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17. Jahrgang

Mittwoch, den 14. Mai 1890.

V 110

Fuldaer Zeitung

O-.-L- k:. »Pihrf in Sufho - Druck u. Berlaa der Fuldaer Actrendruckere, (A. Dillman»).

Druck u. Berlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillman»).

Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Ansprache des hl. Vaters

an die deutschen Pilger in der Audienz vom 8. April.

Es war in der That ein glückliches Zusammen­treffen, wie ihr, geliebte Söhne, andeutetet, daß euere Pilgerfahrt nach Rom in dieses Jahr fiel, in welchem dem heiligen Papste aus Anicischem Geschlecht, dem von den Jahrhunderten übereinstimmend der Große genannten, besondere Ehren erwiesen werden. Wer wäre auch des dankbaren Andenkens der Nachkommen würdiger als Gregor? Trat er doch in unglückseliger Zeit, gerade als die Größe Roms zusammenbrach, fast einzig hervor, den berühmtesten Römern nicht unähnlich, und eines seiner hervorragendsten und denkwürdigsten Verdienste ist es, daß er durch seine Tugend und Geistesgröße die christliche Bildung der Völker aus jenen Wirren Italiens und aus dem Greuel der Ver­wüstung wie aus einem Schiffbruch rettete und wohl­erhalten zu neuem, schnellem Wachsthum führte.

Manche Stürme und Wandlungen brachte seitdem die Zeit; aber war nicht die wohlthätige Wirkung einer so umfassenden Wirksamkeit aus sein Jahrhundert oder sein Vaterland beschränkt; sie machte sich vielmehr in vollstem Maße in den folgenden Zeitaltern geltend, und zwar hauptsächlich Dank Jenen, auf die gleichsam von Hand zu Hand die Erbschaft der päpstlichen Würde überging. In der That hat die Sorge und Wachsamkeit der Päpste im Laufe der Jahrhunderte stets der Wah­rung und Förderung jener Güter gegolten, welche Gregor durch höchste Anstrengung unverkürzt erhalten hatte und welche, gleichzeitig mit der Rettung der Religion, die wahre Civilifation erhallen. Den Nutzen und die Kraft des Schutzes der Päpste hat Europa namentlich dann empfunden, wenn es in Streit und Krisen gerieth, wie die geschichtlichen Denkmäler zeigen.

Wenn die Menschen das Alles nach den Grund­sätzen der Billigkeit beurtheilten, wenn sie ohne Bor- urtheil das Wesen der Kirche betrachteten und dabei dem schlimmen Verdachte und den verschiedenen Leiden- schasten Schweigen geböten, welche das Urtheil fälschen, dann würde wahrlich der hartnäckige Haß verschwinden und würden die gegen die Kirche erhobenen Waffen leicht zur Ruhe kommen. Denn wenn man selbst nur von Nützlichkeitserwägungen ausgehen will — ist es denn klug, absichtlich eine so reiche Quelle von Wohl- thaten zu verschmähen? Wie wir ja schon oft erinnerten, irren diejenigen sehr, die, ohne aus das Zeugniß der Vergangenheit zu achten, behaupten, die Kirche sei für das Gedeihen der Reiche und der Städte ohne großen Belang; ist es doch unzweifelhaft, daß für die gegen­wärtigen Uebelstände mancherlei geeignete Hülfsmittel

In harter Schute.

Roman von G. I.

(38. Fortsetzung.)

Noch immer wanderte sie rastlos auf und ab, noch immer bemühte sie sich, das Entsetzliche zu fassen, daß sie plötzlich bankerott geworden war an Allem, was das Leben an Vertrauen und Hoffnung ihr zu bieten gehabt, daß sie auf der weiten Gotteswelt keine Seele mehr besaß, in die sie ihren Schmerz ergießen, keine Brust, an der sie sich ausweinen konnte. Sie war wohl durch die Erziehung ihrer Mutter eine einsame, auf sich gestellte Natur, sie hatte es immer mit einem ge­wissen Triumphe betont, daß sie sich stei gchalten hatte von jenen Pensums- und Mädchenfteundschastm, die mit überschwenglichem Pathos und sentimentalen Phrasen beginnen, eine Zeitlang mit einem Ungeheuern Aufwande an parfumirtem Briefpapier und eleganten Kouverts fortgeführt »erben, jedes unbedeutende Tages- ereigniß zu einer Haupt- und Staatsaktion aufbauschen und, endlich im günstigsten Falle im Sande verlaufen, im ungünstigsten mit Klatsch und übler Nachrede endigen, aber heute empfand sie es doch sehr schmerzlich, daß sie auch keinen Menschen wußte, auf defsen Theilnahme sie sich ein Recht erworben, keinen, dem sie ohne Scheu ihr Leid anverttaut hätte.

