17. IahrgMA
Samstag, den 12. April 1890.
Für dir Rcdaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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In harter Schule.
Roman von G. I.
(11. Fortsetzung)
Da der Baron sich für einen Beschützer der Künste und Wissenschaften hielt, so war die nächste Folge, daß er auch an dem Verkehr mit Künstlern, Schriftstellern und Gelehrten Geschmack zu finden glaubte.
Während der Wintermonate, die er in der Residenz verlebte, war sein Haus der Sammelplatz von Berühmtheiten auf dem Felde der Kunst, der Wissenschaft und der Literatur, ohne daß deshalb die Kreise des Adels und des Hofes vernachlässigt wurden. Frau von Reina verstand es, in ihrem Hause die wider- strebendsten Elemente zu verbinden, die verschiedensten Stimmen zu einem schönen Akkord zusammenklingen zu lassen.
Von Geburt, von Erziehung und aus alter Ueber- zeugung Aristokratin, verkehrte sie harmlos und ungezwungen mit anderen Ständen; sie war sich ihres Standes als eines unantastbaren Besitzes so bewußt, daß sie gar nicht daran dachte, er müsse durch besondere Schranken be- und gewahrt werden. Es waren das Wellen, die um den Fels der Aristokratie spielten ihn aber nicht erschüttern konnten.
Vermöge solcher Ansichten blickte sie auch mit
* Ueber das deutsche Gentrum bringt das Wiener Vaterland' einen beachtenswerthen Aufsatz, dem wir folgendes entnehmen:
Die Centrumspartei in Deutschland ist nicht durch einen Willensakt eifriger Katholiken, nicht durch plötzlich erwachte religiöse Begeisterung ins Leben gerufen; sie ist das natürliche Ergebniß der eigenartigen Geschichte Deutschlands.
Den festen Kern des deutschen Centrums liefert Preußen und zwar die westlichen Provinzen desselben, namentlich Rheinland und Westfalen. Schon das Naturell des Franken, der die heiteren Ufer des Rheines, der Mosel bewohnt, ist ganz anders als das Naturell des durch Wenden und Niedersachsen gebildeten Mischvolkes, welches in harter und oft undankbarer Arbeit die einförmigen Ebenen der Marken, Pommerns, Ost- und Westpreußens anbaut. Beide Volksstämme haben ihre specifischen Vorzüge, aber Niemand, der Sie kennt, wird in Abrede stellen, daß in ihnen die schroffsten Gegensätze durch eine seltsame Laune der Politik in eine Staatseinheit zusammengefügt sind. Und nun erst die Verschiedenheit der geschichtlichen Erziehung, welche sie durchgemacht! Während Altpreußen in der strengen, oft harten Zucht einer staatsklugen berechnenden, aufstrebenden Dynastie geschult wurde, standen die Rheinlande unter der Herrschaft kleiner oder größerer geistlicher und weltlicher Dynasten; sie haben es in vollem Maße an sich erfahren, daß unter dem Krummstabe gut wohnen ist. Von einer harten Staatszücht haben sie nichts empfunden, bis sie unter die Herrschaft der französischen Republik geriethen. Es war daher begreiflich, daß die preußische Besitznahme von den Rheinländern keineswegs freudig und hoffnungsvoll begrüßt wurde. Dies umsoweniger, als die Individualität des neuen Monarchen Friedrich Wilhelm III. — durch Veranlagung und ein Leben voll harter Schicksalsschläge bestimmt — dem rheinländischen Charakter wenig sympathisch erschien. Der religiöse Gegensatz aber trat damals wenig hervor. Ja, die Bestrebungen Friedrich Wilhelm III. und seiner Staatsmänner, den katholischen Geist der neuen Provinzen ebenso einzuschläfern, wie er damals in den von katholischen Monarchen beherrschten deutschen Ländern eingeschläfert war, waren im besten Zuge, — als ein Ereigniß eintrat, welches die ganze Situation änderte. Das geistlose altpreußische Staatskirchenthum, welches gleichzeitig die Altlutheraner in Schlesien und die Katholiken der westlichen Provinzen — in den östlichen war das großentheils schon gelungen — in
die cäsaropapistische staatskirchliche Schablone zwingen wollte, glaubte die Zeit gekommen, gegen den schlummernden Katholizismus auch der Rheinlande einen vernichtenden Schlag zu führen. Aber siehe da: die Verhaftung der Erzbischöfe von Köln und Posen hatte den entgegengesetzten Erfolg; plötzlich erwachte mit den alten Antipathien gegen das Preußen- thum auch die Lieb e zum ka thol ischen Glauben wieder und beide vereint traten als energische Opposition in die Erscheinung.
