JM 102
Sonntag, den 4. Mai 1890
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmanu).
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Schreiben des hl. Vaters an den hochw. Herrn Erzbischof von Köln.
Papst Leo XIII.
Ehrwürdiger Bruder. Gruß und apostolischen Segen. Eine Sache von großer Gefahr ist. wie Tu wohl weißt, die sogen, soziale Frage, welche so schwerwiegend ist, daß sie auch Diejenigen, welche in den größten Gebieten Europas dem Staatswesen vorstehen, in Unruhe versetzt. Und es ist Dir auch nicht verborgen, daß Unsere Sorgfalt schon lange darauf gerichtet ist, daß die tiefsten Ursachen dieses Uebels erkannt und die geeignetsten Heilmittel für dasselbe ausgefunden werden. Auch in dem Briefe, welchen Wir unlängst an den erlauchtesten Kaiser von Deutschund König von Preußen gerichtet haben, der in freundlichster Weise Uns von der jüngst über jene Frage in Berlin abgehaltenen Konferenz geschrieben hatte, haben Wir deutlich den Eifer zu erkennen gegeben, daß den Armen, welche ihren Lebensunterhalt sich unter Mühen erwerben, geholfen werde, und daß Wir denselben nach Kräften alles Wohlwollen beweisen.
Das aber kann gewiß deiner Klugheit nicht verborgen sein, daß, obgleich die Hilfsmittel, welche die staatliche Gewalt zu gebrauchen in der Lage ist, um den Lebensstand der Arbeiter zu erleichtern, groß sind, dennoch in diesem segensreichen Werke der Kirche eine größere Aufgabe zufällt. Denn indem die göttliche Kraft, in welcher die Religion stark ist, die Geister und die Herzen der Menschen bis in das Innerste durchdringt, lenkt uud richtet sie dieselben so, daß sie aus freien Stücken den Weg des Gerechten und Rechten einschlagen. Die Kirche ist nämlich mit einem gewissen angeborenen Rechte die treue Hüterin der von Gott geoffenbarten Wahrheit, von Christus dem Herrn, der die Weisheit des Vaters ist, damit beauftragt, und sie ist Erbin der Liebe desjenigen, der „unsertwegen bedürftig wurde, während er reich war", damit in gleicher Weise der Reiche und der Arme sein Bild trügen, nachdem sie' bk Würde der Söhne Gottes erlangten; und der die Armen so sehr geliebt hat, daß er ihnen Zeichen ganz besonderer Liebe gab.
Von ihm ist die h. Lehre des Evangeliums ausgegangen, welches das vorzüglichste dem menschlichen Geschlechte gegebene Geschenk ist; denn indem sie die unveränderlichen Rechte und Pflichten des Einzelnen umschreibt, vermag sie allein in edler Bereinigung der Gerechtigkeit und Liebe zu bewirken, daß bei der in der Natur des Menschen begründeten Verschiedenheit des Lebensstandes nichts hart erscheine. Deßhalb würde jenes Volk, welches in Allem, was es anstrebt, in Allem, was es staatlich und privatim thut, diese Norm der wahren Lehre beobachten würde, den sichersten Weg betreten und Alles unter den günstigsten Aussichten betreiben.
Genau dieselbe Auffassung und Empfindung, wie Wir, haben in dieser Hinsicht die kirchlichen Vorsteher des deutschen Kaiserreiches, von deren seelsorglichem Esser uns mehrere von ihnen begründete oder begonnene vortreffliche Einrichtungen, geeignet zur Linderung des mühevollen Lebens des arbeitenden und bedürftigen Volkes Zeugniß gegeben haben. Damit aber die Kirche um so voller und wirksamer das leisten könne, was die Verhältnisse und die Zeit erfordern, muß in Bereinigung der Bestrebungen und Kräfte alle Einsicht nnd alle Kraft, welche zur Erleichterung des Uebels zu Gebote stehen, in Anwendung gebracht werden.
Zuerst nämlich muß man mit geduldiger und thätiger Emsigkeit dahin streben, daß die Völker nach Verbesserung der Sitten sich daran gewöhnen, privatim und staatlich das Leben so einzurichten, daß es mit der Lehre und den Beispielen Christi übereinstimmt; hierauf ist dahin zu wirken, daß man sich nicht von den heiligen Vorschriften der Gerechtigkeit und der christlichen Liebe entferne, wenn unter den verschiedenen Klaffen der Bürger über irgend einen Gegenstand sich Zweifel erheben, und daß die
In harter Schule.
