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Donnerstag, den IS. Mai 1890.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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____________ ______________ 17» Jahrgang

Fuldaer Zeitung.

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. ™ rrv Dru-t „

Christi Himmelfahrt/)

„Empor, empor, das Herz erglüht, Im Frühlingssonnenstrahl!

Empor, empor! ein heilig Lied Klingt hin durch Berg und Thal. Von allen Kreaturen schwingt Sich Gottes Lob empor,

Ihm singt der Mensch, der Vogel singt, Ihm aller Welten Chor!"

Des Pfingstfest's Herold ist gekommen, des Frühlings Krone • der hohe, schöne Freudentag von Christi Himmelfahrt! — Lange ichon hat man es feierlich begangen, das heilige Gedenken an die „Auffahrt des Erlösers, durch den „heiligen Donnerstag" „Himmelfahrts- oder Auffahrtstag", und einstmals war es all­gemein Sitte, diese Feier bildlich darzustellen in den Kirchen um Mit entchrechenden Ceremonien den Triumph des Herrn, sowie die Verklärung der menschlichen Natur zu veranschaulichen, in­dem ein Abbild des Gottessohnes empor zur Decke, umringt von Engeln jchwebte. Von diesem Brauche blieb freilich nicht viel übrig, doch nach wie vor waüte man in die Gotteshäuser zu frommer, froher Feier, und ist diese vorüber, ist dem gütigen Himmel Dank und Bitte dargebracht, dann folgt ein Jeder jenem Zuge, den Gott selbst ins Menschenherz gepflanzt, daß er dort keime, blühe, Früchte trage: dem Triebe der Natur hinaus ,n die Natur, hinaus unter Gottes freien Himmel, wo Alles sich verbindet, Alles jubelnd einstimmt in des Himmelstages Fest, und wo manche liebe heitere Gewohnheit, tief im Volke wurzelnd seit längstvergangenen Zeiten, zu einem bunten Kranz stch schlingt, dessen farbenreiche Blumenfülle den hohen Tag um­windet wie ein alter, ewig frisch geschmückter Rahmen.

Lchön und sinnig sind sie oftmals, diese schlichten Volks- gewohnherten, an welchen Jene fest innig hängen. Denen sie ins Herz gewachsen, wie z. B. die anmuthige Sitte, den Tag von Christi Himmelfahrt, den Vorboten des fommerlichen Rosen­festes Pslngsten, mit Blüthen und mit Blumen förmlich zu be­kränzen, wie es noch ,n manckem Dörflern vorkommt, besten Hauser blumige Gewinde zieren, wie zum Empfange einäs yohci, Gastes, den man nach Kräften ehren und ihm die Freude dank­bar zeigen will, die sein frohbegrüßtes Erscheinen überall verur­sacht, zu jener schönen Zeit des Jahres, wenn Frühling und Sommer sich zu holdem, wonnevollem Bund die Hände reichen. Ueberall sieht man deßhalb an dem Tage, den der Himmel doppelt ja gesegnet, die Blumen mit hineingezogen und das, was der Mensch an Freudenblüthen, Glücksblumen, Segens­früchten von des Himmels Gnade ganz besonders sich ersehnt, erharrt!" — Sämmtlich sind es die „Himmelfahrtsblümlein", die röthlichen und weißen, die in mancher deutschen Gegend eine große, sehr geliebte und geschätzte Rolle spielen, weil man Glück und Heil von ihnen sich erhofft sür's ganze Jahr; deß­halb ist das „Kräutchenpflücken" auch ein wahres Fest an sich, dort, wo an dem Tage Christi Himmelfahrt das jugendliche, schönere Geschlecht in corpore nach Sonnenaufgang schon hinaus­zieht, jenen Stätten zu,, wo die begehrten Blumen sprießen, welche im gewöhnlichen Leben „Mausöhrle oder Maushörnle", und in der Botanik „gnaphalium dioicum“ genannt werden, um sie zu pflücken und Kränze davon zu winden, die einfach oder doppelt, wie zwei in einandergeschobene Reifen, im Zimmer über dem Familientische, stets Aller Augen sichtbar, und im Stalle über den Vierfüßlern aufgehängt, und bis zum nächsten Jahre hängen bleiben müssen, so lange, bis frische Himmel­fahrtsblümlein die welk und dürr gewordenen ablösen, denn der Bolksmund sagt, daß diese, gerade diese Blumen dem Hause und allen seinen Jnsaffen Schutz gewähren, wenn am Himmel der Donner rollt und Blitze niederzucken auf die Erde. Doch darf

*) Nachdruck nicht gestattet.

