JW 74.
Dienstag, den 1. April 1890.
17. Jahrgang
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Die Wiener Gemeinderathswahlen.
2 Wien, Ende März 1890.
Während von oben herab bei uns in Oesterreich der Liberalismus noch immer gewissermaßen gehegt und gepflegt, sowie auf ihn die weitgehendste Rücksicht genommen wird, verliert derselbe im eigentlichen Volke immer mehr an Halt und wenden sich die Massen zusehends von ihm ab. Einen deutlichen Beweis hiefür lieferten die diesjährigen WienerGemeinderaths- w ah len, welche sich zu einem förmlichen Volksgerichte über den abgewirthschafteten kapitalistischen Liberalismus gestalteten und die in ihrer vollen Bedeutung auch selbst von der Presse Israels wohl erkannt werden. Man muß wissen, welch' große Vorbereitungen diesmal liberalerseits für die Wahlen gemacht, in welch' kolossale Kosten sich die Herrschaften stürzten, und wie sie sich in Folge dessen noch vor 14 Tagen siegesbewußt fühlten, dann tritt erst fo recht die Wucht der Niederlage zu Tage und wird es begreiflich, warum die semitischliberale Presse solche Klagelieder anstimmt und mit düsterer Besorgniß in die Zukunft blickt. Sie hatte bisher geglaubt, mit Geld ließe sich Alles ausrichten, ja selbst die Gesinnungen der Wählerschaft korrigiren; aber nun ist ihr die verdiente Enttäuschung endlich bereitet worden, die Säulen ihrer bisherigen Macht sind in's Wanken gekommen, das Volk steht nicht mehr hinter ihr, sondern wendet sich mit siegreicher Macht gegen den bisher für allmächtig geltenden Phrasenliberalismus. Das christliche Bewußtsein ist in Wien nicht bloß erwacht, sondern sehr kräftig geworden, so daß es den Kampf gegen übermüthige Gegner nicht bloß wagen, sondern auch mit großem Erfolge durchführen kann. Das Resultat der jüngsten Gemeinderathswahlen zeigt, daß der Liberalismus bereits niedergerungen ist und daß man fast mit mathematischer Sicherheit den Moment berechnen kann, wo die christlichen Parteien die Mehrheit imRathhause besitzen werden. Die Gegner haben bisher immer auf die Uneinigkeit im christlichen Lager spekulirt, weil diese es ja auch allein nur war, welche dem Liberalismus Erfolge ermöglichte. Allein bei den diesjährigen Wahlen gingen die christlichen Parteien mit einer hocherfreulichen, herzerhebenden E i n i g k e i t vor und dieser haben sie ihren Sieg in erster Linie zu verdanken. Erhalten die christlichen Parteien Wiens diese Einigkeit sich auch für die Zukunft, dann hat der semitische Liberalismus seine Rolle ausgespielt und dann würde auch der Gesundungsprozeß in unserem Volksleben sich sehr rasch vollziehen. Wir begrüßen es nach dieser Richtung als eine erfreuliche Erscheinung, daß sich gerade in den breiten Schichten des Volkes ein überaus mächtiger
In harter Schule.
Roman von G. I.
(3. Fortsetzung.)
Schon nach wenigen Minuten hatte sich die Luft so weit geklärt, daß die Drei freier zu athmen und allmälig den Raum, in dem sie sich befanden, zu überblicken vermochten.
Es war ein Mansardenzimmer mit einfach weißgetünchten Wänden, mit den einfachsten Möbeln aus gebeiztem Tannenholze. Ein Tisch, etliche Rohrstühle, eine Kommode, ein Kleiderschrank und ein Waschtisch mit Geräthschaften aus weißem Steingut; darüber ein mäßig großer Spiegel, ebenfalls in Holzrahmen. Das Fenster hatte weiße Vorhänge, sonst war kein Teppich, keine jener zierlichen Kleinigkeiten vorhanden, die dem Zimmer, in welchem eine Frau haust, ein eigenartiges ©epräge aufzudrücken pflegen. Es war die möblirte Wohnung der geringsten Klasse, und dennoch herrschte hier em Hauch, ein unnennbares Etwas, das andeutete, die Bewohnerin dieses Zimmers gehöre einer anderen Sphäre an, als der, in welche sie durch widrige Lebens- verhältnisse verschlagen zu sein schien.
