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17. Jahrgang

Mittwoch, den 30. April 1890

M 98.

uldaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Die Ansprache des heiligen Vaters an die italienischen Pilger vom 20. April.

Eure Anwesenheit und eure Worte, geliebteste Söhne, ge­reichen Uns zu wahrem Tröste und bringen Uns eine fühlbare Erleichterung. — Die katholischen Kundgebungen der Italiener haben in Unseren Augen einen besonderen Werth wegen der innigeren Bande, welche sie mit dem römischen Papste verbinden, und wegen der schwierigen Lage, in welche dieselben der gegen­wärtige Zwiespalt zwischen dem offiziellen Italien und dem Papstthum und die feindliche Haltung gegen dieses versetzt. Unter den schweren Sorgen des apostolischen Amtes, welche Wir zu tragen haben, ist eine der bittersten und stechendsten jene, welche die Lage der Kirche in Italien, die Religion und den Glauben des italienischen Volkes betrifft. Und wenn Wir immer die Gefahren haben bezeichnen müssen, welche sie bedrohen, so haben Wir dieses Mal um so begründetere Ursache, es zu thun, als die Gefahren seit einiger Zeit größer geworden sind. — Die Ereignisse sprechen für sich. Der Krieg, welchen aus satanischem Haffe die Sekten gegen die katholische Religion führen, wird hier offen von den staatlichen Gewalten unterstützt, welche sich öffent­lich auf ihre Seite gestellt haben. Die Gesetze, die Akte, welche von Nahe oder von Ferne die Kirche und die Religion berühren, werden hier unter direkter Inspiration der Setten gemacht und ausgeführt, welchen alles gehorcht. In der That mit der Hand zu greifen ist es, daß die Akte der öffentlichen Gewalt in der Kirchenpolitik den Aspirationen und den schuldvollen Absichten der Sektirer, welche nunmehr für Niemanden mehr ein Ge- heimniß sind, voll entsprechen. Es genügt, die Artikel des neuen Strafgesetzbuches gegen den Klerus, die Skandale vom letzten Juni, die Rede von Palermo, die Gesetzesvorlage über die frommen Stiftungen und die anderen, welche vorbereitet werden, zu erwähnen. Es ist die Fortsetzung des Krieges, welcher mit der Zerstörung der staatlichen Souveränetät der Päpste begonnen wurde, und welcher sich im weiteren Fortgang immer mehr, wie er von vornherein von den Agitatoren aufgefaßt war, als un­erbittlicher und ohne Waffenruhe zu führender Krieg gegen die Religion und die Kirche Jefu Christi kundgethan hat.

Gegenüber einem solchen Stande der Tinge liegt den ita­lienischen Katholiken.die Pflicht ob, sich mit offenem Visir zu zeigen, Allem die Stirn zu bieten und zu ertragen, um den un­schätzbaren Schatz des Glaubens zu erhalten. Es kann heute nur' zwei scharf geschiedene Feldlager .geben: das Lager der Katholiken, die entschlossen sind, immer mit den Bischöfen und dem Papste vereint zu bleiben und das feindliche Lager, welches fie bekämpft. Jene, welche aus Feigheit sich zu zeigen fürchten und gerne auf zwei Stühlen sitzen, vergrößern schon damit nach dem göttlichen Worte die feindlichen Heerschaaren.

Wir indessen können nicht umhin, Uns aufrichtig Glück zu wünschen, theuerste Söhne, und wie billig, eure Huldigung, das offene Bekenntniß eures Glaubens und die Versicherungen eurer

In harter Schule.

Roman von G. I.

(26. Fortsetzung.) X.

Das Opernhaus war beinahe bis auf den letzten Platz gefüllt; das Geräusch des Kommens und Gehens, des Stühle-Rückens, das Rauschen der Roben, das Klappern der Säbel, das Rascheln der Zettel war ver­stummt, auch das Stimmen der einzelnen Instrumente verklang. Der Kapellmeister erhob den Taktstock und die ersten Töne der Ouvertüre zur Afrikanerin von Meyerbeer rauschten durch den Saal.

