JW 107.
Samstag, den 10. Mai 1890.
17. Jahrgang
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. — - D>, h«. um ----\
Deutsches Deich.
Berlin, 8. Mai.
* Die Thronrede findet in der Presse fast ausnahmslos eine sehr freundliche Aufnahme, da dem, von den Kartellblättern so vielgeschmähten neuen Reichstage, ein Vertrauen entgegengebracht wird, das über die Bedeutung konventioneller Redensarten weit hinausgeht.
* Nach der Fraktionsliste, welche im Bureau des Reichstags ausgegeben ist, stellt sich die Stärke der einzelnen Parteien wie folgt: Centrum 111 (einschließlich 5 Hospitanten der Deutschhannov.), Deutschkonservative 72 (einschließlich der drei Hospitanten v. Meyer-Arnswalde, Graf v. Schlieffen-Schlieffenberg und Frhr. Zorn von Bulach-Elsaß); Reichspartei 20, Polen 16, Nationalliberale 41 (einschließlich des Hospitanten Dr. Petri-Straßburg), Freisinnige 64, Volkspartei 10, Sozialdemokraten 35, bei keiner Fraktion 28, darunter 10 Elsässer, 5 Antisemiten und die 6 Deutschhannoveraner v. d. Decken-Rutenstein, v. d. Decken- Ringelheim, Frhr. v. Hake, Frhr. v. Minnigerode, Graf v. d. Schulenburg-Hehlen, Frhr. v. Wangenheim. Außerdem sind als bei keiner Fraktion verzeichnet: Prinz zu Carolath-Schönaich, Fhr. v. Hornstein, Johannsen, Langerfeld (Schaumburg), Rösicke (Dessau), Thomsen, Wisser (Jena).
* Die Freisinnigen brachten im Reichstage drei Interpellationen ein. Erstens: Welche Gründe bestehen, daß der Paß zwang an der elsaß- lothringischen Grenze aufrecht erhalten wird. Zweitens: Ist die Regierung gesonnen, den Niederlassungsvertrag mit der Schweiz zu erneuern? Die dritte betrifft die Behandlung politischer Gefangener.
* Die sozialdemokratische Fraktion des Reichstags hat den ihr angebotenen Schriftführer-Posten abgelehnt.
* Wie der .Germania' ein Privattelegramm meldet, war heute Morgen um 8 Uhr Generalkommunion der deutschen Pilger in Rom in der deutschen Anima- kirche. Nach der hl. Messe hielt Kardinal Melchers, der frühere Erzbischof von Köln, eine Ansprache an die Pilger.
* Dem .Hamb. Korresp.' wird aus Berlin tele- graphirt: In den letzten Tagen sind mehrfach kaiserliche Kouriere zwischen hier und Friedrichsruh in Thätigkeit gewesen. Daß ein lebhafter schriftlicher Verkehr zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck stattgefunden hat, läßt sich mit Sicherheit annehmen.
* Bezüglich der Duelle der Offiziere soll nach auswärtigen Blättern der Kaiser gesagt haben, es müsse verhütet werden, daß Offiziere im Duell ihr Blut vergießen, das sie dem Vaterlande schuldig sind. Es müsse sich ein anderer Weg finden lassen, auf dem
In harter Schule.
Roman von G. I.
(35. Fortsetzung.)
„Sobald die Abenteurerin die Schwelle eines Hauses betritt, verlasse ich dasselbe. Ich bleibe nicht unter einem Dache mit ihr!"
„Das wird eine hübsche Rundfahrt werden", höhnte der Baron. „Die Dame hat mir das Versprechen ge- geben, in Deiner Nähe zu bleiben und wird sich durch keine Ungezogenheit von Deiner Seite abhalten lassen, zu thun was sie für ihre Pflicht erkannt hat."
„Ich nenne das Zähigkeit und Unverschämtheit und die traue ich ihr allerdings in hohem Grade zu", erwiderte Leonttne. „Es ist also darauf abgesehen, mich mrs dem Hause meines Vaters, von dem Grund und Boden meiner Ahnen zu vertreiben. Nun, ich werde welchen. Die Welt ist groß. Es wird sich auch für mich ein Plätzchen darauf finden."
'Der Baron fühlte, daß ihn die Rührung übermannen wollte, um desto härter ward er.
„Verschone mich mit Deinen Deklamationen!" sagte ks hart. „Du wirst Dich wohl noch besinnen, ehe Du als fahrendes Fräulein in die Welt ziehst und das wirst, tote Du andere mit so großem Unrecht nennst
eine Abenteurerin. Gehe jetzt", fügte er nach der
ein Offizier Genugthuung für Verletzung feiner Ehre erhalte. Weiter bemerkte der Kaiser, er achte jede Ueberzeugnng und wünsche nicht, daß Jemand direkt oder indirekt genöthigt werde, ganz genau so zu denken, wie etwa ein Höherstehender. Jeder möge seine eigenen Gedanken über Einzelheiten haben, wenn er in der Hauptsache nur treu zum Reiche stehe.
