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17. Jahrgang

Freitag, den 11. April 1890

Druck u. Verlag der Fuldaer Acticndruckerei (PH. Reuß).

Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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gegenzusehen. Wie jetzt die Dinge liegen, hat die Er­öffnung der kommenden Reichstagssession erhöhte Be­deutung, denn sie muß Klarheit und Wahrheit bringen, ein Programm für die i n n e r e und äußer ePolitik und ein Wort für den Frieden. Ganz Europa wird dasselbe mit Begierde vernehmen und sich von einem gewissen Alp befreit fühlen.

Gringmuth hatte die Miethe und sonstige kleine Auslagen, welche Frau Hart von Fräulein Schmidt zu fordern hatte, bezahlt und der Wirthin eingeschärft, ihre Mietherin sosort als abgereist bei der Polizei zu melden. Käme der Herr von gestern wieder, so sollte sie nur fest dabei bleiben, das Fräulein Schmidt, das bei ihr gewohnt habe, sei eine Verwandte von ihr ge­wesen und zu ihren Eltern zurückgereist.

»Sie sagen Niemand, wohin ich eigentlich mit Fräulein Schmidt reise, fügte er die Hand reichend hfnzu, „sollte ihr auch schwer werden", spann er den «atz in Gedanken weiter, „denn sie weiß es selbst mcht Nun, bei denjenigen, die nichts davon wissen, ist nn Geheimniß immer am sichersten bewahrt."

* Das zukünftige Urogramm.

Das bange Gefühl einer gewissen Unsicherheit der Lage beherrscht zur Zeit alle Kreise, es scheint auch jetzt das Vertrauen in die Erhaltung des Friedens vielfach zurückgegangen zu sein und zwar nicht blos auf den Börsenplätzen, sondern auch in einem großen Theile des Publikums. Es liegt diese Beunruhigung nicht etwa in der Thatsache, daß der Kanzler einen aktiven General zum Nachfolger erhalten hat und daß man einem solchen eher die Geneigtheit zuschreibt, die Feder rascher mit dem Schwerte zu vertauschen, als es bei einem zünf­tigen Diplomaten wie Bismarck der Fall war; sie resultirt auch nicht aus der Befürchtung, daß der Monarch, der nun sein eigener Kanzler und sein eigener preußischer Minister des Aeußern geworden ist, sofort kriegerische Bahnen einschlagen werde: allein man glaubt eben in weiten Kreisen, daß das, was man „Bismarck'sche Friedenspolitik" in den letzten Jahren genannt hat, nicht mehr so ganz fortgesetzt, sondern daß eben ein ganz anderer Wind Platz greifen werde. Dazu kommt, daß die Gesammtlage in Europa eine sehr kritische ist und daß durch den Sturz Bismarck's die auswärtigen Feinde Deutschlands gewissermaßen mit neuen Hoff­nungen belebt wurden. Bisher legte die preußische Politik das Schwergewicht auf die Erhaltung der Tripel­allianz und erblickte gerade darin das wesentlichste Mittel zur Erhaltung des Friedens in Europa. Auch das deutsche Volk hat deshalb mit großer Freude diese Allianz acceptirt, obwohl speziell den Katholiken die Dinge in Neuitalien, sowie die daselbst am Ruder be­findlichen Personen durchaus nicht sympathisch waren. Aber weil der Friede ein zu kostbares Gut ist, für dessen Erhaltung man selbst hohe Opfer bringt, so wurde die Tripelallianz ausnahmslos im ganzen deutschen Reiche gebilligt. Der neue Reichskanzler hat sich nun freilich bemüht, aller Welt zu versichern, daß auch für ihn die Aufrechterhaltung der Tripelallianz die leitende Idee der Politik bilde; aber schon die Versicherung selbst hat in manchen Kreisen die Befürchtung erweckt, daß diese Allianz doch uicht mehr so fest stände, weil man sich so eilfertig bemühte, dies der Welt glauben zu machen.

Dazu kommt, daß schon jetzt Gerüchte gehen von bedeutenden militärischen Neuforderungen, die den kom­menden Reichstag erwarten und welche beweisen, daß die Rüstungen auch in Zukunft fortgesetzt werden sollen. Darnach scheint man also an leitender Stelle selbst kein apodiktisches Vertrauen in die Beständigkeit des Friedens

In harter Schule.

Roman von G. I.

(10. Fortsetzung.)

und vermehrt hatten.