Mit einem Blicke hatte Grmgmuth das ganze Gemach überschaut, mit einem Blicke wahrgenommen, daß auf dem Tische Bücher, Mal- und Zeichengeräth- schasten, ein jetzt freilich halb verwelkter Blumenstrauß, Schreibzeug und eine Schreibmappe lagen. Es war I
Zug nach Einigkeit bekundet und daß man dort Alles vermieden sehen will, was diese Einigkeit stören kann. Das christliche Volk wünscht deshalb auch von seinen Führern und Vertretern, daß Sie jeden persönlichen Zwist bei Seite lassen und unzeitige Austragung von Differenzen meiden. Bei dem großen Siegesfeste der „Vereinigten Christen", an welchem alle autiliberalen Schattirungen in schönster Eintracht vertreten waren und jeder Mißton ausgeschlossen blieb, wurde der Ruf nach Einigkeit so stürmisch erhoben und zeigte sich eine solche Begeisterung unter der tausendköpfigen Menge für die Sache der „Vereinigten Christen", daß man mit freudigen Hoffnungen in die Zukunft blicken tarnt. Es ist kein Zweifel, daß die christliche Bewegung in Wien auch bei den heurigen Landtagswahlen neue große Erfolge erringen wird und daß die nächsten allgemeinen Gemeinderathswahlen auch die bereits stark ins Wanken gekommene liberale Mehrheit int Wiener Rathhause zersprengt wird. Dieses kräftige Aufblühen der christlichen Bewegung in Wien bildet einen erfreulichen Lichtpunkt in trüben Tagen und erfüllt mit neuen Hoffnungen für die Zukunft. Möchte doch auch draußen in den Krouländern das schöne Prinzip der „Vereinigten Christen" Wiens so recht erfaßt und beherzigt werden, möchte man zu einer ähnlichen wirksamen Organisation schreiten und möge man es vor allem verstehen, die christlichen Volksmassen mit Begeisterung zu erfüllen, bann könnte es an Siegen nicht fehlen und dann würden wir auch im Parlamente endlich einmal eine" wirklich christliche und echt völksthümliche Mehrheit erhalten, die kräftigen Einfluß auf die Regierung, wie auf die Legislative auszuüben im Stande wäre. Im Osten strahlt das Morgenroth; der christliche Sieg in Wien scheint uns ein Zeichen zu sein, daß es auch bei uns in Oesterreich auf politischem Gebiete anbrechen werde!
Deutsches Keich.
Berlin, 29. März.
* Fürst Bismarck ist heute (Sonnabend) nach Friedrichsruh abgereist. Er hat an den Bundesrath in Beantwortung der ihm von dieser Körperschaft übersandten Adresse ein längeres warmes Dankschreiben gerichtet, in welchem er Abschied nimmt. Den Titel eines Herzogs von Lauenburg wird derselbe nicht führen.
* Heute Nachmittag hat die Schlußsitzung der internationalen Arbeiterschutz-Konferenz stattgefunden. Nach Verlesung des Schlußprotokolls und dessen Vollziehung durch die Vertreter der einzelnen an der Konferenz beteiligten Staaten hielt der Vorsitzende
Alles wohl geordnet, die Schreibmappe verschlossen, auf derselben lagen absichtlich, so daß sie recht in die Augen fallen sollten, zwei versiegelte Briefe.
Der Schneider war, unschlüssig, ob er gehen oder bleiben, sich still Erhalten oder Lärm machen sollte, an der Thür stehen geblieben. Seine Fran war mit einem lauten Jammerrufe an das in einer Ecke des Zimmers stehende Bett gestürzt, auf dem völlig ange- kleidet eine weibliche Gestalt lag.
Gringmuth benutzte die Geistesabwesenheit des Schneiders, um sich mit einer geschickten Bewegung dem Tische zu nähern und die beiden darauf liegenden Briefe blitzschnell in seine Tasche zu stecken; in der nächsten Sekunde stand er neben Frau Hart am Bette der Leblosen.
