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Sonntag, den 6. April 1890.

17. Jahrgang

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Die „Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Fuldaer Zeitung

v . _ ... . Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reich).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel m Fulda. " - ""

Mannes singt:

Weit tritt ein.

„Du bist die Ruh'„ du bist der Frieden, Du bist der Himmel, mir beschicken, Du hebst mich liebend über mich. Mein guter Geist, mein besseres Ich!" fliegt die Thüre auf; ein junger Mann

nicht Gold, was glitzert, Irene, wohl auf mehr als den roth-

blickt Irene voll auf den Jugend- Bezieht fich's vielleicht auch auf

Sturmes. Alles ist und das bezieht sich glühenden Horizont."

Zum ersten Male freund.

„Wirklich, Gust?

,Du bist die Ruh', Du bist der Frieden, j)u bist der Himmel, mir beschieden! — Jst's nicht ein hübsches Lied? Aber Irene, Du sieh'st ja so feierlich aus wie eine Eule; was gibt's?"

„O sei still, Gust," entgegnete Fräulein Wilke ärgerlich, „Du wirst nie vernünftig und wenn Du achtzig Jahre wirft, bist Du noch ein Kindskopf."

*) Nachdruck nicht gestattet.

In stürmischer Nacht *) Oster-Novelette von Lina Freifrau von Berlepsch. Osterzeit. .„,,r.

Weiche Lüfte wehen an Frankreich s südlicher Küste; im Seebade Biaritz grünt mid blüht Alles. Federrge Wölkchen gleiten hin am tiefblauen Firmament; wie mit Sternen übersäet, glitzert und funkelt das JJieer; leichte Boote tanzen auf den lockenden, leuchtenden Wogen, weiße Segel ziehen träumerisch in die Ferne oder tauchen, Möven gleich, auf am Horizont, des Städtchens Hafen zu erreichen, bevor der Nacht Schleier sich senken.

Der Heimath rauheren Winter zu kurzen, war eine deutsche Familie gekommen; Bekannte fanden sich und frohes Beisammensein war zu hoffen. .

Am offenen Fenster einer zierlichen Villa steht eine junge Dame und blickt sinnend hinaus auf die herr­liche Natur. ... ,, =

Irene Wilke ist leicht begeistert für alles Schone; heute aber ist's, als sähe sie nicht mit offenen Augen. Beide werden sich erklären," flüstert Irene halblaut, ''Einen nur kann ich wühlen; — welchen?

Die wunderbare Gluth am westlichen Himmel ent-

„Hoffentlich!" lacht er. „Hab' mich noch nie von der Schönheit und Nützlichkeit der Mumien überzeugen können; das will ich — nun, sagen wir Graf Vldard — überlassen. Ich wollte fragen, ob Du mit nur aus­

reißt sie ihren Gedanken. ■

Welch' eine Skizze dieser Pracht ließe sich vom Felsenriff im Meer aufnehmen, und 's ist Ebbe; ich hab- drei Stunden Zeit und werde gehen."

Sie erhebt sich, bleibt über plötzlich stehen. Eines Schritt nähert sich, eine weiche Tenorstimme

Aus der Gegenwart.

Eine Plauderei.

N. Berlin. 3. April.

Quartalswechsel, Wohnungswechsel, Dienstboten- wechsel _ das fällt alles in die Charwoche. Am stillen Freitag werden noch Leute mit ihren Möbeln auf den Sttaßen sein. Das große „Reinmachen" zum Feste begegnet argen Schwierigkeiten, wenn eine „ Rieke ab- und eine „Auguste" anzieht. Es wäre schöner ge­wesen, wenn Ostern um 8 Tage später gekommen wäre. Oder um 8 Tage ftüher, wie es im nächsten Jahre der Fall sein. Dann feiern wir die beiden Festtage am 29. und 30. März, am 31. können die Berliner noch ihren geliebten „dritten Feiertag zulegen und dann geht es ungestört und mit fritchen Kräften in das neue Ouartal, die neue Wohnung, den neuen Dienst hinein. c

Ja, dieses Jahr wäre sogar der aller früheste Termin, der erste Sonntag nach Frühlingsanfang, für Ostern passend gewesen. Denn wir haben einen so schönen März und einen so frühen Lenz gehabt, wie er seit 1848, dem Anfang regelmäßiger Wetter-Be­obachtungen, nicht verzeichnet ist. In der Wetterfabrik . scheint überhaupt in den letzten Jahren mit der alten Ordnung gebrochen zu sein. Im vorigen Jahr hielt der strenge Winter sehr lange an und es trat erst in der zweiten Hälfte des Aprll, auf Charfreitag, ein gründlicher Umschlag ein. Und nun ging es gleich auf das andere Extreme los: ein Mai von unerhörter Wärme. Nachdem wir im Frühling geschwitzt hatten,

fahren willst?"

