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J\£ 97.

Dienstag, den 29. April 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

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W* Fuldaer Zeitung

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Deutsches Keich.

Berlin, 26. April.

* Bezüglich der Stellung der kirchlichenObern zum Sperrgeldergesetz schrieb die gestrige ,Na- tionallib. Korr.' Folgendes:

„®ie .Germania' glaubt versichern zu können, daß eine Ver­ständigung über das Sperrgeldergesetz mit den Bischöfen nicht vorhergegangen ist und auch keine Verständigung mit Rom. Der Kultusminister wird nicht umhin können, über diese zur Beurtheilung der Sachlage sehr wichtige Frage bei den Ver­handlungen im Abgeordnetenhause einige Mittheilungen zu machen. In parlamentarischen Kreisen außerhalb des Cen­trums glaubt man an eine vorherige Verständigung mit den maßgebenden kirchlichen Stellen und ist daher nicht geneigt, die üble Laune der klerikalen Presse hier ernst zu nehmen."

Dem gegenüber bringt die .Post' heute Abend nach­stehendes römische Telegramm:

„Ueber die Verwendung der Sperrgelder haben Vor­verhandlungen zwischen der preußischen Regierung und der Kurie stattgefunden. Die preußische Regierung hat die Ansichten der Kurie bezüglich des Eigenthums am Kapital nicht angenommen. Der Vatikan ver­wirft angeblich die diskretionäre Gewalt in der Bertheilung der Zinsen, würde aber auf die aufgelau­fenen Zinsen bei Hergabe der Verwendung des Kapitals verzichten."

Hiezu bemerkt die .Germania': „Wir unsererseits haben schon vorgestern Abend bestimmt erklärt und können nur wiederholen, daß eine Verständigung mit den Bischöfen oder mit dem Papste nicht vorliegt. Daß vor Monaten einmal Anfühlungen in dieser Frage in Rom stattgefunden haben, ist von uns damals berichtet worden, sie gaben aber zu Hoffnungen keinen Anlaß." Die Punkte, auf die es ankommt, sind 1) das Eigenthum am Kapital und 2) die Verwendung des Ertrags, und hier mit besonderer Betonung der Frage, ob Regierungs - Einmischung oder nicht, ob dauernde und bestimmte Regelung oder jährliche, bezw. priodische und diskretionäre.

* Abenteuerliche Gerüchte gehen über den Fürsten Bismarck richtiger auf Kosten des Fürstm Bis­marck, in parlamentarischen Kreisen um. Den Anlaß dazu gaben die jüngsten Artikel gewisser Hamburger

In harter Schule.

Roman von G. I.

(25. Fortsetzung.)

„Was unterstehst Du Dich!" rief der Baron auf­springend.

„Ich bitte, ich beschwöre Dich, Vater, höre mich an", flehte sie.

„Gut, ich will Dich anhören", sagte er, sich zur Ruhe zwingend, „damit wir mit dieser Angelegenheit einmal zu Ende kommen. „Sprichst Du wirklich von Mademoiselle de Barras in jenen unerhörten Aus­drücken ?"

„Ja, das thue ich, Papa, und thue es mit gutem Grunde."

„Auf diesen Grund bin ich neugierig."

„Kennst Du etwas von chrer Vergangenheit?"

„Gewiß. Sie ist die Tochter eines guten französischen Hauses, hat die Eltern früh verloren, lebt bei den alten Verwandten, die ihr zu Liebe Reisen gemacht haben und ihr zu Liebe diesen Winter, den sie viel lieber auf ihrem sonnigen Gute in der Provence ver­lebten, in Berlin zubringen."

„Hast Du Beweise dafür, Vater?"

„Glaubst Du, ich werde wie ein Polizist den Leuten ihre Legitimationspapiere abfordern?" fragte er scharf. „Weißt Du es etwa besser?"

