V 103.
Dienstag, den 6. Mai 1890.
®rutf u. Verlag der Fuldaer Actiendruckcrei (A. Tillmann).
Sian-
Gewiß, diese Ausführungen haben nicht auf den Beifall iener Sozial-Politiker zu rechnen, welche in der Richtung der Kirche auf das Jenseits das innere Hlndernlß ihres sozialen Berufes erblicken — hier scheiden sich eben die Geister, je nachdem sie glauben oder nicht und ihren Glauben als Richtschnur betrach- ten. Wir halten uns an den sozialen Beruf der Kirche
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I Die Staaten zum universellen Bankrott und hat daher vor jedem vorurtheilsn-pi denkenden Sozialvoli- tiker selbst Bankrott gemacht. — Anläßlich vorstehender Ausführungen wollen wir unsere Leser noch auf eine soeben im Verlage von F. Schöningh-Paderborn herausgegebene Flugschrift aufmerksam machen, welche
I .TiEel fuhrt „Die soziale Frage und die freie Kirche/ Dieses von einem Universitäts-Professor an das christliche deutsche Volk und seine Ver- treter gerichtete offene Wort könnte manches Mißverständnis in Behandlung sozialer Fragen beseitigen. Ueber ^5. erwähnte Flugschrift urtheilt ein Mitarbeiter der ,Koln. Bolksztg/ wie folgt.:
Sie behandelt ihren Gegenstand in edeler maßvoller Form ‘"2S vorwiegend vom allgemein politischen und vom kirchen- politischen Standpunkt nicht ohne die unbedingte Nothwendiqkeit ey11;1 ^W"stlichen Reform entschieden zu betonen
aber doch ohne m die Einzelheiten einer solchen einzugehen. Der Ausgangspunkt bildet die m den letzten Reichstagswahlen auch für die Vertrauensseligsten bewiesene wirkliche Gefährdung der bürgerlichen und staatlichen Ordnung, die zweifellose Thatsache einer tiefen Erkrankung der Gesellschaft, deren tiefster Grund der letzt immer deutlicher in die Erscheinung tretende Ab- ^^enthum ist. Der Arbeiterschutz allein thut es nicht, denn die Gefahr ist nicht bloß eine volkswirthschaftliche, sondern in erster Linie eine sittliche; nicht nur um Besserung des Looses der niederen Stände, oder um den Uebergang zur repu- blikanischen Regierungsform handelt es sich, sondern um eine
sollten, Anlaß gegeben werden sollte, an Christeuthum und Kirche reichlich Kritik zu üben, um darüber das K?pttal und die jüdischen Geldsäcke mehr zu vergessen Dieser Plan scheint dnrch die groteske Behauptung angedeutet zu werden: „Während die jüdische Re- ligion noch erneu hervorragenden sozialpolitischen Zug an sich trägt — mau denke nur o" d'e zahlreichen gesundheitlichen, politischen und wirthschaftlichen Gebote des Pentateuch — hat ,'ick, das Christeuthum in sch rossen Gegensatz zu Allem gestellt, was das Wesen derSozial- p o l i t i k a u s m a ch t.» Die Wahrheit wird hier qe- radezu auf den Kopf gestellt. Der Satz müßte um- gekehrt werden. Er muß lauten: „Während das Christen- thum sich als die hervorragende Macht zist Stiftung und Forderung des sozialen Friedens erweist, hat sich das Judenthum in scharfen Gegensatz zu den wesentlichsten Bedingungen desselben gestellt." Christus der | Herr kannte den Nationalcharakter des Judenthums genau. Daher seine unnachsichtliche Strenge gegenüber den Reichen. Daher seine eindringliche Warnung vor dem Hang n,ch zeitlichem Besitze. Daher seine rührende Aufmunterung zur Freigebigkeit und selbstlosen Nächstenliebe. „Wehe Euch, ihr Reichen!" Selig sind die Armen im Geiste." „Fraget nicht ä'ngst-
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In harter Schute.
Roman von G. I.
(31. Fortsetzung.)
Mit den Blicken des Kenners war Kurt den Fortschritten des von ihm angelegten Planes gefolgt und damit vollkommen zufrieden. Gelegentliche verstohlene Besuche bei den Franzosen hatten ihn über Ulrichs Beziehungen zu denselben auf dem Laufenden erhalten und der Lieutenant erschien ihm bald für vorbereitet genug, daß gegen ihn ein Hauptschlag geführt werden rönne, während er auf der andern Seite vorsichtig naher trat, um im entscheidenden Augenblicke in die Aktion eingreifen zu können.