Und dies unbewußt von Altpreußen den Katholiken abgegebene Erweckungsmittel hat auch späterhin seine belebende Wirkung niemals verfehlt. Schon der von Berlin aus — allerdings nicht vom Könige Friedrich Wilhelm IV• — begünstigte Ronge-Skandal regte den unter einer wohlwollenden Regierung schon wieder etwas entschlummerten Katholizismus wohlthätig von neuem an. Das größte Verdienst um den preußischen Katholizismus aber seit 1863 hat sich Fürst Bismarck erworben. Die großartigen Siege gegen Frankreich hatten, der menschlichen Natur entsprechend die Katholiken begeistert und das der „deutschen Bildung" antipathische Vaticanum machte den Altkatholikenschwindel möglich und zu einer wirklichen Gefahr, nicht sowohl für die Volksmasse, als für die „Gebildeten". Da, zur glücklichen Stunde, griff der altpreußische Geist abermals ein, verhinderte durch sein brutales Vorgehen jedwede Gesahr für den Katholizismus und schmiedete in dem Feuer der Verfolgung den Glauben und die opfermuchige Liebe der Katholiken unzerstörbar 'Wammen. Nicht Matinctroot, nicht Wmdthorfr, ftuTjF Schorlemer oder sonst die hochverdienten Männer des Centrums haben die Partei gemacht: die göttlche Vorsehung hat die Thorheit der Gegner zu ihrem Dienste verwendet. Fürst Bismarck ist der Gründer des „festen Thurmes'. Nur in Schlesien, wo ein Theil des katholischen Adels noch an dem aus der österreichischen Zeit mithinüber genommenen Josephinismus krankt, ist es vorgekommen, daß beachtenswerthe Volkselemente sich der Kirche untreu erwiesen haben; sonst stehen die Katholiken von ganz Preußen, an der Spitze die der westlichen Provinzen und Posens, festgeschlossen zum Zentrum.__
Deutsches Keich.
Berlin, 10. April.
* Am ersten Osterfeiertage waren, wie von verschiedenen Seiten übereinstimmend berichtet wird, die Generäle und Regiments-Kommandeure des Gardekorps zu ll^Uhr nach dem Zeughause berufen, wo der Kaiser eine längere und eindringliche Ansprache an sie hielt, in welcher er die in der Kabinetsordre vom 29. März niedergelegten Grundsätze eingehend großer Gelassenheit auf die parlamentarischen Kämpfe und hielt es nicht gerade für nothwendig, daß ein Edelmann auf dieser Arena Lorbeeren hole. Dennoch hatte sie in den letzten Jahren ihres Lebens die Aufmerksamkeit ihres Mannes nach dieser Seite gelenkt und seinen Ehrgeiz angestachelt, eine politische Rolle zu spielen.
Sie fühlte sich nicht mehr kräftig genug, ihn in seinem Kunstenthusiasmus derartig zu leiten und zu überwachen, daß er die richtige Straße inne hielt und nicht zum Gegenstand des Spottes und der Ausbeutung ward. Schon schien der Enthusiasmus sich in bedenklichem Grade den Musen des Gesanges zuzuwenden, man konnte nicht wissen, oder vielmehr man konnte wissen, wohin das Fahrzeug trieb, es war also eines so geschickten Steuermannes, wie Frau von Reina war würdig, sofort den Kurs zu ändern.
Der Baron fühlte sich plötzlich berufen seinem Vaterlande im Parlamente, wo möglich als Führer einer Fraktion zu nützen. Er ward in einem Wahlkreise, zu dessen größten Grundeigenthümern er gehörte, als Kandiddt für das Abgeordnetenhaus aufgestellt und mit großer Majorität gewählt. Obgleich man wußte, daß er sich den Konservativen anschließen werde, fielen ihm doch auch viele Stimmen Andersgesinnter zu. Ein Beschützer der Künste und Wissenschaften,
entwickelte. Nach dieser allgemeinen Ansprache besprach sich der Kaiser noch insbesondere lebhaft über denselben Gegenstand mit dem General - Oberst von Pape und dem General von Meerscheidt-Hüllessem.
