Einzelbild herunterladen
 

JV 101. Samstag, den 3. Mai 1890. 17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei ($(. Dillmanu).

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psennig.

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Tie .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Psg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches geid).

Berlin, 1. Mai.

* Der 1. Mai ist vorüber. Er ließ die Hoffnungen unerfüllt, die Schwärmer in ihn setzten, ebenso die Befürchtungen, die ängstliche Gemüther seinetwegen hegten. Der Weltfeiertag der Arbeiter war von vorn­herein ein verpfuschtes Unternehmen. Die älteren Führer der deutschen Sozialdemokratie haben das auch voraus- gesehen und sich durch den von Halle aus erlassenen Aufruf den Rücken gedeckt, so daß das Mißlingen des Unternehmens nicht gerade eine Niederlage der Sozial­demokratie darstellt. Die Kraftprobe ist verunglückt und sie mußte verunglücken, weil ihr jeder moralische Rück­halt fehlte. Wenn die Arbeiterschaft ihre Kraft erproben soll, dann muß sie wissen wofür, sie muß ein prak­tisches Ziel vor Augen haben. Die Sorte von Kraft­probe, zu welcher die moderne „wissenschaftliche Sozial­demokratie" die Arbeiter aufzuhetzen suchte, hat keinen tieferen Werth.

* Die K ommisfio n des Abgeordnetenhauses zur Vorberathung der S p e r r g e l d e r v o r l a g e ist heute gewählt worden und hat sich alsbald konstituirt. Sie besteht aus folgenden Herren: den Konservativen, Abgg. Frhr. v. Erffa, Frhr. v. Hammerstein Dr. Hart­mann, Hoeppner, Korsch, Graf Limburg-Stirum, von Oertzen-Jüterbog; den Freikonservativen Schumacher und Frhr. von Zedlitz; den Nationalliberalen Dr. von Cuny, v. Eyneru, Hobrecht, Olzem; vom Centrum die Abgg. Dr. Windthorst, Frhr. v. Huene, Mosler, Rin- telen, Dr. Bruel; Deutschfreisinnige Dr. Langerhans, Neukirch und der Pole Neubauer. Vorsitzender ist Abg. Korsch, Stellvertreter v. Oertzen-Jüterbog, Schriftführer die Abgg. Hoepner, Dr. Mosler, Olzem. Ein Referent ist noch nicht bestellt. Die Kommission tritt morgen Mittag 12 Uhr zu ihrer ersten Sitzung zusammen und ist bereits dahin schlüssig geworden, zwei Lesungen vorzunehmen.

* Bei der Debatte des Sp errgelder-Gesetz- entwurfs im Allgeordnetenhause, über welche ein zusammenhängender kurzer Bericht bereits erstattet wurde, machte Dr. Windthorst nach den nunmehr vorliegenden ausführlicheren Referaten der Centrums- preffe in längerer Rede folgende Gesichtspunkte geltend: Zunächst erörterte ber Centrumsführer die Rechtsfrage, der Sperrfonds sei kein freies Eigenthum des Staates, worüber derselbe verfügen kann, so wenig wie Privat- eigenthum verfügbar sei. Letzteres sei eine sozialdemo­kratische Theorie. Ein Unrecht sei die Beschlagnahme gewesen, ein Unrecht sei die gegenwärtige Vorlage. Einsichtige Protestanten erkännten dies an. Wer darum für das Gesetz stimme, stimme wie ein Sozialdemokrat. (Große Heiterkeit rechts und bei den Nationalliberalen.)

In harter §djule.

Roman von G. I.

(29. Fortsetzung.)

Ulrich befand sich wieder in einem Zustande der Verzückung. Sobald sich Hortense den Augen der strengen Tante entrückt wußte, hatte sie mit ihm ge­plaudert und dabei eine Harmlosigkeit und Kindlichkeit entfaltet, wie sie ihm unter den jungen Damen seiner Bekanntschaft noch nicht vorgekommen war. Hätte er später Rechenschaft ablegen sollen von dem, was sie gesagt, so wäre ihm das schier unmöglich gewesen. Es waren alles alltägliche, unbedeutende Dinge. Sie hatte ihm ihren Vogel, ihre Blumen gezeigt, ihm erzählt, wie sie mit dem Mätzchen schwatze, wie sie die Blumen pflege, hatte ihn zu ihrem Stickrahmen geführt und ihm ihre Freude darüber vertraut, daß sie jetzt so häufig ins Theater gehen dürfe und so schöne Kleider bekomme. Es war nicht, was sie sagte, sondern wie fie es sagte, was ihrem Geplauder einen Reiz verlieh, dem wahrscheinlich auch ein Stärkerer erlegen wäre.

