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JV 99.

Donnerstag, den 1. Mai 1890.

17. Jahrgang

Fji.r dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Fuldaer Zeitung

.. h, 3uld°. n R'. _ Druck ll. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Der Maienkönigi«.

Wie so blau der Himmel! Wie so grün die Flur! Au und Anger pranget: Eine Blume nur. Wie die Vöglein singen Hell aus Busch und Baum! Weihelieder schallen Rings im weiten Raum. Sprich, wem gilt das Leben, Das so sroh sich regt? Sprich, wem gilt die Wonne, Die die Welt bewegt?

Wem der Schall der Lieder, Wem der Blumen Kranz, Wem der Erde Feier Und der Sonne Glanz? Liebe aller Herzen, Wonne jeder Brust, Lind'rung aller Schmerzen, Quelle jeder Lust: Dich ja gilt's zu singen, Dir mit frommem Sinn

* Die Presse und die Geistlichkeit.

Einem badischen Blatte, dem .Echo von Baden', ging dieser Tage von einem Kurgaste, einem wirklich Liberalen", dem Protestanten und Frei­denker, wie er sich selbst bezeichnet, Gustav Hagen ein Artikel zu, der für uns aktuelle Bedeutung besitzt und allgemeine Verbreitung verdient, weshalb wir dem­selben Aufnahme gewähren. Er lautet:

„In meiner ziemlich langen schriftstellerischen Lauf­bahn habe ich stets Namen und Personen außer Acht gelassen, um bloß Prinzipien zu diskutiren. Von diesem Standpunkte aus, also absolut unparteiisch, will ich in ganz allgemeiner Form eine höchst wichtige Frage be­rühren und derselben die allein logische Lösung geben. Ich muß, vom unparteiischen Standpunkte aus, der Geistlichkeit das unbestreitbare Recht zuerkennen, in Preßsachen nicht gleichgiltig zu bleiben, da in unserer Zeit eine täglich erscheinende Zeitung das sicherste und schnellste Mittel ist, um Wahrheit oder Jrrthum zu verbreiten. Ich muß der Geistlichkeit das unbestreitbare Recht zuerkennen, dasjenige Blatt zu empfehlen, welches nach ihrem Gutachten am besten dem Zwecke entspricht, den die Geistlichkeit gar nie aus dem Auge verlieren darf. Ich muß der Geistlichkeit das unbestreitbare Recht zuerkennen, sich mit Politik zu beschäftigen, da Politik und Religion oft in ganz engem Zusammenhänge stehen und man unter der Decke anscheinend reinpolitischer Gesetze, die Geistlichkeit nach und nach auf Null reduziren könnte. Die Selbst­verleugnung der Geistlichkeit. wäre eine höchst naive, oder ihr Leichtsinn ein sehr großer, wenn sic solche Manöver erleichtern würde.

Entweder oder! Schassen wir die Religion ab, wenn wir solches wollen und können, oder lassen wir der Religion freie Bewegung. Der Kulturkampf hat übergenügend bewiesen, daß jeder von Laien gemachte Versuch, die Religion zu maßregeln, grober Unsinn ist.... Was ist Religion? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Fängt die Religion an der Thürschwelle einer Kirche an und hört sie hinter dem Altar auf? Unter welchen Bedingungen kann eine Seele gerettet werden ? rc. ic. Wer hat alles das zu bestimmen, die Geistlichkeit oder die Freidenker?

So lange nicht an der Spitze der Gesetzgebung stehm wird: Art. I. Es gibt nur Materie. Ärt. II. Seele ist ein leeres Wort. Art. III. Wer von Un­sterblichkeit träumt, ist ein Narr ic. ic., so lange muß man der Geistlichkeit allein die Wahl der Mittel und Wege überlassen, wodurch sie eine Seele, diesseits für den Glauben, jenseits für die Seligkeit, zu erobern vermag. Und wenn ein Priester findet, daß das Lefen eines Blattes bei einer ihm anvertrauten Seele den Glauben schwächen oder gar die Seligkeit

In harter Schule.

Roman von G. I.

(27. Fortsetzung.)

„Hortense, wie kannst Du sogleich so bestimmte Voraussetzungen stellen, weißt Du, ob Herr von Frei­berg uns kennen lernen will!" bemerkte seufzend die Tante. c

„Wenn Sie es mir gestatten, werde ich mich sehr glücklich fühlen, die Bekanntschaft fortzusetzen," beeilte sich Ulrich zu sagen. .