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht das Protokoll der Schlußsitzung der internationalen Arbeiterschutzkonferenz vom 29. März. Dasselbe enthält den Wortlaut der bei dieser Gelegenheit gehaltenen Ansprachen. Beigefügt ist das Schlußprotokoll, welches die Beschlüsse der Konferenz enthält. Ueber die Schlußsitzung der Konferenz ist seinerzeit berichtet worden, ebenso sind die Konferenzbeschlüsse zur Veröffentlichung gelangt. Die Publikation bringt sonach nichts Neues. Gleichzeitig bringt das ,Berl. Tagebl.' Mittheilungen aus den Protokollen, die im Wesentlichen die in verschiedenen Ländern geltenden bezw. sich in Vorbereitung befindenden Bestimmungen über Kinder- und Frauen- arbeit unter Tage kurz wiedergeben.
* Eine große allgemeine Gartenbau-Ausstellung findet vom 25. April bis 5. Mai d. I. in Berlin statt. Die Zahl der Aussteller beträgt nach den bisherigen Anmeldungen 557. Für die Zuchtab- theilung der 1. allgemeinen Pferdeausstellung sind 1000 Pferde angemeldet, davon 82 aus Staatsgestüten, 868 aus den Provinzen und Einzelstaaten und 50 von Privaten.
* Der Erlaß einer kaiserlichen Verordnung steht bevor, welche der Einfuhr aus Marokko in Deutfch- land die gleichen Zollbegünstigungen gewährt, welche Italien und Spanien gewährt sind. '
* Die Berliner' Bräuer"eie n' haben sich vereit erklärt, den Gesellen vom 15. d. M. ab einen Minimallohn von 120 Mk. für den Monat zu bewilligen.
* Die Expedition Emin Pascha's hat vielfach die Befürchtung hervorgerufen, Emin wolle nach Watz elai zurück, um diefe Provinz in deutschen Besitz zu bringen.. Diese Besorgniß ist indeß wenig begründet; die deutsche Expedition wird Arbeit genug haben, falls dies mit so geringen Mitteln nicht von vornherein unmöglich ist, in den deutschen Interessengebieten geordnete Zustände herzustellen und den Verkehr mit der Küste zu sichern. Denn zunächst kann der Zug Emins nur durch die deutsche Interessensphäre gehen. Die ,Kreuzztg.' stellte vor einigen Tagen die staatsrechtlichen Verhältnisse der genannten Gebiete folgendermaßen dar: „Das englisch-deutsche Abkommen von 1886 theilt die Interessensphären nur bis zum Ostufer des Viktoria Nyanza; nach Westen hin gibt es keine Abmachungen, obwohl neuere Karten die Grenze einfach westwärts weiter auf den ersten Grad südlicher Breite bis zum dreißigsten Grad östlicher Länge, die Grenze des Congo- staates im Gebiet Ruanda, gezogen haben. Wollten dort z. B. die Briten sich Gebiet aneignen, so könnte man ihnen keinen Vertrag entgegenstellen und würde ein Mann, der, wie man wußte, seinen Umgang ohne Rücksicht auf Rang, Geburt oder politische Gesinnung, aus aslen Kreisen wählte, wo Bildung heimisch war, mußte im Abgeordnetönhause vielen Interessen dienen, an denen alle Parteien in gleich hohem Maße be- theiligt waren.
Der Herr Baron nahm denn auch eine Menge Petitionen seines Wahlkreises um Anlagen von Straßm Kanälen und Eisenbahnen, um Erbauung von Schulen, Verbesserung von Lehrergehältern u. s. w. u. s. w. entgegen und versprach thatkräftige Unterstützung. Die stenographischen und die Zeitungsberichte wußten zwar von den von ihm gehaltenen Reden nicht viel aufzuführen, es ging indeß die Sage, man wuß^e nicht woher sie kam, er sei in den Kommissionen eine enorme Arbeitskraft, eine der Hauptstützen seiner Partei. Kurz der Herr Baron von Reina erlangte neben seiner literarischen und künstlerischen nun auch eine politische Bedeutung und lächelte mit bescheiden sein sollender sehr wichtig thuender Miene, wenn man ihm noch eine glänzende Carriere prophezeit. Er hielt sich allen Ernstes für den Mann, dem bei nächster Gelegenheit das Portefeuille des Kultusministers anvertraut werden müsse. Und wer weiß, wohin es noch mit ihm gekommen sein würde, wäre mit der Krankheit und dem Tode der Baronin nicht die Hand, welche die Drähte
Fuldaer Zeitung
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