In harter Schule.

Roman von G. I.

(39. Fortsetzung.)

Sie brach zusammen. Die übermenschliche Kraft, mit der sie sich auftecht erhalten, war zu Ende, laut schluchzend, das Gesicht mit den Händen bedeckend, sank sie in einen Sessel.

Der Graf ließ sie ungestört weinen. Er stand un­beweglich und athmete kaum, aber auf seinem Gesichte erschien jetzt, wo er sich unbeachtet wußte, ein Aus­druck des Triumphes, wie man sich ihn bei dem bösen Feinde vorstellen könnte, dem es gelungen ist, eine Seele in den Abgrund des Verderbens zu verlocken. Wie ein Blitz kam uud verschwand dieser Ausdruck, und als er jetzt zu Leontine trat, hatte sein Gesicht wieder völlig die Miene des theilnehmenden, achtungs­vollen Freundes.

. '-^uädigstes Fräulein," bat er, „überlassen Sie sich nicht ganz Ihrem großen, nur zu sehr gerechtfertigten Schmerz. Fassen wir die Verhältnisse ein Mal klar und muthig ins Auge, vielleicht findet sich doch ein Ausweg."

Leontine richtete sich auf. Der Anruf genügte, um ihr, wenn auch nicht ihre volle Haltung, so doch eine gewisse Fassung wiederzugeben.

man ,a nicht, heißt es, nähen oder flicken am Tag der Himmel­fahrt des Herrn, weil sonst der Himmel grolle und man das Gewitter in das Haus sich ziehe!

Auch das „Kräutchenpflücken" die Sitte: heilkräftige Kräuter zu suchen just an diesem Tage, hat theilweise sich erhalten, und womöglich von den Bergen sie zu holen, und dabei zu singen und zu tanzen. In der alten, berühmten Reichsstadt Frankfurt am Main zog man einst unisono hinaus in den Stadtwald, dorr die „Aaronswurz" zu suchen, an der man zu erkennen meinte, ob das Jahr fruchtbar werde oder nicht, bis später durch den Zeitgeist einer neuern Zeit der alte, volksthümliche Brauch sich in ein Volksfest am Pfingst-Dienstag wandelte. Noch immer aber wird an die Kraft eines anderen Kräutleins geglaubt von dem die Harz-Bewohner im Allgemeinen sagen, daß es Glück für Mensch und Thier zu bringen fähig sei, während die heirathslustigen Schönen im Besonderen behaupten, daß es die Macht besitze, noch im gleichen Jahre ihnen den ersehnten Bräuti­gam zu verschaffen ; dieses segensreiche, vielbegehrte „Allermanns- herrnkraut" : hält's aber nicht, was es verspricht, oder vielmehr was sie sich davon versprechen, so singen sie das scheltende Trutz- Verslein:

„Das Allermannskraut, das böse Kraut,

Das hab' ich gesucht, und bin doch noch keine Braut!" —

Am Allergesuchtesten, Begehrtesten und Geehrtesten jedoch von allen Blumen und Kräutern, die am Himmelfahrtstage des Menschen Herz und Sinn ersttebt, ist wohl jedenfalls die märchen­hafte Wunderblume, die schon Mancher heiß gewünscht, oft ge­sucht und nie gefunden hat: die Blume des Glücks! — Jedem schimmert sie in anderer Färbung vor. Jeder möchte sie sich sichern — doch wo blüht sie wirklich?

Tie Sage sagt, daß an dem Tage, der des Himmels Namen führe, auch der Himmel auf Erden, den die Glücksblume ver­heißt, dem Menschenherzen werde, wenn es der inneren Stimme folgt, die den rechten Weg ihn weist zu dieser holden Himmels- blüthe, die Frieden und Zufriedenheit ihm bringt!

Sogar ein eigenes Blumenfest wird in einem fernen, abge- L^n^Meckchen Em,lands noch nach altem Brau^ gefeiert, nügsamkeit kränzen und schmücken, als Unterbrechung^ "stKyMr Arbeitszeit, nach welcher ja die Rast und Ruhe süß schmeckt, in Form und Gestalt eines „Maibrunnenfestes", genannt das „Brunnen-Bekleiden oder Beblumen!"

