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Beilage zu Nr. 108 der

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

„Fuldaer Zeitung"

Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (31. Dillmann).

Sonntag, den 11. Mai 1890.

6 Ein Wort über das Gdd-Fellowthum.

Von Zeit zu Zeit erscheinen in den deutschen Tages­blättern empfehlende Aufsätze iibei; das „menschen­freundliche und humane" Thun und Treiben der „Odd- Fellow-Logen". Gewöhnlich werden diese Reklame- Artikel veröffentlicht, sobald irgend eine neue Odd- Fellow-Loge eingeweiht oder ein eigenes Logenhaus gebaut worden ist. Regelmäßig liest man dann in diesen Artikeln, welche natürlich von den Odd-Fellows selber den Zeitungs - Redaktionen eingesandt worden sind, Folgendes:

„ . .. Der Odd-Fellow-Orden ist ein Kreis guter, pflicht­treuer Männer, die sich im Gefühle gleichen Strebens brüderlich die Hand reichen und in allen Lagen des Lebens brüderlich zur Seite stehen — er ist eine freundschaftliche Vereinigung gegen unberechenbare Schicksalsschläge."

Durch diesen Aushängeschild werden die Leute ver­lockt, i)em „Orden" beizutreten, dessen Mitglieder ver- hältnißmäßig hohe Steuern entrichten müssen. Die regelmäßigen Beiträge sind allerdings klein, aber die Eintrittsgelder, die Beträge für Erlangung der ver­schiedenen Grade, die fortwährenden Sammlungen bald zu diesem, bald zu jenem Zwecke erreichen zusammen­gerechnet eine enorme Höhe auf das Jahr.

Die beiden englischen Worte: „Odd-Fellow" heißen zu deutsch: „Sonderbare Kameraden", und das Odd- Fellowthum, das mit dem Freimaurerthum nahe ver­wandt ist, bezw. auch bestrebt ist, das „Rituale" des Freimaurerthums nachzuahmen, zählt in Deutschland gegenwärtig 44 Logen und zwar fast in allen größeren Städten wie Berlin, Breslau, Leipzig, Chemnitz,Dresden, Nürnberg, Augsburg, München, Düsseldorf, Frank­furt a. M. u. s. w. und in mehreren dieser Städte sogar zwei und drei Logen, beziehentlich noch darüber. Es ist nun interessant, daß jetzt auch von protestan­tischer Seite gegen das Treiben der Odd-Fellows Front gemacht wird. So befand sich vor einiger Zeit ein ziemlich scharfer Artikel gegen die Odd-Fellows in der Dresdner ,Sozial-Korrefpondenz', einer Wochenschrift, die auch unter dem Titel „Das Volkswohl" erscheint. Herausgeber dieses Blattes ist der Direktor des kgl. sächsischen statistischen Bureaus in Dresden, der Geheim­rath Professor Dr. Viktor Böhmert, der bekannte „Pfarrerssohn von Roßwein". In dem Artikel wird zunächst mitgelheilt, daß der Ausdruck „Odd-Fellow" verschiedentlich übersetzt werden könne. Je nachdem man ein Freund oder Feind der Sache sei, übersetze man ihn: „Sonderbare Kameraden", „Närrische Käuze" oder „Helfende Brüder". Letzteres hörten die deutschen Odd- Fellows am liebsten, „doch sei dies — wie die,Böh- mert'sche ^Sozial - Korrespondenz' wörtlich schreibt — gerade die unzutreffendste Uebersetzung". Dies letztere gehe, wie die .Sozial - Korrespondenz' gleichfalls mit Recht betont, vor Allem auch daraus hervor, daß die deutschen Odd-Fellow-Logen, welche es als ihre vor- nehmlichste Aufgabe bezeichnen, die Kranken, Wittwen und Waisen ■ ihrer Logenangehörigen zu unterstützen, beispielsweise im Jahre 1886/87 bei 86,170 Mark Jahreseinnahmen nur 12,157 Mark für Unterstützungs­zwecke verwandten, die übrigen 74,013 Mark (also rund 25,000 Thaler) „ziemlich unsinnig für hohe Besol­dungen überflüssiger Beamten und allerlei zeremoniales Brimborium verpulverten".