In einer Loge des ersten Ranges hatten einige Offiziere Platz genommen und musterten mit ihren Operngläsern die Versammlung, sich halblaut bald diese, bald jene Bemerkung zuraunend.

„Was fesselt denn in der Theaterloge so sehr Ihre Aufmerffamkeit, Baron?" fragte der Eine, „da ist ja .heute nur alte Garde."

„Sie irren sich," versetzte der als Baron Ange­redete, „ich schaue nach der' bäumtet befindlichen Loge, kann aber unsere Schönheit heute nicht entdecken."

„Da kommt sie!" flüsterte ein Anderer, verstummte aber, denn in demselben Augenblicke rollte der Vor­hang auf.

Ulrich von Freiberg, welcher sich ebenfalls in der

vollkommenen Verbindung mit Uns, nach ihrem Werthe zu schätzen. — Damit erfüllt ihr nicht nur eine heilige Pflicht der Religion, sondern ihr gebt auch einen Beweis, daß ihr die auf­richtigsten Freunde eures Landes seid. Wir wissen, daß es solche gibt, welche deßhalb euch anklagen, seine Feinde zu sein: indeffen, wenn nach Handlungen zwischen euch und euren Anklägern em Urtheil abgegeben werden soll, so sehet zu, welche Dienste sie Italien leisten, sie, die allein darauf Anspruch erheben es zu lieben. Die Religion, das erste Gut, ja sogar die Schatzkammer unermeßlicher Güter sowohl für die Individuen, wie für die Staaten, ohne welche die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft zusammenfallen, suchen sie mit allen Mitteln aus dem Herzen )cr Italiener zu reißen. Die guten und gesunden Sitten, von deren Reinheit zu einem großen Theile die Wohlsahrt der Familien und die Kraft der Nationen abhängt, werden ttef ver­derbt von Tage zu Tage, mit der Schwächung des religiösen Sinnes, welcher deren Seele und Halt ist; und wenn man hier­zu die so vielen und mächtigen Ursachen der Verkehrtheit in jeder Art von Ausgelassenheit hinzufügt, so kann man wahr­haftig erschreckt sein über die zukünftigen Generationen. — Wir prechen nicht von dem materiellen Wohlstände, denn alle sehen ja, wie derselbe gesunken ist. _

Nun fragen Wir; wer ist es, der mehr und bester Italien liebt? Derjenige, welcher will, daß es religiös, gesittet, blühend und von Gott gesegnet sei; oder derjenige, welcher darnach trebt, ihm die Quellen des Segens und der Wohlsahrt zu ent­reißen? Wer will, daß es in Frieden mit dem Papste und der Kirche lebt und dadurch schon außerhalb geliebt und geachtet wird; oder wer in seinem Innern die verderblichste Zwietracht zu nähren bestrebt ist, wer seine Kräfte schwächt und es fortge­setzt den fchwersten Gefahren seitens der Feinde aussetzt? Wer will, daß er Gott und der Religion seiner Väter treu bleibe, oder wer es als Spielball den Sekten überläßt, deren unheil­voller Einfluß schließlich die Leidenschaften der Menge entfesselt unb die Gesellschaft gegen so viele subversive Elemente, welche vorwiegen, ohne Bertheidigung läßt. Möge antworten, wer ein verständiges Urtheil besitzt?