„Ich danke; ich habe keine Lust."

Er kommt näher und betrachtet sie ernst. Die frohe Heiterkeit seines offenen Gesichtes umdüstert sich. Irene scheint dem Blick nicht begegnen zu wollen; sie steht hinüber zum Städtchen, dessen westliche Fenster wie flüßiges Gold funkeln.

Wie wundervoll! O wer das malen könnte!

'^Ganz hübsch, allerdings," entgegnet Dr. August Velden, gewöhnlich Gust genannt, „aber diese pracht­volle Beleuchtung ist nur der Vorläufer eines wilden

Irene erröthet, bewegt sich aber nicht. Er eilt auf fix zu, legt die Hände auf ihre Schultern und singt:

den Grafen?"

Eine gewiße Gereiztheit liegt in ihrem Tone, mehr noch in feiner Antwort. „ z

„Natürlich auf den Grafen. Was in aller Welt siehst Du an dem geckenhaften Perückenstock, der nicht mehr Geist'hat, als in Deinem Fingerhut Platz hat?"

„Er ist der.hochgeborene Graf Wenzeslaus Emanuel Adalbert Vidard-Cholinsky, Neffe eines Fürsten", er­widert Irene in einem Tone, als ob das allein eine Menge Sünden bedecke. . n

„Und wär' er zehnmal ein Graf und ein Neffe Seiner Majestät, er wäre doch ein Esel," faucht Dr. Velden zornig.

Irene legt schweigend einen Spitzenshawl um und wendet sich zur Thüre.

Ich höre nicht gerne abwesende Freunde verun­glimpft, Gust, und da Du, scheint's, nichts Angenehmeres zu sagen weißt, will ich gehen."

„Also so weit sind wir schon," knirschte Velden mit funkelnden Augen, „wenn ich ihn tadle, verletze ich Dich; spreche ich etwa mit der künftigen Gräfin Vidard?" , ~

„August Velden, laß mich gehen," drohte Irene. „Nein, erst antwortest Du mir," ruft der Doktor entschlossen. „Du hast lange genug mit mir gespielt; sage mir jetzt, willst Du mich über Bord werfen wegen Adalbert Vidard?"

„Laß mich gehen, August!"

fröstelte uns im Hochsommer, der gegen das Herkom- m-n naß und kalt war. Daran schloß sich eine über­raschende Trockenheit im November, der sonst zu den schmutzigsten und unangenehmsten Monaten des Jahres gehört. Der ganze Winter blieb außerordentlich milde und schneearm. Auf diese absonderliche Witterung wird bekanntlich die Influenza zurückgeführt. Im Anfang März legte der Winter noch recht tüchtig zu Frost und Schnee ans; aber in der zweiten Woche trat ein ähnlicher Umschlag em, wie 1889 am Charfreitag. Es wurde warm und wärmer. Weife Wetterkenner erhoben ebenso, wie im vorigen April ihre warnende Stimme und prophezeiten einen schnellen und schlimmen Rückschlag. Aber drei Wochen lang hielt wider Erwarten der verfrühte Lenz sich bei uns auf. Am 29. März hatte — wenigstens in Berlin und Umgebung — das schöne Wetter seinen Höhepunkt erreicht. An diesem Tage war es, wie ein Meteorologe der ,Voss. Ztg.' feststellt, so warm, wie es nach der Regel am 15. Juni sein soll. Seit 1848 ist an diesem Datum kein höherer Thermometerstand beobachtet. Um so empfindlicher war der Rückschlag, der gleich am folgenden Tage eintrat. Von da ab brachten uns die Winde statt der warmen Aequatorluft den kalten Hauch, der vorn Nordpol kam. Glücklicher Weise kam die kalte Luft von den Eisfeldern nicht direkt auf dem Land­wege zu uns, sondern vom atlantischen Ocean her, wo sie durch die ausgleichende Einwirkung des Wassers schon etwas gemäßigt geworden war. So sind wir denn bisher ohne Schadenfrost davon gekommen, aber wenn mich nicht alle Beobachtungen täuschen, nehmen Husten und Schnupfen sehr überhand. Die jungen,

„Nein, Irene, Du gehst keinen Schritt weiter, be­vor ich Antwort habe. Ein Wort, dann gehe ich und kehre nie wieder. Bist Du mit Vidard verlobt? Ja oder nein!"