Kaum daß er noch so viel Klarheit behielt, um sich die Umgebung, in welcher sich die Braut seines Onkels befand, etwas genauer zu betrachten, was er aber da sah, trug den Stempel vornehmer Einfachheit und strenger Solidität. Es war ein passender Rahmen zu dem alten, ehrlichen Soldaten, der ceremoniellen Dame

Das ist gar nicht lächerlich, fährt Windthorst fort; ich bin noch nicht alt genug, um nicht noch erleben zu können, daß Ihnen Ihre neue Theorie auf Ihrem eigenen Rücken klar gemacht werde durch andere Leute. Es wird davon geflüstert, daß die kirchlichen Organe, namentlich der heilige Stuhl sich mit dieser Vorlage einverstanden erklärt haben. Ich habe keine amtliche Nachricht, aber ich behaupte, daß der heilige Stuhl zu dieser Vorlage seine Zustimmung nicht gegeben hat. Auch die Bischöfe haben nicht zugestimmt, das konstatire ich hier zur Aufklärung für Alle und zur Beruhigung der katholischen Bevölkerung. Das Gesetz kann, wie es vorliegt, von uns nicht angenommen werden. Es ist schwer, ein Gesetz, welches doch immer Vortheile bringt, abzulehncn, aber die Prinzipien stehen mir höher, und in dieser verschwommenen Zeit sollte man immer die Prinzipien aufrechterhalten gegenüber allen Oppor­tunitätsrücksichten. Gerade die Konservativen sollten den Eigenthumseingriff nicht verwischen lassen. Das Gesetz macht einen neuen Versuch, mit katholischen Geldern korrumpirend in unsere Verhältnisse einzugreifen. (Zu­stimmung im Centrum.) Der frühere Minister Falk unglückseligen Angedenkens (Widerspruch) — das ist meine Ansicht — hat zwei Jahre vor dem Sperrgesetz dem Bischof von Ermland Gelder gesperrt. <^ind diese mit angeführt? Wenn nicht, dannn möge man'es nach­holen, oder sie dem noch lebenden Bischof nachträglich auszahlen mit einem Entschuldigungsschreiben. (Heiter­keit.) Jetzt soll das Kapital konfiszirt und nur die Rente gezahlt werden. Das kann nur zu allerlei Ein­griffen in' die kirchlichen Verhältnisse führen, und dis­kretionäre Befugnisse hat der Kultusminister schon genug. Lieber kein Geld, aber Freiheit. (Zustimmung im Centrum.) Man hat leichten Herzens gesagt: wenn ihr es nicht wollt, behalten wir es. Ich bedauere solche Auffassung, daß man sich über das Eigenthum cava- lierement hinwegsetzt. Das kann man im Hoppegarten thun, aber nicht hier. Ich hoffe, daß die Kommission das Eigenthumsrecht anerkennen wird. Wenn Sie uns nicht gerecht werden, wird dieses Sperrgeld immer ein Pfahl in Ihrem Fleische bleiben. Wir werden nicht anstehen, unsere Ansprüche an die Stufen des Thrones zu bringen, und die preußischen Könige haben ein feineres Rechtsgefühl, als es hier zu Tage getreten ist. (Lebhafter wiederholter Beifall im Centrum; Zischen bei den Konservativen und Nationalliberalen.)

* Die Vorlage über die Steuerreform wird, wie verlautet, bis zum Herbst so weit gefördert sein, daß sie im Landtage eingebracht werden kann, welcher bereits im November d. I. einberufen werden dürfte, damit er mehr Zeit zur Erledigung seiner Geschäfte hat.

* Die ,Germania' schreibt: „Durch eine Reihe ka­tholischer und nichtkatholischer Blätter geht die Nach-

=■= - . ■ ..........1

und dem bisher von jeder rauhen Berührung mit der Welt ferngehaltenen Herzblättchen der beiden alten Leute.

Der Salon hatte Polster und Vorhänge von grünem Wollenstoff. Die grauen Wände schmückten einige gute Kupferstiche, auf Säulen und Consolen sah man Abgüsse berühmter Kunstwerke, aber in strenger Auswahl. Ein dicker persischer Teppich bedeckte den Boden, auf dm Tischen lagen Albums und sehr schöne illustrirte Werke. Die anstoßenden Zimmer kennzeichneten durch ihre Einrichtung ihre Bewohner. Das Zimmer des Obersten hatte eine dunkle Tapete, Möbel von schwarzem Holze mit braunem Wollenrips überzogen, an dem Wänden Waffen, auf einer Etagere eine Sammlung von Humpen und Trinkgläsern, in einer Ecke ein Pfeifenfchrank mit schönen Pfeifenköpfen und Meerschaumspitzen vom tiefsten Schwarzbraun bis zum hellsten Weißgelb, das noch des Anrauchens wartete. Cigarrenkästen und Teller mit türkischem Tabak und ein Haufen ftanzösischer Tagesblätter und Wochen­schriften gaben über die Neigungen des alten Herrn Aufschluß, welche mit denen seiner Schwester in schreiendem Gegensatz zu stehen schienen.

