Mittwoch, den 2. April 1890
17. Jahrgang
Druck u. «erlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
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In harter Schule.
Roman von G. I.
(4. Fortsetzung.)
Ganz verdutzt über diese Aufforderung leistete Hart ihr mechanisch Folge; hätte er sich ihr selbst entziehen wollen, so wäre dies nicht mchr mehr möglich gewesen denn Gringmuth hatte bereits die Thür geöffnet nnd ' schob ihn hinein.
„Setzen Sie sich", sagte er, auf einen Lehnstuhl am Tische deutend, auf welchem bereits die Lampe brannte, während er selbst auf dem Sopha Platz nahm. Der Schneider gehorchte furchtsam. Was in aller Welt konnte der Miethsmann, der für ihn stets etwas Unheimliches hatte, dem er so viel wie möglich aus dem Wege ging, der als Wucherer und Halsabschneider bekannt und verrufen war, nur von ihm wollen?
Gringmuth schien dem kleinen ängstlichen Manne dre Gedanken von der Stirn abzulesen und sich ein boshaftes Vergnügen daraus zu machen, die Pein seiner Erwartung zu verlängen, denn er ließ einige Minuten verstreichen, ehe er das Wort nahm und hielt während dieser Zeit seine großen, scharfen stahlgrauen Augen unverwandt auf fein Gesicht geheftet. Dem Schneider brach der kalte Schweiß aus.
„Meister Hart", begann er endlich, „Ihnen, als dem Hausherrn, muß ich ernste Vorstellungen wegen
* Ans i) er Pfalz, 30. März. Nachdem bereits vor einiger Zeit in Grünstadt eine Versammlung von Weinproduzenten stattgefunden hatte, um die Weinfrage zu erörtern, hat neuerdings die Bezirksvereinigung Neustadt-Dürkheim für Handel und Gewerbe beschlossen, bei der Pfälzer Handels- und Gewerbekammer die Absendung einer Petition an den Reichstag wegen Regelung der Weinfrage im Sinne der Deklarationsfreiheit bei Verbot der Kunstweinfabrikation anzuregen, wie dies bereits die Wiesbadener Handelskammer gethan. — Auch wird eine Petition an das bayerische Ministerium beantragt, welche die Aufhebung der Steuer auf den zur Weinverbesserung verwendeten Zucker verlangt. Ungefähr das direkte Gegentheil verlangen die unterfränkischen Weinproduzenten.
* Aus Baden, 31. März. Das Vorgehen der bayerischen Regierung in der Altkatholikenfrage hat auch den Reinkensianern in Baden einigen Schrecken eingejagt und sie fürchten, daß für den Fall eines kirchlichen Friedens auch in Baden der Sekte von Staatswegen die Krücken entzogen werden. Deshalb suchen sie bereits vorzubeugen und so fand am 25. ds. in Offenburg eine Landesversammlung der badischen Altkatholiken statt, in welcher jedoch ein erheblich gedämpfterer Ton gegep früher angeschlagen wurde. Die Sekte hat übrigens auch in Baden erheblich an Kredit verloren und vegetirt nur mehr.
Ausland. —
Deutsches Keich.
Berlin, 31. März.
* Der .Staatsanzeiger' veröffentlicht des Reichskanzlers und Ministerpräsidenten zum Bevollmächtigten zum Bundesrath. Der Reichskanzler von Caprivi erstattete heute Abend dem Kaiser Vortrag.
* Die Ergebnisse der Berliner Arbeiterschutzkonferenz finden auch in der ausländischen Presse eine sympathische Aufnahme. Insbesondere gilt dies von der englischen, welche sich anfangs ziemlich skeptisch verhielt. — Die Delegirten zur internationalen Arbeiterschutzkonferenz haben größtentheils am Sonntag Berlin wieder verlassen. Von einer „Nachsession" der Vertreter der Hauptindustriestaaten behufs Erörterung von Fragen, welche nicht auf dem Konferenzprogramm standen, scheint keine Rede mehr zu sein.
* Der Aachener Zeitung' wird aus Berlin berichtet, daß an sämmtliche Polizeiverwaltungen eine Königliche Kabinetsordre ergangen sei, nach welcher möglichste Redefreiheit in den Arbeiterversammlungen gewünscht wird.
