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Mittwoch, den 23. April 1890.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

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___ ______ 17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung.

Für die R-daction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. » ff; «n . Druck u. Berlaa der Fuldaer 91ctienhn,rfpr« ar*

In harter Schule.

Roman von G. I.

(20. Fortsetzung.)

„Bitte, Ulrich, willst Du nicht in einer mir etwas verständlicheren Sprache zu mir reden?" fragte Leon­tine, die eigene Aufregung unter der Maske kühler Gelassenheit verbergend.

„Verzeihe," bat Ulrich, ihre Hand küssend, „ich bin so voll von dem soeben Gehörten, ich konnte mich nicht sofort in die Sprache des Salons finden, und es wird auch nicht ganz leicht fein, alle Mittheilungen, die ich Dir zu machen habe, in Deine Sprache zu übersetzen; aber ich will es versuchen. Erlaube, daß ich mich setze, meine Erzählung wird einige Zeit er­fordern."

Leontine ließ sich in den am Kamin stehenden Lehn­stuhl nieder, der Lieutenant rollte einen etwas niedri- 3sren Sessel in ihre Nähe, nahm darauf Platz und öfinete den Mund zuni Sprechen, seine Cousine kam ihm aber mit der Frage zuvor.

„Sage mir vorweg das Eine, Ulrich, ist mein Ver­dacht bestätigt, haben wir es mit Abenteurern zu thun?" fragte sie, unfähig, ihre künstlich zur Schau getragene Ruhe und Kälte noch ferner aufrecht zu er­halten. Das Beben ihrer Hände verrieh die innere Aufregung.

Die Möglichkeit eines „Gentrums" in Gesterreich.

(Schluß.)

Ein christliches Centrum in Oesterreich! Und das Programm? Das eine Wort „christlich", entgegnet der Verfasser, sagt Alles. Soll Rettung für unsere heutigen Staatswesen, insbesondere für das von Rasenhaß, Spekulationswuth und Volksaussaugung unterwühlte Oesterreich kommen, so kann dies nur durch Erneuerung des christlichen Lebens geschehen. Die erste Forderung des Christenthums ist Gerechtigkeit; Gerech­tigkeit für die Bedrückten, seien das nun Katholiken oder Arbeitermassen oder Bauern oder Nationalitäten. Das preußische Centrum trat ja nicht nur für die For­derungen des christlichen Lebens, sondern auch für die Rechte der Arbeiter und Bauern, der Polen und Elsässer ein. Freilich, trotz Centrum gibt es auch in Berlin eine polnische und elsässische Fraktion. Wir glauben auch nicht, daß alle nationalen Klubs in Wien ver­schwinden werden, aber das schließt nicht aus, daß sich alle anderen christlichen Abgeordneten zu einem Centrum vereinigen; das schließt nicht aus, daß von dem öster­reichischen Centrum nur solche Wahlen unterstützt wer­den, bei denen die Vertheidigung der christlichen Prin­zipien, also vor Allem der christlichen Schule, ver­bürgt wird.

Aber es wird schließlich doch nichts helfen, sage man, wofür also all' die Mühe für ein Centrum? Verzweifeln ist leicht, entgegnet der Verfasfer auf diesen Einwurf, ist aber nicht die Sache eines edlen, für seine Kirche begeisterten Herzens. Mit einer solchen Ver­zweiflung kann man, ohne sich stören zu lassen, auch weiterhin allen seinen Vergnügungen und seinem Sport nachgehen. Unterdessen geht dann wieder die Jugend, gehen zu Tausenden Katholiken der Kirche verloren, die heiligsten Interessen werden preisgegeben oder mit Füßen getreten — und der gute Hirt weint, daß sich so gar kein edles Herz seiner bedrängten Kirche und ihrer Sache annehmen will. „Es wird nichts helfen!" Das habe man auch früher in Preußen gesagt, als die ersten kleinen Anfänge des Centrums zum Vorschein kamen, und es habe doch viel, viel geholfen in dem großen Kampfe der Gegenwart, und heute fei das Cen­trum in Berlin eine selbst den Gegnern Achtung ab- nöthigende Macht, ein Bollwerk für die christliche Idee, ein Bollwerk für die Monarchie. Habe nicht der hl. Vater wiederholt zur Bildung wahrhaft christlicher Parteien aufgefordert? Man müsse doch auch nicht glauben, das preußische Centrum sei vom Himmel ge­fallen ; die göttliche Providenz habe auch hier die ener­gische Mitwirkung der Menschen verlangt, dann habe sie geholfen.