Auch Baron Edgar besaß den Spar- und Erwerbs­sinn seiner Vorfahren und war nur in einer Beziehung davon abgewichen: er hatte nicht wie sie eine reiche

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,(Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile ober deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

dem Kutscher laut zu: „Nach dem Ost­bahnhof'" und der Wagen rollte davon.

ft J,'v leine Güte, nach dem Ostbahnhof!" rief Frau ia- glaube ich, nach Rußland, Polen

S; lk d'^üekei. Dem traue ich nun einmal nicht über den Weg."

.Laß gut ser, Frau, wenn er nicht wär, brächten sie sie heute tm Ljcheuwagen aus dem Hause, da sehe

IV* * Abonnements auf die ,Fuldaer Zei­tung' werden fortgesetzt entgegengenommen.

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Baron Edgar von Reina gehörte zu den reichsten Edelleuten des Landes und war nicht nur in Preußen, sondern auch in den benachbarten Herzog- und Fürsten- thümern begütert. Er hatte sich jung mit einer Gräfin Wildenfels verheirathet, der Tochter eines uralten, früher reichsunmittelbaren süddeutschen Geschlechtes, dessen Stammbaum ganz andere Wurzeln aufzuweisen hatte als der der Herren von Reina und nicht gleich

diesen durch Querbalken verunziert wird. Erst der

, ------„ .............. i Urgroßvater des gegenwärtigen Barons, der durch

«r setzte sich zu dem jungen Mädchen in den glückliche Spekulationen ein bedeutendes Vermögen er- aen s.— «» .<■, , . <. — r>r± worben hatte und klug genug gewesen war, dasselbe

im Grundbesitz anzulegen, war in den Adelstand er­hoben worden. Sein Sohn und Enkel waren gleich ihm gute Haushalter gewesen, die das Ererbte erhalten

zu besitzen und deshalb den Militarismus noch weiter auszudehnen. Man vermißte auch bei dem Wechsel im Kanzleramte von höchster Stelle ein kräftiges Friedens­wort ; möglich ist es und wünschenswert!) wäre es, daß dasselbe bei Eröffnung des neugewählten Reichstäges nachgetragen wird. Alle Welt wartet jetzt mit Span­nung auf ein Programm des Monarchen und seines neuen Kanzlers, auf die Losung für den politischen Kurs des Staatsschiffes in klarer und prägnanter Form. Fürst Bismarck ist im Ruhestande, seine bisherigen Leitmotive in der Politik gelten mehr oder weniger für verbraucht und abgenützt, es müssen jetzt neue kommen und das Volk ist begierig zu hören, was man sich an höchster Stelle zum Programm gemacht hat. Die Auf­gabe ist keine kleine, sowohl im Innern wie nach Außen, und es wird große Schwierigkeiten kosten, um sie zu realisiren. Jetzt ist noch Alles mehr oder weniger un­klar, weder das eigene Volk noch das Ausland weiß, wohin gesteuert wird und welches Ziel sich die leitende Stelle gesetzt hat. Die politische Konstellation ist heute eine solche, daß sie jeden Tag Ueberraschungen bringen kann, und da erscheint es allerdings dringend geboten, wenn recht bald von autoritativer Seite ein festes Programm proklamirt würde, um allen Kombinationen und Gerüchte» den Boden zu entziehen. Hört man doch, daß im Zarenreiche sich bereits Stimmen regen, die ein Zusammengehen Deutschlands mit Rußland zum Zwecke der Theilüng Oesterreichs an die Stelle der jetzigen Tripelallianz setzen möchten. Es sind das Dinge von großer Tragweite, die selbst als leere Gerüchte beunruhigen und aufregen.

Die öffentliche Meinung hält jetzt noch fest an dem Gedanken, daß die neue Ordnung der Dinge in Berlin an den Traditionen der Politik Bismarck anknüpfen werde, aber dieser Gedanke kann sehr bald seine Be­rechtigung verlieren, es können Neugebilde und Schwenkungen folgen, es kann mit einem Worte ein ganz anderes politisches Prinzip an die Stelle treten. Wir leben heute in einer Zeit großer politischer Ver­änderungen, und der Kreislauf der großen Revolution von 1789 scheint noch nicht vollendet zu sein. Was sind in diesem Säkulum nicht für tiefeingreifende Ver­änderungen geschehen, Throne wurden gestürzt, ganze Reiche von der Landkarte gestrichen und ganz neue staatliche Verhältnisse geschaffen. Es ist nicht aus­geschlossen, daß die nächsten Jahremach dieser Richtung noch weitere Ueberraschungen bringen werden. Alle diese Momente, sagt das ,Fränk. Bolksbl.', dem wir bei diesen Ausführungen folgen, bringen es mit sich, daß das große Publikum sich beunruhigt fühlt und deshalb auf ein erlösendes Wort von leitender Stelle als einer Friedens-Manifestation wartet, um wieder ruhiger und sicherer den kommenden Ereignissen ent- ich sie doch lieber in der Kutsche fortfahren," bemerkte der Schneider scharfsinnig. „Nun ist die Dachstube wie­der frei", setzte er leise forschend hinzu.

