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Freitag, den 2. Mai 1890.

17. Jahrgang

Für dir Rcdaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Fuldaer Zeitung

--______«ix.. Etnfhn - >▼. Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Fürst Kismarck über den Sozialismus.

Der Berliner Korrespondent des ,Newyork Herald' hat den Fürsten Bismarck ersucht, ihm seine Ansichten über den Sozialismus im Allgemeinen und über die Feier des ersten Mai im Besonderen mitzutheilen. Der Fürst — so meldet nun der Berichterstatter der Londoner Ausgabe des .Herald' — habe zuerst abge­lehnt, eine Ansicht auszusprechen, dann habe er jedoch aus Freundschaft für die Vereinigten Staaten im All­gemeinen und den ,Herald' im Besonderen nachgegeben und sich ungefähr folgendermaßen ausgesprochen: Wenn er noch Minister wäre, würde er sich von aller Ein­mischung fern halten und lediglich den Lauf der Dinge beobachten und gegen ungesetzliche Thaten kämpfen. Wenn der Arbeiter einen Feiertag machen wolle, würde er ihn nicht daran hindern. Mit der repressiven Ge­setzgebung ist es immer dasselbe. Ungeschickte Ver­suche zur Verhütung von Unheil sind ost der einzige Grund für das Bestehen des Unheils. Es wird bis­weilen mehr Unheil angerichtet durch Absperren einer Straße, welche durch eine Ansammlung von Menschen in einer gefährlichen Lage zu sein scheint, als durch Bewachen und Leiten der Bewegung, wie Sie es bisweilen in Berlin und anderen großen Städten sehen. Jede mögliche Vorsichtsmaßregel gegen jedes mögliche Uebel das aus einer Lage entstehen mag, zu ergreifen, bringt bisweilen mehr Uebel als das Ende abzuwarten. In solchen Fällen ist es eine gute Regel, Drohungen und Versprechungen zu vermeiden. Wenn der turbulente Striker sieht, daß die Behörden außerordentliche Maß­regeln ergreifen, um den Frieden zu erhalten, fo weiß er, daß sie ihn fürchten und je mehr ihm das klar wird, desto angriffslustiger wird er.

Der Fürst erging sich dann des Langen und Breiten über den Gegensatz zwischen dem Arbeitgeber und Ar­beitnehmer, welcher das Ergebniß eines natürlichen Gesetzes sei und nie aufgehoben werden könne. Eine große Verbesserung in der Lage der arbeitenden Klassen sei während der letzten Hälfte des Jahrhunderts ein­getreten; in dem ewigen Kampfe zwischen Kapital und Arbeit habe letztere die meisten Siege, errungen und das werde so lange bleiben, als der Arbeiter ein Stimmrecht habe; sollte es je einen endgültigen Sieg geben, so würde 'er dem Arbeiter gehören, allein da­mit würde auch menschliche Thätigkeit ein Endenehmen, was doch nicht der Zweck der göttlichen Vorsehungsei.

Das sozialistische Regierungssystem sei eine Art Sllaverei, eine Art Zuchthaussystem. Die politischen Parteien, welche gegen den Sozialismus seien, müßten sich vereinigen zur Vertheidigung ihrer Unabhängigkeit und in dieser Beziehung werde die Kraftprobe des 1. Mai nicht ohne ihre Vortheile sein; bisher sei der Haß

In harter Schule.

Roman von G. I.

(28. Fortsetzung.)

Ich wollte nicht, daß Du eine steife Visite bei meiner Braut machtest, lieber Junge," sagte er, als er zu Ulrich ins Zimmer trat, „darum schrieb ich Dir heute, ich würde Dich zum Thee abholen."

Ich fürchte nur, Madame d'Arcourt wird das übel"vermerken," versetzte Ulrich, „sie scheint mir sehr auf das Ceremoniell zu halten."

Ja, sie ist die Etikette selbst," lachte der Baron, „aber ich werde es schon bei ihr vertreten. Unter uns, lieber Ulrich, man heirathet lieber ein Mädchen, dessen Mutter oder Ehrendame im Punkte des Wohlanstandes es etwas zu genau nimmt, als wenn das Gegentheil der Fall wäre. Wie hat Dir denn meine Braut ge­fallen?"

