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JM 109.

Dienstag, den 13. Mai 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

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Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei <A. Dillmann).

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Deutsches Keich.

Berlin, 10. Mai.

* Nach der ,Nordd. Allg. Ztg/ ging die von dem Herrn Kultusminister v. Goßler in der die Sperr- gelder-Vorlage berathenden Kommission des Abge­ordnetenhauses hinsichtlich der Auslassung des Papst es über diese Angelegenheit abgegebene Erklärung dahin: Die von der Regierung geplante Regelung des Sperr­gelderfonds sei auf einem Wege, welche der Papst be­nutzt, um mit der preußischen Regierung in Verbindung zu treten, zur Kenntniß des Papstes gebracht worden. Hierauf sei im März d. I. folgende Entscheidung ergangen: „Da die Ansicht besteht, die Rentirung des Sperrfonds und die Vertheilung der Rente an die einzelnen Diözesen nach Maßgabe der Provenienz sei das Höchste, was zu erreichen wäre, so wolle sich der h. Stuhl zwar nicht darüber aussprechen, jedoch könne vertraut erklärt werden, derselbe werde weder Wider­spruch erheben, noch Schwierigkeiten machen. Der h. Stuhl werde ferner dem Centrum freie Hand lassen und eventuell die Verantwortlichkeit der Ablehnung der Vorlage." — Hiezu bemerkt die .Germania': Die Re­gierungsvorlage enthält keine Vertheilung der Rente an die Bisthümer, z. B. in der Form von unver­äußerlichen Staatspapieren, sondern die Regierungs­vorlage ko nfisz irt das Kapital und behält auch dm Daumen auf der Rente, die in der Hand des Staates bleibt und nicht ausgezahlt werden soll, wenn die Bischöfe sie nicht so verwenden, wie der jedes­malige Kultusminister es jedes Mal, bei jeder neuen „Vereinbarung" will. Die Regierungsvorlage war dem päpstlichen Stuhle nicht bekannt und das doppeltePrinzip (Rentenzahlung und Vertheilung an die Bisthümer), über welches allein in Rom ange­fragt worden ist, gelangte in der Vorlage theils gar nicht, theils in der möglichst unvollkommenen Weise zur Ausführung. Außerdem wird auch jetzt noch nicht gesagt, wer in Rom gefragt und wer dort geantwortet hat, ferner gab der Kultusminister in der Kommission eine längere und doch noch nicht voll­ständige Einleitung, als sie die ,Nordd. Allg. Ztg.' enthält, und endlich fehlt in der ,Nordd.' der höchst interessante Schlußsatz: N. N. solle sich jeder Ein­mischung enthalten, obgleich Herr v. Goßler diesen Satz in der Kommission ganz bestimmt ver­lesen hat!

* Die Sperrgelder-Ko mmission des Herren­hauses wurde wie üblich, bereits im Voraus gewählt. Sie besteht aus 15 Mitgliedern: Graf Brühl, von Kleist-Retzow, v. Winterfeld, Frhr. v. Solemacher- Antweiler, Oberbürgermeister Miquel, Graf Hatzfeld, Fürstbischof Kopp, v. Reinerdorff, v. Wedell (Haus­minister des Kaisers, Vorsitzender), Fürst Jsenburg-

In harter Schule.

Roman von G. I.

(37. Fortsetzung.)

„Ich glaube an das, was ich mit Augen sehe, mit Händen greife. „Verharre nicht absichtlich in einer Verblendung," antwortete Ulrich gereizt.

„Die Zeit wird lehren, auf wessen Seite die Ver- blmdung war, mit wessen Augen Du gesehen hast," versetzte Leontine. Antworte mir jetzt kurz und bündig auf einige Fragen:

„Glaubst Du, Madame dÄrcourt sei eine passende Gesellschafterin für mich, eine geeignete Stellvertreterin meiner Mutter, wie mein Vater sich ausdrückt?"

„Liebe Leontine —"

„Keine Umschweife, ich verlange Ja ober Nein."

„Nun denn — ja: wie ich die Dame kennen ge­lernt habe —"

„Ja; das genügt. Glaubst Du, Mademoiselle de Barras sei würdig, Baronin von Reina zu werden?"

"«°^^lang es jetzt ohne Zögern.

„Und beklagst Du Dich dennoch, daß sie es wird?" Sie sah ihn durchbohrend an.

Er schwieg und blickte zu Boden„

„Antworte!" mahnte sie.

„Leontine —" er stockte.

Birstein, Prof. Dernburg, v. Serin, v. Gutzmerow, Graf Garnier und Graf Hohenthal.

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht amtlich die Aufhebung des Gesetzes, betr. die unbefugte Ausübung von Kirchenämtern (Expatriirungsgesetzes).

