Af 93.
Donnerstag, den 24. April 1890.
17. Jahrgang
uldaer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
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M Zur Lage in Italien.
Es verlohnt sich wohl der Mühe, nach den letzten Ereignissen eine Ueberschau über die italienischen Verhältnisse im Allgemeinen zu halten, da die Verbindung der einzelnen Thatsachen untereinander und ihr innerer Zusammenhang größer sind, als es aus den ersten Blick erscheinen möchte.
Man geht wohl nicht fehl, wenn man von der Einbringung des Gesetzentwurfes über die Opere Pie eine Veränderung in der Machtstellung Crifpi's her- datirt. Das von der Loge inspirirte und gewollte Gesetz fand und findet selbst in denjenigen Kreisen Widerstand, wo Crispi bisher auf unbedingte Heeresfolge rechnen konnte. Namentlich verschärfte sich die Abneigung des Senates gegen das Gesetz nicht unwesentlich durch den Umstand, daß Crispi sich in keiner Weise bereit finden ließ, den Abänderungen der ersten Kammer an dem Entwürfe seine Zustimmung zu geben. Diese Verweigerung der Zustimmung hat zum großen Theile ihren Grund in der Furcht, daß sich die Deputirtenkammer nicht noch einmal bereit finden lassen wird, in diesen allen parlamentarischen Einrichtungen hohnsprechenden Formen einen Entwurf durchzupeitschen, der so gewaltig in das soziale und wirthfchaftliche Leben Italiens eingreift.
Die Unzufriedenheit der Gesetzgeber auf Monte- citorio mit dem Diktator in der Confulta hatte sich bei den Opere Pie durch Abwesenheit fast aller Depu- tirten kundgegeben, da man noch nicht wagte, offene Opposition zu machen, und darum lieber, durch Ab-, Wesenheit glänzte. Verstärkt wurden die Gefühle der Abneigung durch die jammervolle Wendung afrikanischer Politik, und die Bande der ministeriellen Majorität wurden schließlich nicht unwesentlich gelockert durch Crispi's Handlungsweise in Sachen des Mazzini- Denkmals. Heute erfahren wir durch den Mttadino' von Brescia, daß der König ganz und gar nicht daran dachte, 100,000 Lire für das Denkmal zu geben. Vielmehr stellt sich die damalige diesbezügliche Nachricht des ,Diritto' nur als ein Gaukelspiel heraus, mit welchem Crispi dem unbequemen Oppositionsmanne Jmbriani das Heft aus den Händen winden wollte. Soweit sich nocy ein starkes Gefühl für monarchische Institutionen unter den Abgeordneten bewahrt hatte, sah man mit Abscheu und Grauen dem Spiele zu, das der alte Revolutionär und Theilnehmer am Orsini- attentat mit der Krone spielte. Jedem fiel das Wort von Depretis ein: Crispi wird der letzte Premierminister der italienischen Monarchie sein.
Noch in Aller Erinnerung ist dann das unerklärliche Vorgehen des Premiers in Sachen der Korrespondenten des .Corriere di Napoli'. Ohne daß ein Grund angegeben war, wurden die beiden Mitarbeiter dieses
In harter Schule.
Roman von G. I.
(21. Fortsetzung.)
Hätte der gute Baron, nachdem das Rollen seines Wagens in der stillen Vorstadtstraße verhallt war, eine Gestalt aus dem Schatten des gegenüberliegenden Parkes hervortreten nnd sich dem Hause, in welchem seine Braut wohnte, nähern sehen, er wäre vielleicht umgekehrt und hätte geglaubt, ihr drohe von Dieben und Räubern Gefahr. Verwundert würde er aber dreingeschaut haben, hätte er bemerkt, wie die Thür ffch geräuschlos öffnete, der angeblich bei Landsleuten ausgebetme Oberst erschien, sich vorsichtig umsah, die fest in den Mantel gewickelte Gestalt erblickend, sie bei der Hand ergriff und vorsichtig ins Haus zog, das er geräuschlos hinter sich schloß.
„Leise, leise, lieber Graf, flüsterte er ihm fran- zösisch zu, „die Wände haben Ohren."
Die beiden Herren schlichen in der That so leise die Treppe hinauf, daß selbst die spähenden Ohrm einer Portiersfrau nichts davon vernahmen. Die Kor- ridorthüre der ersten Etage stand bereits offen und innerhalb der Wohnung war der Fußboden überall mit so dichten Teppichen belegt, daß, hätten selbst die Bewohner der Parterrewohnung lauschen wollen, der
Blattes aus den italienischen Besitzungen in Afrika ausgewiefen; ganz Süditalien revoltirte. Die Deputirten der ehemaligen Königreiche beider Sicilien waren in nicht gelinder Wuth über diesen unmotivirten Gewaltakt. Die Opposition nahm in verschiedenen Zusammenkünften von Abgeordneten schon sehr greifbare Gestalt an.