Roman von G. I.
(30. Fortsetzung.)
„Ehe ich an eigenes Glück denke," hatte sie geantwortet, „muß ich erst das Unheil von meinem Vater und die Schmach von unserem Namen abgewendet haben. Es handelt sich hier nicht bloß um das Lebeusglück und den Seelensrieden meines Vaters — da erntet am Ende Jeder, was er säet, und ein Anderer kann nicht wirksam eingreifen — es handelt sich auch nicht um das, was ich persönlich von dieser Abenteurerin und ihrem Anhang zu erdulden hätte, vor allen Dingen kommt es darauf an, die Ehre unseres Hauses zu wahren. Vergessen das die Männer, so müssen es die Frauen thun. Ehe nicht alle Mittel erschöpft sind, diese abscheuliche Verbindung zu verhindern, darf von keinem Aufgeben des Kampfes gesprochen werden, ehe nicht meine Mission erfüllt ist, darf ich nicht an Eheglück denken. Willst Du mir ferner beistehcn, oder muß ich mich nach anderen Berufsgenossen umsehen?"
Ulrich hatte seine Bereitwilligkeit zu ihren Diensten betheuert, sich aber dabei eines Gefühls der Erleichterung nicht erwehren gekonnt, daß sie die Verbindung mit ihm in eine unbestimmte Ferne hinausschob. Er schalt sich zwar ob dieser Empfindung, .es half aber
etwa entstandenen Streitpunkte durch die Vermittlung der Autorität der Oberhirten beseitigt werden; endlich ist Sorge dafür zu tragen, daß für den Armen die Beschwerden des gegenwärtigen Lebens leichter zu tragen sind, und den Reichen die irdischen Glücksgüter nicht ein Werkzeng sind, um die Leidenschaft zu nähren und Unrecht zu thun, sondern um wohlthuende Gaben zu spenden, damit sie sich kostbare Schätze im Himmel erwerben.
Deßhalb halten Wir hohen Lobes werth, was der fromme Eifer der Deutschen ins Werk setzt, wenn er Häuser baut, wo die friedlichen Arbeiter in ehrenhafter Weise zusammen kommen, wenn er Schulen gründet nnd Mädchenanstalten, damit die Jugend beiderlei Geschlechtes in geeigneter und richtiger Weise unterrichtet werde, wenn er Genossen zur Förderung der Frömmigkeit zusammenschaart und andere derartige Sachen in Angriff nimmt.
Denn cs zielt dieses ja darauf hin, daß nicht nur die Arbeiter ihre Lebenshaltung verbessern und ihre materielle Roth beseitigen können, sondern auch darauf, daß Religion und gute Sitten gepflegt werden. Es könnte sich für Uns in der Thal nichts Erfreulicheres ereignen, als wenn Dentschlands Bischöfe mir jener Beharrlichkeit, die sie auszeichnet, zugleich mit Unterstützung der Geistlichkeit nnd der Gläubigen, unter demselben glücklichen Schutz der Religion, unter welchem Das, was Wir geschildert, unternommen worden ist, diese so nutzbringenden Werke und Einrichtungen weiter auszubreiten nnd noch durch andere ähnliche zu vermehren vermöchten, zumal in jenen Orten, welche sich vor anderen durch die Blüthe ihrer Industrie und Gewerbe nnd durch ihren stärkeren Arbeiter-Zuzug auszeichnen.
Wenn dies so, wie Wir es wünschen, gelingt, dann wird man gewiß den Hirten Deutschlands Glück wünschen müssen, daß sie sowohl für die öffentliche Ruhe nach bestem Vermögen gesorgt, als auch die Sache der wahren Humanität, welche dem bürgerlichen Leben geziemt, in die Hand genommen haben.
Aber nicht nur auf diese Weise pflegt die Kirche die Sache der Humanität zu führen; auch noch andere Dinge gibt es, die ihrer hilfreichen Hand bedürfen. Wir meinen die so heilige Einrichtung der Kirche, daß sie die wilden und uncivilisirten Völkerschaften, während sie dieselben durch die Belehrung im Glauben hcranbildet, zugleich auch in den Künsten der Humanität unterrichtet und in bürgerlicher Gesittung erzieht. In der eifrigen Ausübung dieses erhabenen Amtes haben Viele in Strapazen ihr Leben geopfert, Andere haben dasselbe mit ihrem Blute dahingegeben.