„Brav!" rief der Baron. „An Gelegenheit dazu soll es Dir nicht fehlen. Ich bitte Sie um Erlaubniß, Madame, meinen Neffen bei Ihnen einführen zu dürfen."

Madame d'Arcourt, an welche die letzten Worte gerichtet waren, verneigte sich zustimmend, jede weitere Unterhaltung ward aber durch den Beginn des dritten Aktes abgebrochen.

Auf einen Wink seines Onkels hatte Ulrich m der Loge Platz genommen und sah von hier aus der Vor­stellung zu, welcher die Damen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgten. Hortenfe namentlich legte eme so naive Theilnahme an den Vorgängen auf der Buhne an den Tag, schien so gänzlich zu vergessen, daß es nicht Wirklichkeit, sondern nur schöner Schein war, was sie hier vor sich sah, daß der Beobachter unwillkürlich

gefährden könnte, so ist es nicht nur sein erstes Recht, sondern seine erste Pflicht, diese Seele darauf aufmerksam zu machen.

Protestantisch bin ich getauft, Freidenker bm ich geworden, vor Allem aber hoffe ich, bis zur letzten Stunde gerecht und logisch zu bleiben. Nie werde ich mir einbilden, daß, um ihre Handlungsweise zu regeln, um Menschen und Dinge zu beurtheilen, die Geistlichkeit gezwungen ist, sich auf den Standpunkt des Freidenkers zu stellen. Vom religiösen Standpunkt aber — was ist der Mensch?

„Ein Pilger, der auf dieser Erde vorüberzieht, um sich auf die ewige Seligkeit vorzubereiten!"

So lautet in den meisten Religionen, vor Allem aber in der christlichen die Bestimmung des Menschen.

Direkte Konsequenz: In seinem Handeln und Treiben gehört der religiös gesinnte Mensch vorerst dem geistlichen Führer, der jene Vorbereitung auf die ewige Zukunft am besten leiten kann und der seiner Mission untreu wäre, wenn er jene Vorbereitung auf die ewige Zukunft nicht in jeder Hinsicht ernst dirigiren würde. Und wenn beim Schreiben dieses Satzes mein „Freidenker-Haar" sich noch so sträubt, muß ich ihn doch aus der Feder fließen lassen, um der Logik zu huldigen: amicus Plato, sed magis amica veritas. Ich habe keine Religion gegründet, ich habe die vom religiösen Standpunkte einzig richtige Definition des Menschen nicht erfunden, muß aber als Thatsache anerkennen, was Thatsache ist, und, um deren direkte Konsequenzen zu leugnen, bin ich, gerade als Freidenker, zu aufrichtig. Notabene: So lange es eine Religion geben wird, d. h. fo lange sich die Erde um die Sonne wird drehen, wird auch der Kampf zwischen der welt­lichen und der geistlichen Macht fortdauern. Nur muß ich offen hinzufügen, daß in dieser ewigen Schlacht die Logik auf der Seite der Geistlich k eit steht. Logisch ist der Klerus, wenn er den Standpunkt der Religion nie verläßt. Logisch ist der Klerus, wenn er die religiöse Definition des Menschen immer festhält. Logisch ist der Klerus, wenn er sagt, daß er allem wissen und bestimmen kann, was ihm zur Erfüllung seines Hauptberufs, zur Rettung der Seelen unbedingt nothwendig ist.

Wenn die Freidenker behaupten, daß sie Alles das besser kennten, oder gar, daß die Geistlichkeit sich weder um die Seelen, noch um ihre Rettung zu bekümmern hat, so müssen sie den Muth haben, bis zur Abschas- fung der Religion zu schreiten. Wie ihnen dieser etwas kecke Versuch gelingen wird, hat der damals allmächtige französische Konvent anno 1793 schon historisch bewiesen! Und sollte nun irgend ein Freund mir das Wort „Klerikalismus" oder „Ultramontanismus" an den Kopf werfen, so antworte ich ihm mit größter Ruhe: Wenn die Logik klerikal oder ultramontan ge-

worden ist, kann ich mir schon gefallen lassen, mit und neben ihr auch einmal zu dm Klerikalen oder Ultra­montanen zu zählen.