In dieser Stimmung traf sie Graf Falkenburg.

Ein Blick auf Leontine genügte ihm, um ihn er-

vorhanden sein würden, wenn die göttliche Kraft der Kirche unbehindert auf die Einzelnen und auf die Völker einwirken könnte.

Was euch angeht, geliebte Söhne, so haben Wir jetzt wenigstens Grund, Uns für euch zu freuen; es ist doch jetzt in Deutschland so weit, daß Wir Unsere langjährige Furcht und Unsern alten Kummer beschwich­tigen dürfen; nach jener Denkweise und jenen feindlichen Gesetzen, welche den Kampf hervorgerufen hatten, ist eine gewisse Wendung zu der Wahrheit mehr ent­sprechenden Empfindungen eingetreten. Die in mancher Hinsicht hervorgetretene friedliche Gesinnung, welche in den letzten Jahren hervortrat, wird hoffentlich in der­selben Richtung sich weiter entwickeln, damit die Kirche von den vergangenen Leiden völlig aufathmen kann. Darum wenden Wir aber doch Unsere Augen nicht von euch, geliebte Söhne, und gerade unter dem Drucke des Ungemachs, das hier auf Uns lastet, bemühen Wir Uns um nichts mit größerer Sorge und größerem Eifer, als daß die Kirche in Deutschland in Ruhe und Sicherheit volle Freiheit genieße. Zur Hoffnung auf die Erfül­lung Unseres Wunsches berechtigen Uns verschiedene Umstände: die erhabene Denkweise und Gerechtigkeit des Kaisers; die Charakter-Festigkeit der Männer, welche besonders im Parlament lange und tapfer für die Rechte der Kirche eingetreten sind; die Einigkeit sämmtlicher Katholiken Deutschlands.

Inzwischen beut Uns eure Anwesenheit und euere treffliche Gesinnung einen süßen Trost; derselbe ist für Uns um fo erwünschter und zeitgemäßer, je bitte­rer Uns die nun schon so lange dauernde Verletzung der Rechte des Apostolischen Stuhles schmerzt. Wir bezeugen euch darum Unsere Dankkbarkeit und Unser väterliches Wohlwollen und ertheilen euch, euren Fa­milien und allen Katholiken Deutschlands als Pfand der himmlifchen Gaben aus liebendem Herzen den Apostolischen Segen. (Köl. Vztg.) _____

Deutsches Keich.

* „ Berlin, 12. Mai.

* Der Generalpräses der Gesellender eine hat unter dem 5. März ein Jmmediatschreiben an den deutschen Kaiser gerichtet, in welchem er für die hochherzige Fürsorge des Kaisers für das arbeitende Volk den ehrfurchtvollsten Dank aussprach und von der großen Dankbarkeit und Herzensfreude, welche beson­ders auch in dem Verein Adolph Kolpings über die verständnißvolle und liebreiche Initiative Sr. Majestät herrscht, Zeugniß ablegte. Das Schreiben schilderte die Ziele und die Thätigkeit dieses großen Vereins nach den verschiedenen Seiten hin. Unter dem 21. kennen zu lassen, daß hier ein verheerender Sturm gehaust und daß es nicht schwer sei, das geknickte Bäumchen nach der Richtung zu biegen, nach welcher man es haben wolle, sofern man nur die geeignete Stellung dazu nahm.

„Verzeihen Sie mein Erscheinen in einem vielleicht unpassend gewählten Augenblicke, mein gnädiges Fräulein", sagte er statt aller Begrüßung. „Ich komme soeben aus der Mathäikirche."

Leontine sah ihn mit großen verwunderten Augen an; ihr müdes Hirn vermochte nicht sogleich den Zu­sammenhang zu fassen, der zwischen dem Besuch der Mathäikirche und dem Besuche des Grafen bei ihr bestand.

„Der Herr Baron von Reina ist heute ein für alle Mal mit Mademoiselle de Barras aufgeboten worden," fuhr der Graf fort.

Leontine zuckte zusammen, das war es, wie hatte sie das nur einen Augenblick vergessen können! Die Worte, welche der Graf zu ihr sprach, sagte man sich heute in hundert Häusern. Die Schmach ihres Hauses war von der Kanzel verkündet, war in Aller Munde.

„Mein Vater hat mich heute Morgen davon un­terrichtet," sagte Leontine, um doch endlich etwas zu sprechen.

„So geschieht also wirklich das Unerhötte!" rief der Graf.

„Unaufhalffam", sagte Leontine dumpf.