Daher, geliebte Söhne, schmiegt euch immer enger an die Kirche und an den Papst, geleitet von den beiden edelsten Ge­fühlen: der Liebe zur Religion und zum Vaterlande. — Die Pflichten, welche Wir erst kürzlich allen Katholiken in die Er­innerung gerufen und ans Herz gelegt haben, d. h. die Liebe zur Kirche und die Anhänglichkeit an den Glauben, der Muth, ihn zu bekennen, zu vertheidigen, die Verbindung mit Uns und dem Episkopate, die Uebereinstimmung der Empfindungen und Handlungen unter einander, die christliche Kindererziehnng — erwähnen Wir bei dieser feierlichen Gelegenheit von Neuem und legen sie euch ans Herz, die ihr näher dem apostolischen Stuhle steht, denn Jemand, und besondere Verpflichtungen gegen den­selben habt. Erfüllet diefelben mit beständiger Treue, im Ge­horsam gegen den römischen Papst und im Gehorsam gegen die Kirche, indem ihr euch an den edlen Beispielen erbaut, welche der von euch erwähnte ehrw. Luxago und so viele andere Heroen hinterlassen haben, an welchen Italien durch göttliche Gnade sehr reich war. Zum Schluß möge euch Unsere Freiheit und wahre Unabhängigkeit sehr am Herzen liegen, welche Wir verlangen und stets verlangen werden für Unser apostolisches Amt, unb deren Schutz in einer wahren unb wirklichen Souveränetät ge­legen ist. Diese Unsere Worte, geliebte Söhne grabet tief in eure Herzen, traget sie weg unb verbreitet sie in eurer Heimath. Unb nehmet auch ben apostolischen Segen mit, welchen Wir mit wahrer Hingebung eines väterlichen Herzens euch, bie hier an« roeienb sind, euren Kreisen, euren Familien unb allen italienischen Katholiken ertheilen.

Loge befand, hatte der Unterhaltung fchweigend, aber mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Er hatte feinen Platz absichtlich fo gewählt, daß er der Loge gegenüber zu fitzen kam, in welcher, wie er wußte, fein Onkel feit Jahren fest auf eine Anzahl Plätze abonnirt war. Bis jetzt hatte er vergebens gespäht, weder der Baron, noch die Damen ließen sich sehen, aus den Bemerkun­gen der Kameraden ging aber genugsam hervor, daß diese an jenen Plätzen eine auffallende Erscheinung zu sehen gewohnt waren und der Ausruf: „Da kommt sie!" deutete darauf hin, daß sie fo eben erschienen sei.

Es war eine gefeierte Sängerin, welche in der Rolle der Ines auftrat, und eine athemlose Sülle legte sich über die Versammlung, als die ersten Stro­phen ihres Gesanges „Was hör' ich Anna" von ihren Lippen ertönten, als sie in, ergreifend süßen Tönen das Abschiedslied Vasco's sang. Aller Blicke hingen unverwandt an der Bühne, nur für Ulrich war Gesang und Spiel verloren. Er schaute hinüber nach der Loge, an deren Brüstung er jetzt zwei Damen bemerkte, aber, es war unmöglich — das konnten die Franzö- sinen nicht sein, die Loge mußte heute andere In­sassinnen haben.

Gar zu wenig stimmten die beiden Damen mit dem Bilde überein, das er sich nach den Schilderungen seiner Kousine und des Grafen von Madame d'Arcourt und Mademoiselle de Barras gemacht hatte. Jene würdige

Deutsches Reich.

Berlin, 28. April.