Drei Jahre hatte Irene den jungen Arzt ange­zogen und abgeftoßen. Sie hatte ihn lieb, am liebsten von Allen, obgleich er weder schön noch reich ist. Nun steht er vor ihr, hoch und ernst, sein Auge glüht, seine Lippen beben vor Erregung. Und das Weib lebt nicht, das nicht den Mann, dem ihr Herz gehört, doppelt liebt, wenn er's versteht, ihr Achtung abzuzwingen.

„Sprich!" gebietet Dr. Velden ernst, „ja oder nein?"

„Nein", stammelte Irene, all' ihr Muth ist ver­flogen.

„Und wenn der kleine Affe um Dich wirbt, wirst Du „Ja" sagen?

„Aber, August, ich begreife nicht —"

„Du begreifst nicht? Weißt Du nicht, daß ich Dich liebe, Dich znm Weibe haben will? Wärest Du blind wie eine Fledermaus, Du müßtest es seit zwei Jahren wissen. Du aber bist klug genug in derlei Dingen und ich sage Dir, wenn Du mich zurückweisest um des Grafen willen — —"

„Nun dann?"

„Dann werfe ich ihn in's Meer und Du bist Wittwe, ehe Du Frau gewesen," zürnt der Ungestüme.

Schweigen herrscht momentan; als aber Irene auf­blickt in des Freiers zürnendes Antlitze lacht sie un­willkürlich.

„O Gust, Du bringst mich noch um." " - . —..

Vom Erhabenen znm Lächerlichen ist nur ein Schritt. Von der Höhe der Tragödie kommt August Velden herab und stimmt ein in Irenens heiteres Lachen.

„,Laß' uns die Geschichte abmachen, Irene; morgen ist Ostern; laß' den Osterhasen Dich mir bringen und hier ist der Ring, den ich an Deinen Finger streifen möchte." Irene streckte beide Hände hinter sich.

„Danke schön, Gust, hab' Ringe genug."

„Aber den meinen, Irene, den Verlobungsring! Sei klug, Du weißt, ich liehe Dich und Du hast mich auch lieb, Du kannst's nicht leugnen. Stimm also den Ring!"

Er ergreift ihre beiden Hände und blickt flehend ihr in's Ange.

Ja, sie hat ihn lieb, lieber als sie sich selbst ge- stehen will; aber in erreichbarer Ferne glänzt die neun- zackige Krone ihr entgegen.

schnell und prächtig entwickelten Knospen sind nicht so empfindlich wie manche Menschen. Es wäre jammer­schade, wenn noch rauhe Fröste die so überraschend entstandene Frühlingsherrlichkeit vernichten wollten. Vorläufig sind wir hier zu Lande schon so weit, wie gewöhnlich gegen Ende April.

In den letzten Jahren konnten bekanntlich die „Ge­treuen" dem Fürsten Bismarck die üblichen Kiebitzeier zum Geburtstage nicht rechtzeitig abliefern. Diesmal hat er rechtzeitig seine Eier erhalten. Da das Essen niemals besser schmeckt und bekommt, als wenn man die Arbeit hinter sich und die Ruhe vor sich hat, so wird dieser Leckerbissen dem Fürsten Bismarck gerade jetzt besonders schmackhaft und zuträglich fein. „ Futter- neid" empfinde ich nicht; denn Kiebitzeier und Gänse­leberpastete sind „Delikatessen", an denen mein Gaumen nichts finden kann, was den hohen Preis rechtfertigt; auf die Gefahr hin, einer barbarischen Zunge beschul­digt zu werden, muß ich gestehen, daß em frisches Hühnerei und eine gute Leberwurst mir ebenso gut schmecken. Falls ich mal „Verehrer" finden sollte, die mir ihre Liebe in Viktualieu bekunden wollen, so möchte ich wünschen, daß die freundlichen Spender in der Umgegend von Astrachan säßen und mir mit dem allerbesten Caviar unter die Arme griffen. Der schmeckt auch außerhalb der Fasttage. —

Um auf das größte Ereigniß dieses Umzugstermins, den Abschied des Fürsten Bismarck, zurückzukommen, so hörte ich dieser Tage im Eisenbahnwagen folgendes Gespräch: „Denken Sie sich", fagt die Dame zu ihrem Gegenüber, „was Herr N. für ein Glück gehabt hat