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Af 89

Samstag, den 19. April 1890.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

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17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung.

Für bi£ Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. - m _ Druck u sw™ h.r stnfhn., or/«><.

Zur Lage in Gesterreich.

❖ Wien, 16. April.

Die soziale Frage kündigt sich auch in Österreich immer vernehmlicher an, zunächst durch die mächtig anschwellende Lohnbewegung mit ihren Massenstrikes und den dringenden Forderungen der Arbeiter nach Besserung ihrer Lebensverhältnisse. Fast in allen Arbeitskreisen herrscht eine starke Gährung und zeigt sich das Streben, auf dem Wege von Arbeitseinstel­lungen und ähnlichen Pressionsmitteln höhere Löhne, aber auch verringerte Arbeitszeit durchzusetzen. Es wurde in den letzten Jahren auf diese Weise auch that- sächlich sehr viel erreicht; viele gewiß sehr berechtigte Forderungen, aber auch mancherlei zu weit gehende Wünsche realisirt; die Arbeiter glauben nun das Mittel gefunden zu haben, um im Wege der Asfociation durch Strikesdrohungen ihre Ansprüche unausgesetzt zu steigern und damit die soziale Frage nicht zur° Ruhe kommen zu lassen. Auf den Arbeiterversammlungen vernimmt man eine sehr drohende Sprache und ein revolutionärer Geist erfüllt in den Jndustriegegenden di? Massen. Jüngst waren auf der Prager Sophie- insel an 7000 Arbeiter versammelt und sie jubelten einem Redner stürmisch zu, als er ausrief, daß die Arbeiter weder Repetirgewehre noch rauchloses Pulver fürchten. Diese Worte lassen tief blicken, sie zeigen die erregte Stimmung und die Gährung in den Arbeiter­kreisen. Wer Gelegenheit hat, mit dem Volke zu ver­kehren und die revolutionären Aeußerungen zu ver- nehmen, die von Mund zu Mund gehen, der erschrickt über die Summe von Haß gegen das Kapital, über die furchtbare Erbitterung gegen die oberen Zehntausend und über den geradezu beängstigenden Mangel an reli­giöser Gesinnung. Wir gehen sehr ernsten Zeiten ent­gegen und es wäre unklug, die Gefahren der Zukunft mit den üblichen Schönfärbereien zu verschleiern, denn es könnte aus dieser Selbsttäuschung ein böses Er­wachen geben, ja es ist nicht unmöglich, daß schon in der allerkürzesten Zeit die Arbeiterfrage in ein kritisches Stadium tritt. Schon seit Monatm zeigt sich eine Be­wegung, wonach der 1. Mai gewissermaßen als all­gemeiner Arbeiterfeiertag gelten und jede Arbeit an diesem Tage ruhen solle. Tausende und Tausende werden voraussichtlich feiern und die Regisseure der Bewegung, von ■ denen gar viele hinter den Coulissen stehen und sie zu sehr trüben Zwecken ausbeuten wollen, hoffen bei dieser Gelegenheit eine Art Heeresschau über die Armee von Unzufriedenen abhalten zu können. Wir wollen hoffen, daß dieser Tag ruhig und ohne Zwischen­fall abläuft; allein es ist nach den jüngsten gefähr­lichen Exzessen in den Wiener westlichen Vororten nicht das Gegentheil ausgeschlossen und es wird Sache der

In harter Schule.

Roman von ®. I.

(17. Fortsetzung.)

„Darf ich die Reserve, die in dieser Antwort liegt, so beuten, als hätten Sie aus freien Stücken die Vor­stellung nicht übernommen?"

„Das dürfen Sie," antwortete Curt mit einer Offenheit, die Freiberg überraschte. „Ich würde mich wohl gehütet haben, dem Moloch ein neues Opfer in den Rachen zu werfen, es erging aber Ihrem Herrn Onkel wie der Mücke mit dem Lichte, mag man es ihr auch noch so vorsorglich hinwegrücken, sie flattert doch hinein."

Ulrich fühlte, wie ihm das Blut in die Schläfe stieg, die Art, wie hier von seinem Onkel gesprochen ward, empörte ihn, noch weit mehr aber der Gedanke, daß dieser Mann seine Cousine in die Gesellschaft von Oeuten gebracht, über welche er in dieser wegwerfenden Weise urtheilte.

„Sie haben aber die Franzosen auch meiner Cousine vorgestellt," sagte er.

„Bitte um Entschuldigung, Herr von Freiberg, das

'S _niM die Vorstellung hat der Herr Baron selbst besorgt."

„Sie arrongirten Partien, an denen Prinz Alexander, rneme Verwandten und die Franzosen Theil nahmen."

