei man an den Grenzen der Leistungsfähigkeit angekommen. Jeder Abgeordnete habe die Pflicht, dem vom Volk in den Wahlen ausgefprochenen Protest gegen Steuer und Militärlasten Ausdruck zu geben. Redner plaidirt schließlich für Einstellung der Rüstungen, womit Deutschland der Welt eine Wohl- that erzeugen werde. Dr. Buhl(nl.): Abrüstung werde den Weltfrieden erschüttern und andere Nationen stärken. Der Abkürzung der Militärpflicht sei er nicht abgeneigt. Seine Partei werde für die Vorlage stimmen um die Wehrkraft zu stützen, v. Maltzahn versucht nachzuweisen, daß die letzte Anleihe ohne Anstand realisirt. Abg. Udo v. Stolberg (kons.) spricht seine Befriedigung darüber aus, daß Richter nicht ausdrücklich gegen die Vorlage gesprochen habe. Dieselbe müsse möglichst vielstimmig angenommen werden, um dem Ausland zu imponiren. Nächste Sitzung Freitag. Tagesordnung: Fortsetzung; Rechnungssachen. — Schb-ß 5 Uhr.
* In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde die Novelle zur Städte-Ordnung'jStadt- verordneten-Wahl) in dritter Lesung angenommen. Der Antrag der 2 Dänen Lassen und Johannsen, betreff, die Wiederaufnahme früherer Angehöriger des Herzog- thums Schleswig in den preußischen Unterthanen-Ber- band, wird von dem Minister Herfurth als ungesetzlich und unannehmbar bezeichnet und gegen die Stimmen der Dänen, Polen und einiger Mitglieder des Centrums und der Freisinnigen abgelehnt. Der Antrag Graf, betreff, die Entschädigung für an Milzbrand gefallene Thiere wird angenommen, nachdem Minister Dr. Lucius erklärt hat, daß die Regierung keine Einwendungen gegen den Antrag habe. Schließlich werden Wahlprüfungen erledigt, wobei Abg. v. Puttkamer-Plauth seine gegen die Wahl-Agitation des Herrn von Reibnitz gerichtete Angabe (Schnaps-Spenden und Versprechungen billiger Schnaps-Preise) eingehend begründet.
* Als muthmaßlicher Nachfolger des verstorbenm
Schicksal verwickeln konnte sie die alten treuen Diener, die in den Konflikten, die, wenn sie blieb, hier nach wenigen Tagen ausbrechen mußten, sicher Partei für sie genommen hätten. Nein, sie mußte fort, in dieses Schloß zog eine neue Zeit, der sie, so jung an Jahren sie auch, noch war, doch nicht mehr angehörte.
„Und auch Dich muß ich lassen, Du theuere, heilige Stätte!" so klagte sie, als sie am Grabe ihrer Mutter kniete, „auch Dich muß ich zurücklassen, ohne treue Hut. Doch Du bedarfst ja keines Schutzes, Deinen Frieden kann nichts mehr stören. O, könnte ich mich betten in Deinen Schooß, zu Dir flüchten, wo ich stets so sicher geborgen war!"
Lange weilte Leontine am Grabe der Mutter. Wie ein abgeschiedener Geist, dem eine kurze Spanne Zeit der Rückkehr zu den Plätzen, an welchen er auf Erden am glücklichsten gewesen, vergönnt ist, wandelte sie ruhelos durch Schloß, Garten und Park, durch die Wiesen, den Wald und die Felder, dem See und den baumumkränzten Hügeln zu. Ueberalt fand ihr Schmerz neue Nahrung und sie sehnte sich beinahe, den Ort zu verlassen, wo ihres Bleibens doch nicht war.
Schon am Tage nach ihrer Ankunft empfing sie einen Brief des Grafen, der ihr in sehr vorsichtigen, nur den Eingeweihten verständlichen Ausdrücken mit- theilte, er habe in Erfahrung gebracht, Madame d'Arcourt werde sofort nach der Hochzeit des Barons nach Reina abreisen; Eile sei deshalb geboten.
Sie möge sich am Donnerstag, wo sie sich ja noch