17. Jahrgang
Sonntag, den 27. April 1890.
.TV 96.
uldaer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.
Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.. bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
* Die Keden des Kaisers, welche er inBremen und Bremerhaven gehalten, liegen seit einigen Tagen im Worlaute vor.
Die erste Rede, womit der Kaiser bei dem Festmahle im Rathhaus - Saale zu Bremen den auf ihn ausgebrachten Toast erwiderte, lautet:
Mein verehrter Herr Bürgermeister! Es wird Mir nicht leicht, nach Ihrer hervorragenden Rede die rechten Worte zu finden, um Meinen Gefühlen Ihnen gegenüber den richtigen Ausdruck zu geben, wenn Ich aber aus ganzem Herzen Ihnen Meinen Dank ausspreche für den überaus glänzenden, aber nicht nur glänzenden, sondern vor allen Dingen warmen Empfang, den Sie und Ihre Bürgerschaft Mir bereitet haben, so erfülle Ich damit eine Mir liebe Pflicht. Die Wärme, die aus der Bevölkerung Mir entgegengetragen ist, hat Meinem Herzen im Innersten wohlgethan, denn aus der Wärme spricht sich zugleich die Anerkennnng und der Dank aus für alle Arbeit und Sorgen, die Ich dem Wohle des Volkes darbringe, und das ist für Mich der angenehmste Lohn, der Mir aus Meiner Thätigkeit werden kann. Einundzwanzig Jahre sind es her, da war Ich als kleiner lOjähriger Knabe in Bremen, um diese herrliche Stadt in Augenschein zu nehmen. Ich war auch in dieser Halle, und auf Mich hat dieselbe einen solchen Eindruck gemacht, daß Ich sie nie vergessen habe, und die gesummte Halle, wie sie noch jetzt aussieht, Mw immer vorgeschwebt hat. Aber damals ahnte Ich nicht, daß es nach Gottes Rathschluß bestimmt wäre, daß Ich einst als deutscher Kaiser von der Stadt Bremen festlich bewirthet, Mich hier wieder befinden würde. Sie waren so gütig, Meines Hauses und der Bestrebungen desselben für Deutschlands Entwickelung zu gedenken: Ich darf dazu beinerken, daß cs uns gegeben gewesen ist, das zu erreichen, was erreicht worden ist, liegt vor allen Dingen daran, daß in Unserem Hause die Tradition herrscht, daß Wir Uns als von Gott eingesetzt be trachten, um die Völker, über die zu herrschen Uns beschieden ist, zu regieren und zu leiten, zu deren Wohlfahrt und zur Förderung ihrer materiellen und geistigen Interessen. Dieser Tradition huldigend, hat Mein Herr Großvater die gewaltigen, von Ihnen berührten Dinge und Großthaten vollbracht und das Reich zu einigen vermocht. Meinerseits sehe Ich Meine höchste Pflicht darin, dieses von ihnen Mir überkommene Reich zu schützen, auszubauen und auszugestalten und vor Allen hier in der Handelsstadt es auszusprechen, daß Ich, was Mir und Meiner Regierung möglich ist, dafür forgen werde, daß in ungestörter Weise ihr Handel und die großartige Thätigkeit dieser Stadt sich weiter entfalten und blühen möge. Wir haben heute unter uns einen Mann, der noch mit Meinem Herrn Großvater die Großthaten^ erfochten hat, Feldmarschall Moltke hat sich Mir freiwillig angeschlossen, um der lieben Stadt Bremen auch einmal wieder seine Aufwartung zu machen. Meine Herren, wir alle fühlen uns ganz besonders zu einer großen Handelsstadt hingezogen, besonders aber zu Bremen, denn Ich kann sie versichern, int Jnlande hegt man ein großes Vertrauen und Ich möchte sagen, einen großen Respekt vor Bremen, weil wir in Bremen die kerndeutsche alte Handelsstadt sehen, die eine auf alter Tradition beruhende Kaufmannschaft einen Patrizierstand besitzt, erfüllt von Solidität und dem alten deutschen Geiste, wie man ihn selten in einer Stadt wiederfinden kann. Und das spricht sich auch in Allem aus, was Wir heute gesehen haben, und auch aus dieser Halle und aus der Versammlung, die in dieser Halle ist. Ich Meinerseits ergreife das Glas, gefüllt mit deutschem Weine, und erhebe es auf das Wohl das Blühen und Gedeihen der Stadt Bremen mit der festen Zuverficht, daß der Friede wohl bewahrt bleiben werde und daß die Stadt sich weiter entwickeln und
In harter Schule.