Behörden sein, für alle Fälle geeignete Vorkehrungen zu treffen, da in diesem Arbeiterfeiertage allein schon eine Demonstration liegt, die von der Sozialdemokratie ftuktifizirt werden dürfte. Man wird aber nicht bloß für Aufrechterhaltung der Ruhe zu sorgen haben, son­dern sich auch in den Regierungskreisen der sozial­politischer Pflichten intensiver erinnern und der Arbeiter­frage eine größere Aufmerksamkeit schenken müssen, als es bisher der Fall war. Zwar hat sich Oesterreich an der jüngsten Arbeiterschutz-Konferenz in Berlin betheiligt und dadurch seine Geneigtheit zu einer Sozial­reform bekundet; es haben auch unsere Offiziösen sich beeilt, zu versichern, daß die Monarchie in Bezug auf die gesetzliche Regelung des Arbeiterschutzes anderen Staaten voraus sei und daß selbst die Initiative des deutschen Kaisers auf diesem wichtigen Gebiete einen Vorläufer im allverehrten Herrscher unseres Reiches besitze, allein wir dürfen nicht vergessen, daß trotzdem die soziale Frage sich gerade in Oesterreich leider sehr ernst und drohend anläßt und daß heute Palliativ- mittel so wenig nützen, als die schönsten Beschwichti­gungs-Artikel in offiziösen Blättern.

Die liberale Aera hat die heutige Verschärfung der fozialm Frage zum größten Theile verschuldet. Man weckte bei den Arbeitern die Genußsucht, ohne ihnen gleichzeitig die Mittel zur Befriedigung gesteigerter Lebensansprüche zu gewähren; man bethörte sie mit Freiheitsphrasen und huldigte gleichzeitig einem brutalen wirthschaftlichen Egoismus; man erschütterte in den arbeitenden Klassen das christliche Bewußtsein und schwächte die Autorität der Kirche; es geschah viel zu wenig für den Arbeiterfchutz und es wurde gleichzeitig in vielen Betrieben in menschenunwürdiger Weise die Arbeitskraft ausgenützt, während aber durch den über­triebenen Luxus und die steigende Genußsucht der „oberen Zehntausend" der brennende Neid der unteren Schichten wachgerufen wurde, die sich nun als die „Enterbten" betrachten und nur nach Mittel und Wegen spähen, um sich aus ihrer gedrückten Sage zu befreien und fei es selbst auf dem Wege der Revolution. Der Manchesterliberalismus, welcher leider Gottes solange in Oesterreich herrschte und der heute noch eine große Macht ausübt, zumindest in der Erschwerung und Ver­zögerung jedweder christlich-sozialen Reform, hat die sozialen Gegensätze entschieden verschärft und er ist in erster Linie verantwortlich zu machen für die bösen Konsequenzen, die nun sichtbar zu Tage treten. Die Gegenwart muß jetzt die Suppe auskosten, die uns die liberale Vergangenheit eingebrockt hat. Die Situation aber ist, wir wiederholen es nochmals, sehr ernst ge­worden und man darf sich nicht der bangen Sorge für die Zukunft entschlagen. Merkwürdigerweise aber scheinen Regierung und Parlament den in den sozialen Tiefen

„Ich lud den Baron und seine Tochter auf Befehl des Prinzen zu diesen Partien ein," entgegnete Falken­burg abweisend, „und es war eine große Leutseligkeit von Sr. königl. Hoheit, daß er gestattete, daß auf Wunsch des Barons auch die Franzosen daran Theil nahmen."

„Ich fände das Alles begreiflich, wenn die Herren allein gewesen wären, im Bade nimmt man es mit seinem Umgänge nicht allzu genau; da aber meine Cousine dabei war —"

„Sie haben vollkommen Recht," versetzte der Graf kühl, „und ich fühlte mich auch sofort nach der erften Bekanntschaft veranlaßt, dem Herrn Baron diskret an­zudeuten, die Damen dürften kein passender Ümqanq für feine Tochter fein."

„Nun —?"

„Er machte ihnen einen Besuch und kam zurück so vollständig überzeugt von der Frömmigkeit und Sitten- strenge der Madame d'Arcourt, daß er schwur, Alles, was man gegen sie sage, sei die schwärzeste Verleum­dung, und nichts Eiligeres zu thun hatte, als sie seiner Tochter zuzuführen."

„Und Sie ließen die Dinge gehen, Sie warnten meine Cousine nicht?" rief Ulrich, nur mit Mühe seinen Zorn bemeisternd.

