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17. Jahrgang

Mittwoch, den 16. April 1890.

Fuldaer Zeitung

— _ „ rr, ™ Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

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Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Gesellschaft betheiligt, und nicht allein gegen die äußere« sondern auch gegen die inneren Feinde.

Die in Anwendung des Gesetzes ergriffenen Maß­regeln haben noch besser als die Begründung gezeigt, welche Veränderungen unter dem Druck der Ereignisse das ursprünglich von der kaiserlichen Regierung be- svlgte Kolonialsystem erleiden mußte. Hauptmann Wißmann wurde an der Spitze einer kleinen Armee von 100 Europäern und 800 Eingeborenen, Somalis und Zulus, mit einer wirklichen Expedition ins Innere des Landes betraut. Der Sieg, welcher derselbe im Anfang Mai über den arabischen Führer der Aus­ständischen, den Sklavenhändler Buschin, davontrug, hat gewiß alle Freunde der Civilisation und Mensch­lichkeit erfreut, und die spätere summarische Bestrafung Buschiris mag wohl Vielen als allzu „exemplarisch" erschienen sein, doch läßt sich dieselbe durch die Um­stände vollkommen rechtfertigen.

Durch das Vorrücken Emin Paschas unter deut­scher Flagge und mit großer Macht wird nun eine neue Aera für noch thätigere Cininischung der deut­schen Regierung eingeleitet. Deutschland thut hiemit die ersten Schritte, um die ihm schon vertragsmäßig zugesprochenen Gebiete durch Verträge mit den Häupt­lingen fester an sich zu ketten und ihnen durch Zu­führung von Truppen Achtung einzuflößen und Schutz zu gewähren. Die englischen Zeitungen betrachten diese Maßregel bekanntlich als einen Eingriff in die Rechte Englands. Es ist jedoch anzuuehmen, daß die englische Regierung nicht eine Stellung zu dem deut­schen Vorgehen einnehmen wird, welche d?n Aeußerungen der englischen Presse.entspricht.

In harter Schule.

Roman von G. I.

(14. Fortsetzung.)

Jetzt verstehe ich Manches," versetzte Ulrich be­dächtig Der Onkel ist ja eigentlich noch ein junger Mann er hatte aber doch in seinem Wesen bet aller Eleganz etwas Bequemes, eine gewisse vornehme Nach­lässigkeit, ein sattes Behagen, das ihn sehr gut kleidete und seiner Erscheinung eine stattliche Sicherheit gab. Das ist seit einiger Zeii anders geworden."

„Also auch Du hast es bemerkt."

„Ich und viele Andere, tote nur aus halben An­deutungen klar geworden ist; Du weißt, daß man sich mir gegenüber mit dergleichen in Acht nimmt.Es gibt sich jetzt bei ihm eine formte Jugendlichkeit kund.

„Er kleidet sich nach der neuesten Mode die nicht immer die beste ist," seufzte Leontine, „ich habe sogar bemerkt, daß er sich den Bart färbt, obgleich nur eZt ein ganz leiser Anflug von Grau darin ist. Ach, Ulrich, ich kann Dir nicht sagen, wie mich alle diese Dinge schmerzen, durch die sich mein Vater herabsetzt, lächerlich macht. Wenn das meine Mutter wüßte!"

„Sie ist ihm und Dir zu früh gestorben," sagte Ulrich mit herzlicher Theilnahme, „aber nimm es nicht schwer, es sind dies kleine Schwächen, die bei Männern, welche im Alter Deines Vaters das Unglück haben,

sehr strengen Telegramm, welches Fürst Bismarck am 6. Oktober 1888 an den deutschen Generalkonsul in Sansibar richtete und welches in dem am 8. Dez. im Reichstag vertheilten Weißbuch enthalten ist, geht deut­lich hervor, daß das hochmüthige Benehmen der Ange­stellten der Gesellschaft, deren Mißachtung der Rechte der Eingeborenen, deren gewaltsames Vorgehen und die Unklugheit, mit der sie ihren eben so ungerechten als unpolitischen Forderungen durch die Matrosen der der kaiserlichen Marine Nachdruck verleihen ließen, die Hauptursachen dieses Wuthausbruches waren, dem mehrere der unglücklichen Agenten schon am ersten Tage zum Opfer fielen. Der Kanzler gab feinem Tadel in folgenden, höchst bezeichnenden Worten Ausdruck: „Nach meinem Dafürhalten war das ganze Vorgehen mehr energisch als klug. Außerhalb der Tragweite unserer Schiffskanonen aber kann die Energie nur Opfer im Gefolge haben, welche in keinem Verhältmß zu dem von uns verfolgten Ziele stehen."