Man sage ferner, durch eine Centrums-Bildung werde die bisherige sogenannte „Rechte" gesprengt. „Nun, was hat denn diese Rechte, fragt der Verfasfer, für die Katholiken gethan?" Sie hat ihre Ziele verfolgt und ihre Brocken erschnappt und war nie für die Rechte । der Katholiken zu haben. Auf eine solche Bundes­genossenschaft können sich die Katholiken auf die Dauer doch nicht einlassen. Was nütze mir ein Bundesgenosse, dem ich alle meine Rechte preisgeben muß, der ruhig zusieht, wie meine Kinder verhungern müssen oder ver­giftet werden? Jetzt schon laute das Urtheil der pol­nischen Abgeordneten über die Aktion des Episkopates nichts weniger als zustimmend, und die czechischen Ab­geordneten geben ihrem Mißvergnügen über dieselbe ganz unumwunden Ausdruck.

Aber es würde, so wende man endlich ein, durch die Sprengung der Rechten eine liberale Majorität an's Ruder kommen, und die letzten Dinge würden dann schlimmer, als die ersten. Das wird, lautet hierauf die Entgegnung des Verfasfers, allem Anscheine nach auch ohne vorherige Sprengung der Rechten ge­schehen. Wie die Dinge jetzt lägen, bei der völligen Unklarheit, Verzweiflung und Zerfahrenheit aller treuen Katholiken fei für die Zukunft gar nichts zu ver­sprechen. Aber nehmen wir einmal an, sagt der Ver­fasser, die „Rechte" wird gesprengt durch die Cen­trumsbildung: was dann? Wir haben dann vor Allem eine fest organisirte Minorität, die weiß, was sie will, die Klarheit in die Situation bringt, die ohne Rück­sicht, ihre Grundsätze bekennen und schwere Schäden bekämpfen kann.

Alfo, fo heißt es zum Schluß des Artikels, es bleibt nur ein Entweder-Oder. Entweder die kirch­lichen Interessen preisgeben, oder aber muthigen Kampf in jedem Falle. Wenn die Erklärung der Bischöfe, die nur katholische Schulen für die katholischen Kinder verlangen, nach der Meinung aller liberalen Blätter eine Kriegserklärung ist, dann war der bisherige Friede ein fauler Friede. Die Bischöfe dürfen wir nicht im Stich lassen^ alfo müssen wir den Kampf aufnehmen. Dieser Kampf wird sicher nicht siegreich geführt wer­den ohne Organisation, ohne Zusammenschluß aller treuen Katholiken, ohne Bildung einer zielbewußten sich selbst achtenden christlichen Partei: das ist aber nichts anders als das christliche Centrum in Oester reich. E.....n.

Deutsches Deich.

Berlin, 21. April.

* Von dem Comits für die Errichtung eines Bis­marckdenkmals haben sich, wie bismarckfreundliche Blätter mit Verdruß konstatiren, die parlamantarischen Mit-

„Dein Verdacht ist nicht nur bestätigt, sondern weit übertroffen," erwiderte der Lieutenant, „wir haben es mit Abenteurern der schlimmsten Sorte zu thun."

Er erzählte nun Alles, was er soeben vom Grafen Falkenburg erfahren; Leontine unterbrach ihn nur zu­weilen durch Ausrufe des Zornes, der Entrüstung und Verachtung, warf aber keine Bemerkung dazwischen. Zuletzt bestellte er ihr den Wunsch des Grafen, ihr seine Aufwartung machen zu dürfen, um sich ihr zur Verfügung zu stellen, verhehlte ihr aber dabei nicht, daß Falkenburg trotz der Offenheit, mit der er ohne Zögern diese Aufschlüsse gegeben, ihm tiefes Mißtrauen einflößte.

„Ich kann es ihm trotz aller Erklärungen, die er dafür gibt, nicht verzeihen, daß er Dich in Baden- Baden mit diesen Leuten in Berührung gebracht hat, und, Leontine, es wäre mir lieber, Du empfingest ihn nicht."

„Wenn er meinen Vater gewarnt hatte, so hatte er gethan, was an ihm war," versetzte Leontine.

„Ich glaube nicht, daß er ihm Alles erzählt hat, was ich heute von ihm erfuhr."