„Das weiß ich, Vater," sagte sie leise, „und es

Blätter, insbesondere der „Hamb. Nachr.", welche ein Wiedererscheinen des früheren Reichskanzlers im öffent­lichen Leben, zunächst im preußischen Herrenhause, dann im deutschen Reichstage und daneben eine Ver­tretung der Bismarck'schen Auffassungen in der Presse in der bestimmtesten Weise ankündigten. Einzelne Blätter führen nicht nur diese Ankündigung, sondern sogar bestimmte gegen Maßregeln der gegen­wärtigen Regierung gerichtete Artikel des genannten Hamburger Blattes unmittelbar auf den Fürsten Bis­marck zurück. Wenn man so weit nicht gehen will, so mird man doch annehmen müssen, daß der Verfasser der fraglichen Auslassungen der „Hamb. Nachr." Stim­mungen in Friedrichsruh wiederzugeben glaubt. Die ganze politische Welt begegnet sich in dem Gedanken, daß auf dem Lauenburger Landsitz des früheren Reichs­kanzlers schlechtes Wetter ist, daß mit anderen Worten Achilles grollend im Zelte sitzt. Von da bis zu Ent­schlüssen, welche nur in einer Bekämpfung des der­zeitigen Regiments gipfeln könnten, ist aber noch weit und es erscheint in «nserm monarchisch-militärischen Staatswesen nahezu undenkbar, daß Fürst Bismarck die Rolle eines „Civil-Wallenstein", wie ein konserva­tives Blatt sich ausdrückte, übernehmen könnte. Ge­schieht es, so würde der Fürst trotz seiner das öffent­liche Leben im deutschen Reiche und in Preußen be­herrschenden Vergangenheit in dieser Rolle gründlich scheitern, und wir halten den Fürsten Bismarck für viel zu gescheidt, als daß er, trotz allem Mißbehagen ü6t*i die jüngste Entwickelung,'^elnem derartigen" Ab­schlüsse seiner staatsmännischen Laufbahn sich aussetzen möchte. Aber in parlamentarischen Kreisen findet das Abenteuerlichste Gläubige. Auch hieß es, ein neuer Konflikt sei zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler ausgebrochen, weil Ersterer an ihn gerichtete, die Frage der Regentschaft über Friedrich III. behandelnde Briefe des damaligen Kronprinzen nicht herausgeben wollte. Auch das rechnen wir zu den unmöglichen Dingen. In Abgeordnetenkreisen konnte man aber ernstlich die Frage erörtern hören, ob Briefe dieser Art lediglich privaten oder staatsrechtlichen Charakters seien, deren Heraus­gabe also event. erzwungen werden könne. Die Frage, so gestellt, ist so einfach nicht; aber unseres Erachtens wird die Frage überhaupt nicht aufgeworfen werden. Wir erwähnen dieses Gerede auch nur, um zu zeigen, was alles für „Zwischenfälle" die durch den Rücktritt des Fürsten Bismarck geschaffene Lage gebiert. Eine gute Seite hat der oben gedachten Ankündigung der „Hamb. Nachr." ein durch seine spitze Zunge bekanntes Mitglied der deutschfreisinnigen FraÜion abgewonnen, indem er meinte: „Kommt Fürst Bismarck in den Reichstag, so werden wir —Diäten bekommen!" Von

wird mir schwer genug, mit Dir darüber zu sprechen, aber es muß sein."

Mit tonloser stockender Stimme erzählte sie ihm in möglichst kurzen Worten die von Ulrich gehörte Ge­schichte. Er unterbrach sie ab und zu durch ein kurzes Lachen oder durch einen Zornesruf, ließ sie aber doch zu Ende kommen.

„Wer hat Dir denn diese Ammenmärchen auf­gebunden?" rief er, als sie fertig war. „Man sollte wahrhaftig meinen, Dir sei ein französischer Sensations­roman in die Hände gefallen und Du läsest mir ein Kapitel daraus vor. Hättest Du nur eine Spur von Menschenkenntniß, so hätte ein Blick auf Mademoiselle de Barras Dich doch überzeugen müssen, daß diese ganze Geschichte an innerer Unwahrscheinlichkeit und Unmöglichkeit leidet."

„Aber Vater —"

Er ließ sie nicht zu Worte kommen. „Du erzählst mir da eine Reihe von Abenteuern, die mindestens einen Zeitraum von zehn Jahren umfassen, und Hortense ist zwanzig Jahre alt."

„Hast Du ihren Taufschein gesehen, Vater?" fragte Leontine, die jetzt doch auch etwas von ihrer Ruhe verlor.

„Dessen bedarf es nicht, da kann ich mich auf meine Augen verlassen. Was hast Du übrigens für Beweise für Deine Erzählung? Von wem hast Du sie?"