• gr, streute zu diesem Zwecke geschickt, so daß man + s!$n at® den eigentlichen Urheber zurückgehen ”nte' öie Gerüchte von der bevorstehenden Wieder- Uung des Barons von Reina aus, hütete sich wrchl' irgend einen . Schatten auf die einem sv; c lösten, umgab sie vielmehr mit die ÖeS lÄeheimnißvollen, Fremdartigen, was
n h l Schaft von der einen Seite gegen sie einnahm tonnherhmJ^ff r*er au$ das Interesse an der neuen Sä ? ^'^emung vermehrte. Man stellte Leon- ifirri ör ’ T W'derwillm gegen die zweite Heirath Sm ShemfttC? •flö ^e Abneigung gegen eine Stiefmutter dar und je mehr Damen in mehr oder
lich: was werden wir essen, was werden wir trinken, oder womit werden wir uns bekleiden!" „Seid barm- I
~".®u sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich > Nächster aber ist jeder Elende und Hilfsbedürftige, der auf Deiner Lebensreise Dir be-
»Was immer Ihr dem geringsten meiner Bruder gethan haben werdet, das habt Ihr mir qethan " , Wenn die frankfurter Zeitung' schreibt: „Die allqe- ! .n'™er Armuth und der universelle Bettel ist das wirth- ' schastliche Ideal der ursprünglichen Jesuslehre", so i Esten wir derselbe erwidern, daß nicht der universelle ! Bettel, sondern die universelle Wohlthätigkeit, und zwar ! eine selbstloje Woh lthätigkeit, die mit Rücksicht ! “UJ. ®ottt lhre Wohlthaten spendet, das Ideal des i Christenthums ist. Diese christliche Wohlthätigkeit tritt freilich der unbegrenzten Ansammlung des Kapitals in den Händen Weniger entgegen. Wenn daher die Gelehrten der frankfurter Zeitung der Ansicht huldigen, daß die „menschliche Civilisation von der Ansammlung
'str bald hier, bald dort ein Wort, eine Bemerkung zuflustern, ihr im Vorübergehen erzählen, daß er Ulrich mit den Französinnen gesehen, was er in seinen Mienen gelesen habe, ihr tropfenweis den Zweifel, das Mißtrauen gegen ihren Verlobten einflößen. Das macht sich am besten im Strome der Gesellschaft, wo eine Woge uns mit den Leuten zusammensührt, nach flüchtigem Begrüßen und oberflächlichem Gedankenaustausch — wenn Gedanken dabei überhaupt zum Vorschein kommen — eine andere uns wieder hinwegspült. Es war also ebenfalls des Grafen Veranstaltung, daß Leontine ihre Zurückgezogenheit aufgegeben hatte.
Er zeigte sich auch in dieser Veranstaltung wieder als einen Meister der Strategie, der alle Chancen zu benutzen versteht. Hätte er Leontine in direkter Weise darüber aufklären wollen, daß Ulrich sich von ihr gewendet habe und den Netzen ihrer Feindin verfallen sei, so hätte sie sich wahrscheinlich empört dagegen erhoben und möglicherweise Ulrich zur Rechenschaft gezogen. Das wollte er aber nicht. Der Lieutenant glich jetzt noch einem Schlafwandelnden, der bei einem plötzlichen Aufruf doch zur Besinnung kommen konnte- er mußte erst unentrinnbar verstrickt und seine Kousine allmählich gegen ihn eingenommen werden. Das qe- lang. Wie der unaufhörlich niederfallende Tropfen den Fels unterwäscht, der einem einzigen gewaltigen Angriffe von Strom und Wellen unerschütterlich Stand
Deutsches Keich.
Berlin, 3. Mai.
* Die Eröffnung des Reichstags erfolgt am Dienstag Mittag 12 Uhr im weißen Saale des kql Schlosses. a
minder reiferem Alter sich auf die Hand des Barons Rechnung gemacht hatten, um so empörender fand man daß ein so junges Mädchen die Herrschsucht und Anmaßung besitze, allein und unumschränkt im ipauje ihres Vaters walten und keiner hierzu viel berechtigteren Dame den Platz räumen zu wollen. Grollte man dem Baron auch, daß er di esen Platz mit einer Fremden, Unbekannten zu besetzen gedachte, so grollte man seiner Tochter doch noch mehr, daß sie ihn keiner gönnen gewollt und schließlich war jede Einzelne, die sich auf die gute Partie Rechnung gemacht, doch zufrieden, da dieselbe, da sie ihr entging, wenigstens keiner ihrer Freundinnen und Bekannten zu Theil ward. 0 ’
Leontine hatte in der öffentlichen Meinung ver- loren — das war ebenfalls ein Schachzug des Grafen; em anderer war der, daß sie sich wieder in Gesellschaft zeigte. Er fand m den Salons oft Gelegenheit, sie zu ehen, wahrend er sie im Hause ihres Vaters nur leiten und bei dringenden Veranlassungen aufsuchen lurfte. Der Baron hatte den Verdacht gegen ihn, daß er feine Tochter gegen seine Braut einnehme, das wußte der Graf aus sicherer Quelle, schon darum mutzte er mit seinen Besuchen bei Leontine vorsichtig lein, außerdem mußte er, wenn er ihr allein in ihrem Salon gegenübersaß, bestimmte greifbare Dinge vortragen. Das lag aber nicht in seiner Absicht. Er wollte