Ferner rügt der Artikel der Böhmert'schen „Sozial- Korrespondenz" „die gegensätzliche (also feindliche) Stellungnahme des Odd - Fellowthums gegenüber den Kirchen". Die Odd-Fellows gehen in ihrer Blasphemie und Feindschaft gegen die Religion so weit, daß sie behaupten, „die Kirche könne die Erziehung zur Sitt­lichkeit nicht vollenden, da bei ihr die Sittlichkeit nicht End- oder Selbstzweck, sondern nur Mittel zur Er­reichung ihrer besonderen Zwecke sei nnd weil ferner die kirchliche Moral in sich selbst einen unmoralischen Zug habe, indem sie Furcht und Hoffnung, beide egoistischer Natur, zu Motiven des Guten und Bösen mache." (Schrift des Odd-Fellows Br. Weiß von der I Holbein-Loge in Augsburg.)

Daß solche zersetzende Tendenzen den unheilvollsten Einfluß ausüben müssen, versteht sich von selbst. Dazu kommt, daß die Emissäre des Odd - Fellowthum!» vor Allem bestrebt sind, Kleinhandwerker, niedere Beamte u. s. w., die durchweg kein Geld übrig haben, in ihren Kreis zu ziehen, und denen natürlich die Worte: „Die Odd-Fellows sind gute, pflichttreue Männer, die sich in allen Lebenslagen getreulich zur Seite stehen zum Schutze gegen unberechenbare Schicksalsschläge" — ja sehr verlockend klingen müssen. Finanzielle Vortheile vom „Orden" haben aber nur die wenigen Führer, dre sehr viel auf Reisen sind, um Propaganda zu machen.

Die meisten Anhänger zählen die Odd-Fellows in Nordamerika — dort ist aber auch von der idealen Seite am wenigsten zu spüren. Viele der amerikanischen Odd-Fellow-Logen sind rein geschäftliche Gründungen und zwar ost nicht gerade der saubersten Art. Es ist etwas Alltägliches, daß bei den amerikanischen Wahlen die Ordensmeister von den politischen Parteien bezahlt werden, um für den betreffenden Kandidaten Stim-

I mung zu machen. Ebenso bereichern sich dort die Leiter der Bewegung ganz ungenirt auf Kosten der Logen. In Kalifornien haben wiederholt Ordensgründungen den schimpflichsten Bankerott machen müssen, .weil die Führer die „idealen Prinzipien" ganz vergaßen und

I nur an die möglichst schnelle Füllung ihrer Privatkassen dachten.

Wenn also selbst das Organ des protestantischen und nationalliberalen Geheimraths Böhmert in Sachsen sich gegen das Odd - Fellowthum ausspricht, so kann man daraus schließen, weß Geistes Kinder viele der „Brüder" des genannten „Ordens" sein müssen.

. Da schließlich nach den neuesten Publikationen ver­schiedener Odd-Fellow-Logen der „Orden" in einigen Theilen Deutschlands demnächst eine erhöhte Thätigkeit anfzunehmen gewillt ist, so dürften diese Mittheilungen auch zugleich eine zeitgemäße Aufgabe erfüllen.

Vermischtes.

* Elektrotechnische Blätter melden von einer neuen großartigen Erfindung, welche sich derjenigen des Telegraphen und Telephons ebenbürtig anreihen würde. Es ist die Uebertragung von Erfcheinungs- formen mittelst des elektrische Stromes und der photo­graphischen Wirkung des Lichtes. Der betreffende Apparat, welcher von seinem Erfinder, dem Elektro­techniker Kürzet, „Photoskop" genannt wird, soll im Stande sein, das Bild einer Person auf beliebige Entfernungen derart zu übertragen, daß an der Em­pfangsstelle jede Veränderung der Stellung, jedes Mienenspiel der aufgenommenen Person deutlich be­merkbar ist. Als Grundstock des Apparates dient, wie das Patent- und technische Bureau von Richard Lü­ders in Görlitz mittheilt, ein Telephon, in dessen Schalloch anstatt der Membran eine Objektivlinse aus Flintglas eingeschaltet ist. Unterhalb derselben sind Bromgelatinplatten angebracht, welche in Verbindung mit eigenartig gewundenen Drähten ans Selen stehen. Das Selen, ein sehr seltenes Metall, besitzt die be- merkenswerthe Eigenschaft, die Schwingungen des Lichtes in elektrische Vibration umwandeln zu können. Zwischen Berlin und Potsdam sollen kürzlich vor ge­ladenen Zuschauern Versuche stattgefunden haben, welche geradezu verblüffend auf alle Betheiligten gewirkt haben. Auf einer erleuchteten'Milchglasplatte, welche an dem in Potsdam aufgestellten gleichartigen Empfangsapparat angebracht war, zeigte sich das gelungene Portrait des gleichzeitig durch ein Telephon sprechenden Erfinders. Entsprechend dem Gange der Unterhaltung, ließ sich im Bilde bald ein leichtes Neigen, bald ein heftiges Schütteln des Kopfes, bald ein zustimmendes Lächeln, bald verneinender Ernst in den Gesichtszügen wahr­nehmen.