„Aus glaubwürdiger Quelle," antwortete Leontine.

demselben „zuverlässigen Korrespondenten", welcher ihr den Empfang des Herausgebers der „Hamb. Nachr." in Friedrichsruh berichtete, will die ,Freis. Zt.' nach­stehende Mittheilungen über Aeußerungen des Fürsten Bismarck beim Empfang der Deputation des Central­verbandes der deutschen Industriellen erhalten haben, welche am Mittwoch stattfand. Fürst Bismarck be­merkte mit unverkennbarer Erregung, er habe seinen Abschied erhalten und wäre sehr gern im Amte ge­blieben, wenn der Kaiser es gewollt hätte. Er nahm weiterhin Veranlassung, über die Undankbarkeit der Menschen sich zu beklagen. Ein Minister, der ihm sein ganzes Emporkommen zu verdanken habe, habe in Verbindung mit Hoibeamten den Kaiser gegen ihn auf­zubringen gesucht. Um dies zu verhindern, habe er die alte Kabinetsordre von 1852 hervorgesucht, welche den Verkehr der einzelnen Minister mit der Krone unter die Kontrole des Ministerpräsidenten stellt. Der Kaiser habe ihm seine Konferenz mit dem Abg. Windt- horst zum Vorwurf gemacht, er aber muffe es als das Recht des Kanzlers betrachten, mit jedem „Reichsboten" selbstständig zu verkehren. Jetzt glaube er allerdings, daß ihm mit dieser Konferenz eine Falle gestellt wor­den sei. Windthorst habe die Konferenz gewünscht, aber so unverschämte (!) Forderungen gemacht, daß diese Forderungen nicht ernst gemeint sein konnten. In sachlicher Beziehung sei er in Meinungsverschiedenheit mit dem Kaiser nur in Betreff der Behandlung der Arbeitelffragen gerathen. Nach seiner Ansicht das Vorgehen der Regierung zur Züchtung von Sozial­demokraten führen. Alle diese Aeußerungen wurden in einem größeren Kreise von Personen gethan, welche nicht den Eindruck empfingen, als ob Fürst Bismarck eine diskrete Behandlung derselben voraussetzte. Die ,Freis. Ztg.' fügt bei: „Wir sind selbststverständlich weit davon entfernt, uns vorstehende Aeußerungen zu eigen zu machen; sie bekunden mehrfach nur den hohen Grad einer Erregung, der selbst bis zu der Wahn­vorstellung einer besonderen Verfolgung von Seiten des Ministers von Bötticher sich gesteigert zu haben scheint."

* In der heutigen Plenarsitzung des Herren­hauses wurde die Denkschrift über die Ausführung des Ansiedelungsgesetzes für Posen und Westpreußen in einmaliger Weiterberathung erledigt. Der Referent Graf Frankenberg beanttagt, die Denkschrift durch Kenntnißnahme für erledigt zu erklären. Diesem An­träge gemäß beschließt das Haus, nachdem die Herren Graf Mirbach, Fürst Radziwill, Graf Stolberg, Mül- ler-Posen, Miquel und Dernburg sich an der Debatte betheiligt hatten. Die Ansiedelungs-Vorlage für Hes­se n-Nafsau werde, von dem Anträge der Agrar-

„Nenne sie — doch halt, dessen bedarf es nicht, ich will sie Dir nennen. Graf Falkenburg war soeben bei Dir, ich sah ihn fortgehen. Das erklärt Alles."

Leontine schwieg.

„Jetzt verstehe ich Alles," lachte der Baron höhnisch. „Das ist die Rache des edlen Grafen, daß feine schänd­lichen Anschläge an Hortense's Reinheit und der Ehren- hastigkeit ihrer Verwandten gescheitert sind."

„Du nennst sie Deine Verlobte, beharrst darauf, sie zu heirathen!" stöhnte Leontine.

„Jetzt mehr als je. Sie bedarf eines Beschützers. Die Tante hat mich wiederholt auf die Verfolgungen des Grafen aufmerksam gemacht, daß er so weit gehen würde, hätte ich nicht geglaubt. Du wirst viel zu thun haben, bei Deiner Mutter das ihr zugefügte Unrecht wieder gut zu machen."

„Meine Mutter ruht im Grabe," versetzte Leontine feierlich, „ihr habe ich wissentlich und absichtlich nie ein Unrecht zugefügt; mit jener Person habe ich aber keine Gemeinschaft."

„Du wirst in ihr die Herrin dieses Hauses und meine Gemahlin zu ehren haben."

„Ich werde nicht mehr unter einem Dache mit ihr bleiben, die Schwelle, die sie entweiht hat, fliehe ich!" rief Leontine leidenschaftlich.

Der Baron lachte spöttisch. „Willst Du nicht viel­leicht zur Bühne gehen? Dein Pathos wäre für eine Tragödin geeignet."