Roman von G. I.
(24. Fortsetzung.)
Und hätte gern schon in Baden-Baden noch mehr gethan", sagte er schmerzlich, wenn ich nicht gebunden gewesen wäre. Der Prinz wollte einer holden Nähe nicht entbehren —“
„Nein, unterbrechen Sie mich nicht , bat er, als sie eine abwehrende Bewegung machte, lassen Sie mich wenigstens Ihnen diese Rechtfertigung aussprechen, deren ich mich gegen Herrn von Freiberg nicht bedienen wollte. Ich durste Ihren Herrn Vater nicht erzürnen um meines fürstlichen Herrn und Freundes willen. Wer sich in Hofdienst begiebt, begiebt sich seines freien Willens."
„Und weshalb begeben Sie sich hinein?" fragte sie, den Kopf stolz zurückwerfend; „wozu geht der Edelmann in Fürstendienst?"
Er seufzte. „Sie haben Recht, gnädiges Fräulein, aber nicht siir Jeden verfließt das Leben glatt und ruhig, es gibt Klippen und Untiefen, an denen unser Schiff zerschellt, in denen wir Schiffbruch leiden und mit Dank die Hand ergreifen, die uns dem Abgrunde entreißt, mag sie nun einem Fürsten oder einem Bettler angehören. Mir ist Prinz Alexander ein solcher Retter
ihr Handel zu nie geahnter Größe aufblühen möge. Ich erhebe Mein Glas und rufe: die Stadt Bremen und ihr Senat und ihre Bürgerschaft, sie leben hoch! hoch! hoch!
Die Rede, welche der Kaiser bei dem Festmahl an Bord des Norddeutschen Lloyd-Dampfers „Fulda" gehalten, hatte folgenden Wortlaut:
Indem Ich für Ihre freundlichen Worte der Begrüßung danke, spreche Ich Meine ganz besondere Freude darüber aus, daß es Mir vergönnt gewesen ist, endlich einmal einem lange von Mir gehegten Wunsche nachkommen zu können und selbst in Augenschein zu nehmen das Wirken nnb Treiben, das Schaffen und Walten der großen Gesellschaft des Norddeutschen Lloyd. Ich kann Ihnen versichern, daß unter den vielen Interessen, die Ich in Bezug auf Meine Regierung und Mein Reich zu beachten und zu verfolgen habe, kaum etwas Mich mit größerer Theilnahme und Fürsorge erfüllt, als gerade das Gedeihen und das Leben Ihrer Gesellschaft. Ein jeder Neubau, den die Gesellschaft bestellt, ein jeder neuer Erfolg, den Ihre Schiffe erringen, eine jede neue Linie, die begründet wird, erfüllt Mich, und nicht nur Mich, sondern viele, die ebenso denken wie Ich, int Lande mit Stolz und Befriedigung. Das große Emporium, was Wir heute in so herrlicher Pracht gesehen haben, welches der Stapelplatz für die vie l en Bei» ürfni sse i st, die weiter hinausgeführt werden sollen, ist der Ausgangspunkt für die Erzeugnisse, die nun im raschen Lauf durch das Lloydfchiff in alle vier Winde hinausgebracht werden. Die herrlichen Schiffe, die zur Bewunderung nicht nur der Deutschen, sondern gerade auch der Fremden, mit so schneller Fahrt die Fluth durchschneiden, bringen Überall hin, erstens die Erzeugnisse Unseres Vaterlandes und zweitens sind sie das Zeichen unserer Schiffsbautechnik, unserer Arbeitsleistung und zu gleicher Zeit auch das Zeichen der Leistungen' unserer Handelsmarine, und Ich glaube wohl ohne Ueberhebung sagen zu dürfen, wo sie hinkommen, können sie sich mit Recht und mit Stolz vor der Welt zeigen und blicken lassen. Daß es selbstverständlich Meine erste Sorge ist, nach allew-Richtungen so weit als möglich für den Frieden zu sorgen, das geschieht ja natürlich auch im Hinblick auf das, was der Lloyd zu leisten hat, denn gerade der Handel und Wandel vermag nur zu blühen und zu grünen, wenn die Geschäfte in si cherer Hut und sicherer Obhut sind. Es mögen Momente vorkommen, wo der Handelswelt Bedenken aufsteigen, wo es den nicht einge- weihten Laien scheinen will, als ob gefährliche Zeiten herannahen. Sie können überzeugt fein, es ist Manches nicht so fchlimm, wie es aussieht. Und um Mich eines Bildes zu bedienen, so möchte Ich, der Ich als passionirter Seemann die Zeichen der Natur gern verfolge und