Freitag, den 9. Mai 1890.
17. Jahrgang
M 106.
Fuldaer Zeitung
«....___________4.CA. a,ifhn - - Druck u. Berlaa der Fuldaer Actiendruckerei tA. Tillmann).
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Tillmann).
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilagc ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Tie .Fuldaer Zeitung' erscheine täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.
Inserate losten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Psg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Der erste Mai in Kam.
Einst und jetzt.
Die ewige Stadt bot am ersten Mai, zu guten päpstlichen Zeiten ein Freudentag für Römer und Fremde, einen überaus düstern Anblick. Vom Himmel strömte der Regen bis gegen Mittag, die Bevölkerung harrte in banger Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Der Vandalismus der sinkenden Arbeiter am 8. Februar war noch frisch im Gedächtniß. Am 1. Mai könnten die Ausschreitungen in großem Maßstabe sich wiederholen, so fürchteten Alle und die Regierung glaubte selbst daran, sonst hätte sie nicht mit einem Riesenapparat von Vorsichtsmaßregeln die allgemeine Panik befestigt. Gendarmerie und Besatzung war voll-' ständig auf dem Posten und fcharf bewaffnet, mehrere Regimenter aus den Provinzen herbeigezogen. In den Hofräumen der öffentlichen Paläste standen Truppen- Mhcilungen, Patrouillen zu Fuß und zu Pferd durchzogen die Straßen. Auf den Forts war man ebenfalls mit Instruktionen versehen. Neben blinden Patronen wurden scharfe vertheilt. Nur so glaubten die weisen Machthaber Roms am 1. Mai 1890, im 20. Jahre der „Befreiung", refp. des barbarifchen Bombardements Roms, Leben und Sicherheit der Bürger gewährleisten zu können.
Man hat den Päpsten, namentlich Pius IX. vorgeworfen, daß sie in Rom mit eigenen Mitteln zur Aufrechthaltung der Ordnung nicht ausreichten, mit welchem Unrecht, beweifen der 8. Februar und der 1. Mai. Im pävstlichen Rom zu Pius IX. Zeiten geschah es, daß Garibaldiner und anderes Lumpcngesindc! zu Hunderten, ja zu Tausenden unbehindert resp. mit dem Röthigen ausgerüstet von den italienischen Grenzwachen ins päpstliche Gebiet eingelassen wurden. In Rom selbst arbeiteten die Carbonari, gedungene und bezahlte Mordbrenner, Minirer, den Befreiern von draußen in die Hände. Man denke an den Schlachttag von Mentana und die drei Tage von Montero- tondo. Vor den Mauern zehntausend Garibaldiner, innerhalb derselben die Carbonari. Von den Zinnen der Villa Mellini auf dem Monte Mario gab eine Fahne das Signal zum gemeinsamen Ausfuhr. Die Kaserne Sefestori flog mit einer Abtheilung Zuaven vor den Thoren des Vatikans in die Luft. Auf dem Kapitol, bei der Porta St. Paul, auf der Piazza Colonna und anderen Punkten rotteten sich im Nu bewaffnete Carbonari und Verfchwörer zusammen.
Das kleine päpstliche Heer ist mit aller verfügbaren Mannschaft nach Mentana hinausgezogen. In Rom ist nur die Gendarmerie mit einigen Kompagnieen Schweizern zurückgeblieben und diesen gelingt es beinahe ohne Blutvergießen die Verfchwörer innerhalb der Stadt auf allen Punkten zu Paaren zu
In harter Schule.
Roman von G. I.
(34. Fortsetzung.)
„Ich bin nicht eifersüchtig auf ihn", fuhr der Baron fort, „und Du magst auch sehen, wie Du mit chm fertig wirst. Darum handelt es sich aber jetzt nicht, ich wollte Dich nur mit den Verfügungen bekannt machen, die ich getroffen habe."
Leontine verbeugte sich schweigend.
„Es ist der Wunsch meiner Braut, daß unsere Trauung im engsten Familienkreise stattfinde und nach derselben werden wir iofort eine Reise nach Italien und der Schweiz antreten, von der wir erst im Herbste zurückzukehren gedenken. Ich nehme an, Du wünschest der Hochzeitsfeier nicht beizuwohnen."
»Rein! nein!" rief Leontine, die Hände wie abwehrend von sich streckend.
„Auch meine Braut wünscht dies nicht, nachdem Du Dich ihr so schroff entgegengestellt", fuhr der Barvn fort, ohne ihre Bewegung zu beachten. „Sie hält es für bester, daß Ihr Euch erst bei der Rückkehr von unserer Reise seht, Du wirst während dieser Zeit Dich in die vollendete Thastache gefügt und mit dem Gedanken, sie als meine Gemahlin zu begrüßen, befreundet haben.
treiben. Es darf dabei nicht unberücksichtigt bleiben, daß die Aufrührer vom 8. Februar nur mit Stöcken bewaffnet waren und. es nur auf Zerstörung des Eigen- thums abgesehen hatten, während die Carbonari unter Pius IX. nur mit Kugel und Dolch und Sprengpulver arbeiteten.