„Ja, ich will sogleich den Zettel heraushängen und sie wieder in Ordnung bringen," antwortete Frau Hart, jede Hoffnung ihres Mannes im Keime er­stickend.

Deutsches Keich.

Berlin, 9. April.

* Der Reichstag ist, wie schon erwähnt, auf den 6. Mai berufen. Bis dahin hofft man die neue Militär­vorlage (Artillerie), die ostafrikanische Vorlage und den Entwurf eines Arbeiterschutzgesetzes unter Berücksichti­gung der Beschlüsse der internationalen Konferenz definitiv festgestellt zu haben.

* Graf Herbert Bismarck begibt sich morgen nach Friedruchsruh. Bei dem gestrigen Abschiedsdiner beim Grafen Bismarck, dem der Kaiser beiwohnte, wurden Trinksprüche nicht ausgebracht.

* Der allgemeine deutsche Katholikentag findet bekanntlich in diesem Jahre in München statt. Wie nun der .Germania' ein Privattelegramm aus München meldet, ist der dortige Nuntius vom hl. Stuhl angewiesen, die Vorbereitungen für den Katholikentag kräftigst fördern zu helfen, da sich der hl. Vater für denselben besonders interessirt.

* Die Agitation für den sozialdemokratischen Feier­tag am 1. Mai wird neuerdingsziemlichenerfiffch.be- trieben. Bemerkenswerth ist das Porgehen der Wiener- Neustädter Lokomotiv-. und Maschinen-Fabrikaktienge- sellfchaft. Die Verwaltung ließ ihren 1500 Arbeitern mittheilen, sie werde gegen die Feier des 1. Mai keine Maßregel ergreifen, aber alsdann nicht vor dem 5. Mai arbeiten lasfen.

* Der Kaiser hat der deutschen Gesellschaft für Chirurgie 1000 Mk. als Beitrag zur Errichtung des Langenbeckhauses überweisen lassen. Die genannte Gesellschaft hält gegenwärtig ihren Kongreß in Berlin ab. Derselbe wurde heute eröffnet. Den Vorsitz führt Professor von Bergmann.

* Lieutenant Sulzer, der bei der Erstürmung von Buschiris Lager in dasselbe eindrang, wurde gestern vom Kaiser empfangen.

* Der gefchäftsführende Ausschuß des deutschen Emin Pascha-Comite's hat heute folgendes Tele­gramm aus Sansibar erhalten: „Empfingen Brief von Peters, datirt Kapta Kamaffia (westlich vom Beringo- See); er sowohl wie Lieutenant Tiedemann wohlauf. Sein Brief an Sie folgt. Hansing."

* Die Reichs - Kommission für Rekurse gegen auf Grund des Sozialisten-Gesetzes ergangene Verfügungen

Heirath gemacht. Die Grafen von Wildenfels waren arm. Es mag dahingestellt bleiben, ob die Jugend der Gräsin oder das Alter oder der Glanz ihres Namens den größten Zauber auf den Baron geübt hatten, genug, er hatte um sie geworben, sie heimgeführt und man fand in der Partie einen recht passenden Aus­gleich, da ja ein Theil dem anderen gerade das zu­

brachte, was ihm mangelte.

Der Baron war stolz auf seine Wahl und hörte es gern, wenn er dafür belobt und beglückwünscht ward. Er kam sich dann so erhaben, so uneigennützig vor, betrachtete sich gewissermaßen als den zweiten Schöpfer des Namens Reina und beklagte es schmerz­lich, als im Verlauf feiner Ehe mehr und mehr die Hoffnung schwand, einen Sprossen der Familien Wilden­fels und Reina den letzteren Namen glorreich fortsetzen zu sehen. Frau von Reina hatte ihrem Gatten bald nach der Verheirathung eine Tochter geschenkt — ein weiterer Ehesegen war ausgeblieben.

So stolz und entzückt der Baron über den Aus­gleich war, den Geld und Geburt in seiner Heirath gefunden, so wenig ließ er sich träumen, wie viel in seinem Wesen, seinem Wissen, Können und Thun täg­lich und stündlich durch seine Gemahlin ergänzt und ausgeglichen ward.

Edgar von Reina war ein schöner Mann, ein vor­züglicher Fechter und Reiter. Er hatte bei der Garde