* Graf Pfeil hat im Herrenhause folgenden Antrag eingebracht: „Auf Grund der vom Herrn Minister der geistlichen Angelegenheiten konstatirten Thatsache, daß bei preußischen höheren Lehranstalten wegen der Uebcrzahl jüdischer Schüler an den jüdischen Sabbathen und Festtagen der Unterrichtsplan hat verändert werden müssen, die königliche Staatsregierung um Erwägung von Maßregeln zur Beseitigung der hieraus erwachsenden Uebelstände zu ersuchen.
* Das Abgeord netenhaus trat in die 2. Berathung der Vorlage über die schlesischen Flüsse, nachdem die Abgg. Cegielski und Czartoryski (Polen) und Dasbach (Str.) unter den üblichen Formalitäten auf die Verfassung vereidet worden sind. Die Debatte drehte sich im Wesentlichen um die Frage, ob die Kosten der in Frage stehenden Flußregulirungen von den Kreisen allein zu tragen seien, oder ob dazu die Provinzen ev. der Staat heranzuziehen sind. Letzteres erklärte Minister v. Lucius für die Regierung unannehmbar. Für das Zustandekommen des Gesetzes überhaupt traten ein die Abgg. Ritter (fcons.) v. Heyde- brand (cons.) v. Huene (Str.) Broemel (dfr.), letzterer jedoch unter dem Vorbehalt, daß dadurch der Schifffahrt keine neuen Lasten auferlegt werden, Avmarius (nl.), v. Zedlitz (frkons.) v. Schenkendorff (nl.); dieser jedoch nur in Rücksicht auf die gänzlich unhaltbaren Verhältnisse u. Schultze-Lupitz (kons.). Ganz entschieden gegen den Gesetzentwurf sprechen sich aus die Abgg. v. Buderbrock (nl.) denn es werde doch nur mit Mißtrauen in Schlesien ausgenommen werden und Abg. Eberty (dfr.), der es einen Sprung ins Dunkle nennt. Schließlich wird Art. 1 der Vorlage angenommen mit dem Anträge Huene und einem Unterantrage Avenarius, wonach Provinz und Staat zur Tragung von Re- gulirungskosten heranzuziehen sind. — Nächste Sitzung Sonnabend. Tagesordnung: Fortsetzung; Ueberschwem- mungsvorlage.
* Bei der heute im Herrenhause fortgesetzten Berathung des Etats wurde zunächst bei dem Justiz- Etat über die Frage der Einzelhaft verhandelt. Herr v. Durant anerkennt die Vorzüge derselben und wünscht deren Beibehaltung. Hr. Sttuckmann wünscht Förderung des Instituts der Waisenräthe. Hr. Zweigers bittet dafür zu sorgen, daß das lange Warten der zum Termine Geladenen vermieden wird, und Justizminister v. Schelling sagt wohlwollende Beachtung zu. Ein Antrag Miquel-Durant um Reform der direkten Steuern
Uhr sehend hinzu, „ich habe keine Zeit mehr, meine Braut erwartet mich."
„Ich gehe, Papa," sagte Leontine leise. Möge es Dich nie gereuen, daß Du keine Zeit mehr hattest für Dein einziges Kind!" Lebe wohl!"
Sie reichte ihm die eiskalte Hand zum Abschiede. Einem schnellen Antriebe folgend küßte er sie auf die Stirn und verschwand schleunig in das anstoßende Zimmer, dessen Thür er hinter sich schloß. Ganz erschöpft sank er hier aufs Sopha.
„Bin doch ein weichmütiger Thor," brummte er, „die Sache hat mich angegriffen. Nun ist sie aber ein für alle Mal abgemacht; ich bin ftoh, daß ich ernst geblieben bin, Hortense wird mich bewundern. Madame d'Arcourt bringt Leonttne zur Raison, darauf kann ich mich verlassen, und wenn wir wiederkommen, ist alles in schönster Harmonie. Dann heirathet sie den Ulrich, geht mit ihm auf dessen Güter und ich habe vor beiden Ruhe — denn — der Knabe Karl fängt an mir fürchterlich zu werden. Nicht, daß mir Hortense irgend einen Anlaß zur Eifersucht gäbe, nein, sie liebt mich, mich allein, daran ist kein Zweifel, aber beffer bewahrt als beklagt. Bei dem Jungen brennt es gar zu lichterloh. Sie soll ihm aus den Augen. Nun, Donnerstag ist Hochzeit.