Der „erste Mai" wird nun freilich als glänzender Sieg der Regierung gefeiert. Die Panik ist vorüber. Ereignisse wie am 8. Februar, trümmerbedeckte Straßen, ausgeplünderte Läden, Einschließung der Bevölkerung, Dinge, die früher im päpstlichen Rom und unter dem bedrängten und verrathenen Pius IX. im 19. Jahrhundert in Rom nie an der Tagesordnung waren, haben sich am 1. Mai nicht wiederholt.
Das Eine steht jedoch Fest, daß Rom von allgemeiner Panik ergriffen war, und daß die Regierung durch die riesige Machtentfaltung in den Augen der Bevölkerung das Zeugniß eigener Schwäche abgelegt hat. Dahin mußte es kommen, daß dieselbe Armee und die Kanonen, die anno 1870 die Thore der ewigen Stadt niederlegten, nunmehr im befteiten Rom, im geeinigten Italien zur Anfrecht- haltung der Ordnung, und um Eigenthum und Leben der Bürger zu sichern, verwendet werden müssen. Pius IX. und feine Minister erwehrten sich der meuchlerischen Carbonari und der Garibaldiner mit Hilfe der Gendarmerie und einiger Kompagnien Schweizer. Crispi fetzt die Armee auf Kriegsfuß, um sich der Wuth seiner Landsleute zu erwehren, die Brod und Arbeit verlangen und Rache nehmen wollen an Denjenigen, die ihr schönes Heimathland durch egoistische Fr-imaur-rpoliük trotz einer 20jährigen Friedensperiode an den Bettelstab gebracht haben._______
Deutsches Keich.
B erlin, 7. Mai.
* Als auffallend bezeichnen hiesige Blätter, welche die bei Eröffnung des Reichstages verlesene Thronrede auf das Günstigste besprechen, daß der Kaiser besonders betonte, daß es ihm gelungen fei, das Vertrauen in Seine Politik zu befestigen. Daß in der Thronrede jeder Hinweis auf den tief einschneidenden Kanzlerwechsel vermieden wurde, findet man in Rücksicht auf die Ergüste des grollenden Fürsten Bismarck in seinem Leibblatte, den ,Hamb. Nachr.', sehr begreiflich. Die besonders scharf betonten Worte des Kaifers, welche ankündigten, daß er jedem Versuche, an der Rechtsordnung zu rütteln, mit unbeugsamer Strenge entgegentreten werde, müssen die nationalliberalen Blätter als Ersatz des von ihnen so sehnlichst gewünschten Sozialistengesetzes ansehen. Die Betonung der eminent friedlichen Lage in der
„Nie, nimmermehr!" rief Leontine.
„Halte das, wie Du willst", sagte der Baron, der seine Rolle einstudiert zu haben schien und sich nicht herausbringen lassen wollte. Ein scharfer Beobachter hätte wieder den Draht sehen können, der ihn in Bewegung fetzte, er war von anderem und etwas gröberem Stoff als der, an dem ihn seine verstorbene Gemahlin lenkte, aber ein Draht war und blieb es. „Es scheint mir angemessen, daß Du morgen oder spätestens übermorgen nach Reina abreisest und dort bleibst, während ich mit meiner Gemahlin auf Reisen bin."
Leontine athmete erleichtert auf. So brauchte sie wenigstens den schrecklichen Tag der Vermählung nicht an dem Orte zu verleben, wo sie vollzogen ward, so konnte sie sich an das Grab ihrer Mutter, in die tiefe Einsamkeit des Parkes in Reina flüchten und dort ihren grenzenlosen Schmerz ausweinen, so lagen wenigstens Monate noch zwischen dem heutigen Tage und der Stunde, wo die Verhaßte in das Schloß ihrer Väter einzog; bis dahin konnte noch viel geschehen.
„Ich danke Dir, Papa, ich werde sogleich Befehl zum Packen geben," sagte Leontine.
„Es ist selbstverständlich," fuhr der Baron fort, vermied aber, dabei seine Tochter anzusehen, „daß Du, während ich mit meiner Gemahlin auf Reisen bin, nicht allein in Reina leben kannst."
Thronrede steht leider in einem gewissen Gegensatz zu den neuen Forderungen für Rüstungen, denen wir uns im Herzen Europas unter den gegenwärtigen Verhältnissen leider nicht entziehen können.