Am meisten aber bekümmert die Hirten der Kirche die be- jammernswerthe Lage jener Bewohner Afrika's, welche in die Sklaverei geschleppt und aus schimpflicher Erwerbssucht gleich feiler Waare als Sklaven gekauft und verkauft zu werden pflegen. Wie groß Unsere Sorge für diese Lage der Dinge ist, das haben Wir in Unseren Briefen offen bargelegt. Da nun die kaiserlich deutsche Regierung beschlossen hat, in die unter ihrer Schutzherrschaft stehenden Gegenden Afrika's den katholischen Priestern, welche sich den heiligen Missionen widmen, den Zugang zu gestatten, so können Wir nicht umhin, Dich und die anderen verehrungswürdigen Brüder, welche die Diözesen des Deutschen Reiches leiten, auf das Dringendste zu ermuntern, emsig nachzuforschen, ob im deutschen Klerus, der so hervorragende Beweise von Standhaftigkeit, Geduld und apostolischem Eifer gegeben hat, Einige von Gott berufen zu sein scheinen, in Finsterniß schmachtenden Völkern Afrika's das Licht des Evangeliums zu bringen.
Damit diese aber um so leichter dem göttlichen Rufe folgen können, wünschen Wir sehnlichst, daß namentlich Durch Deine Fürsorge, aber auch durch die vereinigten Bemühungen der übrigen Bischöfe des Deutschen Reiches und der Gläubigen, ein Institut gegründet werde, in welchem einheimische Kleriker zum Eintritt in die heiligen Missionen in Afrika gehörig vorbereitet werden, nach dem Muster des im belgischen Königreiche eingerichteten Kollegs, in welches diejenigen ausgenommen werden, die sich im Kongo-Gebiete der Verkündigung des Evangeliums widmen wollen.
Alles nichts, er dachte jetzt mit einem gewissen Bangen an eine Verbindung mit Leontine, die doch seit Jahren sein Herzenswunsch, das Ziel seines Strebens gewesen war.
Und dieses Bangen steigerte sich, je mehr er mit Hortense verkehrte und sie fester und sicherer die Fäden ihres Zaubernetzes um ihn schlang. Hatte er eine Stunde im Geplauder mit ihr verbracht, in jenem Geplauder über Nichtigkeiten, das selbst dadurch noch einen fremdartigen Reiz erhielt, daß er "des Französischen nicht vollkommen mächtig war und sie das Deutsche höchst possirlich radebrechte; hatte er ihr in die Nixenaugen geschaut, die unaufhörlich die Farbe zu wechseln schienen, bald feurig glühten, sich bald madonnenhaft verschleierten, nnd dann wieder groß und unbefangen wie die eines Kindes in die Welt blickten, so erfaßte ihn ein wahrer Schreck, wenn er an die gemessene, gehaltvolle Unterhaltung mit Leontine an den ruhigen Blick ihres grauen Auges dachte, aus dem nur selten ein Strahl der Erregung und Leidenschaft brach. Immer mehr vermied er das Haus seines Oheims, bei seinen kurzen Besuchen bald dienstliche Verhinderung vorschützend, bald auch geradezu erklärend, er müsse viel in Gesellschaft der Franzosen sein, wenn er der übernommenen Aufgabe gerecht werden wolle.
Leontine hatte anfänglich aus dem veränderten Be-
So wird man bald gleichsam eine ausgezeichnete Pflanzstätte zur Verfügung haben, deren Schößlinge vom wahren Weinstock, welcher Christus ist, wenn sie in afrikanische Erde verpflanzt sind, sowohl reichliche Frucht bringen, als auch unter den wilden durch den Schmutz der Sünde schrecklich besudelten Völkern den Wohlgeruch Christi verbreiten werden.
Deshalb, ehrwürdiger Bruder, wirst Du Uns eine große Freude bereiten, wenn Du die anderen deutschen Bischöfe von dem, was Wir Dir durch diesen Brief mitgetheilt haben, benachrichtigst und dafür wirkst, daß Ihr Alle vereint in Rath und That Euch bestrebt, daß Alles glücklich aiisgeführt werde, was Wir Dir als eine sowohl im Interesse Eurer Mitbürger, als auch der armen Afrikaner zu lösende Aufgabe angelegentlichst empfohlen haben.