In richtiger Erkenntniß des Ernstes der Sachlage, und jedenfalls von dem Wunsche ausgehend, das Land nicht weiter, als absolut nothwendig sei, in Mitleiden­schaft zu ziehen, spaltete Fürst Bismarck die Kolonial­frage in zwei Theile: eine internationale, welche die Ausführung der in der Berliner Konferenz^ ausge­sprochenen Wünsche behufs Unterdrückung des Sklaven­handels zum Gegenstände hat, und für deren Lösung er ein Einverständniß zwischen verschiedenen Seemächten herbeiführte; eine andere nationale, für deren Lösung er die Unterstützung des Bundesraths und des Reichs­tages verlangte und erhielt. Die Folge davon war einerseits die Blokave eines Theiles d>. i Kiffte von Afrika, und anderseits das durch den Reichstag er­lassene Gesetz.

Die übrigen Artikel dieses Gesetzes sind folgende:

§ 2. Die Vollstreckung der nothwendigen Maß­regeln wird einem kaiserlichen Kommissär übertragen, welcher unter Beobachtung der ihm ertheilten Instruk­tionen gleichzeitig über die Ostafrikanische Gesellschaft und über deren Leiter die statutenmäßig dem Reichs­kanzler zustehende Aussicht ausüben wird.

§ 3. Der Reichskanzler ist ermächtigt, je nach Be- dürfniß die erforderlichen Summen aus den disponiblen Fonds des Staatsschatzes zu erheben.

In der Begründung heißt es; „Der Sultan von Sansibar, welcher mit der Ostafrikanischen Gesellschast den Vertrag vom 28. April 1888 abgeschlossen hat, ist nicht mächtig genug, um dieselbe bei der Ausübung der ihr verliehenen Rechte zu unterstützen, und die Gesellschaft selbst verfügt nicht über hinreichende Kräfte, um sich an sämmtlichen Küstenpunkten gegen die arabischen Sklavenhalter zu vertheidigen." Die Ge­sellschaft ist also nothwendig an der Vertheidigung der Wittwer zu werden, häufig hervortreten; die Gesellschaft hat Nachsicht damit und rechnet sie ihm nicht allzu hoch an."

„Wenn diese kleine Schwächen nur nicht die Symptome einer größeren wären!" seufzte Fräulein von Reina schmerzlich. „Ahnst Du nichts, Ulrich, muß ich Dir wirklich Alles sagen? O, Du glaubst nicht, wie namenlos schwer es dem Kinde wird, in dieser Weise über den Vater zu sprechen, und dennoch muß es sein, ich bedarf des Beistandes und habe Niemand als Dich!"

„Zähle auf mich, Leontine!" rief Ulrich und küßte ihre Hand. „Sind wir nicht Verwandte, Spielgefährten, habe ich nicht als Dein Vetter das Recht, Dich zu beschützen bis —"

Er verstummte vor einem stolzen, ruhigen Blick ihrer großen dunkelgrauen Augen.

„Ich danke Dir, Ulrich," sagte sie. „Ob Du mich schützen kannst und schützen sollst, vermag ich heute noch nicht zu ermessen, jedenfalls bedarf ich Deines Beistandes, um klar zu sehen. Ich glaube, Graf Kurt Falkenburg gehört zu Deinen Freunden."

„Zn meinen Bekannten," verbesserte Ulrich, „zum Freunde möchte ich den kühlen, aalglatten Menschen nicht haben, und ich glaube, er will auch keines Men­schen Freund sein." ,

„Ich glaube, Du thust ihm Unrecht, Ulrich, mir

Deutsches Keich.

Berlin, 14. April.

* Der angeblich bestehende Plan einer Umgestal­tung der Reichsämter zu verantwortlichen Mini­sterien ist prompt und unzweideutig im .Reichs-An­zeiger' dementirt worden. Dem Reichskanzler, von dem diese Abfertigung ohne Zweifel herrührt, muß man dafür aus mehr als einem Grunde dankbar sein. Zu­nächst liefert sie den erneuten Beweis, daß es mit dem alten System des Offiziösenthums zu Ende ist. Woher die Meldungen über die Einrichtung von Reichs­ministerien kamen, ist nicht schwer zu errathen. Der Gedanke lag in der Lust. Es ist oft genug ausge­sprochen worden, daß die jetzige Einrichtung mit dem allein verantwortlichen Reichskanzler und den ihm unter­gebenen Reichsämter-Jnhabern lediglich aus die Person des Fürsten Bismarck zugeschnitten sei, und nach chm Niemand die Autorität und Arbeitskraft besitzen werde, die Verantwortlichkeit sür alles zu übernehmen. Als hat im Gegentheil sein stolzes, gelassenes Benehmen sehr gefallen, doch das kommt hier nicht in Frage. Ich glaube, Graf Falkenburg ist derjenige, welcher Dir Auskunft geben kann über jene Frau, in deren Netze mein Vater gefallen ist."