In Mada»e d'Arcourts Zimmer hatten die Wände einen mittelgrauen Ton, von gleicher Farbe war das Sopha, der Teppich und die Vorhänge, die Stühle" aus einer ebenfall grauen polirten Holzart hatten Rohr-

richt, daß dem Abgeordneten W i n d t h o r st der Christu sorden von Sr. Heiligkeit dem Papst ver­liehen worden sei. Einige Blätter wissen sogar in Anführungszeichen etwas aus der Begründung dieser Verleihung mitzutheilen. Wir unsererseits haben die Nachricht nicht gegeben, weil sie nicht wahr ist." — Genanntes Blatt meldet ferner: „Wie uns ein römisches Privattelegramm meldet, veröffentlicht der,Osservatore Romano' ein lateinisches Schreiben des Papstes Leo an den Herrn Erzbischof von Köln, Dr. Kreme ntz, mit dem Auftrage, dasselbe auch den andern deutschen Bischöfen mitzutheilen und mit ihnen gemeinsam in dem im Schreiben bezeichneten Sinne für die soziale Frage und für die katholische Mission in den deutschafrikanischen Gebieten thätig zu sein. Das Schreiben vom 20. April datirt, ist bereits in Köln angekommen und sein Wortlaut in unseren Händen. Wir werden im zweiten Blatte eine Übersetzung des­selben geben und enthalten uns bis da auch jeder vor­läufigen Mittheilung."

* Wie man der ,Köl. Vztg.' aus Rom meldet, hat die deutsche Reichsregierung bei der Kurie die Entsendung zahlreicherer Missionare nach den deut­schen Kolonien angeregt, worauf der schon erwähnte Brief des Papstes an den Herrn Erzbischof von Köln erfolgte. (Abdruck dieses Briefes erfolgt in der nächsten Nummer der ,Fuldaer Zeitung'. D. R.)

* Neueren zuverlässigen Nachrichten zufolge hat die Regierung beschlossen, von der Einbringung eines So­zialistengesetzes abzusehen. Das gegenwärtig noch in Kraft befindliche Sozialistengesetz wird somü< oTfi 1. Oktober 1890 erloschen sein. Tie im Schüße der Regierung maßgebenden Gesichtspunkte hierfür sind darin zu suchen, daß man zunächst mit dem gewöhn­lichen Gesetze auszukommen gedenkt, und daß der Kaiser ausgesprochenermaßen den Wunsch hegt, Parteien einen Beweis von Vertrauen zu geben, denen bisher nur mit Ausnahmemaßregeln begegnet wurde, um zu sehen, wie weit sie dessen würdig sein können. Die moralische Verantwortung für die event. Folgen will die Regie­rung getrost auf ihre Schultern inehmen. Diese Ver­antwortung dürfte indessen schon darum keine besonders schwere werden, weil die Keime der Zwietracht inner­halb der Sozialdemokratie bereits üppig hervorzu­schießen beginnen, seit das herannahende Ende des Sozialistengesetzes den Sozialisten eine freiere Bewegung gestattet. Das Sozialistengesetz hat es bisher glücklich fertig gebracht, die widerhaarigen Sozialisten-Elemente zu einigen; das hört auf, sobald jeder wieder frei sich bewegen darf.

* Gegen die Abhaltung des deutschen Katho­likentages in München werden, wie das ,Frdbl.' hört, von Seiten der Regierung und jener Kreise, geflecht, der Tisch war mit einer grauen Sammetdecke behangen. Ringsum an den Wänden hingen Stiche nach Madonnen von Rafael, der heiligen Nacht und dem Zinsgroschen von Tizian. Auf einem Seitentisch stand ein Crucifix aus Elfenbein mit einem Betstuhl davor. Ein auf dem Nähtisch befindliches Arbeits­körbchen enthielt angefangene Näh- und Stickarbeiten, auf den Tischen lagen Erbauungsschriften und Bücher ernsten religiösen Inhalts.

Wie ganz anders war dagegen das Nest, welches Hortense umgab. Weiße luftige Gardinen verhüllten die Fenster, die Wände waren weiß mit Rosenmustern, der zierliche Divan, die Chaise longue, die Puffs und Keinen Stühle mit weißem Cretonel mit Rosenbouquets überzogen, ein entsprechender Teppich auf dem Boden ausgebreitet. Ueber dem Kamin hing ein Spiegel in Glasrahmen mit Malerei, auf dem Gesims stand eine Uhr in einem Gehäuse von altmeißner Porzellan, Schäfer und Schäferin darstellend, zwei Blumenvasen mit köstlich duftenden Veilchen gefüllt, bildeten passende Pendants dazu. Ein zierlicher Schreibtisch aus schwarzem Holze mit Gold eingelegt, war mit unzähligen zierlichen Kleinigkeiten ebenso bedeckt wie zwei andere kleine Tische. Ein kleiner Bücherschrank enthielt poetische Werke in deutscher, ftanzösischer und italienischer Sprache; ein Stutzflügel mit dabei stehendem schwer beladenem Notenständer erzählte von der Beschäftigung