* Die .Germania' bringt heute das Schreiben der Fuldaer Bischofs-Konferenz vom Jahre 1889 in Sachen der Sperrgelder zum Abdruck, von dem das Staatsministerium nach Erklärung des Kultusministers erst im Februar Kenntniß erhielt. Diese Eingabe wurde am 22. August 1889 an das Staatsministerium abgesandt, scheint aber nicht an ihre Adresse gelangt zu sein. Im Februar 1890 wurde der Erzbischof von Köln benachrichtigt, daß dem Staatsministerium eine Eingabe der Bischöfe nicht zugegangen sei, woraus dieser demselben sofort eine Abschrift zustellte. Das Schreiben lautet wörtlich wie folgt:
„Fulda, den 22. August 1889.
Hohem Staatsministerium beehren wir uns Nachstehendes zu einer geneigten Erwägung vorzutragen.
Im § 9 des Gesetzes vom 22. April 1875 ist die Verwendung der auf Grund desselben angesammelten Fonds einer gesetzlichen Regelung vorbehalte».
Nachdem eine Reihe anderer kirchlicher Fragen ihre Lösung gefunden hat, haben das katholische Volk wie der Klerus sich der Hoffnung hingegeben, daß auch diese Frage in einer die Betheiligten befriedigenden Weise ihre Regelung finden werde. Nun verlautete zwar in der letzten Legislatur-Periode, daß ein diesen Gegenstand betreffender Gesetzes-Entwurf von der Hohen Staatsregierung vorbereitet sei und dem Landtage vorgelegt werden solle. Die Hoffnung der Katholiken, die eine durch dieses Gerücht begründete Bürgschaft zu haben schien, ist jedoch um üllt geblieben, und hat sich in Folge dessen im Klerus und Volk eine nicht geringe Unruhe und Unzufriedenheit gebildet, die im Interesse der Gerechtigkeit und des religiösen Friedens zu beklagen ist.
Es ist uns unbekannt, welche Schwierigkeiten die Regelung dieser Angelegenheit verzögert haben; sollten sie jedoch in der Art der Verwendung liegen, so gestatten wir uns ergebest., darauf hinzuweisen, wie die Hoffnungen und Erwartungen im Klerus wie im Volke keine andere Richtung haben, als bi; einfache Rückgabe der angesammelten Fonds an dst. von t>em genannten Gesetze betroffenen Personen und Institute. Diese Regelung allein ist im Stande, alle Betheiliglen zu befriedigen, und entspricht um so mehr der Gerechtigkeit, als dieselben nur ihrer religiösen Ueberzeugung, nicht einer staatsfeindlichen Opposition ihre staatlichen Bezüge zum Opfer gebracht haben.
Ein Hohes Staatsministerium wolle daher geneigen, baldigst durch eine Gesetzes-Vorlage, welche den gerechten Erwartungen des katholischen Klerus und Volkes entgegenkommt, die Quelle weiterer Erregung und Verbitterung zu schließen.
t Philippus, Erzbischof von Köln.
t Johannes Christian, Erzbischof von Freiburg.
t Julius, Erzbischof von Gnesen und Posen.
t Georg, Fürstbischof von Breslau.
t Wilhelm, Bifchof von Hildesheim.
t M. Felix, Bischof von Trier.
t Bernhard, Bischof von Osnabrück.
f Andreas, Bischof von Ermland.
t Karl, Bischof von Limburg.
ff Leo, Bifchof von Kulm.
t Joseph, Bischof von Fulda, zugleich für
f Franz Kaspar, Bifchof von Paderborn.
Dr. Giese, Kapitular-Vikar des Bisthums Münster.
An das königlich preußische Staatsministerium zu Berlin."
Leontine fchaute verwundert auf. „Warum sollte ich in Reina nicht allein leben können? Habe ich doch hier sehr allein gelebt," sagte sie bitter.
„Das war mir unangenehm genug und hat unliebsame Bemerkungen die Menge hervorgerufen," versetzte der Baron, „eben deshalb soll es jetzt ein Ende haben."
„In Reina sehe ich ja aber keine Gesellschaft und bin umgeben von alten treuen Dienern, die mich von Kindheit an gekannt haben."
„Verschone mich mit Deinen Einwänden!" rief der Baron barfch; „ich sage Dir, es soll sein." Je unbehaglicher ihm bei der Unterhaltung ward, desto mehr suchte er sich nach Außen das Ansehen der Bestimmtheit und Strenge zu geben.
Leontine verbeugte sich. „Ich erwarte Deine Befehle, Papa," fagte sie kalt.
„Du reisest, wie bereits bestimmt, in Begleitung Deiner Kammerjungfer und eines Dieners nach Reina, ich werde Befehl geben, daß der Wagen Dich von der Station abhole. Am Tage nach meiner Vermählung folgt Dir Madame d'Arcourt dahin.
„Wer?" fragte Leontine, welche ihren Ohren nicht trautet
„Madame d'Arcourt, die Tante meiner Braut. Sie will die Güte haben, während unserer Reise in Reina zu wohnen und Mutterstelle bei Dir zu vertreten."