Und da die Ausführung dieses Werkes um so glücklicher von Statten gehen wird, je vollkommener die Einigkeit ist, so bitten Wir Gott flehentlich, er möge Euch mit seiner Hilfe und seinem Rathe beistehen, und als Unterpfand dieser göttlichen Gnade spenden Wir Dir und den anderen vorerwähnten ehrwürdigen Brüdern, sowie dem Klerus und den Eurer Obhut anvertrauten Gläubigen liebevoll im Herrn den apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom bei St. Peter am 20. April 1890 im dreizehnten Jahre Unseres Pontifikates. Leo P. P. XIII.
An Unfern ehrwürdigen Bruder Philippus, Erzbischof von Köln.
Deutsches Deich.
SB er!in, 2. Mai.
* Das Bild über den Verlauf des 1. Mai ist mit den heute eingelaufenen Meldungen nun wohl in allen Zügen vollendet. Der Grundton, der sich schon gestern darstellte, hat keine Veränderung erfahren: im Großen und Ganzen ist Alles ruhig vorübergegangen. In Berlin hat nur etwa ein Fünftel der Arbeiter gefeiert, eine Schätzung, die vielleicht noch zu ().jrdf~ye= griffen ist. Einige Ausschreitungen kamen H-wohl in Berlin selbst wie in der Umgebung, vor, aber dieselben ragten nicht über den Rahmen des Alltäglichen hinaus. An einigen Stellen wurde der Versuch gemacht, nicht feiernde Arbeiter an der Fortsetzung der Arbeit zu verhindern, doch war meist rechtzeitig polizeilicher Schutz zur Stelle. Hamburg hatte den größten Prozentsatz der Feiernden von allen deutschen Städten, doch ging auch dort Alles int Allgemeinen friedlich ab. Dasselbe gilt noch in erhöhtem Maße von den sächsis ch en Jndustriebezirken, die von jeher ein Hecknest der Sozialdemokratie waren. In den rheinisch-westfälischen Industriegebieten wurde meist und in den schlesischen durchweg gearbeitet.
* Kirche und Sozial-P olitik sind, laut zwei Artikeln der .Frankfurter Zeitung' Dinge, die sich nicht vertragen. Zu Eingang zerbricht der Verfasser sich den Kopf, weshalb doch die päpstliche Encyk- lika über die soziale Frage noch immer nicht erschienen sei, und findet den Grund in den „dogmatischen und taktischen Hindernissen, deren Formulirung (!) höchst wahrscheinlich das Kardinals - Kollegium übernommen hat". Diesem schülerhaften Satze entspricht die weitere Ausführung, daß „eine prinzipielle und wirksame So-
nehmen ihres Vetters fein Arg. Sie war eine vornehm angelegte Natur, der Untreue und Heuchelei selbst sehr ferne lag, und die auch Andere dieser Fehler nicht für fähig hielt. Sie war im Leben noch nicht betrogen worden, die Erfahrung hatte also das Mißtrauen, das die Natur nicht in sie gelegt, noch nicht ergänzen können; außerdem besaß sie aber einen grenzenlosen Adelsstolz. Der Abkömmling eines adeligen Hauses wie Ulrich war keiner Gemeinheit, keiner ehrlosen Handlung fähig. Machte sie auch jetzt die Erfahrung an ihrem Vater, daß vornehme Abkunft und sogar vorgerücktes Alter nicht vor sehr bedenklichen Thorheiten schützen, so entschuldigie sie diese Verirrung eben wieder mit einer Tugend des Edelmannes, seinem rückhaltlosen Vertrauen und vergaß, daß doch auch Ulrich dieser schönen Eigenschaft der Kaste zum Opfer fallen könne.
Als eine Woche nach der andern verging, Ulrich sich immer weniger bei ihr sehen ließ und auch kein entscheidender Schritt zur Entlarvung der Abenteurer gelhan ward, begann sie doch unruhig zu werden und diese Unruhe wuchs, als sie bemerkte, daß ihr Vater der sich seit jenem Auftritt in feinem Zimmer sehr fern von ihr hielt, so daß oft Tage vergingen, ohne daß sie ihn sah, ernstliche Anstalten zu feiner Vermählung mache und daß man bereits in den Kreisen