Werden doch Wochen schon zuvor Blumen angeworben in der ganzen Gegend, namentlich die rothen Maaßliebchen, um am Tage Christi Himmelfahrt alle Orts-Brunnen aufs Blumigste anmuthig zu bekränzen, möglichst reich, möglichst geschmack- und stylvoll, ja förmlich kunstsinnig, nicht nur durch allerlei Gewinde sondern nicht minder durch Embleme und Mosaiks, verschieden­artig abgezeichnet und abschattirt. Gleichwie aus buntfarbigen Blumenbeeten sprudeln die wohlthätigen Wasserquellen silberhell hervor — ein lieblicher und lebensfrischer Anblick! Mit ihren besten Kleidern angethan, empfangen die fröhlichen Dorfbewohner die große Zahl Gefreundeter der Nachbarschaft, die zum Brunnen- Blumenfest herbeigeströmt kommen von Nah und Fern, um mit zu feiern; an den Gottesdienst schließt sich eine große, allge­meine Prozession von Brunnen zu Brunnen des Orts und bei jedem wird ein Psalm oder Aehnliches verlesen, bis die ganze Festlichkeit mit einer Hymne schließt, gesungen unter den Klängen von Musikbegleitung. An diese fromme Feier schließt sich später

übliches Gebäck des Tages, sich bis in die Gegenwart erhalten, wahrend im Hanamschen bis in unsere Zeit, nach guter alter Gewohnheit das sogenannte „Kugelhoppenfest" der Jugend Herz , a / ■ grüner

W est, Nachmittags, nach der Kirche, wo Jedmännig und Weib- l,glich, der jüngeren Generation angehörig, den edlen Wett-Sport U Ringens huldigte, dessen Preis in dem üblichen

Gebacke des Tages verabreicht wurde. - In einigen Dörfern wachsens aber wird sogar ein alt-historisches „Bierfest" mit Lang und Klang gehalten, zur Erinnerung daran, daß vor zwischen sichs- und siebenhundert Jahren einst eine Königin, genannt Elisabeth wie die Tradition berichtet, an einem Himmel- sahrtstage durch die dortige Gegend gekommen sei, wo die Ein­wohner sie festlich begrüßt und dem seltenen Ehrengäste als Labetrunk und Wegstarkung die Kleinigkeit von - sieben Rink- etI1lerca ®r,r r^r-^ten'- Empfang, der so viel Anerkennung und. Beifall jchemt gefunden zu haben, daß die hohe Frau allen Dörfern, die ihn ihr bereiteten, in Gnaden alle Steuern erließ für alle Zeiten, doch unter der Beding: es habe jede dieser Ge­meinden fortan jedes Jahr an Christi Himmelfahrt, ihr zu Ehren und Gedenken, am Gemeindebrunnen sieben Rinkeimer Bier zu trinken, entweder, oder sonstigenfalls der Obrigkeit den Zehnten zu entrichten, und noch dazu ein Rind — schwarz mit nmijen Füßen — zweitens einen Ziegenbock mit vergoldeten Hörnern nnd drittens ein ganzes Fuder Semmeln - aber vier­spännig! — Bon daher soll der Brauch datiren, in der extra für diesen Zweck erbauten „Himmelfahrtsscheune" zu tanzen, und dazu eine Tonne Bier zu trinken, während bis nach Mitte des vorigen Jahrhunderts man die vorschriftsmäßigen sieben Rink- enner vor dem Tanze am Gemeindebrunnen zu sich nahm, wo- bei es auch vorkam, daß die historische Ursprungsgeschichte dieses Bierfestes bekannt gegeben, das heißt, durch feierliche Verlesung veröffentlicht ward; oder das historische Quantum Bier wurde auf dem sogenannten „Bierhügel" verkonsumirt, und jedes Haus des Dorfes schickte seine Abgesandten, je ein Mann hoch! - Bedingung indessen blieb bei diesem ausgiebigen Trünke, daß der braune Stoff zu leeren sei bis auf die Nagelprobe, und jeder - alter, ja uralter Braucy ' am L.age

Himmelfahrt in einer oder der anderen Form, mehr oder Minder sich erhalten, seit im 4. Jahrhundert das hohe Fest alljährlich feierlich begangen wird, und, im engen Anschlusig.^argn, vom 5. Jahrhundert ab die „Bitt-Prozessionen oder Bilttage" der „Himmelfahrts-, Bet-, Kreuz- oder Gan.g-Woche" abgehalten wurden, die „Rogationen oder Bettage", durch welche an den drei Tagen vor Himmelfahrt des Himmels Segen auf die Fluren, die Feldfrüchte, herabgerufen wird. — Gedeiht doch nichts ohne des Himmels Segen und ohne die Gnadenblicke der Alles belebenden Sonne, die von dort droben herniederstrahlt auf die zu ihm emporstrebende Erde! — Und wie der Halm, das Blatt, die Blume, wie der Blüthenstrauch, der stolze Baum, wie Alles in der Natur, das Kleinste, wie das Größte, empor­schaut zu dem Himmelslichte und ihm entgegenwächst, so zieht es auch das Menschenherz hinauf zum Himmel, der diese schöne Welt, diese freudenreiche Frühlingszeit erstehen ließ, mit innig­frohem Danke es erfüllend, beim Blicke himmelwärts, nach jener ewigen Heimath, wohin den Pfad gebahnt in voranleuchtendem Glanze die „Auffahrt" des Herrn und Erlösers: „Christi Himmelfahrt!" K. R.