e in Preußen wird nach kurzer Berathung angenommen' e und desgleichen wird angenommen ein Antrag des :t Grafen Stolberg: die Regelung der Stolgebührenfrage t, baldigst im Wege der Gesetzgebung herbeizuführen. Bei - den Verhandlungen über den Anttag des Grafen Pfeil: r „mit Rücksicht auf die Thatsache, daß in höheren Lehranstalten in Folge der großen Zahl jüdischer Schüler i eine Aenderung des Lehrplans für die Sonnabende i nöthig geworden ist, die Regierung um Maßregeln zur i Beseitigung dieser Uebelstände zu ersuchen," vertagt das i Haus die weitere Berathung auf Freitag 11 Uhr. i Schluß 4’/a Uhr.
- * Aus Sansibar, 7. Mai, kommt die Meldung:
} Der Reichskommissar Wißmann hat Kilwa eingenom- r men. Die Araber räumten den Platz in wilder Flucht, nachdem von der Seeseite her 2 kaiserliche Kriegsschiffe ein Bombardement eröffnet und gleichzeitig vom Land , her der Angriff von den Wißmannschen Truppen statt- ) fand. Wißmann bleibt vorläufig in Kilwa, um dort i eine wirksame Vertheidigung zu organisiren für den : Fall, daß die Rebellen versuchen würden, Kilwa wieder i zu besetzen.
t * Saarbrücken, 8. Mai. Das Ministerium : untersagte der Berg - Direktion in Saarbrücken die i Stellung eines Strafantrages gegen den Abg. Dasbach aus Trier wegen eines Artikels, worin der Berg- Verwaltung Beschränkung der Wahlfreiheit der Bergleute vorgeworfen wird.
Ausland.
* Wien, 7. Mai. Zum Erzbischof von Salzburg wird voraussichtlich der jetzige Weihbischof Dr. Haller gewählt, es haben zu diesem Behufe bereittz Handlungen zwischen dem Domkapitel und btm Ministerium stattgefunden.— Die Arbeiter-Bewegung wirft immer noch hohe Blasen, weil fortgesetzt neue Strike - Drohungen regiftrirt werden und ein sehr unruhiger Geist in der Arbeiterschaft herrscht. — Die diesjährigen Ernte-Aussichten stellen sich in Oesterreich-Ungarn günstig. — Die ungarische Regierung bekundet ihren Liberalismus durch sehr kleinliche Maßregeln, so werden jetzt die Staats - Zuschüsse an die Geistlichen mit einem Abzüge belegt.
* Ans der Schw eiz, 6. Mai. Der Bundesrath, welcher jetzt die Frernden-Polizei etwas strenger nimmt, hat in letzter Zeit in unauffälliger Weise Erhebungen über die in der Schweiz lebenden Fremden vorgenommen. Darnach sind 10 Prozent der Bevölkerung Ausländer. Das neue Gesetz, wonach gemeinen Verbrechern in der Schweiz auch dann kein Asylrecht gewährt werden soll, wenn sie ihre That unter politische Aushänge - Schilde stellen, wird allen Mächten offiziell publizirt werden.
* Vor und nach dem 1. Mai hat die Arbeiter-
Während der Baron in seinem Schlafzimmer dieses Selbstgespräch hielt, war Leontine wie gebannt in dem Zimmer stehen geblieben, in welchem sie die furchtbare, niederschmetternde Unterredung mit ihrem Vater gehabt hatte. Das war noch derselbe Raum, das waren noch dieselben Geräthe, zwifchen denen sie als Kind so gern gespielt, Alles war noch wie ehemals, nur der Vater war es nicht mehr, der hier sein einziges Kind gehätschelt und verzogen hatte.
„Die tobten Dinge bleiben, nur bie Menschen ver- änbern sich!" sagte sie laut unb erschrak vor bem Tone ihrer eigenen Stimme. „Fort, fort von hier, es ist mir, als müsse die Decke einstürzen und mich und die hier erlittene Schmach begraben!" rief sie heftig. Stürmisch eilte sie aus dem Zimmer und schlüpfte, sich scheu umsehend, über eine Seitentreppe nach den oberen Räumen. Heute war es ihr nicht möglich, den Schein zu wahren, den Seuten die Baronesse Reina zu zeigen. Der Schmerz und die Aufregung trugen über den Stolz den Sieg davon.
Diese Stimmung steigerte sich, als sie sich wieder in ihrem Zimmer allem sah. Sie wollte ihrer Jungfer klingeln und den Befehl zum Packen geben, sie wollte selbst Hand anlegen — sie vermochte beides nicht. In Thränen aufgelöst, schluchzend, gebrochen lag sie auf dem Sopha, keines Wortes, keines Gedankens mächtig,