* In Bezug auf Informationen aus unseren Schutzgebieten sind wir noch immer auf englische Blätter angewiesen. So erfährt man jetzt aus der ,Times', der deutsche Generalkonsul in Sansibar werde dem Sultan von Witu demnächst mit einer großen bewaffneten Eskorte einen amtlichen Besuch abstatten. Die vom Sultan von Sansibar in versöhnlicher Mission nach den südlichen Häsen • entsandten Kommissare find unverrichteter Dinge zurückgekehrt.
* Die Verlobung der Prinzessin Viktoria von Preußen mit dem Prinzen Albert von Sachsen- Altenburg wird von einer hiesigen Korrespondenz als nahe bevorstehend bezeichnet.
* Nachdem der größere Theil der Anmeldefristen für die Straßburger Allgemeine Landwirthschaft- liche Ausstellung abgelaufen ist, läßt es sich übersehen, daß die Schau überaus reich beschickt werden wird. Zwischen 300 und 400 Pferde, über 1000 Rinder, 200 Schafe und 400 Schweine werden zur Stelle sein. Die Gartenbau-, sowie Bienen- und Geflügel-Ausstellungen werden den ihnen zugemessenen Platz ebenso wie die Maschinen vollständig füllen. Auch fehlt es nicht an einer reichen Anmeldung für Weine, Tabak, Saaten, Düngemitteln; endlich wird auch die Fischabtheilung gut besetzt sein. Die Ausstellung wird am 5. Ium eröffnet und am 9. für die Thierabtheilung, am 11. Juni für die gesammte Ausstellung geschlossen.
* Der Ausstand im Gelsenkirchener Revier dauert fort. Zur Hintanhaltung von Ruhestörungen sind umfassende Maßregeln getroffen.
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Steinmetzgehilfen.
* Wien, 31. März. Einen sehr traurigen Eindruck machen die Berichte aus Nordböhmen über die liberal^ Agitation zum Uebertritte kathol. Familien zum Alt * katholizismus; es geschieht dies nicht etwa aus religiöser Ueberzeugung, sondern aus purer Opposition gegen die kathol. Partei. — Der berühmte Dominikaner- pater Weiß, der als kathol. Sozialpolitiker einen Ruf besitzt, hat Wien bereits verlassen, um die Professur an der neuen kath. Universität 'm Freiburg (Schweiz) anzutreten. Allgemein ist das Bedauern, daß im kath. Oesterreich sich kein Lehrstuhl für diesen hervorragenden Gelehrten fand. — In der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses provozirte der Demokrat Dr. Kronawetter eine heftige Scene wegen seiner Ausfälle gegen dm Peters Pfennig. Es wurde ihm dafür schließlich der Ordnungsruf ertheilt.
* In Serbien hat sich jetzt ein Ministerwechsel vollzogen, das heißt, das bisherige radikale Kabinet Gruic hat sich durch Hinzutritt mehrerer neuer Ressortminister ergänzt. Anfänglich hieß es, daß der radikale und russophile Skuptschinapräsident Pasic mit der Neubilder Pflichtwidrigkeiten und Gesetzesübertretungen machen die man sich in Ihrem Haushalt zu Schulden kommen läßt." —
„Pflichtwidrigkeiten — Ge — setzes — Übertretungen !" stammelte der Schneider.
„Ja, nennen Sie es etwa anders, wenn Sie ein Zimmer an eine junge Dame vermiethen, während Sie die andern an Herrn vermiethet haben?"
„Meine Frau hat Fräulein Schmidt als zu unserem Haushalt gehörig und bei uns beschäftigt angemeldet."
„Desto schlimmer, das ist Umgehung des Gesetzes, das ist wissentliche Täuschung der Behörden zur Erlangung eines Vortheils. Oder ist Fräulein Schmidt etwa bei Ihnen beschäftigt? Hilft sie Ihnen beim Schneidern?"
„Nein —", stotterte Hart, „meine Frau —"
„Ihre Frau kommt dabei gar nicht in Betracht", unterbrach ihn Gringmuth. „Sie haben die Wohnung gemiethet, Sie haben die Meldung zu machen. Sie trifft die Verantwortung für jede Unregelmäßigkeit und die daraus entspringenden Folgen. Wissen Sie wer Fräulein Schmidt ist, was sie treibt?"
„Meine Frau sagt —"
„Sie sei moralisch, das kennen wir. Aber denken Sie doch nur, wenn Sie nun eine entsprungene Verbrecherin im Hause hätten!"
„So sieht sie nicht aus."