Sie waren unter diesem Gespräch zusammen die Treppe hinuntergegangen und in den harrenden Wagen gestiegen. Die letzte Frage brachte Ulrich in Verlegen­heit. Er hätte gern geantwortet: „Sie ist ein Engel!" und seinen Onkel zu seiner Wahl beglückwünscht, aber er wagte dies eingedenk seiner eigentlichen Mission, die sich allmählich zu einer Art von Alp für ihn ge­staltete, doch nicht recht. Er half sich deßhalb mit einer Gegenfrage, in der ein Zugeständniß lag.

der Parteien untereinander noch stärker als ihre Furcht vor der Herrschaft der Sozialisten, weil sie an deren Stärke nicht glauben und alle auf bereit Stimmen rechnen; sie erkennen die Gefahr nicht, welche der ci- vilisirten Gesellschaft drohe, wenn sie der Herrschaft des ungebildeten Theiles der Bevölkerung ausgesetzt wäre, deren Unwissenheit leicht durch einen „beredten Lügner" geleitet werde. „Der Mob ist ein Souverain, welcher ebenso der Schmeichelei bedarf, wie irgend ein Sultan."

Eine Abmachung wegen eines Minimallohnes sei unmöglich. Der Sozialismus werde noch viel Trubel verursachen. Es sei bisweilen wahre Wohlthat, das Blut einer rebellischen Minderheit zu vergießen in der Vertheidigung der fried- und gesetzliebenden Mehrheit; Festigkeit einer Regierung sei die Hauptsache. Der erste Mai sei nicht gefährlich. Ein Feind, wenn man den Sozialisten als solchen ansehe, welcher den Tag des Angriffes ankündige, sei nicht zu fürchten; es handle sich um ein Scheingefecht, um eine Stärkeschau, wie bei der Heilsarmee, deren Erfolg oder Mißerfolg viel vom Wetter abhängen werde. Es sei keine Gefahr eines Konfliktes vorhanden, allein ob ein solcher stattfinden werde, hänge zum großen Theil von dem Takt der Behörden ab. Präventivmaßregeln verdanken meist ihren Erfolg der Voraussicht von Exekutivbeamten, welche selten Leiter von Staatsämtern sind, so daß sie bis­weilen unbequem statt nützlich sind. Er, Bismarck, erwarte keine Unruhen, und der erste Mai werde ihm den Schlaf nicht rauben.

Von Lasialle sagte Fürst Bismarck Folgendes: „Er war ein reizender Mann, ein kluger Jude, mit einem gut Theil Eitelkeit, aber mehr Witz und Wissen. Seine Unterhaltung war reizend. In der Zeit, als ich mit ihm verkehrte, war er in seinen Ueberzeugungen vollständig aufrichtig, aber er blieb sich nicht immer gleich in seinen Ansichten und würde er heute noch leben, so bin ich geneigt zu glauben, daß er ein Kon­servatives?) wäre, in jedem Falle nicht ein Sozialist."

Der Kaiser mißbillige die beabsichtigten Demon­strationen am 1. Mai, nehme die Sache aber sehr kühl.

Graf Walder fee erklärte dem Berichterstatter, daß er nur ein Zuschauer sei und den Arbeitern ihren Willen lassen wolle; aber auch jeder Arbeitgeber dürfe seine eigene Methode wählen, wie er seine Arbeiter behandeln wolle. Wenn Thätlichkeiten vorkämen, würden die Behörden mit allen Kräften einschreiten, um die friedlichen Bürger zu schützen. „Die Sache hat auch eine humoristische Seite", sagte der Generalsstabschef mit einem Augenzwinkern, „wenn alle Arbeiter feiern, müßten dies auch die Kellner thun, und bann gibt es kein Bier; wo aber soll ohne Bier ber Enthusiasmus Herkommen?" —

„Wo hast Du benn diese Perle aufgefunben, Onkel?"

„Ja, eine Perle ist sie!" rief der Baron, „eine Perle, welche die schützende Muschel noch kaum ge­sprengt hat!" k

Er vergaß in seiner Extase, daß sein Neffe eine Frage an ihn gestellt hatte und ward überdies der Antwort überhoben, da der Wagen in diesem Augen­blicke das Ziel seiner Bestimmung erreicht hatte und der Diener den Schlag öffnete.

„Punkt halb elf Uhr!" rief der Baron seinen Leuten zu. Zn seinem Neffen gewendet, fügte er er­läuternd bei: „Die gnädige Tante duldet meine Gegen­wart nicht länger und gestattet mir nach der Oper nur in seltenen Fällen, noch den Thee mit meiner Braut zu trinken."

Heute vollzog sich der Besuch nicht in jenem Schweigen und jener Dunkelheit, in welche gehüllt vor etlichen Tagen ein anderer Gast dieses Haus betreten hatte. Obgleich die Vorhänge der Fenster der ersten Etage herabgelassen waren, belehrte der durch sie in den dunklen Park fallende Lichtschein die Vorübergehen­den doch, daß sämmtliche Zimmer hell erleuchtet waren. Der Portier hatte schon beim Anfahren des Wagens die Hausthüre geöffnet und so stiegen die Herren un­behindert durch den mit Topfgewächsen geschmückten Flur die teppichbelegte Treppe hinauf, wo ihrer in

Deutsches Keich.