Graf Falkenburg maß ihn mit einem an Mitleid streifenden Blick. „Welches Recht hatte ich, Fräulein

dumpf grollenden Donner ganz zu überhören, denn sonst erschiene es unbegreiflich, daß man der wichtigsten Frage der Zukunft ein relativ so bescheidenes Interesse entgegenbringt. Die Arbeiter grollen und sie sind sehr unzufrieden; im griechischen Prunkpalaste auf der Wiener Ringstraße aber merkt man davon nichts oder will nichts hören. Man beschäftigt sich mit kleinlichen Fraktionsangelegenheiten, läuft um die Wette nach der Gunst der Mächtigen und glaubt genug gethan zu haben, wenn die parlamentarische Maschine alljährlich das Budget und einige wenige Regierungsvorlagen aufgearbeitet hat, während von einer ernsten Sozial­reform ob der nationalen und politischen Differenzen und Fraktionsrivalitäten leider sehr wenig zu ver­spüren ist. Es steht sehr zu fürchten, daß sich dieses Laisseraller schwer rächen und die Unproduktivität des Parlaments auf sozialem, tw- überhaupt auf volks- wirthschaftlichem Gebiete noch große Ueberraschungen bei den Wahlen zeitigen wird. Es muß viel, sehr viel geschehen und auch die konservativen Parteien würden in ihrem eigenen, wie im patriotischen Interesse gut thun, ihre ganze Aufmerksamkeit den arbeitenden Klassen zuzuwenden, ja sie sollten geradezu vorangehen und das Banner der sozialen Reform aufpflanzen. Die katholische Kirche verfügt über das beste Sozial­programm, der heilige Vater hat es jüngst in einem bedeutungsvollen Schreiben den Völkern wieder in Er­innerung gebracht; nun gilt es Männer zu finden, die es mit Konsequenz und Eifer zur Ausführung bringen. Die Schulfrage ist von größter Bedeutung, .aber es muß darüber die soziale Frage nicht vergessen werde?; beide Fragen sichen im innigsten Zusammenhänge uno ine Mittel zu ihrer befriedigenden Lösung bilden die Haupt­aufgabe der österreichischen Katholiken in "nächster Zeit. Ein Führer wird sich finden, wir haben bereits einen österreichischen Kardinal Manning, möge er die Fahne der christlichen Sozialreform vorantragen, sie wird zum Siege führen!

Deutsches Keich.

Berlin, 17. April.

* Eine charakteristische Folge der durch den Kanzler- wechfel geschaffenen neuen Lage ist das Trockensitzen der offiziösen Soldschreiber. Reichskanzler v.Caprivi hat in einem an alle Ministerien und Reichsämter ge­richteten Rundschreiben anbefohlen, daß den bisherigen fog. offiziösen Blättern und Korrespondenzen hinfort keinerlei Mittheilungen mehr gemacht, solche viel­mehr in Zukunft ganz ausschließlich im,Reichsanzeiger' veröffentlicht werden dürfen. Und im Abgeordnetenhause hat Herr v. Caprivi am Mittwoch erklärt, daß feit feinem Amtsantritt aus der Reichskanzlei noch keine von Reina vor einem Umgang zu warnen, in den sie der eigene Vater brachte? Was Baron Reina für seine Tochter für angemessen hielt, mußte auch mir so erscheinen."

Ulrich sah düster zu Boden — gegen dieses Argu­ment ließ sich wenig Vorbringen.

„Klüften Sie auch den Prinzen nicht über die Verhältnisse der Franzosen auf?"

„Das ist das einzige Unrecht, was ich mir bei dieser Angelegenheit vorzuwerfen habe," gab Curt offen­herzig zu, „und wissen Sie, weshalb ich es nicht that?"

Ulrich schüttelte verneinend den Kopf.

„Da ich den Verkehr zwischm Ihrer Cousine und dem Franzosen nicht hindern konnte, wollte ich dem­selben wenigstens ein Gegengewicht geben und dies schien mir durch die Gegenwart des Prinzen geboten. Die Gesellschaft eines königlichen Prinzen gewährte Schutz und Sicherheit für Fräulein von Reina, mochte sich außerdem noch darin befinden wer wolle."

Der Lieutenant konnte dagegm nichts sagen. Mochte in seinem Innern sich noch so laut eine Stimme er­heben, die ihm zurief, der Graf täusche ihn, die Sache verhalte sich anders, als er sie darstelle, formell war er in seinem Rechte, hatte sogar wegen seines rücksichts- vollen Benehmens noch Anspruch auf Dankbarkeit.

„Ich werde mich bei meinem fürstlichen Freunde noch wegen meiner Unterlassungssünde zu verantwortm