bewundere, um, wie der Deutsche manchmal aus der Natur aus sich zurückschließt, auch aus einer Naturerscheinung einen Schluß auf unsere Verhältnisse zu ziehen. Es war auf Meiner ersten Fahrt mit dem Geschwader nach der Ostsee, Ich fuhr seit Morgens drei Uhr in tiefem Nebel, und man hörte nur das Tönen der Sirenen und von Zeit zu Zeit Kanonenschüsse, die die Position der Schiffe angaben. Um acht Uhr sollte ein Co urs- wechsel eintreten, der Nebel war so dick, daß nicht einmal bis zu dem Kartenhaus des Schiffes zu sehen war, geschweige denn von einem Schiffe auf das andere; und es stiegen Bedenken aus, wie ber Courswechsel stattfinden würde. Er fand statt und ungefähr eine Stunde nachher kamen wir mit der „Hohenzollern'^ plötzlich aus der Nebelbank heraus und fuhren mit frischem Winde und ruhigem Waffer bei blauem Himmel und hellleuchtender Morgensonne. Der Blick wendete sich zunächst rückwärts nach der Nebelbank, die wie eine große mächtige Wolke auf dem Meere lag, aus der nur die Laute der tönenben Sirene uns entgegenschallten. Mit einem Male sahen wir hoch in ben Wolken, anscheinend wie von ber Hand eines Cherubin getragen, bie deutsche Flagge allein durch die Wolken geworden, darum fühle ich mich ihm verpflichtet, ich diene ihm und darf ihm dienen, denn er ist mein Freund und ein edler Mann."
Sein Auge ruhte bei den letzten Worten forschend auf Leontinens Gesicht, die unter feinen Blicken die Augen zu Boden schlug.
„Der Prinz nimmt warmen Antheil an Ihnen," fuhr er, in einen leichteren Ton übergehend, fort, „er hat sich zu verschiedenen Malen bei mir nach Ihnen erkundigt."
„Sehr gnädig," versetzte Leontine kühl, dem gewiegten Beobachter entging es aber doch nicht, daß es wie ein Freudenstrahl in ihrem Auge aufgezuckt hatte. „Werden Sie sich wieder in feine Nähe begeben?"
„Zur Reifefaison gewiß, vielleicht auch früher," antwortete Falkenburg," zunächst erwarte ich nur von einem Menschen Befehle und das find' Sie, gnädiges Fräulein, gebieten Sie über mich!"
Leontine sah ihn mit einem traurigen Lächeln an. „Gleiche ich denn so sehr der Prinzessin im Märchen, die von der bösen Stiefmutter, von Drachen und Ungeheuern bedroht ist, so daß Ritter und Helden sich ihrem Dienste weihen, zu ihrer Befreiung auf Abenteuer ausgehen müssen?" sagte sie.
„Jedes Jahrhundert hat feine Drachen und Ungeheuer und seine eigene Art des Kampfes gegen sie,"
einherziehen; es war bie Abmiralsflagge, bie an bent großen Mast des „Kaiser" wehte, ber als Leiter ber Division noch im Nebel fahrend uns gefolgt war. Es war bies ein so überraschender Anblick, baß Alle, bie mit uns auf ber Brücke zusammen waren, unwillkürlich bie Hacken zusammennahmen unb dieses Naturwunder betrachteten. Zehn Minuten daraus tauchte das gelammte Geschwader in tadelloser Ordnung im neuen Cours aus dem Nebel hervor. Meine Herren, aus diesem Bilde schließe Ich, daß, was auch unserem Vaterlande, unserer Marine und dem Handel für Nebel und dunkle Stunden bestimmt feien, es uns Deutschen doch gelingen wird, biefe Nebel unb buntlen Stunben zu ü bertoinben unb bei kräftigem Vorwärtsstreben unser Ziel zü erreichen nach bem guten Grundsatz: „Wir Deutschen fürchten Golt, sonst Niemand auf der Welt!" Deßhalb möchte ich an Sie das Ersuchen richten, sollte auch in ber Presse ober im öffen tlich en Leben g ar Manches bunkel erscheinen, unb wie es leibet nicht selten geschieht, Meine Worte unb Aeußerungen ausgelegt werb en in allen möglichen Deutungen, bie nicht barm liegen, so entsinnen Sie sich besten, was Ich gesagt unb auch des alten Grundsatzes, den ein alter Kaiser gesprochen: „An einem Kaiserwort soll man nicht drehen und deuten!" Ich erhebe das Glas und trinke auf ein ewiges Fortleben, Gedeihen und Aufwärtsstreben des Norddeutschen Lloyd. Er lebe hoch! hoch! hoch!