Berlin, 30. April.

* Die Debatte über den Sperrgelder-Ent­wurf hat in der gestrigen Sitzung des Abgeord­netenhauses, wie wir nachtragsweise noch erwäh­nen, damit geendet, daß die Vorlage dem nationallibe­ralen Anträge gemäß an eine Kommission von 21 Mit­gliedern verwiesen wurde. Dieses Bedürfniß scheint schließlich allgemein empfunden worden zu sein. Selbst nationalliberale Blätter, welche gleich nach Einbringung des Entwurfs so thaten, als habe.das Centrum nur Ja oder Nein zu sagen, und als sei eine Zustimmung die Vorbedingung, damit die Kartell-Parteien die große Gewogenheit hätten, den Entwurf durchzubringen, hatten in den letzten Tagen Bedenken über § 3 geäußert und „gründliche" Kommissions-Berathung verlangt. Dem ist entsprochen worden, und es wird nun Gelegenheit geboten sein, diejenigen Aufklärungen zu erhalten, welche auch die gestrige Erörterung im Abgeordnetenhause gar nicht oder nur unvollkommen geboten hat; namentlich bedarf die Stellung der kirchlichen Behörden zu dem Entwurf — von einer Billigung desselben spricht kein Mensch — noch einer genaueren Klarstellung. Die Haltung der Centrums-Redner v. Strachwitz, Windt- horst und Reichensperger hat deutlich gezeigt, daß die Fraktion von den mittelparteilichen Drohungen sich nicht im mindesten hat imponireu lassen; sie hat das auch wahrlich nicht nöthig. Sie wird in der Kommission das Ihrige thun, um die Vorlage annehmbar zu machen; gelingt das nicht, so wird sie warten oder die Verantwortung für eine vollständige kation des Sperr-Fonds Denjenigen überla'ifft, die es angeht.

* Abg. Dr. Windthor st erläßt folgende Be­kanntmachung : „Die Angehörigen der Centrumsfraktion ersuche ich, am 6. Mai, dem Tage der Eröffnung des Reichstages zu der int Reichstagsgebäude Abends 1/28 Uhr stattfindenden Fraktionssitzung sich einfinden zu wollen. Berlin, 28. April 1890. Dr. Windthorst.

* Seit dem Jahre 1880 ist, wie der ,Staats­anzeiger' mittheilt, für die Erweiterung, Vervollstän­digung und besfere Ausrüstung des preußischen Staats-Eisenbahnnetzes ein Betrag von nahezu einer Milliarde Mark gesetzlich bewilligt worden. Hier­von entfallen — ungerechnet 60 Millionen Mark für Betriebsmittel — rund 475 Millionen Mark auf die Herstellung von 5522 km neuer Eisenbahnlinien, darunter 64l/a Millionen Mark für 274 km Voll- bahuen und 410l/2 Millionen Mark für 5248 km Nebenbahnen. Hierzu treten noch über 118,800,000 Mark, welche in dem noch dem Landtage feit dem Februar d. I. vorliegenden Gefetzentwurf für weitere dem offen stehenden Korridor ein älterer Diener von sehr respektablem Ansehen wartete, der ihnen die lieber» röcke abnahm und ihnen voranschreitend mit der Mel­dung: „der Herr Baron von Reina," die Thür öffnete.

Bei Nennung dieses Namms flog eine zarte Elfen- geftalt, die auf einem niedrigen Stuhle am Kamin ge- fessen hatte, mit einem Freudenruf auf und dem Baron entgegen, blieb aber verlegen und beschämt stehen, als sie seinen Begleiter erblickte.

„Jean ist aber entsetzlich ungeschickt!" sagte Madame d'Arcourt sich würdevoll vom Sopha erhebend, „warum meldet er nicht ordentlich."

„Schelten Sie ihn nicht, Madame," entgegnete der Baron, der sich zärtlich zu seiner Braut niedergebeugt und ihr die Hand geküßt hatte, „ich verhinderte ihn daran. Ich wollte Ulrich ganz sans fagon hier em- führm. Darum bringe ich ihn auch sofort zur Thee- ftunbe mit, ich versprach ihm, sein Fürsprecher zu sein, daß er nicht zuerst die Anstandsvisite gemacht hat."

„Die genau füns Minuten dauern muß, keine Sekunde darüber ober barunter," bemerkte Hortense unb erhob schelmisch drohend dm rosigen Finger.

„Schelte die Form nicht, liebe Nichte," entgegnete Madame mit verweisendem Blicke. „Höflichkeitsformen sind eine weise nothwendige Einrichtung im geselligen Verkehr, denen stets eine beherzenswerthe Lebensregel zu Grunde liegt. Entweder wir beherrschen die Form