„Das durfte er auch nicht; er hatte jener Frau das Wort gegeben, ihre Vergangenheit nicht zu ver- rathen, so lange sie ihm nicht dringende Veranlaffung dazu gebe, und die war für ihn damals nicht vor-

glieder der deutschfreisinnigen und der Centrums­partei ferngehalten, so sehr man sich auch um ihre Theilnahme bemüht hatte. Verschiedene deutschfreisinnige Parlamentarier, die zuerst sich zum Beitritt erklärt hatten, haben ihre Unterschrift später zurückgezogen. Da em Denkmal stets der ganzen Persönlichkeit, ihrem Gesammtwirken gilt, so ist es selbstverständlich, daß kein Katholik, kein Centrumsmann für den Plan dem Fürsten Bismarck ein Denkmal zu errichten, zu haben ist. War doch Fürst Bismarck der Träger des Kulturkampfs und einer Politik auf dem inneren Gebiete, deren Unhaltbarkeit und Verwerflichkeit jetzt selbst von Vielen anerkannt wird, die früher zur Ge­folgschaft Bismarcks gehörten.

* Die Einbringung der Beamtenbesoldungs­vorlage, sowie der Vorlage wegen Aufhebung des Sperrgesetzes und der Verwendung des Sperr­gelderfonds steht unmittelbar bevor. Die Erhöhung der Beamtenbesoldungen erfolgt durch Nachtragsetat, die Mittel zu den Gehaltserhöhungen werden aus den im Hauptetat zur Staatsschuldentilgung ausgesetzten Fonds entnommen. Der Nachtragsetat wird außerdem noch Forderungen enthalten, welche durch die Ablösung der Bergwerksabtheilung vom Arbeitsministerium und deren Vereinigung mit dem Handelsministerium bedingt sind. Insbesondere wird fürs Handelsministerium ein neues Gebäude errichtet, da die jetzigen Räume angesichts der erhöhten Ansprüche an dieselben dem Bedürfniß nicht mehr entsprechen. Endlich wird der Nachtragsetat noch eine Forderung für die Korrektion der FulHa ent- halten. "

* ^as Abgeordnetenhaus hat heute die dritte Berathung des Staatshaushaltsetats beendet und den Etat im Wesentlichen nach den Beschlüssen der zweiten Lesung angenommen. Dann wurde in die zweite Berathung des Gesetzentwurfs betreffend die Erweiterung und Vervollständigung des Staatseisen­bahnnetzes eingetreten, dieselbe aber nicht zu Ende geführt. Weiterberathung morgen.

* Wie bereits nach dem .Reichsanzeiger' mitgetheilt, hat sich der letzte Kronrath in erster Linie mit der Schulfrage beschäftigt. Es handelte sich dabei vor­nehmlich um die Gleichstellung der Realgymnasien mit den Gymnasien hinsichtlich der Berechtigung ihrer Abiturienten zur Zulassung zum Universitäts­studium.

* Von gutunterrichteter Seite wird eine lebhaftere Betheiligung des Fürsten Bismarck an den Ver­handlungen des Herrenhauses, dessen Mitglied er ist, sowie die Annahme eines Reichstagsmandats durch denselben in Aussicht gestellt.

* Nicht bestätigt hat sich die Nachricht, daß eine kaiserliche Ordre über das Duell wesen ergangen sei.

Händen. An meinem Vater war es, bei der leisesten Andeutung seine Tochter von jedem Verkehr mit diesen Menschen fern zu halten; ist der Graf auch nicht ganz freizusprechen, so trifft ihn doch die geringere Schuld, und die halte ich für gesühnt durch das Dir abgelegte offene Geständniß. Ich werde ihn empfangen".

„Leontine," bat Ulxich, und in seiner Stimme bebte die ganze Angst der Liebe, „thue es nicht, ich kann mich nun einmal der Befürchtung nicht ent- schlagen, daß Dir, daß unserem Glücke durch den Grafen Verrath drohe."

Leontine strich ihm mit der Hand zärtlich die er­hitzte Stirne.

„Du siehst Gespenster, Ulrich", sagte sie, „welche Gefahr sollte uns drohen? Nachdem wir uns einander einmal angelobt haben, gehören wir zu einander und nichts kann uns trennen." Sie sah ihm mit einem Blicke voll grenzenlosem Vertrauens in die Augen, er aber sagte:

„Es ist für uns jetzt, keine Zeit zum Tändeln, wir haben ernste, schwere Pflichten zu erfüllen. Morgen steht mir eme furchtbare Aufgabe bevor, Deinem Vater den Charakter und die Vergangenheit der Frau zu enthüllen, die er zu seiner Gemahlin zu erheben im Begriffe steht."

„Das wolltest Du selbst thun?"

„Bleibt mir eine andere Wahl?"