* Offiziös wird mitgetheilt, daß Deutschland auf der am 15. Mai zu eröffnenden internationalen Telegraphenkonferenz den Antrag stellen werde, an Stelle der jetzt bestehenden verfchiedenartigen Tele­graphengebühren, einen Tarif einzuführen, welcher für den europäischen Telegraphenverkehr nur zwei billige Gebührensätze von 12^2 und 15 Centimes (10 und 13 Pfg.) enthält. Auch soll eine Abrechnung zwischen den Verwaltungen des Abgangs und des Bestimmungs­landes fortan nicht mehr stattfinden. Jede Verwaltung behält vielmehr die von ihr erhobenen Gebühren. Aus dem Betrage derselben hat sie, wenn ein Transit in Betracht kommt, 50 Cts. für das Telegramm, an die Verwaltung des Transitlandes zu entrichten. Bisher mußte für jedes Wort, sowie auch für die verschiedenen Transitstrecken eine Transitgebühr nach vielgestaltigen Transitsätzen entrichtet werden. Neber die neue Ein­heitstransitgebühr soll auch nicht für jedes Telegramm abgerechnet werden, sondern es sollen die Transit tele- gramme an einem Wochentage in jedem Monat gezählt und daraus Pauschsummen gebildet werden.

3tlte Trinkstubensprüche.

Gott segne Deinen Eingang Wenn Du Durst hast, Gott segne Deinen Ausgang, Wenn Du bezahlt hast.

* *

Borgt man nicht, so ist Dein Zorn, Borgt man, ist das Geld verlor'n.

Viel besser ist der erste Zorn, Als Geld und Gast zugleich verlor'n.

* * *

Hast Du im Beutel keinen 'Heller, So laß mir meinen Wein im Keller.

*

Die Rose blüht, Der Dorn der sticht, Wer gleich bezahlt, Vergißt es nicht.

* * ♦ Gaste mag der Wirth wohl leiden. Die nicht stehen an der Kreiden; Ihnen wünscht er Fried' und Glück, Kehren sie zu ihm zurück.

* * ♦ Lieber Gast, komm geschwind herein, Hast Du Geld, hab' ich guten Wein: Hast Du keins, kannst Du drüben einkehren, Da ist ein Brunnen mit zwei Röhren.

Frühlingsmorgen.

Ein neu, ein allvergnügend Werde Rief die Natur mit Zaubermacht: Und auf der Schöpfung frühen Fährte Sind tausend Wunder schon erwacht!

Die gold'nen, lichtdurchströmten Pforten Geöffnet, prangt das Himmelszelt, Und hell in feiernden Akkorden Jauchzt froh empor die Gotteswelt!

Die Lerche trägt, auf leichten Schwingen Gewiegt, zum Aether fromm ihr Lied, 3lus Feld und 3lu und Hain erklingen Der Sänger Weisen jubelnd mit!

Wie lacht der Erde frisch entsprossen Der Lenzeskinder schmuckes Heer, Wenn drüber schimmernd ausgegossen Der Sonne fluchend Strahlenmeer!

Dem Grund entsteigen würz'ge Düste, Bon süßen Blumen ausgehaucht, Und kosend ruh'n die Morgenlüfte Jn's Blüthenthal hinabgetaucht.

Ringsum der Wälder stolze Wipfel Steh'n laubbekränzt in Feiertracht, Es glühn der Höhen fernste Gipfel Rund in des Frühroth's Purpurpracht!

Und drüber wölbt und dehnt der Bogen Des Firmaments — als fass' er kaum All' dieser Wunder schwellend Wogen — Sich in den endlos weiten Raum!

Wie senkt das Äug' mit trunk'nen Blicken Sich in der Farben Wunderbild, Wie lauscht das Ohr still dem Entzücken Des Jubels, der die Seele füllt!