* Graf Ballestrem, der Erste Vize-Präsident des Reichstages, entstammt einer alten schlesischen Adels- Familie und ist jetzt 56 Jahre alt. Er gehört dem Centrum an seit dessen Gründung. Seine Studien absolvirte er auf in- und ausländischen Universitäten, diente als aktiver Soldat bei der Besetzung der polni­schen Grenze durch die Preußen und kämpfte als Ritt­meister die Feldzüge von 1866 und 1870 mit; in letzterem war er später Adjutant der zweiten Kavallerie- Division. Ein Sturz vom Pferde machte ihn zum In­validen, er erhielt den Abschied und lebte seitdem in Breslau oder auf seinen Gütern in Oberschlesien. Im Kul­turkämpfe gehörte er zu den „schneidigsten"Mitgliedern und Redner des Centrums; aus seinem Munde ertönte, als 1874 Fürst Bismarck dem Centrum den Attentäter Kullmann an die Rockschöße hing, jenes „Pfui!", dem eine Scene so stürmischer Art folgte, wie sie bis dahin der Reichstag noch nicht erlebt hatte. Mit Schimpfworten und erhobenen Fäusten stürmte eine Anzahl nationalliberaler Abgeordneter damals auf den Rufer zu, der aber gelassen dem Sturme standhielt.

* Das dem Reichstage zugegangene neue Weißbuch über Ostafrika umfaßt 14 Schriftstücke aus der Zeit vom 27. Dezember v. Js. bis 7. Mai d. Js. Unterm 1. Januar schrieb Wißmann: „Eurer Durchlaucht be­ehre ich mich gehorsamst zu melden, daß E m i n P a s ch a den lebhaften Wunsch hegt, seine Erfahrungen in deutsche Dienste zu stellen. Er hat mich gebeten, dies zur Kennt­niß Eurer Durchlaucht und, wenn angängig, auch Seiner Majestät zu bringen, dessen Allerhöchster Gnade er sich tief verpflichtet fühlt." gez. Wißmann. Gras Bis­marck antwortete unterm 25. Januar telegraphisch: „Die Dienste Emin Pascha's sind uns willkommen. Bitte, nähere Wünsche desselben mitzutheilen." gez. Graf Bismarck. An den Kaiserlichen Kommissär für Ostafrika.

* Das von Wißmann eingenommene Ki lwa scheint ein Hauptquartier der Sklavenhändler gewesen zu sein; in sämmtlichen arabischen Läden wurden große Mengen neuer Sklavenfesseln vorgefunden.

* Der Bundesrath überwies gestern die Vor­lagen, betr. Aendernng der Postgebührensätze für Druck­sachen und betr. die Fahrgeschwindigkeit auf den Sekundärbahnen an die zuständigen Ansfchüffe. Die Novelle zum Strafgesetzbuch wurde angenommen, Angaben der Dortmunder Union um Rückgewähr von Roheisenzoll und nichtgenannter Petenten wegen Er­richtung eines Schlachthauses an der Oesterreichischen Grenze, wurden abschlägig beschieden.

„Du blickst zu Boden, Du kannst mich nicht an­sehen, Du schweigst," fuhr sie unerbittlich fort, „wohl, so werde ich reden: „Dieselbe Verblendung, welche meines Vaters Blicke umnachtet, hat auch Dich ergrif­fen, Ihr seid Beide verstrickt in einer wahnsinnigen, dämonischen Neigung zu der Abenteuerin. Widersprich mir, leugne, wenn Du es vermagst!"

„Du kannst es nicht," fuhr sie fort, als er schwieg, „Dein Schweigen ist Eingeständniß. „Verlaß mich jetzt, Ulrich, wir haben einander nichts mehr zu sagen."

„Leontine," begann der Lieutenant, „höre mich, vergib mir." »

„Was könntest Du mir noch zu sagen haben, was hätte ich Dir zu verzeihen?" fragte sie. „Willst Du mir den Taumel schildern, von dem Du befangen bist? Erlaß mir das. War die Liebe, die Du für mich hegtest oder zu hegen glaubtest, nicht stark genug, Dich vor der Versuchung zu schützen, so war es eben keine Liebe. Du haft Dich in mir, ich mich in Dir ge­täuscht, wir haben einander nichts zu verzeihen. Lebe wohl, Ulrich.

Sie machte eine entlassende Bewegung, als sei sie eine Fürstin, er ihr Vasall. Ulrich ging doch nicht.

„Was wirft Du thun ?" fragt er mit bebender Stimme.

„Laß Dich das nicht kümmern," versetzte sie mit unnatürlicher Ruhe; „ich reife morgen nach Reina."