Zum Schluß noch einige Fragen: Was war der oben genannte Konvent? Eine politische Versammlung oder nicht? Wie hat der Konvmt auf religiösem Gebiete gehaust? Was hat er von Religion noch übrig gelassen? Wäre es nicht das Recht und die ernste Pflicht der damaligen Priester gewesen, vor den Wahlm sich, ich möchte sagen: ausschließlich mit Politik zu beschäftigen, um diesen der Religion so fatalen Konvent zu verhindern? Wie werden die meisten Menschen Freidenker, d. h. vom religiösen Standpunkte aus, ewig-Unglückliche? Durch gewisse Lektüre, oder nicht? Ich könnte mehr als ein Pariser Blatt nennen, das nach kurzer Zeit selbst die hartnäckigste Gläubigkeit vemichten würde. Ich wiederhole: In solchen Fragen kenne ich weder Namen noch Personen, aber in den Augen der Logik wäre ein Priester, der in gewissen Momenten, gerade vom religiösen Standpunkte, nicht politisch agitiren, oder vor gewissen Blättern nicht warnen würde, nur ein elmder Heuchler, welcher selbst an nichts glaubt und seinen Beruf für einen reinen lächerlichen hält. ,

In kurzen Worten, man könnte vielleicht einem Streite, bet sich Jahrhunderte hindurchgezogen hat, in folgender Weise ein Ende machen: Die Freidenker haben das Recht, den französischen Konvent zu loben für Alles, was er gegen die Religion gethan hat. Aber jeder logische Mensch könnte nur mit größter Verachtung von den damaligen Priestern sprechen, die politisch nicht agitirt hätten, um dem Nebel vorzubeugen. . Tage, wo man dem Priester garantirm wixv, daß keine politische Versammlung sichs weder oirett noch indirekt, mit r e l i g i ö s e n Angelegenheiten beschäftigen wird, wird der Geistliche auf jedes politische Treiben verzichten. Aber einstweilen könnte ich, ohne die Mai - g e s e tz e und den famosen, in Frankreich noch bestehenden Art. 7 zu nennen, hundert Momente aufzählen, .roo politische Versammlungen sich sehr ernst und sehr heftig mit religiösen Angelegenheiten abgegeben und so der Geistlichkeit Recht und Pflicht auf­gebürdet haben, sich in die politische Arena zu stürzen.

Deutsches Keich.

Berlin, 29. April.

* Die Sperrgeldervorlage beschäftigte heute in erster Lesung das Abgeordnetenhaus. Erster Redner war der nationalliberale Abg. Dr. Sattler, welcher bemerkte, daß seine Partei das Gesetz lediglich von dem Gesichtspunkte aus betrachte, ob es geeignet sei, einen vollm Friedenszustand, eine volle Befriedigung zu schaffen. Zu diesem Zwecke müsse eine Aenderung auf die Vermuthung kam, es fei ihr ein derartiger Ge­nuß noch nicht oft zu Theil geworden.

Dem entsprechend war auch ihre Unterhaltung in den Zwischen-Akten nur einsilbig, das soeben Gesehene und Gehörte schien zu mächtig in ihr nachzuwirken, als daß sie ein Gespräch über ferner liegende Gegenstände hätte führen können. Auch Ulrich war viel zu sehr unter dem Banne des empfangenen Eindrucks, der allen seinen Vorstellungen so schnurstracks widersprach, als daß er sich hätte zu einer Konversation aufgelegt suh­len sollen. So wurden nur einzelne Bemerkungen zwischen dem Baron und der Tante ausgetauscht, wah­rend der Oberst es sich im Hintergründe der Loge be­quem gemacht hatte und nicht wenig Lust zeigte, ein kleines Schläfchen zu halten.

Nach dem vierten Akt fand Ulrich es für ange­messen, sich zu empfehlen. Madame d'Arcourt lud ihn zu einem baldigen Besuche ein, was Hortense mit einem bezaubernden Lächeln und Kopfnicken begleitete, der Baron sagte aber:

„Ich bringe ihn Ihnen morgen mit, Madame, unter Verwandten macht man nicht lange Umstände. Ulrich war von Kind an ein Sohn meines Hauses und soll es bleiben. Ich hole Dich morgen ab, Ulrich.

„Bestimme mir die Zeit, ich kann ja zu Dir kom­men, lieber Onkel."