„Du glaubst also aus das Vorhandensein einer bestimmten Person, der Dein Vater huldigt?"

„Ich glaube nicht nur an das Vorhandensein einer bestimmten Person, sondern ich weiß darum, ich kenne sie." .

„Du kennst sie? Ist es denn eine Dame aus der Gesellschaft? Handelt es sich um eine Heirath? fragte Ulrich schnell.' .

Mich um andere Angelegenheiten zu kümmern oder sie gar mit Dir zu besprechen, würde ich unter meiner Würde halten," entgegnete Leontme stolz.

„Vergiev —", bat Ulrich, aber sie fuhr, ohne es zu beachten, fort: _ . .

Es handelt sich um eine Heirath, ich befurchte aber" daß diejenige, auf welche die Wahl meines Vaters gefallen ist, diejenige, welche den Platz meiner edlen, hochsinnigen Mutter einnehmen foll, nicht allein der Gesellschaft nicht angehört, sondern eine Aben­teuerin ist."

„Unmöglich!" rief Ulrich, „so weit kann sich der Onkel nie vergessen." .

„Er glaubt auch keineswegs mit einer Schwindlerin

<£ Deutschland als Kolonialmacht.

(Schluß.)

Um einen derartigen Vertrag zu beurtheilen, dars man sich nicht auf den Standpunkt europäischer Rechts­verhältnisse stellen. Unter zivilisirten Völkern würde ein Vertrag, durch welchen ein Fürst die unbeschränkte Ausübung seiner Hoheitsrechte über einen Theil seiner Staaten an einen andern Fürsten vermiethete, mit all' unfern modernen Anschauungen über den Unterschied zwischen Privatvermögen eines Fürsten und dessen verfassungsmäßigen Rechten im Widerspruch stehen. Und um wie viel mehr noch, wenn der Pächter dieser Souveränetät eine Handelsgesellschaft wäre. Im Orient jedoch besteht ein solcher Unterschied nicht. Der Sultan von Sansibar ist ebensowohl wie derjenige von Kon­stantinopel davon überzeugt, daß seine Unterthanen in der gleichen Weise sein Eigenthum bilden, wie seine Schafheerden, und daß er das Recht, dieselben zu regieren, zu verwalten und nöthigensalls auszubeuten, an wen nur immer verkaufen oder verpachten kann. Wenn also die Verwaltung einer europäischen Handelsgesell­schaft auch noch so schlecht ist, so wird sie doch immer noch besser sein als diejenige eines Sultans. Es ist darum auch kein Grund vorhanden, um diesen fried­lichen Weg, durch welchen die eingeborene Bevölkerung der mehr oder weniger rücksichtslofen Herrschaft ihrer einheimischen Fürsten entzogen wird, im Prinzip zu mißbilligen.

Laut Art. 14 des nämlichen Vertrages durste die Gesellschaft am lo. August von dem Gebiete Besitz ergreifen. Die Beamten des Sultans fügten sich dieser Bestimmung ziemlich willig; anders verhielt sich jedoch die Bevölkerung. Kaum hatte die Gesellschaft ihre Flagge gehißt, als ein furchtbarer Ausstand losbrach. Agenten und Missionäre wurden von den Eingebornen ermordet und gefangen genommen, die meisten der vierzig, längs der Küste errichteten Zollstationen fielen in die Hände der Aufständischen, überall herrsche Mord und Plünderung, und bald erfuhr man, daß von sämmtlichen Stationen im Innern des Landes nur noch diejenige von Mpwapwa, welche 60 Tagemärsche von der Küste entfernt ist, der Gesellschaft verblieben war. i

Welches waren nun die Ursachen dieser bedauerns- werthen Ereignisse? Zweifelsohne trugen der Haß gegen die Fremden, der Neid der arabischen Kaufleute und die Furcht derselben, daß ihre Sklaventransporte unterdrückt würden, viel dazu bei. Allein die Zahl der ars die unermeßlichen Gebiete von Ostasrika vertheilten Araber ist verhältnißmäßig sehr gering, und es scheint erwiesen zu sein, daß die gesammte eingeborene Be­völkerung an dem Ausstand Antheil nahm. Aus einem