April beantwortete Minister Frhr. ».Berlepsch, an welchen Se. Majestät das vorher genannte Schreiben abgegeben, dasselbe in der freundlichsten Weise und hob besonders hervor, daß es ein erfreuliches Zeichen sei. daß die kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar d. I. in den christlichen Arbeiter- und Gesellenvereinen vorab Verständniß und warme Anerkennung gefunden haben.

* Der Reichs tag nahm heute in 3. Lesung die Novelle zur Gebührenordnung für Zeugen und Sach­verständige an und berieth dann in 1. Lesung den Nachtragsetat, der insbesondere die Forderung für O st a f r i k a enthielt. Staatssekretär Frhr. v. M a r- schall begründete letztere und betonte, daß die Sklaverei im Norden des deutschen Schutzgebiets nicht nur an der Küste, sondern auch im Innern beseitigt sei. Abg. Dr. Bamberger bekämpft seitens der Freisinnigen die Kolonialpolitik, besonders die in Ostafrika; es sei gebrannt und gesengt genug, man solle sich endlich aus Afrika zurückziehen. Reichskanzler v. Caprivi er­klärte, genau auf dem Standpunkte des Fürsten Bis­marck zu stehen, wonach das Reich nur soweit Kolonial­politik treiben soll, als diese vom Empfinden des Volkes getragen wird. Er habe ursprünglich Bedenken gegen die Kolonialpolitik gehabt, sich aber davon überzeugt, daß die Ehre und die Interessen Deutschlands es er­fordern, auf dem begonnenen Wege vorwärts zu schreiten. Graf Udo Stolberg (kons.) findet die Erfolge der bisherigen Kolonialpolitik für bedeutende. Dem Reichs­kommissar werde seine schwierige Ausgabe jedenfalls gelingen. Abg. v. Bollmar (Soz.) gegen die Vor­lage, da man das Geld dazu besser zu Hause für Arbeitersachen verwenden könne. Mit der Berufung auf die nationale Ehre komme man auf den Standpunkt Napoleon III. Afrikareisende könne man unterstützen. Versucht müsse werden, das für die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft verwandte Geld wieder herauszubekommen. Abg. v. Kar dorff (Reichspartei): Letztere laste sich erörtern, wenn die oppositionelle Preste xrst aufhören wolle, die Verhältnisse in Ostafrika falsch darzustellen, dann werde sich das deutsche Kapital schon an den dortigen Unternehmungen betheiligen. Abg. Windt- horst bemerkte, daß er nie ein Schwärmer für die Kolonialpolitik gewesen sei. Aber schon der Reichs­kanzler habe sich ähnlich geäußert, dabei aber aus­einandergesetzt, daß man jetzt nicht einhalten könne, sondern thun müsse, was die Ehre und die Interessen Deutschlands verlangen — nicht mehr. Der Stand­punkt des Reichskanzlers scheine ihm unansechtbar zu sein. Daß die Nation, nachdem sie so viel Kraft ge­wonnen, einen Zug gefühlt habe, sich auch auf dem fernen Weltgebiete geltend zu machen, scheine ihm ganz natürlich. Doch dürfe sich das Reich nicht weiter aus-

„Herrn v. Freiberg ist es nicht gelungen, dem Herrn Baron die Augen zu öffnen.

„Mein Vetter war soeben hier, in der Absicht mir diesen Dienst zu erweisen," versetzte Fräulein von Reina mit unsäglicher Bitterkeit. Der Graf behielt unverändert die Miene aufrichtiger Theilnahme, vereint mit der Zurückhaltung des gebildeten Mannes.

„Was wollen Sie damit sagen, gnädiges Fräulein?" fragte er.

„Ulrich ist überzeugt von der Reinheit des Fräu­leins de Barras, von der Frömmigkeit ihrer Tante, der Biederkeit ihres Oheims", brachte Leontine mit Ansttengung hervor.

Der Graf antwortete nur durch ein bedauerndes Kopfschütteln.

„Er hat mir soeben an dieser Stelle erklärt, er halte die Französin für vollkommen würdig, die Stellung einer Baronin Reina einzunehmen."

„Das ist stark! Bei Gott, das ist stark!" rief der Graf. „Und die Beweise, die ich ihm gegen jene Leute gegeben habe?"

„Die hält er, verzeihen Sie, Herr Graf, für Täusch­ungen, Verleumdungen!"

„Ha!" fuhr Graf Falkenburg auf. „Was erstecht man sich. Ich werde sogleich den Lieutenant aufsuchen und ein ernstes Wort mit ihm reden."

„Was bezwecken Sie damit? fragte Leontine traurig. „Sie überzeugen Ulrich nicht, retten meinen Vater nicht