Die ,Voce della verita' nannte Crispi einstens mit Recht „la scimia di Bismarck“: den Affen Bismarcks. Und wenn für einen Nachäffer das Original von der Schaubühne verfchwindet, fällt auch die künstliche und erborgte Originalität des armen Affen in Trümmer. Bismarck ist gegangen und Crispi hat keinen Halt mehr, denn er lebte von Bismarcks Gnaden. Diesen Augenblick benutzten Nikotera, Magliani und Traiani, drei Männer, die aus verschiedenen Ursachen glühende Feinde Crispis geworden sind, um die italienischen Politiker mit dem Abschlüsse des sogenannten Triumvirates zu überraschen, eigens zu dem Zwecke, um der verschwenderischen Mißwirthschaft des Premiers ein Ende zu machen. Reißend gewann diese neue Gruppe an Anhängern, zumal außer abweichender Behandlung politischer Fragen, gerade die finanzielle und wirthschastliche Seite durch den besten Finanzpolitiker Italiens, Magliani, so glänzend vertreten ist. Mit großem Eiser ging das Triumvirat an die Arbeit, und heute schon verkündigt dasselbe, daß alle Arbeiten zur Uebernahme der Regierung beendigt seien, daß Magliani ein Budget ausgearbeitet habe, das allein auf dem Gebiete des Kriegsministeriums eine Ersparniß von beinahe 80 Millionen aufweise. Und wenn Magliani so etwas veröffentlicht, pflegt er sich und das Publikum ernst zu nehmen. Mit großer Sicherheit darf man auf eine Verschiebung der Majorität zu Ungunsten Crispis rechnen, wenn die Neuwahlen zur Kammer, wie angedeutet wurde, im Mai stattfinden sollen.
Für den finanziellen Zustand des geeinigten Königreiches Italien ist die einzige Thatfache bezeichnend, daß Crispi den Anwalt einiger Privatbanquiers macht und Grunwald uud Lavaüette ausweist, weil sie falsche Nachrichten über einige Bankunternehmungen verbreitet haben. Ich brauche hier nicht in Einzelmittheilungen einzugehen, obfchon es an Stoff dazu nicht fehlt. Die kaufmännischen Kreise kennen alle die Banca generale und ihren Stand. Andere finanzielle Unternehmungen großen Styles in Rom, Bari, Neapel, Milano, Florenz haben sich vor der Macht der Verhältnisse beugen müssen, um mich euphemistisch auszudrücken. Die Stadt Rom steht vor dem finanziellen Ruin, in Neapel geht es nicht viel besser.
Die Verhältnisse sind Crispi über den Kops gewachsen. Sein Gesundheitszustand ist ein hochgradig nervöser, so daß er in der Uebereilung thut, was nachher nicht mehr gut zu machen ist. Die parlamentarische Opposition verbindet sich mit dem Verluste des Rück- Schall der Fußtritte nur sehr gedämpft zu ihnen herab- fchallte.
Der Oberst sührte seinen Gast, nachdem dieser den Mantel im Vorzimmer abgelegt, durch einige nur schwach erhellte Räume nach einem großen, als Speisesaal eingerichteten Hinterzimmer, in welchem ein gedeckter und wohlbefetzter Tisch stand. „Die Damen werden sogleich erscheinen, nehmen Sie inzwischen Platz", sagte er.
Wirklich traten auch nach wenigen Sekunden fast gleichzeitig zu der einen Thür Madame d'Arcourt und zu der anderen Mademoiselle de Barras ein. Beide waren noch in der Toilette, in der sie in der Oper gewesen waren. Die ältere Dame trug ein graues Kleid von schwerem Moiree antique mit Spitzen besetzt, aber hoch heraufgehend und oben in einem Spitzenkragen endend, der mit einer Tuchnadel, in der sich eine einzige große Perle befand, geschloffen war. Eine weiße Spitzenhaube umrahmte das Gesicht, aus den geschlossenen Aermeln fielen ebenfalls Spitzen auf die Hände herab. Die weiße Spitzenmantille, die dm Anzug vervollständigt hatte, hielt sie in der Hand. Hortense erschim in einem granatrothm Seidmkleide, das mit Falbeln von schwarzen Spitzen besetzt war; ein Fichu von schwarzen Spitzen fiel über die Taille. Das schwarze Haar war zurückgestrichm, hinten in einen Knoten geschlungen und diademartig mit frischm Granatblüthm,
Halles an Bismarck; die afrikanischen Abenteuer gehen Hand in Hand mit einer andauernd wachsenden öffentlichen und privaten Verschuldung; die Konfusion in den inneren Verhältnissen der Hauptstadt erzeugt eine Bangigkeit in den kommerziellen Kreisen, die den Handel auf das Schwerste schädigt. Die Kaufleute sehen der Ankunft auch des kleinsten Pilgerzuges mit wahrem Verlangen entgegen; denn dadurch wird wiederum etwas Geld in die Stadt gebracht. Und so geht es in allen anderen Verhältnissen ähnlich. Man sieht keinen Ausweg aus dem Labyrinth. Die Stimmung ist eine ungeheuer traurige.