„Trau, schau, wem! Wenn nun die Polizei käme,
Haussuchung hielte, Verdächtiges fände, Sie als Hehler verhaftete, zehn Jahre wären Ihnen gewiß!"
„Um Gottes Willen, Herr Gringmuth Sie scherzen, ich bin ja unschuldig wie ein neugeborenes Kind!"
„Man hat schon bessere Leute um geringfügigerer Ursachen willen gehenkt", fuhr Gringmuth unerbittlich fort. „Nehmen wir einen 'dern Fall, sie wäre heute wirklich gestorben, man h Sie ja für einen Mörder halten können!"
„Aber sie hat's doch selbst gethan."
„Könnten Sie das beweisen? Wer heizt gewöhnlich die Oefen?"
„Meine Frau."
Die Frau hat in Ihrem Auftrag gehandelt, die Frau muß dem Manne gehorchen, das wissen Sie ja doch, Meister Hart?"
Der arme Meister stöhnte und keuchte. „Warum sollte^ wir alten Leute denn wohl eine solche Unthat thun und uns an solch jungem Leben vergreifen?"
„Aus Habsucht, Meister Hart, aus Habsucht. Gold und Edelsteine haben schon viele geblendet."
„Sie ist ja arm wie eine Kirchenmaus."
„Das können Sie leicht sagen! Hat Ihre Frau nicht in letzter Zeit mehrmals Goldsachen beim Goldschmied verkauft?"
Der Schneider wurde todtenbleich.
„Ich hab's ihr ja immer gesagt, sie soll die Dachstube nicht vermiethen". stöhnte er. „Die Geschichte
düng eines Kabinets betraut würde, wie es Rußland wünschte, allem die Regentschaft fand doch ein Haar in der Suppe und berief wieder ein Kabinet Gruic.
* Die Kammerwahlen in Portugal haben das von den Republikanern erhoffte Ergebniß nicht gehabt Bon den in Portugal selbst und auf Madeira gewählten 134 Abgeordneten werden nach Schätzung in Re- gierungskreifen etwa 100 die Regierungspolitik unterstützen.
Im englischen Unterhause wurde die irische Güterankaufsbill angenommen und die hiefür erforderliche Summe von 33 Millionen Pfund Sterling genehmigt. Es sollen damit Güter angekauft werden, welche nach einer bestimmten Frist unter gewissen Modalitäten Eigenthum von Pächtern werden. Auf diese Weise soll in Irland nach dem Plane der Regierung ein Kleingutsbesitzerthum geschaffen werden. Die Opposition bekämpft aber diese Bill, weil sie den Irländern nicht zu Gute kommt und man befürchtet, daß man englische Kolonisten ins Land setzt.
* In Dahomey haben die Franzosen 5 Dörfer ■ eingenommen und verbrannt. Ob es sich dabei um einen wirklichen Waffenerfolg oder nur um einen Revancheakt handelt, geht ans den Berichten nicht hervor.
* Die republikanische Regierung in Brasilien, die sich von der Vertretung des brasilianischen Volkes noch immer nicht hat legalisiren lassen, geht mit den ihr unbequemen Zeitungsschreibern und KorreMondenten K^^Mr^reud^ (^rükfteP*Verbreitet,'' tT»7 uu»”” Kriegsgericht gestellt werden soll.
6 Die für die Invalidiiäts- und Alters- Derficherung schon jetzt w beschaffenden
Nachweise.
Nach dem Reichsgesetz, betreffend die Jnvalidi- täts- und Alters-Versicherung, vom22.Juni 1889 (Reichs-Gesetzbl. S. 97) werden Invaliden- und Alters-Renten erst nach Zurücklegung einer Wartezeit gewährt. Die Wartezeit beträgt für Jnvaliden-Renten 5, für Alters-Renten 30 Beitrags-Jahre; ein Beitrags- Jahr ist gleich 47 Beitrags-Wochen, d. h. Kalender- Wochen, in denen die gesetzlichen Beiträge entrichtet worden sind. Hiernach würden Jnvaliden-Renten erst nach Ablauf von nahezu 5 Jahren, Alters-Renten erst nach Ablauf von nahezu 30 Jahren nach dem Inkrafttreten des Gesetzes bewilligt werden können.
Um jedoch die Wohlthaten des Gesetzes auch denjenigen Personen zuzuwenden, die in den ersten 5 Jahren invalide werden, oder in den ersten 30 Jahren das 70. Lebensjahr überschreiten, sind
Fuldaer Zeitung
Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. — cr'—* .. » - • — ~ - —