ganze Weltanschauung, nicht um diUbnnq" d^Re^^t^ i des, ,andern um die Umgestaltung der ganzen befteb nb r, Prh I nung, Deshalb der durchaus folgerichtige Uefe Haß der S°A denwkratie gegen Christeuthum und Kirche als Vertreter derjenigen W'h»aftd,k“'rr: 5^che der ihrigen am schärfsten und wirksamsten Widerstand leistet. Daher aber auch die Nothwendiqkeit der Rückkehr zum vollen christlichen Geiste, zu den Grundsätzen des Evangeliums wenn gegenüber der Sozial-Demokratie ganze Arbeit gemacht werden soll, und als Vorbedingung die Gemäh- rung dervollen kirchlichen Freiheit. Eingehender werden dann der Begriff der letztern entwickelt, die Befürchtungen zurnckge- w,ese>, als könne dieselbe die Selbstständigkeit und den Frieden unter den Konfeffionen beeinträchtigen, und schließlich erörtert was Deutschland durch die freie Wirksamkeit besonders auf sozia- lem Gebiete gewinnt. Alle diese Ausführungen sind getragen vom Geiste der Vaterlandsliebe und religiösen Duldung und befürworten aufs nachdrücklichste den neidiosen Wetteifer der Be- kenntmffe wie das einträchtige Zusammenwirken zwischen qeist- ftm+u- Uh'bh 1DC t !rf)e!: Gewalt. „Sowohl der Staat als auch die Eseche haben alle ihre Kräfte einzusetzen, wenn dem Strome soll gesteuert werden, der sich gegen die menschliche Gesellschaft heranwalzt. Der Staat unterstütze besonders das christl che Vereinsleben, die Arbeiter-, Gesellen-, Jünglings- und an- ber.e ^f^ine, m welchen sittlich-religiöser Geist gepflegt wird und ^welche den Jünglingen und Männern Schutz bieten gegen und ihre Lehren. Er befördere die Psarr- theilungen und Klrchenbauten, besonders in den großen Städten und Industrie-Gegenden, dämit der Kirche eine geordnete Seel- forge ermöglicht werde Er unterstütze mit materiellen Mitteln mit blC, "eu geafft werden müssen, da-
eine Hirte,ilofe Heerde werde. Er befördere be,anders die Missionen. Er gewähre der Kirche vor Allem wieder dm ihr von Gottes und Rechtes wegen zustehenden größeren Einfluß auf die Schule. Er wache über die unsittliche und reli- glonsfemdliche Presseund, lasse nicht auf den Theatern christlichen ®t?ube" und christliche Sittenlehre und Gottesfurcht verhöhnen und das Laster verherrlichen. Er führe streng die Gesetze über «onntagsruhe und Sonntagshelllgung durch und gebe besonders auch den Subaltern-Beamten Gelegenheit, dem Gottesdienst^?^ "uhuen zu können Er pflege auch in den Kä'ernen mehr reli- giö,en Geist; mit dem monatlichen Kirchenbesuche sollte man sich E^grmgeu. Auch die nicht selten inhumane und deshalb un= cf)rtfthd)e Behandlung der Soldaten treibt diese in vielen Füllen in das Lager der Sozialdemokratie. Da die Familie der Kern der bürgerlichen Gesellschaft ist, so stelle man durch Aufhebung der obligatorischen Civil-Ehe die christliche Ehe wieder her. Man steuere den konfessionellen Verhetzungen, wodurch man der Sozialdemokratie nur Wasser auf ihre Mühlen liefert. Der Staat muß wieder em wirklich sittliches Gemeinwesen werden. Wie die
h'T"! Bestreben die natürliche Bundesgenossin des
t i° ^^"ch dieser umgekehrt die Bestrebungen der Kirche unterstützen. Nur durch die gegenseitige Unterstützung und vereinte Arbeit beider Gewalten kann die menschliche Gesellschaft prrp^„ ^bett aU"bt dseselbe ihre zeitliche und ewige Bestimmung
®teJe6 5t ewe positive Aufgabe der staatlichen Gewalt ? Qb,er besteht darin, der Kirche volle Freiheit auf ihrem Gebiete zu geben und zu gewährleisten."
------------------------------------- 17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung.
v. * Bezüglich des bereits in unserem Blatte gewürdigten Aufsatzes der.Frankfurter Zeitung' (117 u. 119 I. Morgenbl. v. 27 u. 29. v. Mts.) über Christen- thum und Sozialpolitik wird uns aus unserem Leserkreise u. A. noch Folgendes geschrieben: Der erste Theil dieses Aufsatzes soll den Nachweis erbringen daß die Kirche ihrem Wesen nach keine Sozialpolitik treiben kann, wonach dann im zweiten Theile nnt einem ron^ren salto mortale her Satz vertbeibicit roirb: „Für ihre allenfallsige Mitwirkung am Werke ber Sozialpolitik müßte die Kirche die conditio sine qua non [teilen, daß sie auf das ganze sozialpolitische Werk einen wesentlichen Einfluß
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