Diese ganz in Umrissen gezeichnete Lage bietet nach keiner Seite ein verlockendes Bild. Und dabei sind die kirchenpolitischen Verhältnisse noch gar nicht einmal zur Besprechung gekommen. Wollte man die Lage der Kirche und des heiligen Stuhles mit in den Rahmen einer solchen Skizze hineinziehen, so würde das Bild noch ein wesentlich düstereres Aussehen erhalten. Ebenso ist die Frage der Erziehung der Jugend in den öffentlichen Schulen und auf den Universitäten eine so brennende und gibt zu so umfangreichen Befürchtungen Veranlassung, daß man nicht recht begreift, wie die Verhältnisse sich haben so lange halten können.
Wie man demnach sieht, firtb die letzten Darstellungen der französischen Blätter, so unbequem sie Crispi sein mögen, keineswegs übertrieben. Vielmehr ist es schwer, Angesichts einer solchen Lage nicht noch schärfer zu schreiben, als in Frankreich geschehen ist. Videant consules, ne quid detrimenti capiat respublica!
Deutsches Deich.
Berlin, 22. April.
* Der Kaiser hat gestern bei dem ihm zu Ehren vom Norddeutschen Lloyd an Bord der „Fulda" gegebenen Abendessen auf die Ansprache des Vorsitzenden des Verwaltungsraths etwa Folgendes erwidert: „Er danke und spreche seine Freude darüber aus, daß es Ihm vergönnt sei, das Treiben Schaffen und Wollen des Lloyd kennen zu lernen; jeder Erfolg des Lloyd erfülle Ihn mit Stolz, denn desfen Schiffe, welche von dem großen Emporium nach allen Windrichtungen ausgingen, seien Gegenstand nicht nur unserer, sondern auch fremder Bewunderung, sie feien Zeugen der tüchtigen Leistungen in der Schiffsbau-Technik der Handels- Marine, überall könnten sie sich mit Stolz blicken lassen. Selbstverständlich fei Sein Streben auf den Frieden gerichtet, Handel und Wandel könnten nur blühen, wenn durch den Frieden der sichere Geschäftsgang verbürgt wäre. Als Freund des Seewesens verfolge er die Erscheinungen der Natur. Als er zum ersten Male die Ostsee mit einem Geschwader befahren, habe es sich um einen Curswechsel gehandelt. Derselbe die aus dunklem Laub hervorglüthen, geschmückt. Ohrringe, Collier, Broche und Armbänder bestanden übereinstimmend aus überaus kunstvoll gefaßten Rubinen.
„Ungeheuer von Graf!" rief sie französisch, sobald sie des Eingetretenen ansichtig ward und warf sich ziemlich ungenirt in den nächsten Stuhl, „was veranlaßt sie denn zu dem nächtlichen Einbruch?"
„Warum gaben Sie uns das Zeichen im Theater?" ftagte Madame d'Arcourt, die ebenfalls Platz genommen hatte. „Warum mußte ich den armen Baron an der Thür verabschieden?"
„Gemach, gemach, meine Damen, das sind viele Fragen mit einem Male," antwortete Graf Falkenburg, denn er war der so geheimnißvoll eingeführte Gast, und nahm ohne weitere Aufforderung an dem für vier Personen servirteu Tische Platz, so daß er zwischen beiden Damen und dem Obersten gegenüber zu sitzen kam. „Wenn ich nun sage, es sei lediglich der Wunsch gewesen, unsere Hortense einmal wieder ohne lästigen Zwang zu sehen."
Hortense schlug ein Gelächter auf, das sehr verschieden war von dem Silberglöckchen, mit welchem sie ihre Verehrer entzückte, ein häßliches, scharfes, spöttisches Lachen.
„Wir kommen soeben aus der Komödie und sind unter uns, Kurt, also lassen wir die Redensarten,"