* Der sogenannte Sperrfonds soll also im Staatssäckel verschwinden und sich in Zukunft nur durch eine der diskretionären Vollmacht des Kultus­ministers anheimgegebene Rente bemerkbar machen. In der That, diese Lösung der Sperrgelderfrage wird elbst den größten Pessimisten eine arge Enttäuschung bereitet haben. Und dabei von einer ins Einzelne gehenden Rechnungsablage keine Spur! Trotzdem bringt es die freikonservative ,Post' fertig, diese Reutenver- theilung an die Bisthümer als „eine weitgehende Kon­zession an den intransigent-ultramontanen Standpunkt" zu bezeichnen, die „anscheinend auch im wirklichen In­teresse der katholischen Kirche nicht zweckmäßig sei, in­sofern die reichen Bisthümer viel, die bedürftigen wenig erhalten." Aber selbst die ,Post' erklärt trotz dieses total schiefen Standpunktes, daß eine feste Zweck­bestimmung an und für sich gewiß vorzuziehen sein würde. Was, so fragen wir, geht das den Staat oder gar die protestantische Kirche an, wie sich die Sperr­gelder auf die einzelnen Bisthümer vertheilen? Was hat ferner die von der ,Post' ebenfalls hereingezogene „Parität" mit dieser verpfuschten Vorlage zu thun? Hier handelt es sich einfach um die Wiedergabe, die pflichtmäßige Restitution eines bestimmten Gutes an seine rechtmäßigen Eigenthümer. Eine andere Lösung ist aus dem Boden der christlichen Moral nicht möglich. Die Gehälter der Geisttichen sind einbehalten worden auf Grund eines nachträglich von selbst hinfällig ge- wordeueu Gesches; gibt es eine einfachere UeberlWUng als die, daß man das gethane Unrecht,-ßUM«c wenn man es selbst eingesehen hat, wiedergut machen soll? Diese Ueberlegung existirt für das preußische Kultus­ministerium nicht! Man wird Herrn v. Goßler in künftigen Kultusdebatten nach feinen Thaten und nicht nach seinen glatten Worten beurtheilen; den Ver­trauensseligen vollends, welche von dem starr-protestan­tischen Standpunkte dieses Ministers eine entgegen­kommende paritätische, ja, nur eine den einfachsten An­forderungen der Gerechtigkeit entsprechende Behandlung katholischer Dinge erwarteten, dürften durch diesen Ent­wurf die Augen aufgegangen sein. Mit solchen Mi­nistern wird „die neue Aera" über kurz oder lang end- giltig brechen müssen.

* Auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses standen zwei Gegenstände von hervorragender Wichtigkeit, der Nachttagsetat und die Sperrgelder-Vorlage. Abg. Frhr. v. Huene (Centt.) wandte sich zunächst zu der Nachtragsforderung für den Berliner Dombau. Er erklärte, daß das Centrum an seiner früheren Auffassung festhalte. Den Bau einer Mattone in dem soliden, hochherangehenden Kleide von dunkelvioletter Seide, mit der weißen Spitzenhaube und der schwarzen Spitzen-Mantille glich eher einer Land- Edeldame, die selten in die Residenz kommt und dann in ihrer Att Toilette macht, als einer französischen Abenteurerin, und jenes junge Mädchen in dem ein­fachen, aber duftigen weißen Kleide, mit der Kamelie im schwarzen, schlicht gescheitelten Haar, als einzigen Schmuck ein schwarzes Sammetband um den Hals, in dem wie ein Thautropfen ein einziger Stein glänzte, war eine so vollendete Verkörperung schuldloser Uner­fahrenheit, daß es Ulrich wie eine Lästerung vorkam, sie sich als die Heldin all' jener Abenteuer vorzustellen, von denen ihm der Graf erzählt hatte.

„Ich bin vergeblich gekommen, sagte er sich; „mein Onkel hat seine Damen heute nicht hergesührt, wahr­scheinlich hat er die Loge Bekannten überlassen und wollte ein Zusammentreffen mit diesen vermeiden. Wer nur die Damen sein mögen? Gewiß die Frau und Tochter eines Grundbesitzers aus der Provinz." Er ftrengte sich an, die im Hintergründe der Loge befind­lichen Personen zu erkennen, um vielleicht danach zu einem Schluffe über die Damen zu gelangen. Zerstreut theilte er seine Aufmerksamkeit zwischen der Bühne und der Loge, die Anziehungsttast der letzteren erwies sich aber als die stärkere, und als nach dem ersten Akte der Vorhang fiel, war Ulrich wieder fo sehr in die