Ein unaussprechliches Empfinden Durchbebt das arme Menschenherz, 3lls müßt's der Erde sich entbinden, Hinauf sich ringen himmelwärts. Seh.

Literarisches.

* Das soeben erschienene sechste Heft der Bonifatius- Broschüren (Verlag der Bonifatius-Druckerei, Paderborn; Preis pro Jahrgang nur 1 Mark 20 Pfg.) bringt eine Abhand­lung des Prälaten Professor Dr. Joseph Rebbert über Ig­natius von Loyola und Martin Luther." In diesem Schriftchen des auf dem litterarischen Gebiete bewährten Redak­teurs des „Leo" wird ein wahres, historifch treues Bild von Ignatius und Luther entworfen, nnd zugleich gegenüber dem Zerrbilde, das evangelische Prediger und ihre Nachtreter von dem Jesuitenorden entwerfen, ein treues Bild des letzteren ge­zeichnet. Die nächste Veranlassung zu der Arbeit des Herrn Prälaten Rebbert, welche nunmehr auch im Separat-Abdruck vorliegt, gab eine im Druck erschienene lange „Rede des Herrn Pfarrers Kremers aus Kirchenbollenbach über Luther und Loyola gehalten bei der Lutherfeier des Evaugel. Bürgcrvereins w. Crefeld am 11. November 1888", in welcher „Rede" von wirk­licher Geschichtskenntniß keine Spur zu endecken ist, während sie von den althergebrachten Tiraden förmlich strotzt.

Gottesdienst-Ordnung in Fulda.

Sonntag, 11. Mai/

Dom. Um 5, 6, 68/< und 7i/s Uhr hl. Messen, um 9 Uhr Amt mit Predigt. Um IO8/, Uhr für die Jünglinge und um 1 Uhr für die Jungfrauen. Um 4 U. Bittwallfahrt auf den Frauen­berg. Um 7 Uhr Andacht in der Marienkapelle. — Stadt­pfarrkirche. 5 Uhr hl. Messe, 7 Uhr hl. Messe, 8 Uhr hl. Messe mit Predigt, 9*/g Uhr Hochamt mit Predigt, 11 Uhr hl. Messe, 11 Uhr Christenlehre, l'/a Uhr Bittprozession aus den Frauenberg. 7»/« U. Maiandacht. — Michaelsberg. 10 Uhr Gottesdienst. — Hospitalskirche. 8 Uhr Gottesdienst, 5 Uhr Abendandacht. — Frauenberg. 5 Uhr und 6 Uhr hl. Messen, 8 U. Hochamt. 2 U. nach Ankunft der Prozession Predigt und Andacht.

Monats - Uebersicht des Standesamts Fulda.

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Die Lebensversicherungs- und Ersparnißbank in Stuttgart hatte im Jahre 1889 5452 Anträge mit Mark 33.482,000 zu erledigen. Es ist dies der höchste Zugang seit dem Bestände der Bank. Davon fanden 4345 Anträge mit Mark 26.050,000 Aufnahme, und im Laufe des Jahres waren infolge desfeu 54,238 Personen mit Mk. 315.741,000 versichert. Der Abgang war äußerst mäßig; von den Lebensversicherten starben 203 Personen weniger, als zu erwarten gewesen, und wurden dadurch Mk. 1.304,000 an Ausgaben gespart. Der fr. klige Abgang beträgt bloß 7/g Proz. der im Laufe des Jahres in Kraft gewesenen Versicherungen. Als reiner Zuwachs des Bersicheruugsstandes ergeben sich 2317 Personen mit Mk. 18.742,338- Die Jahreseinnahme stieg von Mark 13.391,955 auf Mk. 14.374,896. Für Sterbfälle wurden dagegen auf Todesfallversicherungen Mk. 3.188,987 und für Berwaltungs- aufwand 5,10 Proz. der Einnahmen verausgabt. Die Prämien­reserven stiegen von Mk. 57.456,303 auf Mk. 62.944,896 der Extra-Sicherheitsfonds von Mk. 13.802,946 auf Mk. 14,671,296 und der Bankfonds- von Mk. 72.153,971 auf Mk 78 769 041 Die Lebensversicherungs-Abtheilung erzielte einen Ueberschuß von Mk. 3.451,330. Vom 1. Juli ab kommen voraussichtlich nach Dividendenplan AI 34 Proz. nach All 39 Proz. und nach B eine um 3 Proz. steigende Dividende zur Rückvergütung an die Versicherten.