* Die Arbeiterbewegung mm L Mai wird keine allgemeine werden, wie man es wohl von gewiffer Seite gewünscht hat. Es find nur einige Heißsporne, welche an dem Pariser Beschluß in Betreff der Feier des ersten Mai festhalten wollen. In Deutschland wird der Tag wahrscheinlich ohne jedwede Aufregung vorübergehen, Dank dem gesunden Sinn und der Besonnenheit unseres Aröeiterstandes. Aß ttirigT*" - ja allerdings recht verlockend, wenn man als Hauptzweck die Thatsache hinstellt, daß zu derselben Stunde die Räder auf dem weiten Erdenrunde still stehen, und zwar auf Geheiß des simplen, unbedeutenden Arbeitsmannes, der einmal sich selbst gehören will. Diese Thatsache erscheint, wie das neugewählte Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion Schippet schreibt, als das wahrhaft Großartige, Imposante an der Feier am 1. Mai. Wie werde es der Bourgeosie vor ihrer „eigenen Gottesähnlichkeit bange" werden, wenn sie vernehme, daß die größten Fabrik-Etablissements am 1. Mai feiern mußten, weil die Arbeiter einmal die Arbeitslast von ihrer Schulter schütteln wollten. Diese Thatsache hätte aber nur eine ideelle Bedeutung, ein positives Resultat würde durch ein solches Vorgehen nie erzielt werden. Das hat auch die sozialdemokratische Parteileitung sehr wohl eingesehen und daher die entsprechenden Beschlüsse bei der Versammlung in Halle gefaßt. Bei der guten Parteidisziplin der Sozialdemo- kraten dürfen wir erwarten, daß der Parteiordre Folge geleistet wird. Gleichwohl werden sporadische Arbeitseinstellungen n i ch t ausbleiben. Arbeitern denen es ernst ist mit der Besserung ihrer Lage, werden sich nicht verlocken lassen, sondern nur solche, denen es daran versetzte der Graf. „Sie haben Herrn von Freiberg zu Ihrem Kämpen ausersehen, sollte aber seine Lanze zersplittern, sein Arm lahm werden, so gestatten Sie, daß ich statt seiner eintrete."
„Ich fürchte das zwar nicht," versicherte Leontine, „dennoch nehme ich Ihr Anerbieten an."
„Und bis dahm darf ich Ihnen nahe bleiben, Sie zuweilen sehen, Ihnen meine Beobachtungen mittheilen und von Ihnen Ihre Hoffnungen und Befürchtungen erfahren?" bat er.
Sie neigte zustimmend das Haupt. „Haben Sie Dank für diesen Beweis der Freundschaft, Herr Graf, sagte sie. „Ach, seit ich weiß, daß ich Freunde habe, ist mir erst zum Bewußtsein gekommen, rote einsam ich mich fühlte." .
„Die Zahl Ihrer Freunde ist damit noch mcht erschöpft," entgegnete der Graf mit feiner Beziehung, indem er aufstand. „Leben Sie wohl, gnädiges Fräulein, auf ein baldiges frohes Wiedersehen."
Leontine schritt, nachdem er sie verlassm, ineigen- thümlicher Auflegung im Salon auf und ab. Der Graf hatte zwei Gedanken in ihre Seele geworfen, die einander bekämpften und sich doch vereinigten, sie zu beunruhigen; die Erinnerung an den Prinzen unb der Hinweis aus Ulrichs möglichen Wankelmuth.
„Wär's möglich, könnte er mich verrathen, nachdem