* Im Herrenhaufe wird der Antrag des Grafen Frankenberg auf Einsetzung einer Behörde für die Wahrnehmung der Interessen der Wasserwirthschaft und für die Abwendung der Hochwassergefahren zur Vor- berathung an eine Kommission verwiesen. — Ein anderer Antrag desselben Herrn: größere und wichtigere Gesetzentwürfe vor der Beschlußfassung über die gesetz­liche Behandlung einer Berathung im Plenum zu unter­werfen, wird an die Geschäftsordnungs - Kommission verwiesen. — Die Novelle zum Parzellirungsgesetz wird angenommen, jedoch mit einer vom Abgeordnetenhause abgelehnten Bestimmung, wonach die Unschädlichkeits­atteste stempelfrei und kostenlos ertheilt werden sollen. Der Reg.-Kommissar hatte diese Bestimmung bekämpft und erwähnt, daß die Regierung mit dem Vorbereiten zur Revision der Stempelgesetzgebung beschäftigt sei. — Sodann wurden eine Reihe kleiner Vorlagen und Kommissionsberichte erledigt. — Nächste Sitzung unbestimmt.

* Das Abgeordnetenhaus nahm in der 56. Plenarsitzung vom 10. Mai zunächst die noch rück­ständige Abstimmung über den Antrag von Eynern- Olzem (nl.) vor, betr. Ueberweisung gewisser Kriegs­schulden auf Staatsfonds. Der Antrag wird abgelehnt, wie auch ein Antrag Dühring (konf.): den Städten Elbing und Königsberg zur Deckung ihrer Kriegsschulden weitere Zuwendungen aus Staatsmitteln zu machen. — Die 2. Berathung über die Vorlage betr. der Unter­haltung der nicht schiffbaren Flüsse Schlesiens wird fortgesetzt. Art. 1 und 2 der Vorlage werden ange­nommen, Art. 3 jedoch abgelehnt. — Folgt die Be­rathung der Denkschrift über die Überschwemmung^ gesetze von 1888. Der Bericht wird durch Kenntrüß- nahme erledigt. — Folgt Berathung des Berichts der Agrar-Kommifsion über das Gutachten.der Akademie des Bauwesens bezüglich der Regulivung der Nogat und Weichsel. Der Beschluß der Kommission, diese Regulirung zu beschleunigen und die von der Akademie vorgeschlagenen Versuche zu machen, wird angenommen. Nächste Sitzung Montag. Tag.-Ordg. Schulpflichtgesetze, Zelle; Städteordnungs-Novelle. Schluß 4‘/2 Uhr.

* Neuerlich veröffentlichen die Blätter energische Warnungen vor der Auswanderung Deutscher nach Brasilien. Es wird auf die traurigen Erfahrungen hingewiefen, welche fo viele Auswanderer gemacht haben und dringend gewarnt, den lockenden Anerbietungen gewissenloser Agenten zu glauben weil sich diese An­preisungen hinterher als Trug erweisen. Bei den zer­fahrenen politischen Verhältnissen in dieser neuen Frei­maurer-Republik werden Katholiken ohnehin keine Lust dorthin zu gehen verspüren.

* München, 10. Mai. Liberale Blätter gestehen nunmehr ganz offen zu, daß es die Regierung oder bester gesagt der Herr Kultusminister es ist, welcher

Er wollte ihr zu Füßen stürzen, ihre Hand an seine Lippen drücken, sie winkte ihm abwehrend: „Keine Szene, Ulrich, verlaß mich, ich bedars der Ruhe und habe für meine Abreife noch viel zu ordnen."

Der Lieutenant ging. Er hatte es ja gewußt, es mußte so kommen, und in einer Beziehung war es noch bester gegangen, als er geglaubt. Was er nicht gewagt hätte, von Leontine zu fordern, das hatte sie ihm ge­währt — feine Freiheit, und die Ruhe, mit der sie ihn anfah, zeigte ihm, wie wenig ihr das kostete. Nein, diese kalte, stolze Schönheit konnte keiner wahren Zu­neigung fähig fein; was Liebe fei, hatte er erst kennen gelernt in der Atmosphäre, die Hortense umgab; er war erlöst von der Lüge, brauchte keine Liebe zu heucheln, wo er sie nicht mehr empfand. Was sollte aber aus der ihn durchwühlenden Leidenschaft werden? Was konnte, durste ihm die Braut, die Gemahlin feines Onkels fein? Aber die Leidenschaft stürmt blindlings vorwärts, unbekümmert darum, wohin der Weg führe, in welchem Abgrund er endige.

XIII.

Hätte Ulrich Leontine gesehen, nachdem sich hinter ihm die Thür ihres Zimmers geschlossen, erwürbe eine andere Ansicht über ihre Kälte und ihren Stolz erhal­ten haben. Hätte er sie gesehen, wie sie ihm mit aus­gebreiteten Armen nachsah, wie j.es von ihren Lippen