dann die weltliche: ländliche Spiele und sonstige frohe Unter­haltung, um den Rest des hohen Tages, des „heiligen Donners­tags", wie man in England sagt, heiter zu begehen. —

Außer den Blumen und Kräutern wird besonders auch der Gastronomie besondere Aufmerksamkeit geschenkt am Himmel­fahrtsfeste. So pflegte man ehedem in England und den Nieder­landen nur Geflügel alsdann zu genießen, und in Rotterdam haben die „Hemelvaartsbollen“ die „Himmelfahrts-Kugeln", als

Deutsches Keich.

Berlin, 13. Mai.

* lieber die Stellung des hl. Stuhles zur preu- ßischen Kirchenpolitik und zum Centrum gibt die an der Spitze unseres gestrigen Blattes ihrem

„Verzeihung, Herr Graf, daß Sie mich so schwach gesehen," sagte sie.

„Ich bewundere vielmehr Ihre Stärke", entgegnete er mit dem Tone aufrichtiger Herzlichkeit, „und nur einer starken Seele wage ich den Vorschlag zu machen, der mir in diesem Augenblicke beigekommen ist. Er wird noch der Erweiterung und Vervollständigung be­dürfen."

„Sprechen Sie, Herr Graf."

„Ich erwähnte schon, daß es ein Leichtes wäre, Ihnen eine Stellung als Hofdame bei einer liebens­würdigen Prinzessin zu verschaffen. Ich hatte dabei einen bestimmten Hof, den B—scheu, eine bestimmte Fürstin, die Prinzessin Elisabeth, Schwester des Prinzen Alexander, im Auge. Würden Sie eine solche Stellung annehmen?

„Ich habe nie geglaubt, daß die Baronesse Reina in die Lage kommen könnte, sich in Dienstbarkeit und wäre es auch in die Dienstbarkeit einer königlichen Prinzessin zu begeben", antwortete Leontine und der ganze Stolz ihres Charakters schien sich aufzubäumen. „Wie aber die Verhältnisse sich gestalten, bleibt mir ja keine Wahl, ich muß dankbar sein, wenn man der Verstoßenen, Heimathlosen eine solche Zufluchtsstätte bereitet."

„So darf ich die nöthigen Schritte für Sie thun?

Sie werden, das weiß ich im Voraus, von Erfolg gekrönt sein, denn Sie haben eine weit gewichtigere Fürsprache als die meinige."

Einen Augenblick zuckte es wie ein flüchtiger Sonnenstrahl durch Wolken. Sollte jetzt, wo die Liebe sie verrathen, doch noch der Glanz kommen? Im nächsten Augenblicke war schon wieder Alles eintöniges Grau. „Wie schwer bin ich bestraft für mein ver­messenes Wort, das ich zu Ihnen sprach, man müsse nicht Fürstendiener sein," sagte sie schmerzlich. „Wie bald muß ich an mir selbst erfahren, wie uns das Schicksal dazu zwingen kann."

„Seien Sie überzeugt, sagte der Graf, daß ich Ihr aufrichtiger Freund bin. Wollen sie mir als solchem vertrauen?"

Leontine zuckte zusammen. Ihr fiel ein, was Ul­rich über den Grafen geäußert, aber war Ulrichs Ur- theil, der sich grenzenlos täuschen ließ, wirklich maß­gebend ?

Der Graf war der einzige Mensch, der sich ihr hilfs­bereit, theilnehmend nahte; Nebenabsichten konnte er, so weit sie sah, nicht haben. Ja, sie vertraute ihm, gerade weil Ulrich vor ihm gewarnt, war dies für sie ein Grund mehr, ihm Zutrauen zu schenken.

„Ich vertraue Ihnen, Herr Graf", sagte sie, ihm die Hand reichend, „und will Ihren Rathschlägen folgen.