Es war ein junges Mädchen von achtzehn bis neunzehn Jahren mit schönen, regelmäßigen Zügen. Augen und Mund waren geschlossen, die Blässe und Schönheit des Todes lag auf dem Gesichte und verlieh ihm einen wahrhaft klassischen Ausdruck. Gleichzeitig trat aber eine Herbheit und Strenge hervor, die wenig zu der Jugendlichkeit dieser Züge zu passen schien. Die Linien - um Mund und Nase deuteten auf Hochmuth und Trotz, erzählten aber auch von harten und schweren Kämpfen, die schon dieses anscheinend vorzeittg erloschene Leben heimgesucht hatten. Das reiche aschblonde Haar, welches in schweren Flechten den Kopf umgeben haben mochte, hatte sich gelöst und überfluthete das Kissen. Die
Minister Frh. v. Berlepsch eine Ansprache, in welcher er als Ergebnis) der Konferenz bezeichnete, daß eine Grundlage gefunden sei, auf welcher der Gedanke der arbeitenden Klasse in den industriellen Staaten Europas einen erhöhten Schutz, eine größere Sicherung ihrer materiellen, physischen, moralischen und intellektuellen Kräfte zu gewähren, fortleben und weiter ausgestaltet werden kann. Die gewonnenen Gesichtspunkte faßte Redner dahin zusammen, daß es für dasjenige, was die Gesetzgebung oder die Sitten eines jeden Landes der arbeitenden Klasse gewähren sollten, nur eine Grenze gibt, nämlich die Sicherheit der Existenz und das Gedeihen der Industrie, von dem auch das Gedeihm der arbeitenden Klasse abhängig ist. Der Minister übermittelte dann den Delegirten den wärmsten Dank des Kaisers für die sachkundige, eingehende und erfolgreiche Arbeit. Namens der Delegirten dankte sodann der englische Vertreter Sir John Gorst dem Kaiser dafür, daß derselbe die Konferenz in Berlin zusammenberufen. Sie werde hoffentlich nicht die letzte sein, und wenn Millionen von Kindern dem Elend entzogen und ebenso viel Frauen dem häuslichen Leben wiedergegeben sein würden, so werde man sich mit Dankbarkeit der Initiative Sr. Majestät erinnern. Nachdem noch seitens der Delegirten dem Minister v. Berlepsch für die Leitung der Geschäfte der Dank ausgesprochen worden war, wurde die Konferenz im Namen des Kaisers geschlossen.
* Dem Bundesrath ist ein Entwurf von Bestimmungen für die Volkszählung von 1890 noch von dem Reichskanzler Fürsten v. Bismarck zugegangen. Es ist dabei Folgendes bemerkt. Nachdem zuletzt im Jahre 1885 der Stand der Bevölkerung im Deutschen Reiche und den dem deutschen Zollgebiete angeschlossenen außerdeutschen Gebietstheileu ermittelt worden ist, wird nach der vom Bundesrath angenommenen Regel am 1. Dezember des laufenden Jahres wiederum eine solche statistische Erhebung dorzunehmen sein, für welche mit Rücksicht auf die dazu nöthigen umfänglichen Vorbereitungen die Anordnungen wenigstens sechs Monate vor jenem Zeitpunkt getroffen werden müssen. Die Bestimmungen für die Volkszählung betreffen zumeist nur die Uraufuahmen und schließen sich den für die vorhergegangenen Volkszählungen maßgebend gewesenen Grundsätzen durchweg an, überschreiten insbesondere nicht die bisher in Betreff des Umfanges der Erhebungen gestellten Anforderungen an die Lokalbehörden. Es ist vielmehr erstrebt worden, die den Lokalbehörden zufallenden Arbeiten nach Möglichkeit zu vermindern. In den „Allgemeinen Bestimmungen" wird eine schärfere Umschreibung der „ortsanwesenden Bevölkerung" dazu beitragen, den Behörden die richtige Erfassung ihrer Aufgabe zu erleichtern. Nach der vorgeschlageuen Fassung
Hand ruhte krampfhaft zusammengeballt auf dem Herzey, die andere hatte sie unter den Kopf geschoben, so daß der halboffene Aermel des schwarzen wollenen Kleides zurückgefallen war. Man sah auf diese Weise einen Arm von tadelloser Form, weiß wie Marmor. Weiß, schmal, fein, echt aristokratisch waren die Hände, mit ihnen harmonirte der unter dem Saum des Kleides hervorsteheude, mit einem feinen Zeugstiefel bekleidete Fuß-
„Sie ist tobt" schrie Frau Hart.
„Das glaube ich nicht," sagte Gringmut, sich zu der Leblosen niederbeugend; „wenn wir sie aber nicht sofort in andere Luft bringen, ist es zweifelhaft, ob sie wieder zu sich kommt. Also schnell."
„Wo sollen wir denn hin mit ihr?" fragte Frau Hart.
Gringmut überlegte einen Augenblick. Die Wohnung des Hart'scheu Ehepaares erschien ihm kein geeigneter Aufenthalt für die Scheintodte; er wollte schon sein eigenes Zimmer anbieten, da fiel ihm ein, daß Frau Hart augenblicklich eine Wohnung leer stehen habe.
„Wir bringen sie nach dem Zimmer unten, das seit dem 15. leer steht."
„Nach meinem besten Zimmer, Herr Gringmut, wo denken Sie hin, es ist ja schon wieder —“
„Hier ist keine Zeit zum Reden," unterbrach sie Gringmut und sah sie mit einem Blicke an, der die sonst so zungenfertige Frau sofort zum Schweigen